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Hallo liebes Forum,

gibt es jemanden unter euch, die diese Agoraphobie im Griff hat, wenn nicht sogar "überwunden" hat?

Aktuell betreibe ich sehr viel Konfrontation weil ich entschieden habe, mich von diesem unnötigen Wahnsinn nicht länger einschränken zu lassen. Hierzu war ein diverser Druck von Außen nötig. Im Rahmen meiner aktuellen Ausbildung muss ich häufig zu Seminaren in den Wald. Der Wald, die Natur an sich, die Weite und die Höhe sind Dinge, die mir wahnsinnige Angst machen und Orte, die ich bis vor kurzem nur spärlich besucht habe. Aktuell suche ich diese Orte häufig auf und verbuche wahnsinnig tolle Erfolgserlebnisse. Von Mal zu Mal werde ich mutiger, mein Selbstvertrauen steigt endlich. Aber: dieses verdammte, zermürbende Gefühl namens Angst denkt nicht im Traum daran zu schrumpfen. Zumindest hindert mich diese Angst aktuell nicht mehr daran, diese Orte aufzusuchen, obwohl es natürlich noch viele Situationen die ich mir noch nicht zutraue. Die Kontinuität ist entscheidend, dann kann mehr Mut wachsen.

Mich interessieren eure Erfahrungen mit Konfrontationnen - im Speziellen bezogen auf Agoraphobie.

Liebe Grüße

Gestern 19:39 • 13.10.2021 #1


9 Antworten ↓


EddardStark
Hallo Elle,

du machst im Grunde genommen alles richtig. Du wirst die Situationen 80x aufsuchen müssen um beim 81. Mal eine Besserung zu spüren. So sagt man

Normalerweise nennt sich das Expositionstherapie mit dem Ziel der Habituation. Man geht in die gefürchtete Situation (zum Beispiel alleine in den Wald) und wartet / spürt bis die Angst weniger wird und "taataaa" - man soll merken dass die Angst irgendwann wieder verschwindet und man es überlebt hat.

Neuste Studien zielen aber auf eine neue und bessere Technik namens Extinktionstherapie ab.
Da gab es vor kurzem die weltweit größte Angststudie dazu und die schien sehr gut gelaufen zu sein. Publikationen stehen noch aus.
Aber das Konzept des Inhibitionslernens kannst du hier nachlesen:

https://panikattacken.at/expositionstec...niken.html

Oder einfach mal googeln.

Genau das mach ich gerade mit mir selber und es funktioniert recht gut.
Auch wenn es schneller gehen könnte aber das wird dann hoffentlich noch besser wenn meine Therapie anfängt.

Gestern 21:56 • x 3 #2



Wird diese Agoraphobie jemals verschwinden? Aktueller Kampf

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sw00sh
Hallo Elle,

ich habe durch meinen Therapeuten nicht mit der Konfrontation begonnen, da er der Meinung ist, dass das lediglich bei 25% aller Betroffenen wirklich die Angst verringert oder tatsächlich komplett entfernt.

Ich hatte ebenfalls das Problem, dass ich nicht alleine in den Wald bei uns gehen konnte, also bin ich jeden Tag einfach so weit gegangen, wie ich mich wohl gefühlt habe. Sobald Angst aufkam, habe ich einfach wieder umgedreht, anstatt das volle Ausmaß der Panik abzuwarten und Auszuhalten.
Das habe ich auch in allen anderen Bereichen wie Einkaufen, Autofahren usw. gemacht.
Es hat zwar recht lange gedauert, aber mit jedem Mal ging mehr.
Aktuell geht das alles wieder problemlos.

Eine wirkliche Konfrontation hatte ich nur einmal bewusst gehabt, als ich mit der U-Bahn alleine zur Arbeit gefahren bin und bei Hin- und Rückfahrt bewusst die volle Ladung Panik ausgehalten habe.
Die Erkenntnis war zwar, dass ich eine Panikattacke überlebe und nicht Ohnmächtig werde, die Angst selbst verschwand aber nicht.

Vielmehr lernte ich dadurch, dass ich starke Erwartungsängste an bestimmte Situationen habe und wenn ich mit der Erwartung rein gehe, oh mein Gott das wird sicherlich total schrecklich, was passiert?
Es wird schrecklich. Quasi eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Durch Meditation habe ich für mich gelernt, dass ich meine Panik weder als meinen Herr und Meister ansehe, der mir sagt was ich kann und was nicht, noch dass ich sie als Feind ansehe und gegen sie Kämpfe.
Ich habe sie als mein Begleiter akzeptiert, der immer bei mir ist.
Wenn ich also in eine neue Situation gehe, gehe ich mit positiven Gedanken und Gefühlen ran, dass ich das schaffe.
Und falls doch negative Gedanken, Emotionen und Panik aufkommt, dann denke ich mir immer
"Panik mein alter Freund, schön dass du auch hier bist. Komm, setz dich auf meine Schulter und wir gehen das gemeinsam an".
Danach bleibe ich bewusst bei dem Gefühl, dass in mir ist, sei es Unruhe, Anspannung oder Herzklopfen, bis es wieder weg ist.

Das hat für mich aber erst funktioniert, nachdem ich alle anderen Angstsituationen wie Einkaufen, Autofahren oder in den Wald gehen, angstfrei erledigt hatte und jetzt nur noch mit meinen Erwartungsängsten ringe.

Gestern 23:10 • x 1 #3


Liucid
Hi @elle

Ich habe keine Agoraphobie im eigentlichen Sinne, sondern eher eine 'agoraphobische Komponente', die zudem sehr eng (und vorwiegend) an meine Sozialängste gekoppelt ist.

Somit habe ich bspw. eigentlich kaum Probleme in Wäldern oder anderen Orten, die vergleichsweise wenig von Menschen frequentiert werden und/oder einen 'gefühlt' ausreichenden Sichtschutz ('Deckung') bieten.

Wirklich ins Schwimmen komme ich vor allem auf offenen Plätzen in Städten (egal, ob gerade belebt oder unbelebt), Fußgängerzonen! , Einkaufspassagen, großen Räumen, belebten Straßen und dergleichen. Und bei Tageslicht i.a.R. auch spürbar mehr als bei Dunkelheit.

Ich hab's in der Vergangenheit schon häufiger mit Exposition i.w.S. probiert und tue dies auch weiterhin für mich selbst, wenn mir danach ist. Dadurch konnte ich (subjektiv) allerdings keine wirklich spürbare Verringerung des Angstgefühls an sich feststellen, sehr wohl aber das Aushalten dieser Angst trainieren, so dass es sich eben nicht mehr so sehr wie ein 'Kampf' anfühlt, sondern häufiger eher auf das Level einer 'unangenehmen Situation' schrumpft, die sich aber vergleichsweise gut ertragen lässt. Klappt 'Tagesform'-bedingt zwar auch nicht immer und zuverlässig, aber verbessert die Gesamtsituation imo dennoch schon merklich.

Heute 00:38 • #4


-IchBins-
Bei mir wurde es nach bestimmten Konfrontationen schlimmer, deshalb habe ich mich damit abgefunden und für mich akzeptiert, dass manche Dinge einfach nicht mehr gehen. Es kommt immer auf die Vorgeschichte, Prägungen, Kindheit usw. an, jeder Mensch ist unterschiedlich, dem einen helfen sie, dem anderen nicht. Ich habe gelernt, die Angst anzunehmen und nach ein paar Jahren wurde es besser und jetzt ist es gut. Ich habe damals gemerkt, dass der Kampf dagegen nur noch mehr Leid erzeugte und mich nicht weiter brachte. Erst das Annehmen, was man auch lernen kann, hat mich weiter gebracht.

Vor 5 Stunden • #5


EddardStark
@-IchBins-
Welche Dinge gehen bei dir denn "einfach nicht mehr"?

Vor 3 Stunden • #6


Icefalki
Ich denke, verschwinden für immer, wird eine Angsterkrankung nie. Aber mit der Zeit entwickelt man so seine "Umgangsmethoden". Man besser, man schlechter.

Man akzeptiert alles mehr, manches funktioniert, manches eben nicht, und Veränderungen finden auch statt. Wichtig bleibt, dass man so viel wie geht tut und die Einschänkungen soweit im Rahmen hält.

Man vergisst immer so schnell, dass das eine Erkrankung ist und alle Erkrankungen einen gewissen Umgang brauchen, den man eben zu beachten hat.

Wir alle wollen verständlicherweise keine Ängste mehr empfinden, aber aus bestimmten Gründen fühlen wir uns bedrohter als manch andere. Und man kann nur gelassener werden, wenn man 1. Bedrohungen überhaupt erkennt und 2. Mechanismen entwickelt um damit umzugehen.

Hier liegt unsere wesentliche Aufgabe und nicht verzweifelt darüber zu sein, dass wir eben bissle anders wahrnehmen als andere.

Vor 3 Stunden • #7


-IchBins-
Zitat von EddardStark:
@-IchBins- Welche Dinge gehen bei dir denn "einfach nicht mehr"?

in öffentlichen Verkehrsmittel längere Strecken fahren (bestenfalls gar nicht), in engen Räumen aufhalten z. B. kleine Wartezimmer in Arztpraxen (ich geh dann halt raus), wenn ich irgendwo hin muss und keine Toilette in der Nähe ist, Fliegen, lange Spazierengehen allein, Fahrtstuhl fahren, lange Sitzen, lange Stehen, Gesprächs-Kontakt mit fremden Menschen, egal ob am Telefon oder persönlich über einen bestimmten Zeitraum. Menschenmengen oder da, wo viele Menschen sind, war ja jetzt eine Weile nicht möglich und das hat mir sehr gut getan. Bin immer entspannt, wenn ich morgens mal los muss und kaum jemand auf der Straße oder den Wegen ist.

Vor 2 Stunden • #8


EddardStark
Aber es ist auch garnicht mehr dein Ziel das alles zu können?

Vor 2 Stunden • #9


-IchBins-
Zitat von EddardStark:
Aber es ist auch garnicht mehr dein Ziel das alles zu können?

Ich leide schon über 20 Jahren (diagnostiziert) an meiner Angsterkrankung und ich habe mich nun damit abgefunden, dass diese Dinge nicht mehr funktionieren.

Ich muss kein Ziel haben, denn der Weg ist das Ziel.
Wenn du meine anderen Beiträge gelesen hättest, wüsstest du mehr darüber.

Außerdem kann man das nicht verallgemeinern. Es kommt immer darauf an, wer was wie erlebt hat, die Prägungen, Kindheit usw. Zudem kommen körperliche Einschränkungen hinzu usw. das sollte nicht vergessen werden und die Kraft, die man dafür benötigt, muss man erst einmal haben und irgendwann darf es auch mal gut sein, nach all den Jahren der Konfrontationen. Ich bin auch nicht mehr die Jüngste und somit bin ich für mich genau auf dem richtigen Weg.

Vor 16 Minuten • #10



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