Zitat von romy33:Zitat:Dass es wichtig sein kann, den Krankheitsgewinn oder die Funktion der Angst, in m.E. selteneren Fällen auch den Auslöser zu finden, sehe ich auch so. Leider bin ich mir aber absolut sicher, dass das nicht reicht, denn dafür ist Angst zu gut gelernt und evolutionsmäßig zu wichtig.
wie meinst Du das?
Ich weiss nicht, neulich hatten wir eine erstaunliche Sitzung. Wir haben ein "heißes Eisen" angefasst, haben ein Thema behandelt, dass bei mir eine enorme Wut ausgelöst hat. Ich glaube, ich bin noch nie im Leben so ausgeflippt. Hinterher war ich unfassbar erleichtert und seither kann ich wieder Auto fahren. Die Angst ist (bis heute zumindest) verschwunden. Wirklich erstaunlich!
Ich meinte, dass sich die Angstreaktion verselbständigen kann. Unsere Vorfahren waren darauf angewiesen, dass sie beim geringsten Rascheln mit einem Bären rechneten und sich in Sicherheit brachten. Wer zwei Versuche brauchte, so etwas zu lernen, oder es ruckzuck wieder vergaß, hatte ausgesprochen geringe Überlebenschancen. Und so ähnlich kann auch die Panik durch geringste Wahrnehmungen immer wieder ausgelöst werden, bis man lernt, die Angstkaskade zu stoppen. Bei der Bewältigung der Angst als solcher hilft die Ursachenforschung daher m.E. nicht, obwohl sich bestimmte angstbesetzte Themenkomplexe durch Therapie in Luft auflösen können - so wie bei dir mit dem Autofahren. D.h., du hattest dabei keine Angst mehr, das ist etwas anderes als Angst haben und trotzdem fahren.
Zitat von romy33:Aber dazu noch eine Frage: Wie sieht es konkret aus "das monster unterzuhaken und mitzunehmen"? Mein Therapeut ist unter anderem auch schon lange Jahre mein Meditationslehrer, d.h. er hat einen buddhistischen Hintergrund, wenn er das auch für Westler transferiert hat. Er rät mir, bei der körperbeobachtung zu bleiben und die Angst einzuladen, sich auszubreiten. Meinst Du so etwas? Ich kenne diese "Technik" von der Lösung von Spannungsschmerzen. Da funktioniert es sehr häufig, aber während der Angst gelingt es mir in akuten Situationen eher selten.
Bei sozialer Angst wie z.B. der Redeangst würde das dann wahrscheinlich so aussehen, dass man nicht versucht die Angst zu verbergen, oder?
Ja, genau so. Mit Buddhismus und Meditation im Hintergrund dürfte dir diese Herangehensweise sehr liegen, darauf beruft sich die ACT ja auch.
Zitat von romy33:Zitat:Als ich mittlerweile vor einem knappen Jahr in einer psychosomatischen Klinik war, haben zwei Mitglieder der sog. "Angstgruppe" wegen exakt solcher Ängste eine (scheinbare) Rosskur gemacht: Sie ließen sich vom Therapeuten über eine Stunde allein in einem Raum einschließen. Zur Bewältigung der Angst sollten sie einen Notizblock und einen Stift mitnehmen, über sich selbst (nicht über ihre Angst und Symptome!) nachdenken und schreiben. Beide haben das als sehr positive Erfahrung beschrieben.
Soetwas habe ich noch nie gehört. Was war der Hintergrund für eine solche Erfahrung? Wenn sie in "der Not" über sich selber schreiben, kommen sie dann an tiefere Gewissheiten?
Nein, sie gerieten gar nicht erst in Not, obwohl beide vorher höllische Angst vor dem Experiment hatten. Ich glaube, es ging darum, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein, ohne das als Bedrohung zu erleben.
Zitat von romy33:Ich habe mich von selber nicht beruhigen können, die Stewardessen hatten schon überlegt, ob wir umkehren müssen. Es war letztlich ein Arzt an Bord, der mir ein Beruhigungsmittel gespritzt hat. Als die Wirkung aufhörte, kam die Panik und die Schmerzen zurück und blieben über Wochen. Dazu kamen starke Depressionen. Nichts hat geholfen, außer Medikamente. Diese Erfahrung war die Schlimmste in meinem Leben und das hat mich völlig verändert. Vor allem, weil sie für mich wie aus dem Nichts kamen. Ich hatte nie diese Ängste, bin häufig verreist.
Das ist heftig und sehr ungewöhnlich. Weniger, dass du dich nicht beruhigen konntest, sondern dass Panik und Schmerzen (die dabei auch ungewöhnlich sind) zurückkamen, mit starken Depressionen einhergingen und wochenlang anhielten. Kannst du absolut sicher sein, dass bei dem damaligen Ereignis keine organische Ursache irgendwie mit reingespielt hat?
Zitat von romy33:Darf ich Dich fragen, ob Du eine therapeutische Ausbildung hast? Du klingst sehr wissend. Und hast Du die ACT selber durchgezogen oder mit einem Therapeuten?
Nein, ich habe keine psychotherapeutische Ausbildung, aber Psychologie studiert und leider als Betroffene jede Menge Selbsterfahrung. Ich habe die ACT erst vor Kurzem kennengelernt und finde sie sehr interesannt und menschlich. Und ich bin dabei, einige Übungen in mein Leben zu integrieren und versuche, damit dann ggf. auch Expositionen entspannter anzugehen. Mich selbst mittels VT-Methoden zu vergewaltigen, habe ich ja schon zu Genüge durch...
Zitat von romy33:Ich fühle mich gerade in einem Dilemma: Ich brauche zwei Arten von therapeutischer Unterstützung: die eine habe ich schon mit meinem Gestalttherapeuten, zusätzlich bräuchte ich noch jemanden, der sich mit mir in die Angstsituationen begibt. Aber zwei Sachen auf einmal kann und sollte man ja nicht machen.
Ich bin selbst bei einer Psychotherapeutin in Behandlung, die tiefenpsychologisch fundiert arbeitet und daher auch nichts mit VT oder ACT am Hut hat. Sie ist aufgeschlossen, aber das sind nunmal nicht ihre Fachgebiete. In meiner Therapie geht es auch um die Funktionen der Angst, um Krankheitsgewinne bzw. im psychodynamischen Sprachgebrauch um Widerstände, darum, was ich im Leben will etc. Ich brauche therapeutische Unterstützung, damit ich am aktiven Leben teilnehmen will, meine Motivation finden kann. Aber um Konfrontationsübungen zu machen, brauche ich keinen Therapeuten (mehr). Du wahrscheinlich auch nicht, wenn die dich in der Klinik nicht völlig falsch eingeschätzt haben. Und wenn du Unterstützung brauchst, gibt es dafür etliche gute Selbsthilferatgeber oder du fragst hier im Forum mal nach . Nur falls sich dein Radius weiter einschränkt und/oder du merkst, dass du die therapeutische Ursachenforschung als Ausrede benutzt, um nicht an die Konfrontation ran zu müssen, dann ist es Zeit, die Vorgehensweise nochmal zu überdenken. Dann könnte aber ein mehrwöchiger Aufenthalt in einer verhaltenstherapeutischen Klinik - so zwischendurch - eine gute Lösung sein.
Liebe Grüße
Christina