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hallo,

habe vor kurzem hier gepostet dass ich nach langer zeit wieder eine panikattacke hatte - und das weit weg von zu hause - http://www.psychic.de/forum/agoraphobie-panikattacken-f4/panikattacke-urlaub-was-tun-t48298.html. seit dem es passiert ist, geht es mir so schlecht, dass ich fast nur noch angst habe, ich könnte verrückt werden und nie wieder normal. ich glaube, ich habe zusätzlich noch eine depression bekommen. ich weine schon in der früh. meine freundin versucht mich abzulenken, ich war schon mal mit ihr draußen am meer spazieren - aber ich dachte die ganze zeit nur daran, dass es bestimmt gleich wieder los geht und ich schnell zurück in die wohnung will.

wann hört das auf?

was kann ich dagegen tun?

ich fühle mich so schwach ...

danke für eure antwort.

panisch001

06.02.2013 10:13 • 06.02.2013 #1


22 Antworten ↓


HeikoEN
Na, wenn Du einmal schon erfolgreich etwas gegen Deine Ängste getan hast, dann dürfte es erneut nicht so schwer fallen, oder?

Vor allem hast Du die "Sicherheit", dass das ja klappt, weil Du eben es schonmal geschafft hast.

Es ist NICHT damit getan, fleissig Tabletten zu schlucken über einen Zeitraum X (oder sogar durchgehend fürs Leben) und einen Psychiater zu besuchen.

BEIDES sind nur "Krückstöcke", die Dir helfen, aber den Weg musst Du selber gehen.

Die Frage(n) sind, WARUM ist die Angst überhaupt da?

Was tust Du WIRKLICH dauerhaft für die Angst?

Ich höre oft, sobald es einigermaßen wieder besser geht nach Medikamenten oder "abgeschlossener" Therapie, sind die Leute wieder voll in ihrem alten Schema drin. Was passiert also? Richtig! Nach mehr oder weniger kurzer Zeit, hängen sie wieder in den Ängsten drin, oftmals noch stärker, als vorher.

Die Seele findet ihren Weg, auch wenn er mal länger dauert.

Soll kein dummer Spruch sein, verdeutlicht aber doch worum es geht!?

Die Angst ist ja für etwas da. Angst ist zwar NUR ein Gefühl, soll aber etwas zeigen, denn KEIN Gefühl ist umsonst da (davon ab ist sehr wenig im Leben umsonst da)! Und es ist vor allem DEIN Gefühl.

Was wird aber gemacht?

Es wird "bekämpft" wie es nur geht und was passiert? Alles wird nur noch schlimmer. Was folgt? Noch mehr Tabletten, noch 'ne Therapie, noch mehr Ängste.

Ein "schöner" Selbsterhaltungskreislauf irgendwie.

Mein Tipp wäre, konsequent wieder kognitive Verhaltenstherapie machen, auffrischen, erneut angehen und damit erstmal von den "größten" Ängsten runterkommen.

Danach aber zwingend überlegen, warum Angst da ist, wo die Ursache(n) ggf. liegen könnten und abhängig davon, entsprechende Hilfe dazu holen.

Meine Frage nach der Kindheit, die ich ja so gerne immer stelle, erübrigt sich hier erstmal, denn es scheint vorrangig darum zu gehen, die Ängste einigermaßen in den Griff zu bekommen. Wäre aber für spätere Zeiten ein guter Ansatzpunkt, um sich ein wenig mit sich und seiner Biographie zu beschäftigen, um so den wahren Ursachen auf die Spur zu kommen.

Fragen?
Gerne!

06.02.2013 10:27 • #2



Nie wieder ein normales leben?

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Giftzwerg
Hallo Heiko,
ich fühle mich grad von deine Worte angesprochen, weil sie einfach auf mich passen.

Zitat von HeikoEN:
Na, wenn Du einmal schon erfolgreich etwas gegen Deine Ängste getan hast, dann dürfte es erneut nicht so schwer fallen, oder?


Doch es fällt schwer wahnsinnig schwer, jedenfalls mir. Alles was ich erlernt habe um die Ängste erfolgreich entgegen zuwirken ist wie weggepustet aus meinem Gedächnis, wie kommt das?

LG
Gifti

06.02.2013 10:56 • #3


Ich muss mich Giftzwerg da anschließen, da es mir genau so geht. Auch bei mir war es komplett weg. Und das über so viele Jahre, dass ich keinen Gedanken mehr daran verschwendet habe. Noch dazu ohne großartige Maßnahmen. Umso schlimmer ist es, wenn es dann wieder da ist. Es ist, als hätte man es zum ersten Mal. Wenn man mal eine körperliche Krankheit hatte, erinnert man sich daran und handelt wieder gleich. Aber bei psychischen Dingen ist es wie ausgelöscht. Man erinnert sich höchstens an einzelne Panikattacken an sich. Vielleicht an Arztbesuche, Gedanken etc. Aber NICHT, wie man es konkret los geworden ist.
Daher kann ich mir das nur so erklären, dass das Gehirn "irgendwie kaputt" war, dass das dann ausheilte und man es deshalb nicht mehr weiß. Hört sich total konfus an. Aber wie soll man es sonst erklären.

06.02.2013 11:24 • #4


HeikoEN
Meine Erfahrung ist und was ich auch so bei vielen anderen Betroffenen beobachte, dass man eine Therapie so oder so machen kann.

Man kann zwar "brav" zum Therapeuten hingehen und versteht auch alles, versucht auch ansatzweise etwas zu ändern in der Zeit der Therapie, also sowas wie Sport machen oder Entspannungstechniken erlenen und anwenden, aber man wird nicht "Fachmann in eigener Sache", was für sowas aber notwendig ist, da man sonst so eine Erkrankung nicht besiegt.

Die Gefühle und Gedanken dahinter sind sehr individuell. Vielleicht sind Betroffene immer noch auf der Suche nach der "wahren" körperlichen Ursache, was ich oft so heraushöre, wenn ich mit Leuten spreche in den Selbsthilfegruppen usw. oder aber sie sind "blind" für das, was die Angst ja bewirken möchte.

Ich stehe felsenfest auf dem Standpunkt, dass Angst "nicht einfach so" einen heimsucht, weil man genetisch jetzt einen etwas mehr ausgeprägten Angstnerv hat als andere Menschen. Ich halte das schlichtweg sogar für Blödsinn.

Woran ich aber fest glaube ist, dass die Angst für etwas da ist. Sie ist nicht "umsonst" und "einfach nur so" da. Sie möchte, wie JEDES andere Gefühl auch, etwas zeigen! Die Frage ist nur was und das wiederum kann nur jeder selber herausfinden, da es sein EIGENES GEFÜHL ist. Darum können Therapeuten auch nur Hilfesteller sein, die "Krücken" anbieten, Wege aufzeigen, Betroffene praktisch zwingen sich endlich mit sich selber zu beschäftigen.

Wer das aber NICHT tut, den wird die Angst oder etwaige andere psychische Probleme nicht loslassen und weiter heimsuchen. Und wie die Psyche eben so ist, wird sie sich versuchen "mehr Gehör" zu verschaffen, in dem die Symptome NOCH stärker werden, noch heftiger zurückkehren.

Auf meinem Weg stand bereits ganz am Anfang ZWINGEND die Frage nach dem "Warum?". Ich wollte unbedingt wissen, warum, wieso, weshalb und was mir das sagen und zeigen soll.

Natürlich gehört dazu sehr viel Mut, sich auf die Suche nach der Antwort dieser Fragen zu machen!

Diesen Mut hat nicht jeder bzw. noch nicht jeder. Sicher ist es auch eine Frage des Leidensdruck, den jeder kennt. Denn wegen ein paar kleinen Symptömchen macht man sich nicht auf den Weg zum Arzt oder lässt Angst aufkommen.

Bei einem ganz großen Teil von Betroffenen, ist meine Frage nach der Kindheit und deren Verlauf, auch zugleich DER Ansatzpunkt. Kindheit ist maßgeblich für die Wahrnehmung der eigenen Gefühle, für die Bestätigung dieser durch die Eltern oder Bezugspersonen usw., einfach ganz vielen Dingen, die sehr "empfindlich" sind, wenn es nicht gut läuft.

In späteren Jahren äußert sich das durch eine gestörte Selbst-wahr-nehmung, Selbst-bewusst-sein, Selbst-sicher-heit und damit einher gehen Denk- und Verhaltensmuster, Bewältigungsmuster unterschiedlichster Ausprägung! Es gibt Dutzende Beispiele dafür...die Modediagnose Burn-Out ist was? Richtig! Eine komplett fehlende Selbst-wahr-nehmung. Eigene Bedürfnisse werden überhaupt nicht registriert, dazu kommt ein aus der Kindheit gestörtes Ehrgeiz und Perfektionsdenken, was sich dann in den 30ziger/40ziger Lebensjahren mit einem kompletten Zusammenbruch äußert.

Das nur mal als "kleines" Beispiel...

Zurück zum Thema:
Kognitive Verhaltenstherapie ist ein Segen!
Eine überaus tolle und hilfreiche Sache!

Aber sie ist eben nur der halbe Weg.

Wer sich nicht weiter damit beschäftigt, bleibt zwangsläufig in dieser Selbstunterhaltungskette gefangen!

Darum mein eingehender Tipp: beschäftigt Euch mit der eigenen Biographie, mit Eurem Leben, nehmt bewusst wahr, was ihr da macht...

Wo sind die eigenen Gefühle?

Viele Menschen "denken" nur, sie könnten fühlen, tun es aber gar nicht.

Es ist etwas anderes wenn Du sagst, Himbeereis schmeckt toll, als wenn Du wirklich daran leckst und die Zunge geniessen lässt.

Ich stelle die provokante These auf, dass mindestens 70% der deutschen Bevölkerung die eigenen Gefühle wegdrückt, sie nicht wahrnimmt, gar nicht weiss, was das überhaupt ist. Sie haben es schlichtweg verlernt und geben es genauso an die nächste Generation weiter.

Aber was ist Angst denn?
Richtig!
Ein Gefühl! Und zwar ein eigenes

Nunja, über das Thema und die Fragestellung könnte ich wahrscheinlich Bücher hier schreiben...es sprengt den Rahmen alles in eine Antwort zu pressen, aber ich denke, man kann mit den o.g. Aussagen vielleicht ein wenig auf den eigenen Weg kommen...

Fragen?
Gerne!

06.02.2013 11:36 • x 1 #5


Giftzwerg
Deine Anhaltspunkte sind sehr hilfreich für mich, Danke @Heiko.
Ich beschäftige mich sehr viel mit meinen Ängsten, Gefühlen und Gedanken, lese auch sehr viele Bücher da drüber aber dennoch komme ich nicht drauf warum in so manche Situationen Ängste bei mir aufkommen. Spiele die Situation im Geist immer wieder nach um zu schauen, wo gab es da etwas was das Angstgefühl in mich aufsteigen lassen aber ich kann nichts erkennen wie gestern zb. Wir sind unsere Tochter in der Bäckerei besuchen gefahren und schon beim betreten des Ladens kroch ein mulmiges Gefühl in mir hoch. Ich fragte mich sofort was jetzt auf mich bedrohlich wirken könnte, sah mich um, konnte aber nichts feststellen. Das Angstgefühl fing an mir die Luft zu nehmen und am liebsten wäre ich gleich wieder raus gegangen. Wieder schaute ich mich um und suchte nach einer Antwort, es gab keine. Nach etwa einer halben Stunde sind wir heim gefahren und da bekam ich dann eine richtige Panikattacke.
Ich habe noch nie eine negative Erfahrung in einem Bäcker gemacht aber dennoch hat die Situation mir Angst gemacht, das ist doch irre

06.02.2013 12:23 • #6


Heiko, ich gebe dir eigentlich Recht. Aber was soll man denn daran ändern, wenn in der Kindheit nicht alles so toll war? Ein Großteil der Menschen hat doch mal irgendwelche Probleme (Krankheit, Scheidung, Schulprobleme usw.) gehabt.
Woran meine ersten Panikattacken lagen, weiß ich. Einfach zu viel Streß auf der Arbeit. Wahrscheinlich habe ich sie besiegen können, weil mein erboster Chef mir die Kündigung schickte, als ich dann mal krank geschrieben war.
Wenn meine nunmehrigen Panikattacken und dauernden körperlichen Krankheiten aber nun in einer anderen Überlastung liegen, die ich aber nicht einfach abstellen oder ändern kann - was denn dann? Ich weiß von mir selbst, dass mir mein Familienleben oft einfach zuviel wird. Deswegen kann ich aber nicht meine Familie abmurksen oder einfach sitzen lassen.
Und ich weiß auch, dass Einsamkeit bei mir auch eine Rolle spielt. Aber ich kann mir auch keine intakte Familie oder Leute her zaubern. Sowas schüttelt man sich ja nicht einfach aus dem Ärmel.

Ich denke, dass es wirklich entscheidend ist, wo der Grund liegt. Wenn man ihn erkennen und abstellen kann: prima. Aber wenn man das nicht kann - was dann?

06.02.2013 12:27 • #7


HeikoEN
Zitat von Aladin:
Heiko, ich gebe dir eigentlich Recht. Aber was soll man denn daran ändern, wenn in der Kindheit nicht alles so toll war? Ein Großteil der Menschen hat doch mal irgendwelche Probleme (Krankheit, Scheidung, Schulprobleme usw.) gehabt.

Wenn in der Kindheit es offenbar "nicht alles so toll war", dann scheint genau DAS ja in der heutigen Zeit des Erwachsenen Probleme zu machen!

Das ist das, was ich versuche deutlich zu machen.

Genau DANN wäre nämlich die Angst NUR ein Symptom dessen, was damals ggf. "nicht alles so toll war".

Das "nicht soll toll" kann von der Tragweite her niemand beurteilen, scheint aber, wenn die Angst nicht gehen möchte trotz Therapien & Co., ziemlich weitreichend gewesen zu sein.

Somit ggf. behandlungswürdig, zumindest beschäftigungswürdig.

Zitat von Aladin:
Woran meine ersten Panikattacken lagen, weiß ich. Einfach zu viel Streß auf der Arbeit.

NEIN!

Genau eben nicht.

Denn WARUM hast Du es denn so weit kommen lassen?

Denke, denke, denke...

Richtig!

Weil Du eine falsche Selbst-wahr-nehmung hast!

Und woher kommt die?

Genau!

Aus der Kindheit?

Und warum?

Weil Dir deine Wahrnehmung NICHT bestätigt wurde von Deiner Mutter (Vermutung).

Somit möchte die Angst also was?

Genau!

Das Du an DEINER Selbstwahrnehmung arbeitest. Sie änderst. Sie verbesserst. Ihr entsprichst!

Denn was is Selbstwahrnehmung? Die Wahrnehmung der EIGENENE Gefühle!

Was passiert also, wenn Du deinen EIGENEN Gefühle nicht entsprichst?

Richtig!

Es gibt ein Konflikt zwischen dem was Du wirklich fühlst und dem wie Du nach außen handelst!

Was sagt die Psyche?

Richtig!

Sie macht Rabatz, sie kommt mit unguten Gefühlen daher.

Was machst Du?

Du ignorierst, Du drückst weg, nimmst abends ein B. um den Stress mit dem Chef zu vergessen.

Was macht die Psyche?

Richtig!

Sie "packt" was oben drauf...mehr ungute Gefühle. Hilft immer noch nicht, na gut, dann ein paar Herzrhythmusstörungen, Angstgefühle.

HILFT NOCH NICHT!

Also?

PANIKATTACKE!

Zitat von Aladin:
Wenn meine nunmehrigen Panikattacken und dauernden körperlichen Krankheiten aber nun in einer anderen Überlastung liegen, die ich aber nicht einfach abstellen oder ändern kann

Dann wirst Du richtig feste krank werden!

Und da ist Angst ggf. nur eine Lächerlichkeit gegen.

Exakt davon, bin ich tief überzeugt. Also von dem Umstand, dass wenn man strickt gegen sich selber handelt, der Körper keine andere Chance hat, als den Menschen anzuhalten und ihn zu stoppen. Autoimmunerkrankungen sind sowas von klassisch in dem Zusammenhang und da gibt es EINIGES was der Körper so "bringen" kann, Rheuma, MS usw. sind da bekannt und typisch.

Zitat von Aladin:
- was denn dann? Ich weiß von mir selbst, dass mir mein Familienleben oft einfach zuviel wird. Deswegen kann ich aber nicht meine Familie abmurksen oder einfach sitzen lassen.

DAS ist nicht der Punkt.

Das ist viel zu sehr im "außen" gedacht.

Es geht darum, dass Du deine EIGENEN Bedürfnisse und Gefühle ignorierst!

Denn welche Möglichkeit hat denn Deine Psyche, sich bemerkbar zu machen?

Es entsteht ein massiver innere Konflikt. Du musst rennen, aber bist gefangen. Irgendwann platzt Du förmlich....

Zitat von Aladin:
Und ich weiß auch, dass Einsamkeit bei mir auch eine Rolle spielt. Aber ich kann mir auch keine intakte Familie oder Leute her zaubern. Sowas schüttelt man sich ja nicht einfach aus dem Ärmel.

Ich denke, dass es wirklich entscheidend ist, wo der Grund liegt. Wenn man ihn erkennen und abstellen kann: prima. Aber wenn man das nicht kann - was dann?

Das ist KEINE Erklärung und erst recht keine Rechtfertigung.

Vor allem, bist Du NUR (!) selber dir diese Antworten schuldig.

Wenn Du so weiterleben kannst, dann ok.

Wenn der Leidensdruck ok ist, Du dich damit arrangierst, ok.

Aber dann wird das so weitergehen...

Das "Problem", was Du selber von Dir schilderst, möchte "nur" gesehen werden und in einem weiteren Schritt, entsprochen werden. Du fühlst Einsamkeit in deinem Leben? Dann möchte DICH DEIN Gefühl nur darauf aufmerksam machen, dass das nicht gut ist.

Tu also etwas dagegen und mache Dir bewusst, dass Du selber dein eigenes Leben schmiedest und Du selber für ALLES selber verantwortlich bist.

Nur zu gerne geben Betroffene ihre Verantwortung für sich und ihre Erkrankung ab, z.B. an Ärzte.

Die Psychokliniken sind VOLL von diesen Menschen (zumindest meine Erfahrung).
95% dort könnten eigentlich sofort wieder gehen, weil sie überhaupt nicht verstanden haben worum es geht.
Denn der Arzt ist NICHT verantwortlich für die Erkrankung des Betroffenen.
Niemand ist dafür verantwortlich.

Nur man selber ist für sein Leben verantwortlich.

Vielleicht kommt die Frage auf, warum man diese Verantwortung für sich nicht tragen kann?

Richtig!

Weil man es nicht gelernt hat und wo sind wir dann wieder?

Bei der Kindheit!

Was muss also JETZT mit 30, 40 oder 50 getan werden?

Richtig!

Verantwortung für sich zu übernehmen muss gelernt werden!

Gerne mit Hilfe von Therapeuten.

Fragen?
Gerne!

06.02.2013 13:05 • #8


Irgendwie passt das nicht so ganz auf mich.
Wie siehst du denn den Aspekt, dass früher so gut wie alle Kinder in Armut und mit harter Arbeit aufwuchsen? Und im Krieg. Das hätte ja bedeutet, dass die Nachkriegsgeneration besonders krank sein müsste. Aber ein sprunghafter Anstieg von psychischen Erkrankungen verzeichnet man doch erst seit Ende der 90er Jahre. Erst zum jetzigen Zeitpunkt werden es immer mehr, mehr, mehr.
Ich bin 30 und das würde ja bedeuten, dass es den Kindern in den 70/80er Jahren besonders schlecht ging. Aber genau das Gegenteil ist doch der Fall.
Wenn man mal von individuellen Schicksalen absieht. Man muss ja auch die Gesamtheit betrachten. Eben die Gesamtheit der Fälle.

Ich sehe die Gründe auch in der immer schnelllebigeren Gesellschaft. Der Druck auf die Menschen nimmt immer weiter zu und das kann doch niemand von der Hand weisen, oder?
Die Medien, ständige Erreichbarkeit, Meetings usw. usw. DAS macht in meinen Augen so viele Menschen krank. Und Burn out ist für mich das Ergebnis. Immer höher, schnell, weiter. Überall ist Streß. Nur Termine, Termine, Termine. Fängt schon im Kindergarten an. Wenn nicht im Babyalter.
Zerstreuung der Familien, keine Hilfe, Anonymität. Das sind für mich alles krank machende Faktoren. Unsichere Arbeitsplätze. Steigende Lebenshaltungskosten. Gleichzeitig Massenabfertigung beim Arzt. Immer mehr Patienten auf immer weniger Hausärzte usw. Leichtfertige und schnelle Verordnung von Psychopharmaka. Und gleichzeitig eine hohe Ablehnungsrate bei Kuren, die anfangs eher helfen könnten.
Die Menschen sollen funktionieren. Aber viele schaffen das Pensum nicht mehr. Ich könnte endlos darüber schreiben. Fast jeder, den ich kenne, leidet unter solchen Bedingungen.

06.02.2013 14:16 • #9


@ heiko : kurze frage - hast du deine panik durch die übernahme von verantwortung (die dir in der kindheit niemand gelernt hat) lösen können?

soll das heissen - dass alle leute die eine therapie erfolgreich abgeschlossen haben (+ ihre kindheit aufgearbeitet) - dann wieder rückfällig werden - ihre kindheit nicht richtig aufgearbeitet haben?

bei mir ist es gerade so, dass ich erst im mai mit einer therapie anfangen kann - was würdest du mir raten wie ich die zeit bis dahin bestmöglich überbrücke. soll ich dahin fahren wo ich aufgewachsen bin + mich meiner kindheit stellen? würdest du mir das raten?

06.02.2013 14:49 • #10


Hallo zusammen,

Auf die Frage des TE eingehend:
Angst ist Bestandteil eines normalen Lebens. Du musst lernen diese Angst als deine anzunehmen, sie hält dich nicht davon ab, ein normales Leben zu führen.
Ich kenne das auch, Angst, negative Gedanken und Co.

Was soll ich sagen, sie sind ein Teil von mir, ich kann nicht dagegen ankämpfen. Das wäre ein Kampf, der nie gewonnen werden könnte. Aber man kann versuchen, die Hintergründe zu erforschen, wieso diese Gedanken und Gefühle kommen. Man kann Strategien entwickeln damit umzugehen und man muss sich klar machen, worum es sich handelt.

Wie schon HeikoEN sagte, du bist in der Verantwortung, du musst dir selbst helfen, denn nur du kennst dich.


Ich schließe mich den Meinungen von HeikoEN an, viele wissen überhaupt nicht, was sie da eigentlich erleben. Rennen von Arzt zu Arzt, versuchen irgendwelche halbgaren Strategien usw. Alles Versuche gegen sich selbst und die Angst anzukommen. Das dies alles zum Scheitern verurteilt ist, sollte klar sein.
Anstatt Pillen und Beruhigungsmittel hat mir die Verhaltenstherapie sehr gut geholfen. Weiterführend die ACT -Therapie (Akzeptanz- und Commitmenttherapie) und den Mut bzw. Neugier, mich, meine Wünsche und meine Angst kennen zu lernen.

Noch ein Hinweis: Nicht alle Ursachen liegen in der Kindheit oder können damit erklärt werden. Dafür ist die menschliche Psyche zu verstrickt. Deshalb auch hier wieder: Jeder kennt sich selbst am besten. Betrachtet Therapien als Hilfe zur Selbsthilfe.

06.02.2013 15:11 • #11


HeikoEN
Zitat von Aladin:
Irgendwie passt das nicht so ganz auf mich.

Soll es auch nicht, denn ich bin NICHT dazu da, Dir deine Antworten zu geben

Ich will vielleicht einen neue Betrachtungsweise eröffnen und wenn jemand etwas davon nehmen kann, ist es gut. Wenn nicht, auch gut.

Zitat von Aladin:
Wie siehst du denn den Aspekt, dass früher so gut wie alle Kinder in Armut und mit harter Arbeit aufwuchsen? Und im Krieg. Das hätte ja bedeutet, dass die Nachkriegsgeneration besonders krank sein müsste. Aber ein sprunghafter Anstieg von psychischen Erkrankungen verzeichnet man doch erst seit Ende der 90er Jahre. Erst zum jetzigen Zeitpunkt werden es immer mehr, mehr, mehr.

Sehr guter Ansatz!

Und Du hast völlig Recht!

Der Krieg hat unsere ganze Gesellschaft traumatisiert.

Und wenn Du jetzt mal zurückrechnest, in welcher Generation sind denn jetzt die 30/40/50 jährigen?

Meine Eltern sind Baujahr 1946/1947 und haben z.B. ihren Vater, also meinen Opa, massivst traumatisiert erlebt.

Was passiert also?

Sie geben genau DAS weiter.

Traumata werden über Generationen weitergegeben und das auch unbewusst! Das ist bewiesen und es gibt einige Arbeiten darüber.

Was ist wichtig im Kindesalter?

Bestätigung der eigenen Gefühle halte ich für unendlich wichtig! Denn das Selbst-bewusst-sein und die Selbst-sicherheit werden DORT gebildet! Passiert das nicht, bleibt man in der Entwicklung stehen oder kann im Erwachsenenalter eben nicht auf ein eigenes Selbst-bewusst-sein oder Selbst-sicherheit zurückgreifen, was ja für eine Angsterkrankung fast lehrbuchartig wäre.

Die heutige Generation an Jugendlichen, die in einem großen Teil NICHT ausbildungsfähig ist, handelt nach dem Lustprinzip, da ihre Psyche im Alter von 3-5 Jahren stehengeblieben ist. Du musst die Jugend begeistern, damit sie etwas machen. Von Durchhalten keine Spur. Das kann deren Psyche schlichtweg nicht.

Warum nicht?

Weil die Eltern ihre Kinder als verlängerten Arm ihrer Selbst sehen. Die Kinder werden massiv überfordert und bereits in jüngsten Jahren zu Entscheidungen getrieben, zu denen sie überhaupt nicht fähig sind. Und wer sind diese Eltern? Genau die Generation, die "grob" in das Zeitraster fallen, welches wiederum Eltern hatte, die direkt Kriegserfahrungen haben (dazu zähle ich auch deren Eltern, die selber im Krieg waren).

Heute müssen Grundschullehrer erstmal ein halbes Jahr lang die Klasse so vorbereiten, dass sie überhaupt in der Lage sind, Lerninhalte aufzunehmen! Und so setzt sich das über Generation zu Generation fort...natürlich mit individuellen Ausprägungen, wie Facebook & Co.

Zitat von Aladin:
Ich bin 30 und das würde ja bedeuten, dass es den Kindern in den 70/80er Jahren besonders schlecht ging. Aber genau das Gegenteil ist doch der Fall.
Wenn man mal von individuellen Schicksalen absieht. Man muss ja auch die Gesamtheit betrachten. Eben die Gesamtheit der Fälle.

Dazu müsste man erstmal definieren, was denn "schlecht" ist?

Schlecht im Sinne von Krieg, Hunger und Not?

DAS interessiert die Psyche nicht.

Der Psyche ist es VÖLLIG (!) egal, ob Du im Urwald wohnst oder ob Du im Luxus lebst.

Es geht um Gefühle.

In den 70er, 80er war materiell gesehen alles ok. Kein Krieg, alles sicher usw., aber was ist mit den Eltern? Diese Eltern sind wieder genau die Generation, deren Eltern wiederum im Krieg war und schlimmste Erlebnisse mitgemacht haben.

Ich will dem Krieg nicht die Hauptschuld dafür geben, aber er ist insb. in Deutschland, ganz maßgeblich daran beteiligt.

Und wie o.g. werden Traumata weitergegeben. Eine psychisch kranke Mutter gibt ihre Krankheit an ihr Kind weiter, ob sie das will oder nicht.

Zitat von Aladin:
Ich sehe die Gründe auch in der immer schnelllebigeren Gesellschaft. Der Druck auf die Menschen nimmt immer weiter zu und das kann doch niemand von der Hand weisen, oder?

Ich würde es anders ausdrücken:

WIR alle tun immer mehr, NUR damit wir unsere eigenen Gefühle NICHT wahrnehmen müssen.

WIR haben verlernt, es mit uns SELBER auszuhalten!

Und Fernsehen, Handy, Facebook & Co. sind so wunderbare Fluchtmittel, nur damit wir uns nicht selber spüren müssen.

Denn Gefühle können Schmerzen verursachen und davon hat jeder so unendlich viel Angst.

Zitat von Aladin:
Die Medien, ständige Erreichbarkeit, Meetings usw. usw. DAS macht in meinen Augen so viele Menschen krank. Und Burn out ist für mich das Ergebnis. Immer höher, schnell, weiter. Überall ist Streß. Nur Termine, Termine, Termine. Fängt schon im Kindergarten an. Wenn nicht im Babyalter.

Absolut richtig.

Doch warum tut der Mensch das?

Es ist ja eine freiwillige Sache.

Und meine Erfahrung ist, dass selbst in der Psychoklinik für 95% der Patienten dort, das abendliche Fernsehprogramm und das Mittagessen, wichtiger waren, als sie selbst.

Sobald die eigenen Gefühle hochkamen, sind sie geflüchtet!! Haben sich über einen "Mist" unterhalten, der völlig uninteressant ist.

Und selbiges kann man hier schön beobachten....

Dutzende von Diskussionen über Symptome in all ihren Ausprägungen!

Und wie ausführlichst (!) berichtet wird darüber, welche Medikamente in welcher Stärke, welche Situationen wozu führten usw.

Der totale Wahnsinn.

Die Leute begreifen einfach nicht, dass es darum überhaupt nicht geht und flüchten (!) sich genau darin! Versuchen zwingend einen Schuldigen zu finden, machen Therapie um Therapien usw.

Zitat von Aladin:
Zerstreuung der Familien, keine Hilfe, Anonymität. Das sind für mich alles krank machende Faktoren. Unsichere Arbeitsplätze. Steigende Lebenshaltungskosten. Gleichzeitig Massenabfertigung beim Arzt. Immer mehr Patienten auf immer weniger Hausärzte usw. Leichtfertige und schnelle Verordnung von Psychopharmaka. Und gleichzeitig eine hohe Ablehnungsrate bei Kuren, die anfangs eher helfen könnten.

Das sind nur die Auswüchse im "außen", haben aber überhaupt NICHTS mit dem zu tun, wie es im inneren des jeweiligen Menschen aussieht.

Das Rad wird immer schneller gedreht. Für mich alles eine totale Flucht.

Sind wir mal ehrlich:
Gefühle? Was ist das?
Er ist verpönt Gefühle zu zeigen.

Allein schon das normalste der Welt im Leben eines Menschen, nämlich der Tod, löst Panik bei allen Beteiligten aus! In spätestens 30 Jahren braucht jeder Trauernde psychische Hilfe, weil er damit nicht mehr klar kommt.

Eine Beziehungstrennung ist der Untergang! Und was macht man? Sich möglichst wieder schnell in das GLEICHE Muster zu stürzen und die vielen Frauen fragen sich, warum gerate ich immer an solche Männer. Von solchen Beispielen fallen mit Hunderte ein!

Zitat von Aladin:
Die Menschen sollen funktionieren. Aber viele schaffen das Pensum nicht mehr. Ich könnte endlos darüber schreiben. Fast jeder, den ich kenne, leidet unter solchen Bedingungen.

Das Pensum ist nicht der Punkt. Es ist der Punkt, wie man damit umgeht. Und man DAS für sich als erstrebenswert hält.

Man kann nicht Erfolg in allen Lebensbereichen haben!

Erfolgreiche Karriere machen, das dann halten über sein Berufsleben hinweg, toller Vater mit Frau und zwei Kindern, Haus, zweimal Urlaub im Jahr, zahlreiche Freunde und dann noch anspruchsvolle Hobbies.

Hallo Burnout!

Genau DAS gaukelt man aber vor, insb. die Medien. Man rennt ein Leben lang einem Ideal hinterher und VORHER (!) darf man nicht glücklich sein, geschweige denn überhaupt zufrieden leben!

Nur dem Ersten gebührt Würde!

Siehe den tollen Dieter Bohlen.

Alle anderen 10 Kandidaten in seinem Gesangswettbewerb können auch super singen, aber nur der Erste wird der König und ist es wert, für 10 Minuten im Rampenlicht zu stehen.

Dieses Beispiel drückt es sehr gut aus, was unser Nachwuchs für sein Leben mitnimmt! Nur die Sieger kommen durch, nur das vorgelebte Bild ist das Richtige!

Das man auch als Straßenkehrer in der 3,5 Zimmer Wohnung mit 75qm glücklich sein kann, erwähnt NIEMAND. Das man auch aus der eigenen Gänseblümchensammlung ECHTE (!) Zufriedenheit am Abend, nach dem Job ziehen kann, ist schlichtweg unmöglich und wird ggf. lächerlich gemacht.

Es ist ein Hinterherrennen nach Idealen, die nur dazu dienen, sich selber nicht wahrzunehmen.

Dabei KANN nur Angst aufkommen

06.02.2013 15:41 • #12


HeikoEN
Zitat von panisch001:
@ heiko : kurze frage - hast du deine panik durch die übernahme von verantwortung (die dir in der kindheit niemand gelernt hat) lösen können?

Nein, aber es war ein Baustein.

Aber die Erkenntnis darüber ist erstmal wichtiger, als es unbedingt lösen zu können.

Denn es geht auch bei einer Angsterkrankung darum, sich alleine wieder ins Gleichgewicht bringen zu können.

Zitat von panisch001:
soll das heissen - dass alle leute die eine therapie erfolgreich abgeschlossen haben (+ ihre kindheit aufgearbeitet) - dann wieder rückfällig werden - ihre kindheit nicht richtig aufgearbeitet haben?

Nein.

Bitte richtig lesen und verstehen.

Es KANN so sein, dass die Kindheit ein Schlüssel zur Erkenntnissen sein kann, die helfen, im Erwachsenenalter wieder die Angst loszuwerden!

Aber Kindheit ist halt maßgeblich für ganz viele Dinge.

Darum muss man sie beachten und Biographiearbeit ist gut und wichtig.

Zitat von panisch001:
bei mir ist es gerade so, dass ich erst im mai mit einer therapie anfangen kann - was würdest du mir raten wie ich die zeit bis dahin bestmöglich überbrücke. soll ich dahin fahren wo ich aufgewachsen bin + mich meiner kindheit stellen? würdest du mir das raten?

Nein, würde ich nicht.

Ich würde, wenn ganz präsente Ängste den Tag begleiten empfehlen, Entspannungstechniken zu erlenen und diese anzuwenden.

Also alles dafür zu tun, um eine Symptomverbesserung zu schaffen.

Erst im Rahmen einer Therapie ist es gut, sich ggf. den Kindheitserinnerungen zu stellen. Denn so wie Du formulierst, lese ich heraus, dass Du schon weisst, dass da was ist

Wenn da aber was ist, ist es gut, in den Händen eines Profis zu sein. Sollte ein Trauma vorliegen oder andere ähnliche Dinge, ist der Profi derjenige, der die weitere Vorgehensweise festlegt.

Eine "schlimme" Kindheit muss auch NICHT zwangsläufig zu einem Problem führen! Es kommt ja maßgeblich auf das soziale Umfeld an, wie der Lebenslauf der Person ist usw. und wie er heute lebt.
Alles also sehr individuell und nicht pauschal zu beantworten, darum der strickte Verweis auf Denjenigen, der einem dabei helfen möchte, eben dem Therapeuten.

Das Wissen um Angst und eine Angsterkranung ist einfach und leicht zu verstehen!

Das kann jeder.

Psychoedukation zu betreiben halte ich für SEHR sinnvoll. Also so viel zu dem Thema zu lesen, wie nur geht. Fachmann werden. Dann fällt die Therapie auch leichter, da Dinge vertieft werden können und man dann den Therapeuten wirklich NUTZEN und BENUTZEN kann für Dinge, die wirklich noch "offen" sind vom Wissen oder von der Erprobung her.

06.02.2013 15:52 • #13


vielen, vielen Dank für Eure Antworten. Ihr habt mir sehr geholfen.

06.02.2013 17:04 • #14


Giftzwerg
Zitat von deni1985:
WIR alle tun immer mehr, NUR damit wir unsere eigenen Gefühle NICHT wahrnehmen müssen.

WIR haben verlernt, es mit uns SELBER auszuhalten!

Und Fernsehen, Handy, Facebook & Co. sind so wunderbare Fluchtmittel, nur damit wir uns nicht selber spüren müssen.

Denn Gefühle können Schmerzen verursachen und davon hat jeder so unendlich viel Angst.


Wie kann man sich denn selbst aushalten, wenn man ständig neue und wiederkehrende Symtome der Angst hat?
Still da sitzen wenn man stark unruhig ist oder versuchen langsam Spazieren zugehen, wenn man rastlos ist?

Zitat von HeikoEN:
Ich würde, wenn ganz präsente Ängste den Tag begleiten empfehlen, Entspannungstechniken zu erlenen und diese anzuwenden.


Auch das mache ich täglich ohne Erfolg. Bei mir passiert das Gegenteil, ich werde noch unruhiger als ich eh schon bin.

Bitte verrate mir, wie das gehen soll ich bin dankbar für jede Hilfe!

06.02.2013 17:33 • #15


Deine Schilderungen sind wirklich sehr interessant, Heiko.
Darauf wäre ich so gar nicht gekommen.
Interessanterweise wuchs ich bei meinen Großeltern auf. Geboren 1926 bzw. 1935. Mein Opa wurde als 17jähriger zwangseingezogen und war bei der Waffen-SS.
Gesprochen hat er nur über den Krieg an sich. Also darüber wie er eingezogen wurde, an welchen Stationen er war, über den Hunger, die vielen Toten, den Lazarettzug, die Verletzungen, die er erlitten hat.
Aber NIEMALS über persönliche Dinge. Er hat nie darüber gesprochen, ob er Leute erschossen hat (davon kann man ja nur ausgehen) oder darüber, ob man auf ihn geschossen hat etc. Wir haben ihn auch niemals danach gefragt.
Mein Opa war ein fürchterlich strenger, cholerischer Mensch. Aber fleißig und zäh wie Leder. Als Kind hatte ich ein bisschen Angst vor ihm. Als er 70 wurde, war er dann plötzlich ganz anders. Großzügig und umgänglich.
Eigentlich hätte mich das ja prägen müssen. Die Strenge. Die Zähigkeit. Nix davon. Ich war immer kränklich und latent faul.
Irgendwie ist es komisch, dass man 27 Jahre mit einem Mann gelebt hat, der bei der Waffen SS war und *beep* bewachte. Und dennoch nichts Konkretes darüber weiß.

Ich finde es dennoch seltsam. Mein Opa war jedenfalls garantiert nicht psychisch krank. Und DER hätte allen Grund dazu gehabt.
Ich und meine Generation hat nichts Vergleichbares erlebt und wird von jedem Virus dahin gerafft und hat die dollsten psychischen Dinge.

06.02.2013 17:38 • #16


HeikoEN
Zitat von Aladin:
Aber NIEMALS über persönliche Dinge. Er hat nie darüber gesprochen, ob er Leute erschossen hat (davon kann man ja nur ausgehen) oder darüber, ob man auf ihn geschossen hat etc. Wir haben ihn auch niemals danach gefragt.

Tja, warum wohl?

Zitat von Aladin:
Mein Opa war ein fürchterlich strenger, cholerischer Mensch. Aber fleißig und zäh wie Leder. Als Kind hatte ich ein bisschen Angst vor ihm. Als er 70 wurde, war er dann plötzlich ganz anders. Großzügig und umgänglich.

Vielleicht muss man sich auch klarmachen, dass er auch KIND von Eltern war.

Und wenn man bedenkt, wie es zu deren Zeiten aussah...

Je nachdem WAS er erlebt hat, war er sicher traumatisiert. Wer auch NICHT zu deren Zeiten.

Um mal aus meiner Familie zu erzählen:
Ich habe die Weltkriegsgeschichten ALLER meiner beteiligten Familienmitglieder aufgearbeitet in den letzten 5 Jahren.

Es gibt da eine Stelle in Berlin, dort bekommt man detalliert Auskunft über den Lauf des Familienmitglieds zur Zeit des/der Weltkriege.

Sehr interessant!

Ich habe komplett aufgeräumt in meiner Familie mit EINIGEN undurchsichtigen Erzählungen...

So z.B. von meinem Opa, der total "schlimmes" erlebt haben soll und zu einer SS-Einheit gehörte, die "verbrannte Erde" hinterlassen hatte im Osten.

Was kam raus?

Er wurde am 14.12.1944 erst EINGEZOGEN (!) zur normalen Wehrmacht.

Somit KANN er überhaupt nicht mehr an den o.g. Dingen teilgenommen haben, da der Russe Anfang Dez. '44 bereits weit an den Grenzen Großdeutschlands stand.

Anhand der Einheiten und Divisionen konnte ich für BEIDE Opas genau nachvollziehen, durch monatelange Recherchearbeit, WO die waren und was annähernd passiert ist.

Nunja, mein Vater war SEHR überrascht, als ich ihm das alles vorlegte. Soviel dazu...

Trotzdem war er traumatisiert und hat das auch an meinen Vater weitergegeben, der bis heute (!) keine Gefühle zeigen kann, Null, überhaupt nix. Der ist so gefangen und so voller Angst, seine eigenen Gefühle wahrzunehmen, geschweige denn zuzulassen...unglaublich!

Zitat von Aladin:
Eigentlich hätte mich das ja prägen müssen. Die Strenge. Die Zähigkeit. Nix davon. Ich war immer kränklich und latent faul.
Irgendwie ist es komisch, dass man 27 Jahre mit einem Mann gelebt hat, der bei der Waffen SS war und *beep* bewachte. Und dennoch nichts Konkretes darüber weiß.

Ich finde es dennoch seltsam. Mein Opa war jedenfalls garantiert nicht psychisch krank. Und DER hätte allen Grund dazu gehabt.
Ich und meine Generation hat nichts Vergleichbares erlebt und wird von jedem Virus dahin gerafft und hat die dollsten psychischen Dinge.

Nochmals deutlich:

Egal was im Leben passiert, ob man psychisch etwas davonträgt, ist NICHT (!) pauschal vorhersehrbar und von Dutzenden Parametern abhängig.

Ob jemand ein Trauma entwickelt, die von Erlebnissen aus dieser Zeit stammen und vor allem (!) wie er damit umgeht, kann nicht vorher gesagt werden!

Wahrscheinlich ist das aber!

Als Beispiel: mein Onkel, der mit meiner Oma einen Zug verlassen musste, da ein Tieffliegerangriff folgte. Er war damals 8 Jahre alt und seitdem stotterte er sein Leben lang. Das Stottern war nicht das Hauptproblem...er ist jahrelang danach in der Nacht aufgewacht, erzählte meine Oma und nie so ganz davon losgekommen. Trotzdem hat er geschafft eine Familie zu gründen, Kinder zu bekommen usw.

D.h., wie der Traumatisierte das Erlebte in sein Leben integriert und womit er sich "abfinden" kann, steht nochmals auf einem anderen Blatt.

Und ob psychisch krank oder nicht? Wer will das denn bitteschön beurteilen?

Mit dem HEUTIGEN Wissen insb. über Trauma, war DAMALS nicht daran zu denken, mal abgesehen von der gesellschaftlichen Scham sowas zuzugeben!

Und eine psychische Erkrankung kann kompensiert werden auf unterschiedlichste Weise! Und das muss nicht Alk. sein...

Sollte auch nur als sehr nachvollziehbares Beispiel dienen.

Genauso könnte ich als Beispiel nennen, dass bereits eine Trennung der Eltern auf Kinder traumatisierend sein kann mit weitreichenden Folgen für das jeweilige Leben. Oder eine erlebte lebensbedrohliche Krankheit der Mutter oder des Vaters kann beim Kind ebenso ein Trauma verursachen. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen...man muss sich mal ein wenig damit beschäftigen und lesen, dann entdeckt man sich vielleicht auch selber...

06.02.2013 18:53 • #17

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Das ist ja total interessant, dass es Stellen gibt, wo man das alles nachvollziehen kann. Es ist einfach schlimm, wenn man sich das überhaupt vorstellt.

Aber eines werde ich nie begreifen: Warum habe ich Angst, wenn ich einkaufen gehen muss? DAS geht mir sowas von nicht ins Hirn. Wenn die früher bei nem Bombenalarm Angst hatten. Ok. Aber ich will doch nur irgendeinen Mist bei Penny oder Norma holen.

Man ist immer so auf der Suche nach DER ultimativen Lösung. Dass es irgendwann mal "Bing" macht.

06.02.2013 19:02 • #18


HeikoEN
Zitat von Giftzwerg:
Zitat von deni1985:
WIR alle tun immer mehr, NUR damit wir unsere eigenen Gefühle NICHT wahrnehmen müssen.

WIR haben verlernt, es mit uns SELBER auszuhalten!

Und Fernsehen, Handy, Facebook & Co. sind so wunderbare Fluchtmittel, nur damit wir uns nicht selber spüren müssen.

Denn Gefühle können Schmerzen verursachen und davon hat jeder so unendlich viel Angst.


Zitat von Giftzwerg:
Wie kann man sich denn selbst aushalten, wenn man ständig neue und wiederkehrende Symtome der Angst hat?

Na z.B. so, dass man sich verdeutlicht, was Angst ist!

Angst ist NUR ein Gefühl!

Nichts weiter.

Genauso ein Gefühl wie Freude, Wut, Liebe, Sehnsucht, Hunger etc.

Angst ist auch KEIN schlechtes Gefühl. Es gitb KEINE schlechten Gefühle.

Und das man dann mal überlegt für sich, WOFÜR sind denn Gefühle eigentlich da?

Was macht man damit?

Wenn man strickt davonläuft, sie wegdrückt (z.B. Tabletten) und nicht da sein lassen möchte passiert was?

Zitat von Giftzwerg:
Still da sitzen wenn man stark unruhig ist oder versuchen langsam Spazieren zugehen, wenn man rastlos ist?

Weil es ja nur ein Gefühl ist, kann man tun und lassen was gerne möchte.

Du bist mit Deinen Aussagen viel zu sehr in deiner aktuellen Symptomatik, die heute vielleicht Unruhe heisst, morgen aber Herzstolpern und in 6 Monaten sonstwas...

Will damit sagen, ich KANN UND WILL DIR keine Anleitung geben dazu, wie man Deine Symptomatik verbessert.

Mich schreiben hier stetig Leute im Forum an, welche tollen Tipps ich denn habe und was sie machen sollen.

Es gibt NICHT den ultimativen Tipp gegen Angst, um dann wieder so weitermachen zu können mit dem Leben, welches ja dazu geführt hat, dass das Gefühl Angst aufkam.

Den Betroffenen ist bis heute nicht klar, dass es KEINE Erkältung ist, für die ich ein paar Tage Tee, warme Socken und drei Aspirin nehme und dann geht es weiter.

DAS (!) wäre doch auch viel zu einfach, oder?

Denn WOFÜR wäre die Angst denn dann da, wenn es so einfach ginge?

Wie schon gesagt, für alle diese Fragen gehört eine gehörige Portion Mut dazu, sie für sich zu beantworten und ich habe größtes Verständnis für Menschen, die einfach dazu nicht oder noch nicht bereit sind.

Die können halt "nur" Symptomverbesserung betreiben, wie es die Schulmedizin auch tut und so lange warten, bis sie den Mut fassen können, die Angst zuzulassen oder dahin zu sehen, was sie bislang ignoriert haben oder eben NICHT gesehen haben in ihrem Leben. Denn genau DAS will die Angst ja, das Gefühl. Genauso wie das Gefühl Hunger, möchte auch nur, dass endlich was zu essen kommt oder Gefühl Wut, die gelebt werden möchte, Gefühl Sehnsucht, die befriedigt werden möchte.

Wenn das gemacht wird, GEHT das Gefühl auch von alleine wieder!

Gefühle kommen und gehen, ein Kreislauf, stetig, das ganze Leben lang.

Zitat von Giftzwerg:
Zitat von HeikoEN:
Ich würde, wenn ganz präsente Ängste den Tag begleiten empfehlen, Entspannungstechniken zu erlenen und diese anzuwenden.


Auch das mache ich täglich ohne Erfolg. Bei mir passiert das Gegenteil, ich werde noch unruhiger als ich eh schon bin.
[/quote]
Tja, auch DAS will Dir etwas sagen!

Ist doch klar, oder?

Du willst eigentlich Entspannung, aber genau das Gegenteil passiert. Du kannst es selber nicht mit der eigenen Ruhe aushalten...

Was bedeutet das?

Davon ab, bin ich fest überzeugt, wenn Du es wirklich dauerhaft versuchst und die Unruhe einfach mal aufkommen und zulassen kannst, dass sich Ruhe einstellt.

Entspannung kommt nicht auf Befehl, so nach dem Motto: "Ich mach jetzt Entspannung".

DAS geht nicht. Die äußeren Rahmenbedingungen müssen stimmen und man muss dafür sorgen. Wer tagsüber acht Stunden lang am Telefon hängt, viel mit seinen Sinnen tut etc., der muss Entspannung regelrecht ERLERNEN.

Meinst Du die Buddhisten können sich "einfach so" in die Ecke setzen und über Stunden meditieren? Niemals! Meditieren muss gelernt werden.

Und das man in der heutigen Zeit NICHT entspannen kann, ist schlichtweg normal! Dazu auch wieder meine Aussage, viele DENKEN nur sie entspannen, tun es aber nicht. Ähnlich den Gefühlen. Sie glauben nur, sie fühlen...

06.02.2013 19:14 • #19


HeikoEN
Zitat von Aladin:
Man ist immer so auf der Suche nach DER ultimativen Lösung. Dass es irgendwann mal "Bing" macht.

DAS propagiere ich hier ja.

JEDER hat seinen individuellen Weg, genauso wie individuelle Ursachen seiner Ängste.

Darum muss jeder auch ausprobieren, was ihm gut tut.

Ich mag Himbeereis, Du nicht!

Nur wenn man "stecken" bleibt in der Schockstarre und sich nicht bewegt, passiert was?

Genau!

Nichts!

Und wenn man Tabletten isst und dann irgendwann nicht mehr, passiert was?

Genau!

Die Angst ist wieder da.

06.02.2013 19:19 • #20



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Dr. Reinhard Pichler