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J
Hallo, mein Name ist David und ich bin 29 Jahre alt. Ich habe seit der 7.Klasse mit Angststörrungen zu kämpfen, im Alter von 14 Jahren. Vorab entschuldige ich mich für jeweilige Rechtschreibfehler oder grammatikalische falsch gebildete Sätze, da ich nicht so häufig längere Texte verfasse.

Ich weiß im Moment nicht weiter und dachte mir, dass ich hier eventuelle Menschen treffe, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben und mir Tipps geben können.

Hier ist meine Geschichte: 2006-2021

Ich war schon immer ein sehr ruhiger, introvertierter Mensch, der meistens nicht viel geredet hat. Schon gar nicht im Beisein von fremden Personen. Von meinen Eltern wurde ich sehr über behütet, sodass ich mich selber um nichts kümmern musste. Sei es irgendwo anzurufen und einen Termin zu vereinbaren oder sonstige Sachen.
In der Grundschule war ich ein Musterschüler, immer gelernt, freiwillige Vorträge oder Zusatzaufgaben gemacht. Als ich dann auf das Gymnasium kam, hatte ich die ersten Drucksituationen, da ich Angst hatte, das Probehalbjahr nicht zu bestehen und zu versagen. Des Weiteren kam die neue Klasse dazu, neue Mitschüler und neue Umstände.

Ich weiß noch ganz genau, dass ich meine ersten Angstzustände im französisch Unterricht hatte. Dort wurden am Anfang zu jeder Stunde die Vokabeln kontrolliert. Einer musste dann nach vorne und der Vokabel Test begann. Dort fing es dann an, dass ich dort saß und ich die ersten Würganfälle hatte, was mir natürlich sehr unangenehm war. Als ob sich der Hals total zusammen zieht und ich nichts dagegen machen kann. Das wurde dann von Zeit zurzeit immer schlimmer. Irgendwann bin ich dann früh aufgestanden und hatte dann vor der schule extreme Würganfälle mit erbrechen. Auch auf dem Weg zur Schule, sodass ich beim Laufen würgen musste.
Das war dann auch auf Klassenfahrten, Wandertagen, Sportunterricht oder auch ganz schlimm bei Vorträgen. Wenn ich schon gehört habe, dass ich einen Vortrag halten muss, wurde mir schlecht und mein Hals hat sich wieder zusammen gezogen. Bis dato hatte ich mir auch keinen Kopf gemacht, dachte halt irgendwie das es normal sei. Jedoch hatte ich das dann jeden Tag nachdem ich aufgestanden bin und es hat mich einfach nur noch fertig gemacht. Ich wollte nicht mehr in die Schule gehen, habe nicht mehr richtig mitgemacht, habe nicht mehr gelernt, mir war alles gleich. Bin zur Schule gegangen und habe meinen Kopf auf den Tisch gelegt.

Ich wollte einfach nur noch aus der Situation raus. Ich hatte damals gerade so die 11. Klasse geschafft und das Abitur stand an. In den Sommerferien war ich sechs Wochen nur zuhause, habe mich eingeschlossen und nur noch vor dem PC gesessen. Selbst da hatte ich die Würganfälle und habe nicht mehr viel gegessen. Dann hat die 12. Klasse angefangen. In der ersten Woche fing es dann schon damit an, Vorträge zu halten. Es wurde immer schlimmer, jeden Tag habe ich mich übergeben, ich war müde und hatte keine Kraft mehr. Ich habe dann nach einer Woche die Reißleine gezogen und die Schule abgebrochen. Wenn ich heute so daran denke, habe ich mich geschämt und mit niemandem wirklich über meine Symptome gesprochen. Wahrscheinlich hätte ich mit den Lehrern über meine Probleme sprechen können, jedoch habe ich das nie gemacht. Als ich dann abgemeldet war, ist so eine Last von mir gefallen und ich dachte, dass nun alles besser wird. Jedoch war das nicht so, ich hatte nun nichts. Keine Schule und kein Job. Ich war dann nur noch zuhause und habe gezockt. Bin gar nicht mehr rausgegangen und habe mich auch nicht mehr mit Freunden getroffen. Ich konnte dann auch irgendwann nicht mehr im Restaurant oder bei Geburtstagen etwas essen, weil ich ständig die Symptome hatte, sodass ich solche Sachen auch gemieden habe. Habe nach einiger Zeit einen Minijob ausgeführt, bei dem ich aber auch nur Probleme hatte. Das war dann irgendwann überall so. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde. Ständige Würgereize und das Gefühl zu erbrechen. Meine größte Angst war auch, vor anderen Menschen zu erbrechen.
Bin dann irgendwann mit meinen Eltern zu allen Fachärzten gegangen. Körperlich war ich kerngesund. Also konnte es nur noch an der Psyche liegen. Sodass ich dann mit der ersten Verhaltenstherapie angefangen habe, bei der sich herausstellte, dass ich eine soziale Phobie habe.

Gleichzeitig habe ich eine Ausbildung zum Maurer angefangen. Meine Eltern wollten mich aus dem Loch rausholen und da mein Vater selber Maurer ist und Kontakte hatte, war das die einfachste Lösung. Ich hatte auch keinen Plan was ich machen wollte. Außerdem war mein MSA auch nicht so gut…

Und es widerholte sich alles. Es war der reinste Horror für mich. Jeden Tag ging es mir schlecht. Jeden Tag habe ich mich übergeben. Wenig gegessen obwohl ich körperlich schwer arbeiten musste. Meistens konnte ich nur am Abend essen. Ich bin auch nicht der größte mit meinen 1.67m und 53kg zu der Zeit. Irgendwann war ich sogar nur noch bei 49kg. Ich habe mich zurückgezogen, habe mein Leben nicht mehr richtig gelebt. War nur noch mit mir selbst beschäftigt. Habe mich zur Arbeit gequält um danach dann nur noch zu schlafen. Wenn ich heute so darüber nachdenke, habe ich viele meiner besten Jahre damit verschwendet, alleine zu sein und nichts mehr zu unternehmen.
Die Verhaltenstherapie hat mir auch nicht so wirklich viel gebracht. Habe Antidepressiva bekommen.
Noch schlimmer wurde es auf der Arbeit, wenn ich wusste, dass wir auf der Baustelle grillen. Hatte panische Angst davor, dass ich nichts essen kann und ich mich eventuell übergeben muss. Habe es mir dann irgendwie reingezwungen, weil die Kollegen schon mitbekommen haben, dass ich nie etwas esse und dann auf der Baustelle. Da gab es dann auch oftmals blöde Sprüche von der Seite. Habe die Ausbildung unter den schlimmsten Bedingungen aber bestanden und habe auch ein halbes Jahr früher ausgelernt. Danach habe ich einige Monate weiter als Maurergeselle gearbeitet, bis ich irgendwann gemerkt habe, ob es das wirklich ist, was du in deinem leben machen willst. Habe meinen ganzen Mut zusammen genommen und angefangen das Fachabitur zu machen. Und da genau dasselbe Spiel mit meinen Symptomen. Jeden Tag gewürgt, habe mir so einen Druck gemacht, Angst vor den Prüfungen, Angst vor Vorträgen, Angst zu versagen. Vorträge habe ich so gut wie möglich vermieden. War dann krank. Gelernt habe ich auch nicht, habe meistens gespickt. Ich hatte keinen Kopf für das alles, da ich immer mit mir selber beschäftigt war. Mein Leben bestand daraus, zur Schule zu gehen und als ich dann zuhause war, habe ich nur noch geschlafen. Keine Unternehmungen, keine Freunde, keine Freude mehr am Leben. Ich habe auch nur daran gedacht, das Fachabitur auf Krampf gut zu bestehen.

Zur gleichen Zeit war ich glaube ich schon bei der 3. Verhaltenstherapie. Es wurde vielleicht ein bisschen besser, aber die Probleme hatte ich trotzdem noch jeden Tag. Mein Fachabitur habe ich dann erfolgreich bestanden. Jedoch war diese Zeit für mich eine einzige Qual. Danach habe ich mich für ein Studium für das Bauingenieurwesen entschieden. Nun war ich Student und wollte hoch hinaus. Jedoch wurde es wieder schlimmer. Die neuen fremden Leute, der Druck, das ganze Wissen, die Angst vor dem Versagen, Angst das es mir wieder jeden Tag schlecht geht. Meine Krankheit stand mir im Weg. Und wieder mussten wir Vorträge halten. Bis ich dann zu diesem Kurs nicht mehr hingegangen bin. Ich war zwar da, aber geistig nicht mehr richtig anwesend. Habe nur noch darüber nachgedacht, warum das nicht aufhört. Jeden Tag musste ich mich übergeben, es hat mir so sehr die Kräfte geraubt. Bis ich dann nach einigen Wochen nicht mehr zur Uni gegangen bin und wieder zuhause gesessen habe. Meinen Eltern habe ich auch angelogen und gesagt, dass alles gut läuft.

Dazu kamen dann noch extreme private Probleme. Mein Vater lag im künstlichen Koma. Zu dieser Zeit war ich am Tiefpunkt angelangt.

Gott sei Dank hat mein Vater überlebt. Ich habe das Studium abgebrochen. Nun stand ich wieder am Anfang und wusste nicht mehr weiter. Habe dann meine alte Firma kontaktiert und dort wieder not gedrungen als Maurer angefangen zu arbeiten. Was ich eigentlich nicht mehr wollte. Aber auch dort dieselben Probleme gehabt. Ich hatte es einfach überall und egal was ich gemacht habe. Nach weiteren zwei Jahren auf der Baustelle hatte ich die Schnauze voll von dem Beruf. Wollte nun einen neuen Anlauf wagen und eine Umschulung zum Immobilienkaufmann machen. Einen drei monatigen Vorbereitungskurs bei dem man Grundwissen erlangte und sich bei etlichen Firmen bewirbt. Mir wurde wieder alles in die Karten gespielt. Alles hat geklappt und ich wurde bei einer bekannten und guten Firma eingestellt. Im Vorbereitungskurs mussten wir auch wieder Vorträge halten. Dort hatte ich auch wieder panische Angst und Panikattacken, sodass ich mich an den Tagen krankgemeldet habe. In der neuen Firma war ich auch wieder sehr nervös und was soll ich sagen. Nach dem Aufstehen wieder übergeben. In dem Beruf hat man natürlich viel mit Menschen zu tun. Von Anfang an hatte ich Angst, es nicht zu schaffen. Zu telefonieren, mit Mietern zusammenzusitzen, Wohnungsbesichtigungen durchzuführen und Angst davor zu haben, mich dabei irgendwie zu blamieren. Des Weiteren gab es in der ersten Woche einen Azubilehrgang übers Wochenende, an dem ich als neuer alle Azubis kennen gelernt habe. Diese drei Tage waren der Horror für mich. Zusammen kochen und zusammen essen. Ich habe mir nur einen Kopf darüber gemacht, mit den ganzen fremden Personen gemeinsam zu essen. Da ich Angst habe, vor allen zu erbrechen. Es war dann so, dass ich nach dem Essen auf dem Klo alles erbrochen habe. Auch dort mussten wir Vorträge halten und sich vorstellen. Es war einfach nur der reinste Horror für mich und ich wollte nur noch nachhause. Es hat sich so angefühlt, als ob ich da bin, aber nur körperlich. Es war die komplette Leere in mir.

Dann ging die Berufsschule los… Und was soll ich sagen, wieder dasselbe. Nach einer Woche habe ich mich krankgemeldet. Ich habe mich dort so unwohl gefühlt. Wir mussten dann auch gleich wieder Vorträge halten, ich habe einfach so eine panische Angst davor, vorne zu stehen und vor lauter Nervosität würgen zu müssen. Oder mich anderweitig zu blamieren. Habe dann das Gespräch mit meinem Chef gesucht, der mir auch helfen wollte. Jedoch habe ich komplett abgeblockt und wollte wie damals in der Schulzeit komplett raus aus der Situation. Ich habe gekündigt und wieder eine Chance im Leben vertan.

Was habe ich danach gemacht, ich bin wieder auf die Baustelle gegangen und habe als Maurer gearbeitet. Obwohl es mir dort nicht besser geht, ist es doch immer irgendwie meine sichere Nische. Da muss ich keine Vorträge halten, aber dafür körperlich schwer arbeiten. Dort bin ich auch nicht zufrieden und denke an mein Leben nach. Nach einem Jahr habe ich dort dann auch wieder gekündigt, weil ich wieder mal keine Lust auf den Beruf hatte und es mir keine Spaß macht. Dazu muss ich sagen, dass ich dort auch oft meine Symptome hatte. Dann kam Corona und ich war einige Monate arbeitslos und wusste nicht mit meinem Leben anzufangen. Gott sei Dank habe ich meine Traumfrau kennengerlernt, die mich in allen Dingen unterstützt und mir Kraft gibt. Nun bin ich wieder auf der Baustelle als Maurer, ich komme davon nicht weg. Ich bin jedoch so unglücklich in dem Beruf, die Kollegen haben alle Alk. oder andere Probleme. Ich will nicht sagen das ich etwas Besseres bin, jedoch passe ich einfach nicht in das Klientel. Ich habe mein Fachabitur gemacht und bin auch nicht der kräftigste für diesen Beruf. Ich schaue mich die ganze Zeit um und überlege was ich machen kann. Jedoch ist das alles nicht so einfach bei mir, weil ich Angst habe wieder meine Panikattacken zu bekommen und wieder zu versagen.
Es ist wie ein Teufelskreis, ich komme da einfach nicht raus. Nun bin ich 29 und weiß langsam im Berufsleben nicht mehr weiter. Das Arbeitsamt hat mich zwecks einer Umschulung nochmal gefragt, aber ich weiß nicht was für mich das Richtige ist.

Das ist das erste Mal, dass ich mir auf diesem Wege Hilfe suche… Aber ich weiß einfach nicht mehr weiter….Vielleicht kann mir jemand helfen…

Ich wünsche allen schon mal ein schönes Weihnachtsfest!

23.12.2021 13:18 • 09.10.2022 #1


3 Antworten ↓


-IchBins-
Hallo @Jindujun
Ich lese in deinem Beitrag viel das Wort Angst. Das bedeutet, zu lernen, mir der Angst Freundschaft zu schließen, um sie abzuschwächen. Kampf und Druck erzeugt nur noch mehr davon.
Ich bin ebenfalls überbehütet aufgewachsen und hatte es deshalb später nicht leicht, eben weil sich viel um mich gekümmert wurde, ich auch nie wirklich wusste, was ich so im Leben wollte. Die Angst war mein ständiger Begleiter, seit meiner Kindheit an, bloß wurde damals noch nicht darüber geredet und ich habe sie jahrelang unterdrückt und/oder auch überspielt. Irgendwann wurde ich deshalb krank.
Therapien, Medikamente ohne langfristigen Erfolg. Es wurde noch schlimmer und dann habe ich kapiert, dass ich intensiv an mir arbeiten muss. Das tat ich und habe nun Erfolg damit. ich bin meinen eigenen Weg gegangen ohne weitere Therapie und auch ohne Medikamente.
Ich glaube, dass es jeder schaffen kann, es braucht halt nur enorme Willenskraft jedoch ohne sich starken Druck zu machen, Geduld.
Wenn die noch nicht da ist, leidet man vielleicht noch nicht genug und es könnte noch schlimmer kommen, wenn ich das aus meiner Perspektive beschreibe.
Wenn du einen klaren Gedanken fassen kannst, setz dich mit dir selbst auseinander (das hast du schon teilweise getan). Mit Achtsamkeit, Akzeptanz der Dinge kannst du es schaffen, zum nächsten Schritt zu kommen und dann zum übernächsten usw.

23.12.2021 22:01 • #2


A


Arbeitsleben mit einer sozialen Phobie, Würgereiz/Erbrechen

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J
Hallo, danke für deine Antwort.

Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich vor alles Angst habe. Sei es ein Telefonat zu führen, im Restaurant etwas zu bestellen, Vorträge zu halten, oder sonstige soziale Situationen. Ich probiere auch, diese Situationen nicht zu meiden. Aber es ist wie ein Kampf für mich, den Mut zusammen zunehmen und eine fremde Person anzurufen. Ich mache mir schon davor so einen Kopf, dass ich mich eventuell dämlich anstelle und ich mich in irgendeiner Weise blamiere. Ich fühle mich auch ständig beobachtet und denke mir manchmal, was andere Menschen über mich denken. Gerade wenn ich in einer Runde sitze, wo auch fremde Menschen dabei sind. Mein Kopf ist nur am denken, was in jener Situation passieren könnte. Und die Meinung anderer ist mir irgendwie total wichtig. Obwohl ich mir selber sage, dass es mir egal ist, aber irgendwie dann doch nicht. Und jedes Mal sage ich mir, was soll schon passieren. Und wenn dann ist es so. Aber in den Situationen sieht es dann ganz anders aus. Die Angst ist mein ständiger Begleiter und ist solch eine Last am Bein. Jeder Tag ist für mich eine Herausforderung. Das schlimmste für mich, ist auch einfach der Würgereiz. Das ist die Angst vor der Angst. Wenn ich wüsste, dass ich morgen ein Vortrag vor 30 Personen halten müsste, würde sich mein Hals zusammen ziehen und ich müsste mich wahrscheinlich übergeben. Alleine zuhause ist das kein Problem, aber meine größte Angst ist es, das dies beim Vortrag passieren könnte und alle sich denken, was mit mir los ist oder mich auslachen. Ich kenne mich sehr gut und probiere damit zu leben, aber es ist einfach so Kräfte raubend. Einige Situationen haben sich aber schon sehr gebessert, sei es wieder mit Freunden und Familie essen zu gehen.

Wie hast du an dir gearbeitet wenn ich fragen darf. Was hast du vor bestimmten Situationen gemacht, damit du sie gut überstehst bzw. wie sah dein Alltag aus. Hast du Entspannungsübungen durchgeführt oder dergleichen?

Danke schon mal

06.01.2022 18:13 • #3


Lindisch
Hey David,
Ich heiße Linda und habe ähnliche Probleme.
Auch wenn dein Thema schon etwas zurück liegt, möchte ich dir trotzdem unbedingt antworten. Deine Geschichte hat mir persönlich Kraft gegeben, weil ich gesehen habe was für ein Kämpfer du bist.
Ich bin ebenfalls 29 und leide auch an ständigen Magenbeschwerden und Übelkeit. Als Kind wurde ich auch überbehütet und kam nicht damit klar, als es Zeit war sich abzunabeln.
Schüchtern war ich schon immer und sozial ängstlich, allerdings hat mir die Schule keine Probleme bereitet. Dort hatte ich meine Freunde, der Fokus lag nicht so auf mir persönlich und ich war der typische Musterschüler. Meine erste Bekanntschaft mit der Übelkeit hatte ich mit 15, als ich schwer verliebt war. Als er mir seine Liebe gestand habe ich mich erstmal übergeben und konnte zwei Wochen lang nicht richtig essen.
Doch schlimm wurde es erst als ich mit 19 zuhause auszog und 150km weit weg von meiner Familie zu meinem Freund. Ich wollte dort ein Studium beginnen. Ich kämpfte mit starker Übelkeit und nahm ab. Ich war sowieso immer ein sehr dünnes Mädchen und da fielen 2 Kilo weniger schon echt krass auf. Im Studium ging es mir zuerst gut. Ich lernte neue Freunde kennen und mochte die Athmosphäre. Jedoch stellte ich schnell fest, dass ich den Anforderungen nicht gewachsen war. Ich weinte oft vor Überforderung und hatte keine Freizeit mehr. Also beschloss ich das ganze abzubrechen und eine Ausbildung zu beginnen. Ich fand eine Stelle und mein toller Begleiter die Übelkeit war schwerwiegend da. Schlimmer als je zuvor. Jeden Morgen Unruhe, früh wach, starke Übelkeit, erbrechen. Für mich war alles wie ein schrecklicher Kampf. Vor der ersten Ausbildungswoche hatte ich regelrecht Todesangst, weil dort eine Einführungswoche für alle Azubis veranstaltet wurde. Weit weg von zuhause mit fremden Menschen in einer Jugendherberge übernachten. Ich hielt es zuhause nicht mehr aus und ging zum psychiatrischen Notdienst. Ich bekam Mirtazapin und die Diagnose Mittelgradige Depression. Das Medikament half mir allerdings am Anfang sehr gut. Ich konnte wieder schlafen und essen und begann auch eine Verhaltenstherapie. Dort wurde mir auch die soziale Phobie bestätigt. Der größte Witz an der Sache mit der Azubiwoche war… es ging mir nur den ersten Tag extrem dreckig. Ich war ständig kurz vorm übergeben. Die anderen Tage waren dann auf einmal super…
In der Ausbildung hatte ich hauptsächlich im Betrieb meine Probleme. Ich wollte alles richtig machen, wollte möglichst wenig auffallen (was bei einem Labor mit 3 Menschen schwer geht), der Ausbilderin möglichst aus dem Weg gehen und alles schnell hinter mich bringen. Ich machte mir oft so einen Druck, dass ich mich auch ab und zu auf der Toilette übergeben musste.
Irgendwie habe ich aber die Ausbildung beenden können. Was wahrscheinlich ohne meine tollen Azubikollegen aus anderen Firmen nie möglich gewesen wäre.
Mit Abschluss meiner Ausbildung trennte ich mich auch von meinem langjährigen Freund. Und es ging mir natürlich wieder richtig dreckig. Aber eher deswegen, weil ich wusste ich muss bald eine neue Stelle antreten in einer anderen Firma. Ich zog in eine neue Wohnung, war aber nie wirklich allein. Ich hatte bereits einen neuen Freund, den ich seit der Ausbildung schon 3 Jahre vorher kannte.
Bis jetzt ist es mir unmöglich allein leben zu können. In der neuen Firma ging es mir schlagartig blendend. Es war so anders dort. Freundlich, super Team, abwechslungsreiche spannende Arbeit. Nur ich war befristet und konnte danach nicht übernommen werden. Ich fand ein paar neue Stellen, die alle nicht das wahre waren. Ein Betrieb wo ich war, erinnerte mich von der Größe her zu sehr an meinen Ausbildungsbetrieb. Und rate mal was dort passierte? Ich musste mich einen Tag am Frühstückstisch übergeben. Ich schaffte es nicht mal bis auf Toilette. Damit war meine größte Angst eingetreten. Ich konnte dort nicht mehr hin. Redete mit der Chefin in der Hoffnung sie versteht mein Problem. Erst zeigte sie sich verständnisvoll und berichtete von eigenen psychischen Problemen aus der Familie, aber dann sagte sie, dass sie mich zum Ende der Probezeit kündigen müssten. Meine Welt brach zusammen. Ich dachte ich kann nie wieder arbeiten. Die schlimmste Zeit meines bisherigen Lebens begann. Ich fühlte mich sinnlos, als Last. Würgte mich jeden Morgen fast tot, dachte einerseits ich müsste sterben, andererseits war es aber auch nicht mehr lebenswert. Ich ging in eine psychosomatische Klinik. Ich dachte sie könnten dort etwas für mich tun. Aber sie behandelten mich als essgestörte, die sich selbst bewusst schädigt durch das übergeben. Ich musste mich dort ständig wiegen lassen und mir das Zimmer und Bad mit anderen teilen. Es war Horror.
Nach zwei Wochen entließ ich mich dort selbst. Dann wollte ich erst in eine richtige Psychiatrie wegen einer anderen Medikamenteneinstellung. Doch es war nur in der geschlossenen was frei und dort gehörte ich nicht hin, meinte die Ärztin zu mir. Also war ich wieder daheim. Ich meldete mich für eine Tagesklinik an. Es ging bergauf. Dort war es so toll… Gleichgesinnte, man konnte offen über seine psychischen Macken sprechen und hatte schöne Stunden. Ich bewarb mich auf eine neue Stelle. Bekam eine die ich nicht wollte. Trat sie aber an, weil ich sonst weiter arbeitslos gewesen wäre. Es ging dort einigermaßen weil ich durch die Klinik gestärkt war. Aber die Chefs waren schrecklich und die Arbeit mega langweilig. In der ersten Firma wo ich glücklich war, war nun wieder eine Stelle ausgeschrieben. Ich bewarb mich, bekam den Job. Ich war happy. Tja und das ging eine Weile gut. Jetzt im Moment fühle ich mich wieder schrecklich. Letztens hatte ich einen Azubi betreut, der mir besser gefiel als es sollte. Die Übelkeit kam zurück. Ich bekam Panik auf Arbeit, wurde nach Hause geschickt. Mein Freund und ich hatten ein Gespräch ob wir uns noch lieben. Ich war verzweifelt, flüchtete zu meiner Familie. Dort ging es mir gut. Ich raufte mich mit meinem Freund wieder zusammen. Es schien alles wieder hinzuhauen. Doch als die Arbeit wieder los gehen sollte, bekam ich mega Panik. Wache jetzt jeden morgen schon zwischen 3-5 Uhr auf, Unruhe, Angst, würgen, Übelkeit. Keine Ahnung wie ich das wieder schaffen soll.
Du siehst wir sind uns teilweise sehr ähnlich.
Entschuldige meine lange Story.

Einen richtigen Weg heraus habe ich leider selbst noch nicht gefunden. Habe mich wieder für eine neue Therapie angemeldet und hoffe, dass ich über eine Wiedereingliederung in die Arbeit zurück finden kann.

Vielleicht würde dir ja auch eine Tagesklinik gut tun?
Ich habe auch schon mal eine Reha gemacht. Die war auch super. Dort hatte ich ein Einzelzimmer und konnte jeden Abend den Pool und die Sauna nutzen. Es war Wellness pur.
Ich glaube irgendwas in unserem Leben passt einfach noch nicht…
Solange das sich nicht ändert, wird es uns nicht besser gehen.
Auf jeden Fall finde ich dich unglaublich stark. Wie du dich jeden Tag erneut gequält hast und die Kraft fandest weiter zu machen. Auch wenn du manches dann doch abbrechen musstest. Du hast sehr lange durchgehalten und gekämpft!

09.10.2022 09:46 • #4





Dr. Christina Wiesemann