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KampfderAngst
Hallo zusammen,
da bin ich wieder. 7 Jahre hatte ich Ruhe - trotz mancher Höhen und Tiefen - und jetzt hat es mich doch wieder erwischt.

Meine Angststörung / Depression ist wieder zurück, war wahrscheinlich nie weg. Ich habe erfolgreich alle Warnsignale übersehen und dann kam der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen gebracht hat.

Jetzt erhole ich mich gerade ein wenig, habe aber immer diese Stimme im Hinterkopf, dir mir sagt, daß ich mich bloß nicht entspannen darf, da ja immer noch was schlimmes passieren kann. Und dann rattern alle möglichen schrecklichen Szenarien in meinem Kopf ab.
Kennt ihr das? Was macht ihr dagegen?
Liebe Grüße und schonmal danke

27.10.2022 08:27 • 02.11.2022 x 2 #1


11 Antworten ↓


moo
Grüß Dich !

Zitat von KampfderAngst:
Kennt ihr das? Was macht ihr dagegen?

Ja. Statt dagegen mache ich etwas dafür...:

Zitat von KampfderAngst:
Ich habe erfolgreich alle Warnsignale übersehen und dann kam der berühmte Tropfen, der das Fass zum überlaufen gebracht hat.

Somit hast Du den ersten Schritt (der Einsicht) bereits vollzogen. Die Frage ist nun, willst Du das Fass (weiter) vergrößern oder den Zufluss verringern?

Zitat von KampfderAngst:
...habe aber immer diese Stimme im Hinterkopf, dir mir sagt, daß ich mich bloß nicht entspannen darf, da ja immer noch was schlimmes passieren kann.

Das Schlimme ist bereits passiert, indem diese Stimme das Falsche sagt. Sprich mit der Stimme und bringe ihr bei, stattdessen zu sagen: Entspannung ist nicht das Gegenteil von Stress. Angst und Depression sind keine Krankheit oder ein Rückfall sondern ein vitaler, wertvoller Teil meines aktuellen Erlebens.
Und antworte dieser Stimme: Ich werde mir das von nun an zu Herzen nehmen - danke!

Alles Gute Dir

27.10.2022 08:58 • x 2 #2


A


Diese kleine gemeine Stimme

x 3


KampfderAngst
Danke für deine Rückmeldung und die guten Tipps. So habe ich es noch nicht betrachtet.

Vielleicht muss ich noch etwas genauer auf den Tropfen eingehen.
Mein Mann leidet an Schizophrenie, allerdings hat er bisher in seinen 50 Jahren nur 2 Psychosen gehabt. Eine ganz zu Beginn unserer Beziehung, da habe ich eigentlich nur die Depressionen mitbekommen und die bisher letzte dann 15 Jahre später ( jetzt 6 Jahre her ). Er ist da wirklich gut wieder raus gekommen, arbeitet, nimmt seine Medikamente und unser Leben läuft in ruhigen Bahnen.
Jetzt gab es einen Anlass, der dazu geführt hat, dass es ihm sehr schlecht ging und er psychotische Symptome entwickelte. Das hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen.
Es gibt ihm jetzt besser, er hat fast kein psychotisches Erleben mehr, hat sich krank gemeldet. Aber ich beobachte ihn mit Argusaugen, ob ich irgendein ein Anzeichen finde, was auf eine Psychose hindeutet.
Und dann kommt eben dieser Gedanke, was ist, wenn....er doch einen Rückfall erleidet, er niiie wieder gesund wird, er nicht mehr arbeiten kann, etc, etc...

Versteht ihr mich da irgendwie?

27.10.2022 09:11 • x 1 #3


moo
Danke für Deine Antwort.

Ihr kennt Euch nun schon fast ein halbes Leben lang, habt gemeinsam Krisen durchlebt und jeder hat seine Rolle teilweise auch diesen Krisen entsprechend etabliert.
Das bedeutet, dass Du gewissermaßen mit ihm leidest und somit ein klein wenig sein Leid verstärkst (Co-Leiden). Dafür braucht man sich aber nicht schuldig zu fühlen, denn das Mit-Leid entspringt ja letztlich unserer Zuneigung zu dem Betroffenen. Einerseits stabilisierst Du ihn, andererseits muss er Deine Leistung quasi mitverantworten.
Ich weiß nun nicht, ob Ihr darüber schon mal gesprochen habt - über Eure jeweiligen Rollen hinsichtlich Euer beider psychischen Probleme?

Ähnliches gilt für die Angst. Leid kommt von etwas, Angst bezieht sich auf etwas. Beides ist sozusagen objektgebunden. Der Geist richtet sich - je nach Häufigkeit bzw. Intensität der Erfahrung(en) auf etwas aus. Die allermeisten Ängstler können gar nicht mal konkret das ursprüngliche Objekt ihrer Angst benennen. Weshalb? Weil sie die Angst im Geist wie eine Brille auf der Nase tragen. Sie blicken durch die Angst, denken aus Angst heraus. Und erkennen in diesem Zuge das (vermeintlich) gefährliche Objekt als den mittelbaren Auslöser.

Irgendwann wird diese Wahrnehmung ein Selbstläufer, er wird riesengroß, allumfassend und - vor allem - abstrakt. Du nennst das z. B. sympathischerweise den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Doch, wie vorher bereits angedeutet, ist das Fass (= der Angst-Brillen-Ausblick), also das Subjekt, der alles entscheidende Punkt.

Um hier etwas klarer zu sehen, kann ein Spiegel-Gleichnis helfen. Wenn Du in einen Spiegel schaust, was siehst Du da?
Die häufigste Antwort lautet: Mich. Doch das trifft nicht zu. Was dann?
Mein Spiegelbild bzw. den Spiegel. Schon besser. Doch am zutreffendsten wäre m. E. nach:
Ein Bild von dem, was der Spiegel reflektiert!
Und was ist das? Eben das, was der Spiegel anhand Deiner Blickrichtung darin wahrnimmt. Wenn Du z. B. nicht direkt vor dem Spiegel sondern 1,5 m weiter links davon stehst, wirst Du etwas völlig anderes sehen als von einem 1,5 m weiter rechts liegenden Punkt aus. Wir definieren und bedingen also in vollumfänglichen Maße den Inhalt der Spiegelung.

Das war nun ein Beispiel für den Sehsinn. Du kannst mit dem Spiegel auch Geräusch, Gerüche, Geschmäcker, Gefühle und Gedanken wahrnehmen. Auch sie sind bedingt durch Deinen Standpunkt (= die Ausrichtung des Geistes).

Der Spiegel ist hier eine Metapher für unseren Geist; für das, was wir gemeinhin Ich nennen. Was lernen wir nun daraus?

- Wir bestimmen unsere Umwelt (geben ihr eine Stimme)
- Wir bestimmen ihren Umfang, ihre Grenzen
- Wir bestimmen dadurch auch unsere Grenze (unser Ich)
- Wir haben die Möglichkeit, Ausschnitte des nahezu unbegrenzt möglichen Spektrums von Wahrnehmung als Realität zu benennen.

Wenn Du also aufgrund einer Erfahrung (z. B. Psychose Deines Mannes) wieder Dein etabliertes Weltbild erschaffst, denke daran, dass dies lediglich ein Automatismus ist. Die Vergangenheit ist längst passé. Der Glaube bzw. die Angst davor, dass es wieder passieren oder immer so bleiben könnte, ist ein eingeübter Standpunkt vor Deinem Spiegel.

Ziel ist es, den Spiegel nicht als Objekt zu benutzen, sondern zu verstehen, dass beides, also Subjekt (Ich) und Objekt (Spiegel und seine Bilder) in Wahrheit Illusion sind. Denn letztendlich sind es immer wir, also der Geist, der spiegelt.

Kein Innen, kein Außen, kein Ich, keine Welt - sondern einfach so.

Das mag sich abstrakt lesen, aber mit einiger Kontemplation kann das verstanden und auch in gewisser Weise durchdrungen werden. Dann ist eine Psychose Deines Mannes einfach so. Dann ist sogar Deine Angst davor, einfach so.

27.10.2022 16:18 • x 4 #4


KampfderAngst
Wenn ich ein wenig aus der Angstspirale heraus komme, versuche ich genau diesen Ansatz zu sehen und kann es dann - zeitweise - auch.

Ich weiss auch woher diese extremen Ängste her kommen. Meine Kindheit war von sehr starker Unsicherheit geprägt. Mein Vater war Alk.. Genau das ist mein Trigger. Unsicherheit...

Zur Zeit und gerade jetzt ist die Angst aber so stark, dass ich das Gefühl habe es ist nicht aushalten zu können. Ich versuche meine alten Muster zu durchbrechen. Normalerweise hätte ich jetzt schon längst meine Mutter oder meinen Bruder angerufen..was natürlich auch nicht hilft, da nur ich mir diese Angst nehmen kann.

Ich versuche mir auch zu sagen, dass wenn es zum Rückfall kommt, es dann halt so ist und wir auch das schaffen werden. Hilft leider nur bedingt, da sich dann dieses Stimmlein meldet.

Auch mit der Co Abhängigkeit hast du Recht und ich weiss auch, dass er sich um mich Sorgen macht, etc. Wir reden darüber, aber natürlich versuche ich ihn auch da zu schonen.

Ich danke dir für den Austausch, das tut mir sehr gut!

27.10.2022 17:09 • x 1 #5


moo
Zitat von KampfderAngst:
Ich weiss auch woher diese extremen Ängste kommen. Meine Kindheit war von sehr starker Unsicherheit geprägt. Mein Vater war Alk.. Genau das ist mein Trigger. Unsicherheit...

Dann erzähle ich Dir nix Neues, wenn ich behaupte, dass Alk. (bin selber Trockener...) sehr oft im sozialen Umfeld ein Unsicherheitsgefüge erzeugen. Insbesondere innerhalb deren Familie entsteht durch diese omnipräsente Unsicherheit natürlich ein - ebenso übermächtiger - Wunsch nach Sicherheit.

Allerdings gibt es hier ein entscheidendes Problem: die Grenzen der Thematik, die ursprünglich die Unsicherheit definierte, verwischen mit der Zeit. Die Unsicherheit bezieht sich nicht mehr auf den (instabilen) Vater sondern auf das gesamte Erleben.

Zitat von KampfderAngst:
... da nur ich mir diese Angst nehmen kann.

Jein! Bedenke, dass man in Deinem Elternhaus sehr leicht die Rolle der Einzelverantwortlichen und Eigenmächtigen erlernen konnte bzw. musste. Du bist es sozusagen gewohnt, allein für Dich und Alle(s) zuständig und verantwortlich zu sein. Natürlich ist Dein Bruder eine Hilfe, natürlich Deine Mutter eine wichtige Freundin. Es geht nicht darum, Dir die Angst zu nehmen (siehe mein obiger Beitrag), sondern sie lediglich zu verstehen.
Auch Dein Mann ist zum großen Teil für sich selber verantwortlich und sorgt ja auch sehr gut für sich. Deine Unterstützung ist freiwillig, willkommen und liebenswert.

Zitat von KampfderAngst:
Wir reden darüber, aber natürlich versuche ich ihn auch da zu schonen.

Das würde ich unbedingt beibehalten. Bist Du Dir sicher, dass Du ihn dadurch belastest? Solche Gespräche mögen anstrengend sein, ja. Aber sie sind immer auch ein Beziehungshafen, eine Stille Bucht, wo ihr Euch genau in Eurer (vermeintlichen) Hilflosigkeit begegnen könnt.

Vielleicht versucht Ihr, einfach solche Gespräche etwas anders zu führen, achtsamer, ergebnisoffener, leiser, undramatischer. Weißt Du, worauf ich hinaus will?

28.10.2022 07:00 • x 3 #6


KampfderAngst
Liebe(r) moo....erstmal nur danke! Ich antworte später in Ruhe. Lasse deine Worte gerade sacken. Du hast es wirklich auf den Punkt getroffen...
Bis später

28.10.2022 09:30 • x 2 #7


KampfderAngst
Mein Wunsch nach Sicherheit ist tatsächlich übermächtig! Schon in der Tagesklinik ( 12 Wochen in 2015 ) war das ein Thema.
Solange alles in ruhigen und gewohnten Bahnen läuft - prima. Aber wenn nicht, sind Angst und Unruhe wieder schnell präsent.
Ich versuche - diesmal - mich dieser Angst und Unruhe nicht hilflos ausgeliefert zu fühlen. Klappt bedingt...

Gestern hatte ich ein gutes Gespräch mit meinem Mann - danke für den Anstoß. Habe ihm erklärt, dass mir zu Zeit einfach ALLES Angst macht. Das Wochenende, die Zeitumstellung, jeder nächste Schritt birgt für mich große Unsicherheit.

Ich möchte gerne versuchen, die Angst anzunehmen, ihr zuzuhören und sie dann wieder ziehen lassen...wenn ich doch nicht so voll von ihr wäre.

29.10.2022 08:20 • x 1 #8


moo
Zitat von KampfderAngst:
Solange alles in ruhigen und gewohnten Bahnen läuft - prima. Aber wenn nicht, sind Angst und Unruhe wieder schnell präsent.

Ruhe und Gewohntes sind jedoch letztlich reine Interpretationen. Wann begann z. B. Ruhe als solche empfunden zu werden, wann wurde das Erlebte Gewohnheit?

Natürlich verstehe ich, was Du meinst und der Sprachgebrauch ist ja auch meiner. Aber bei genauem Hinsehen ist das nur eine - relativ instabile und äußerst oberflächliche - Bezeichnung. Der Geist zeichnet aus der Vergangenheit seine Welt, weil er glaubt, sie wiederzuerkennen. Unser Erleben ist also eine Erwi(e)derung, ja, eine Verwiederung unseres Erlebens. Man kann das auch geistige Prägung nennen.

Was dieser Gewöhnung nicht auf´s Haar gleicht, birgt aus o. g. Gründen Gefahr. Was in der Therapie vorwiegend versucht wird, ist, die Gefahr als gefahrlos darzustellen oder sie zumindest zu relativieren. Was jedoch nicht oder nur selten gemacht wird, ist, das gewohnte Erleben zu durchleuchten, also die Gewöhnung an sich.

Beispiele:

Zitat von KampfderAngst:
Das Wochenende, die Zeitumstellung, jeder nächste Schritt birgt für mich große Unsicherheit.

Was ist Wochenende denn eigentlich (ohne Deine vorauseilende Interpretation)?
Was bedeutet Zeitumstellung denn eigentlich noch, außer eine andere Zeigerstellung auf einer von Menschen erfundenen Uhr, die wiederum eine - letztlich rein fiktive - Maßeinheit wiedergibt?

Allein diese berechtigten Fragen zeigen ganz deutlich, wie ignorant unsere Gewöhnung tatsächlich ist!

Zeit z. B. ist nichts anderes als eine Verhackstückelung unseres Erlebens. Ähnlich verhält es sich mit Orten. Auf Zeit und Raum sind jedoch unsere Verhältnismäßigkeiten aufgebaut - und somit auch unsere Angst vor etwas. So gesehen, hat Angst eigentlich gar keine Grundlage.

Zitat von KampfderAngst:
Ich möchte gerne versuchen, die Angst anzunehmen, ihr zuzuhören und sie dann wieder ziehen lassen...wenn ich doch nicht so voll von ihr wäre.

Um Angst annehmen zu können, muss man sie zuerst verstehen. Wenn sie übermächtig scheint, muss man sich vor Augen führen, dass das nicht im mindesten angemessen sein kann (außer in offensichtlich akut lebensgefährlichen Situationen).

Ein großer Vorteil dieses Forums ist, dass man seine eigenen Themen und die Antworten darauf immer wieder durchlesen und aus einer neuen Sicht entsprechende Einsichten daraus gewinnen kann. Bedenke, dass Gewöhnungen viel Zeit hatten, um sich zu bilden. Ihre Auflösung bedarf zumeist einiger Zeit und Hingabe, aber je bewusster und wissender Du bist, umso schneller und nachhaltiger ist eine (Er-)Lösung möglich.

Vielleicht hilft Dir folgender Blickwinkel: Deine geistige Gesundheit ist weder weit entfernt noch bedarf es eines bestimmten Zeitraums, sie zu verwirklichen. Es ist nicht etwas, das Du erreichen oder (zurück-)erlangen kannst, sondern Du bezeugst sie, indem Du verstehst, wie der Geist arbeitet. Im Verständnis selbst liegt die Freiheit selbst.

Der Spiegel blickt in den Spiegel...

29.10.2022 09:15 • x 2 #9


KampfderAngst
Ich glaube und versuche zu verstehen was du meinst.
Fällt mir gerade etwas schwer....wenn ich gesund bin, geht es leichter es aus diesem Blickwinkel zu betrachten.

29.10.2022 15:17 • x 1 #10


KampfderAngst
Heute haben wir eine lange Fahrradtour gemacht, Minigolf gespielt und sind noch was leckeres essen gegangen.
Ich glaube, das war zu viel, obwohl der Tag wirklich schön war.

Nachmittags habe ich mich was auf dem Sofa ausruhen wollen und ein bisschen meditieren. Habe eine fette Panikattacke bekommen...puh.

Und wie immer - in meinen schlechten Phasen - geht es mir abends gut.

Mal schauen, was der Tag morgen bringt.

30.10.2022 20:41 • x 1 #11


KampfderAngst
Ich habe heute festgestellt, dass ich so eine große Angst vor einem Rückfall meines Mannes habe, weil ich Angst habe das dann nicht zu schaffen. Ich Bin so unendlich erschöpft und müde, was jetzt erst rauskommt, dass ich einfach zu nix mehr fähig bin.
Kennt das jemand von euch? Eine totale Erschöpfung zu haben?

Danke für eure Antworten

02.11.2022 12:43 • #12


A


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