Pfeil rechts
3

Hallo liebe Foristen,

keine Angst ich möchte euch hiermit kein Buch oder eine Methodik andrehen.
Ich habe hier seit meiner ersten Diagnose einer Panikstörung mit Agoraphobie immer heimlich mitgelesen und natürlich wie viele von euch auch alles mögliche gegoogelt.
Nach dem man hier natürlich primär davon liest mit welchen Problemen ein jeder von uns täglich zu kämpfen hat, dachte ich, dass eine Erfolgsgeschichte vielleicht den ein oder anderen aufbaut, Hoffnung gibt oder sogar motiviert.

Hier also meine Geschichte:
(wem das zu lang ist, der kann gerne ganz runter zu den Punkten scrollen, die mir geholfen haben)

Ich habe vor ca. einem Jahr immer mal wieder sporadisch Herzrasen bekommen. In all diesen Situationen bin ich alleine gewesen. Das Herzrasen ging einher mit den Symptomen, die ihr sicherlich alle kennt: Schweiß, Zittern, Schwindel, Panik, Todesangst und das Gefühl gleich Ohnmächtig zu werden.

Was habe ich also getan? Ich bin zu jedem Arzt gegangen, den es hier in Frankfurt gibt. Kardiologe, Endokrinologe, Augenarzt und Internist bescheinigten mir alle eine wunderbare Gesundheit. Man sollte meinen, dass das gute Nachrichten für mich gewesen sind.
Waren es aber nicht.
Ich dachte ständig, dass kann doch nicht wahr sein, die übersehen da etwas, ich fühle doch, das da etwas mit mir nicht stimmt!
Den ersten Hinweis gab mir mein Allergologe, der sagte, nach dem ich ihm meine Symptome schilderte: "Herr sw00sh, das sieht für mich wie eine klassische Panikattacke aus."
Mein erste Gedanke danach war: Blödsinn!
Ich und Panikattacke.
Lächerlich!
Ich habe jahrelang alleine gewohnt, bin im Job sehr erfolgreich und hatte jede Situation und jeden Aspekt meines Lebens immer voll unter Kontrolle.

Nun gut, da die anderen Ärzte nichts finden konnten, ging ich damit wieder zum Internisten, der mir daraufhin eine Therapie verschrieb und einen Code mitgab. Über diesen Code konnte ich bei der KV Hessen innerhalb von 2 Wochen ein Erstgespräch mit einer Therapeutin bekommen.

Um ehrlich zu sein, mit der Diagnose und dem Wissen, nun in Therapie zu müssen, ging es erstmal total bergab bei mir.
Angst und Panik waren allgegenwärtig.

Ich konnte nicht mehr alleine Autofahren oder zu Hause alleine sein. Beim Einkaufen bekam ich an der Kasse eine Panikattacke, weil ich das Gefühl hatte, aus der Situation nicht herauszukommen.
Wir wohnen nah am Wald und es gibt einen schönen See 5 Minuten zu Fuß vom unserer Wohnung. Ich bin vorher mit unserem Hund sicherlich an die 200-300 Mal um diesen See spaziert.
Selbst das ging nicht mehr.
Ich hatte ständig Angst Ohnmächtig zu werden, Angst das Hilfe nicht rechtzeitig da sein könnte.

Mein Erstgespräch mit der Therapeutin näherte sich und ich musste zusammen mit meiner Freundin einen Tag vorher üben die Strecke zu der Therapeutin in Frankfurt mit dem Auto alleine zu fahren.
Dann kam der Tag, an dem ich alleine mit dem Auto zur Therapeutin fuhr. Es war die Hölle. Alleine auf dem Weg dorthin, bekam ich drei Panikattacken und hatte den äußerst starken Drang wieder nach Hause zu fahren.
Irgendwie kam ich dann trotzdem bei ihr an und wir sprachen.
Und das war die beste Entscheidung meines Lebens.
Sie erklärte mir woher mein Problem kam und warum sich mein Körper verhält wie er sich verhält.
Das half mir ein wenig, Angst und Panik aber blieben.
Von da an hatte ich starke Episoden von Derealisierung. Mir kam alles so unecht vor, ich grübelte darüber nach was Realität ist und was nicht. Oftmals hatte ich das Gefühl, als würde durch meine Augen wie durch ein Fenster nach Draußen schauen.
Dazu kamen Anspannung und Unruhe, Muskelzuckungen am ganzen Körper, Schlafstörungen, nächtliche Panikattacken und das starke Gefühle verrückt zu werden bzw. ruhig gestellt werden zu müssen, weil ich geistig einfach nicht mehr klar komme.
Nichts von dem ist wirklich eingetroffen. Ich bin weder verrückt geworden, noch musste ich ruhig gestellt werden.

Die Therapeutin konnte mir leider keinen Therapieplatz anbieten, daher machte ich mich auf die Suche nach einem neuen Therapeuten. Ich führte viele Erstgespräche und musste vielen Therapeuten absagen, weil sie mir entweder unsympathisch erschienen und ich das Gefühl hatte mich nicht öffnen zu können oder mir deren Methodik nicht zu sagte. Letztendlich fand ich einen Verhaltenstherapeuten, bei dem ich auch heute noch bin.
Wir sprachen viel über Situationen, in denen ich Panik bekam, was der Auslöser dafür war, welche Gedanken und Emotionen in mir vorgingen und was ich dagegen unternehmen konnte.

Zuerst gingen wir das Einkaufen an. Ich bin also immer mit meiner Freundin zusammen Einkaufen gegangen. Sie wartete auf dem Parkplatz und ich ging Einkaufen. Erst wenige Sachen, dann einen ganzen Wagen voll.
Irgendwann fuhr ich alleine mit dem Auto zum Supermarkt. Stellte mich auf den Parkplatz, hielt die Anspannung und leichte Angst 10 Minuten aus und fuhr wieder nach Hause.
Nach mehreren Malen traute ich mich alleine rein und kaufte eine Kleinigkeit, ging durch die Schnellkasse, bei der man die Sachen selbst einscannt und sofort wieder raus, damit ich bloß nicht an der Schlange an der normalen Kasse anstehen muss.

Danach kam das alleine Autofahren, dass ich ja so oder so machen musste, um zu meinem Therapeuten zu kommen. Ich fuhr also an alle möglichen Orte. Jedes mal ein Stückchen weiter, aber immer nur so weit, wie ich mich wohl fühlte.
Selbes galt für das Motorrad fahren.

Das Spazieren gehen in den Wald und um den See kam danach dran. Immer nur so weit, wie ich mich wohl fühlte und immer nur, wenn meine Freundin zu Hause war, weil ich wusste, zur Not könnte sie sofort kommen und mir helfen. Dadurch wurde meine Freundin zu meinem Sicherheitsanker. Wenn sie in meiner Nähe war, hatte ich weniger bis gar keine Angst.

Die oben genannten Dinge funktionierten alle wieder sehr gut für mich, solange meine Freundin zu Hause war. War sie nicht im Home Office, sondern musste zur Arbeit, waren Dinge wie alleine Einkaufen oder alleine mit dem Hund um den See zu gehen, wieder unerreichbar.
Also ging ich auch das langsam Stück für Stück an. Immer nur so weit wie ich mich wohl fühlte. Wenn ich irgendwann merkte, okay jetzt reicht es, drehte ich einfach um oder verließ den Supermarkt und probierte es an einem anderen Tag wieder. So klappte auch das bald wieder problemlos.

Nun kam vor einigen Wochen der Zeitpunkt, an dem meine Freundin mit einer ihrer Freundinnen nach Mallorca in den Urlaub wollte. Oben genannte Dinge funktionierten für mich wieder, aber 10 Tage vollkommen allein zu sein, während mein Sicherheitsanker, der mir ständig Sicherheit gab, 1000de Kilometer im Ausland ist, das jagte mir richtig Angst ein.

Ich bereitete mich also mit meinem Therapeuten darauf vor und weihte einen sehr guten Freund von mir ein, der nicht weit weg wohnt und bereit war, im Notfall zu mir zu kommen.
Ich nahm die 10 Tage als Herausforderung an und hielt mir immer vor Augen, dass das mein Weg der Heilung ist und wenn ich das hinter mir habe, kann mir nichts mehr passieren.
Die ersten Tage waren wieder sehr schwer. Anspannung, innere Unruhe, Muskelzuckungen, Schwierigkeiten beim Einschlafen und negative Gedanken plagten mich, dass ich es so oder so nicht schaffen werde usw.
Was mir half waren zwei Fragen, dich ich mir immer wieder stellte:
Was ist, wenn es tatsächlich funktioniert?
Was ist, wenn deine harte Arbeit sich am Ende wirklich lohnt?
Das stimmte mich immer wieder positiv und kämpferisch.
Und siehe da, ich überlebte die 10 Tage alleine und fühle mich seitdem besser als zuvor. Als wäre eine große Last von mir gefallen.

Was hat mir durch diese ganze Zeit geholfen:

1. Literatur
Verstehen warum mein Körper ständig in Alarmbereitschaft ist und wieso die Panik schließlich ausgelöst wird, war für mich essentiell. Ich kann euch auf Anfrage gerne eine sehr sehr gutes Buch empfehlen, dass wir wirklich enorm geholfen hat, möchte es allerdings nicht direkt hier reinstellen, damit nicht der Verdacht der Schleichwerbung aufkommt

2. Verhaltenstherapie
Traut euch. Ich weiss Therapie ist immer noch mit einem Stigma versehen und viele der Meinung sind, nur Verrückte müssten dorthin.
Ich versichere euch, ich bin nicht verrückt und immer noch in Therapie.
Wichtig ist nur:
Findet einen Therapeuten, der euch sympathisch ist und bei dem ihr euch wohlfühlt und bereit seid, euch zu öffnen. Nur dann funktioniert die Therapie.
Ihr dürft so viele Erstgespräche mit verschiedenen Therapeuten führen, wie ihr wollt. Meine Freundin hatte 10 Erstgespräch bei verschiedenen Therapeuten, bis sie den richtigen gefunden hat.
Ich sehe das so: Ärzte versorgen physische Krankheiten am Körper. Das, was wir haben, ist aber eine mentale Krankheit, und die versorgt ein Therapeut.

3. Jeden Tag etwas tun
Es ist leider ein enormer Kraftaufwand, sowohl körperlich als auch mental, sich seiner Angst zu stellen. Daher hilft es, sich kleine Ziele zu setzen und ganz langsam darauf aufzubauen. Diese kleinen Erfolge pushen einen enorm, geben wieder Selbstvertrauen und etwas mehr Freiheit zurück. Rückschläge können immer wieder passieren, die hatte ich zu genüge, man darf nur nicht das Handtuch werfen und aufgeben, auch wenn man sich danach teilweise richtig beschissen fühlt.
Ich habe mir jeden Tag etwas vorgenommen. Sei es alleine Spazieren gehen, Einkaufen, Autofahren, Fahrrad fahren, Motorrad, was auch immer meine Angst und Panik triggert.
Aber immer nur so viel, wie ich mir zutraute und danach Stück für Stück mehr.

4. Vermeidungsverhalten
Eine unangenehme Situation versuchen zu vermeiden ist immer der einfachere Weg. Und unser Gehirn ist auch noch so fies, dass es uns danach mit Endorphinen belohnt.
Es merkt sich das aber auch, so wird die vermiedene Situation jedes Mal schwieriger.
Deswegen ist es wichtig, alles zu tun, was ihr davor auch getan habt, ohne etwas zu vermeiden, weil ihr Angst davor habt.
Versucht es, auch wenn es enorme Überwindung kostet. Wenn ihr merkt ihr rutscht in die Panik, verlasst die Situation und kommt morgen wieder und versucht es erneut.
Je öfter ihr es versucht, desto einfacher wird es vis ihr es irgendwann ganz schafft.
Nehmt eine Person eures Vertrauens mit, falls ihr euch alleine nicht traut, aber versucht nicht, diese Situation zu vermeiden, das macht es auf lange Sicht nur schlimmer.

5. Meditation
Hätte man mir vor einem Jahr gesagt, das ich täglich meditieren werden, hätte ich denjenigen für verrückt erklärt.
Mir hat täglich 10-15 Minuten meditieren enorm geholfen, meinen Körper zu beruhigen und vor allem mein Gehirn abzuschalten und zu entspannen, sodass negative Gedanken von meinem inneren Kritiker viel seltener wurden (Du schaffst das nicht, was ist wenn du wieder Panik bekommst, oh war das gerade etwa ein Panik Symptom, bist du sicher das es dir gerade wirklich gut geht, usw.)
Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass bereits nach 8 Wochen meditieren, der Bereich im Gehirn für Stress und Angst kleiner wird, während der Bereich für Freude und Glückseligkeit größer wird.
Ihr glaubt mir immer noch nicht?
Schaut euch dazu auf Netflix die Kurzserie Headspace an. Danach werdet ihr die Sache anders sehen.

6. Medikamente
Mein Therapeut ist überhaupt kein Fan von Medikamenten und ich ebenfalls nicht, weil ich ein riesen Schisser bin.
Daher habe ich lediglich auf pflanzliche Stoffe zurückgegriffen.
Zum einen Morgens und Abends Passionsblume hochdosiert als Tablette.
Und an wirklich schlechten Tagen Morgens zusätzlich Lavendelöl.
Für mich hat das gut geholfen, da ich wirklich etliche anderen Produkte ausprobiert habe.
Ob ihr Medikamente wie Opipramol, Tavor usw. nehmen wollt oder braucht, müsst ihr selbst entscheiden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Hausärzte eher dazu neigen, sofort etwas zu verschreiben.
Ich würde das mit dem Therapeuten, sofern ihr einen habt, abklären.

7. Sport
Mir hat es enorm geholfen, Stress und Anspannung abzubauen und man erlebt beim Sport ähnliche Symptome, wie bei einer Panikattacke (Herz schlägt schneller, schwitzen, usw). Aus diesen Gründen haben mir das beide Therapeuten, bei denen ich gewesen bin, empfohlen. Zusätzlich bekam ich danach immer ein leichtes Gefühl von Zufriedenheit, etwas gutes für meinen Körper und Geist getan zu haben.

8. Konfrontation
Mein Therapeut ist kein Freund der Methode seine Angst zu konfrontieren, die Panik kommen zu lassen und auszuhalten, bis sie wieder verschwunden ist, weil das seiner Ansicht nach nur bei 25% aller Patienten wirkt.
Andere Therapeuten befürworten genau diese Methode.
Mir persönlich hat es nur eine Erkenntnis gebracht:
Ich bin an dem Tag mit der U-Bahn das erste Mal alleine zur Arbeit gefahren und hatte auf der Hin-und Rückfahrt jeweils bewusst eine Panikattacke von Anfang bis Ende erlebt.
Das Gute: Mir wurde das erste Mal richtig bewusst, dass ich eine Panikattacke überlebe, ohne das ich bewusstlos werde oder sterbe.
Das Schlechte: Ich war vollkommen erschöpft.
Diese Methodik hätte ich nicht jeden Tag aufs neue durchhalten können.
Ob das was für euch ist, oder ob ihr das langsamer angehen möchtet, so wie ich es weiter oben beschrieben habe, bleibt euch überlassen.


Abschließend möchte ich euch sagen, ihr seid nicht alleine!
In meinem Freundeskreis haben sich mir zwei Personen offenbart, ebenfalls an Panikattacken zu leiden oder gelitten zu haben, von denen ich das niemals erwartet hätte. Diese Krankheit ist sehr weit verbreitet und nichts exotisches.

Es gibt leider kein Patentrezept und jeder wird das anders empfinden als ich, heftiger oder weniger heftig.
Ich hoffe, ich konnte euch trotzdem Mut machen und vielleicht den ein oder anderen Tipp mit auf den Weg geben.

Ich wünsche euch allen nur das Beste!
Ihr dürft mich natürlich gerne alles fragen.


Liebe Grüße
sw00sh

Vor 3 Stunden • 12.10.2021 x 3 #1


3 Antworten ↓


1RosaRot1
Mich würde das Buch interessieren!

Danke für dein Beitrag!

Vor 3 Stunden • #2



Mein Weg aus der Angst

x 3


Spaceman
Hallo sw00sh und herzlich willkommen

Vielen Dank für Deine ausführliche Schilderung. Ich bin mir absolut sicher, dass sich viele hier (mich absolut eingeschlossen!) da viel herausziehen können. Und es macht Hoffnung, das ist oft das aller wichtigste!

Zitat von sw00sh:
Ich kann euch auf Anfrage gerne eine sehr sehr gutes Buch empfehlen, dass wir wirklich enorm geholfen hat, möchte es allerdings nicht direkt hier reinstellen, damit nicht der Verdacht der Schleichwerbung aufkommt


In einem Forum wie diesem hier sind Buchtipps sicherlich keine Schleichwerbung, vor allem nicht, wenn Du davon nicht profitierst. Also nur her damit!

Vor 3 Stunden • #3


Vielen Dank ihr zwei, dann will ich damit auch nicht länger hinterm Berg halten.

Das Buch ist "Angst bewältigen: Selbsthilfe bei Panik und Agoraphobie" von Sigrun Schmidt-Traub in der 7. Auflage (das ist die aktuellste).

Ich wünschte, ich hätte das Buch wesentlich früher gelesen. Es wird anhand von echten Fallbeispielen verschiedener Personen erklärt, was bei ihnen warum Panik triggert.
Alle Symptome werden genauestens geschildert, Ängste genommen durch Erklärungen, warum man beispielsweise während einer Panikattacke so gut wie nie Ohnmächtig wird und es gibt tolle Ratschläge, wie man durch verschiedene Techniken aufkommende Katastrophen-Gedanken im Kopf und die damit einhergehende Panik im Keim ersticken kann.

Ich hatte davor bereits einige andere Ratgeber gelesen, aber dieser hier hat mir aufgrund seiner vielfältigen Kapitel, die einfach jeden Aspekt sehr genau beleuchten, enorm weitergeholfen.

Vor 10 Minuten • #4




Dr. Christina Wiesemann