Hallo Stephan,
Du hast Recht: Der Leistungsdruck an der Uni ist massiv, der Lerndruck ebenfalls.
Unsere Psychologen haben zu Beginn des Studiums ein Seminar zum Thema BurnOut und Prüfungsangst bzw. Lernstress gehalten. Ich hab die Zettel, die wir bekommen haben, aufgehoben, und ich tippe dir mal eben die wichtigsten Tipps ab und kombiniere sie mit meinem Wissen zum Thema Lernen und meiner Erfahrung. Vielleicht kennst du das Alles auch schon, kannst es aber noch nicht korrekt umsetzen, vielleicht hilft es dir auch etwas.
1. Lernplan erstellenWie hast du denn damals aufs Abi gelernt? Ich hab es so gemacht, und das ist auch der Tipp der Psychologen gewesen, dass ich mir einen Plan erstellt hab. Erst eine kurze Übersicht über die Lerninhalte, einen Stoffüberblick erstellen, dann vom Prüfungstag an rückwärts planen. Das hat dazu geführt, dass ich teilweise 3 Monate vor einer Prüfung schon zu lernen begonnen hatte, war aber auch gut so. So konnte ich mir den Stoff in kleinen Einheiten am Tag einplanen anstatt in großen Einheiten lernen zu müssen. Du schreibst, du machst 8-10 Stunden am Tag nur Uni, das ist zu viel. Da bleibt ja gar keine Zeit mehr für’s Leben.
Ich glaube, dass du vielleicht zu umfassend lernst, du kannst aber nicht allen Stoff in dein Gehirn rein quetschen, das geht einfach nicht. Du musst lernen, das Wichtigste heraus zu filtern. Wenn ich z.B. eine Seite im Buch gelesen habe, hatte ich danach 5 kleine Einzeiler auf meinem Blatt –fertig. Das Eine leitet zum Anderen über, alle Details und Einzelheiten kann und muss man nicht wissen. Übrigens hab ich die Blätter dann immer nochmal durchgearbeitet, mir immer wieder zusammen geschrieben, bis ich am Ende 10 Seiten im Buch auf einem Blatt Papier zusammen fassen konnte. Am Ende reichten mir Stichpunkte, an denen ich mich entlang hangeln konnte. Damit hatte ich bisher immer den größten Erfolg, aber es gibt auch verschiedene Lerntypen, jeder lernt anders. Bei mir hilft das Zusammenschreiben jedenfalls enorm.
2. Pausen einplanenDas machst du scheinbar kaum bis gar nicht. Ich kenne das auch, dass bei uns ab November keiner mehr mit gutem Gewissen noch am Wochenende weg gehen wollte. Lieber Daheim hocken und lernen, lernen, lernen. Am Ende saßen alle total gerädert in der Uni, obwohl sie ihren Tag bloß noch Daheim vor dem Schreibtisch verbracht haben, waren ihres Lebens nicht mehr froh und klagten über die Uni, die sie so sehr einschränkt. Dabei haben sie sich das selber zuzuschreiben. Ich nehme mir Samstag und Sonntag ganz bewusst komplett frei. Dafür muss ich unter der Woche mehr machen, das ist klar. Als Ausnahmeregelung erlaube ich mir manchmal, auch Sonntags was zu machen, wenn zu viel Arbeit liegen geblieben ist. Aber ansonsten gehe ich am Wochenende bewusst weg und unter Leute, hab meinen Spaß und denk einfach gar nicht ans Lernen –und zwar mit gutem Gewissen!
Pausen steigern auch das Leistungsniveau. Es gibt Studien, in denen Studenten 25 Minuten lernen und 35 Minuten Pause machen sollten beim Lernen, immer im Wechsel. Die Anderen sollten durchgehend lernen. Das Erstaunliche war, dass die, die pro forma weniger Zeit zum Lernen hatten, am Ende mehr Stoff im Kopf hatten als die Studenten, die 3 Stunden am Stück durch geackert haben. Es geht nicht ohne Ablenkung, Spaß, und vor Allem Pausen. Eine andere Studie hat gezeigt, dass jede Veränderung des Tagesablaufes vor der Prüfung sich negativ auf das Ergebnis ausübt. Wer also normal nur 2 Stunden am Tag lernt und dann plötzlich 5, wer normalerweise um 11 ins Bett geht, in den Wochen vor der Prüfung aber noch bis 1 büffelt, der sahnt am Ende die schlechten Noten ab. Er hat zwar von den Stunden her gemessen „mehr“ gelernt, aber im Kopf kommt davon nichts an. Wer kurz vor den Prüfungen viel Zeit aufwendet, um zu pauken, der setzt auf’s falsche Mittel. Lieber sehr zeitig anfangen und dafür den Tagesablauf im Großen und Ganzen beibehalten. Und dazu gehört auch, dass man eben weg geht, sich Auszeit gönnt und Spaß hat –wie normal auch.
Sonst lebt man am Ende nur noch für die Uni, und das kann niemals glücklich machen.
Ich hab den Effekt mit den Pausen übrigens bei mir selber beobachtet. In der 12ten Klasse Kollegstufe war ich heillos überfordert mit dem vielen Stoff, ich hab jeden Tag bis 10 oder 11 gelernt, und danach bin ich ins Bett. Ich hab den ganzen Tag nur Schulzeug gemacht, war unglücklich, traurig, und ich hatte nicht die Noten, die ich haben wollte. Nur 3er, eher mittelmäßig eben. Dann hab ich begonnen, mir bewusst Auszeiten zu nehmen. Ab 8 war Schluss mit Lernen, egal, was liegen blieb –Punkt. Am Wochenende nahm ich mir ganz frei. Diese Regelung hab ich strikt eingehalten, und das hat dazu geführt, dass ich gelernt hab, meine Zeit besser einzuteilen, das Lernen zu planen. Ich hab zwar am Anfang viel geflucht und geschimpft, aber nach ein paar Wochen konnte ich viel effektiver lernen und den Stoff effizienter zusammen fassen und aufnehmen. In der 13ten Klasse hab ich so wenig für die Schule gemacht wie niemals zuvor, und trotzdem nur noch 1er und 2er geschrieben. Ich hab am Tag nur noch 2-3 Stunden effektiv gelernt, die restliche Zeit war ich unterwegs und hatte einfach meinen Spaß, ohne an die Schule zu denken, und trotzdem hatte ich bessere Noten als die Anderen, die immer noch jeden Tag bis zum Zubettgehen geackert haben. Und vor Allem: Ich war zufriedener als die.
3. Richtig LernenDas sind einfache Mittel, die eigentlich jeder kennt, trotzdem nochmal: Bilder und Diagramme sind einprägsamer als lange Sätze, kurze prägnante Stichpunkte mit Folgepfeilen lernen sich besser. Nicht auswendig lernen, sondern Zusammenhänge erkennen und sich auf diese Konzentrieren. Warum ist das so? Wozu führt es? Was folgert daraus? Einen Tag vor der Prüfung gar nichts mehr Neues lernen. In jeder Stunde mindestens 10 Minuten Pause machen, in der man sich bewusst entspannt oder sich was Schönes gönnt. Mittags eine lange Pause von 1-2 Stunden, in der man total abschalten kann, Abends ebenso. Dabei sind aber keine Gedanken an den Lernstoff erlaubt, sonst bringt die Pause gar nichts.
4. Prüfungsangst verlenenJa, das geht! Hier sind ein paar Tipps von den Psychologen:
- Progressive Muskelentspannung
- Sich Worst-Case-Szenarios ausmalen, also z.B. „Was passiert, wenn ich die Prüfung nicht schaffe?“ Antwort: Dann wiederhole ich sie eben im nächsten Semester, das ist den besten Studenten schon passiert. Davon geht die Welt nicht unter! Weder wird dich deine Familie verstoßen noch werden deine Freunde nichts mehr mit dir zu tun haben wollen. Du bleibst doch trotzdem der gleiche liebenswerte Mensch.
- Positiv denken: Nicht „Was muss ich noch lernen“ sondern „Was hab ich schon erreicht?“
- Frei sein von überhöhten Ansprüchen: „Ich gebe mein Bestes und das wird reichen!“
- Kämpferische anstatt ängstliche Haltung.
(Das kann ich bestätigen. Ich bin nie in eine Prüfung gegangen mit dem Gedanken „Oh nein, was wenn..!“ sondern immer mit einem Kampfschrei: Bring it on! Ich hatte keine Angst vor der Prüfung, sondern ich hab mich darauf gefreut, ich konnte endlich mein Wissen darlegen, ne gute Note kassieren, und danach feiern gehen.)
- Vergleiche ziehen mit anderen Studenten, die es auch geschafft haben.
(Auch das kann ich bestätigen. Wenn ich doch mal an mir gezweifelt hab, hab ich mir das allerdümmste Mädchen vorgestellt, das im Jahrgang vor mir war und ihre Prüfungen trotzdem geschafft hat. Dann hab ich mir vorgestellt, wie die mal in Bio allen Ernstes gefragt hat, wie eine weibliche Kuh heißt. Daraufhin musste ich immer lachen, und dann hab ich mir gesagt: Also wenn sogar DIE es schafft, dann schaffst du es locker!
Im Endeffekt ist es nichts Besonderes, wenn man vor einer Prüfung nervös ist, es ist ja eine Ausnahmesituation. Schlecht ist es aber, wenn, wie bei dir, sich Alles nur noch um die Prüfung und Leistung dreht und du selber keinen Spaß mehr am Lernen und am Leben hast. Du kannst deine Gedanken diesbezüglich gut ändern, man kann das richtig trainieren und lernen –hab ich auch gemacht. Ich hab mir von anderen Studenten sagen lassen, wie sie an Prüfungen ran gehen, um entspannt zu bleiben, Alles ausprobiert, und das half auch. Du solltest trotzdem zum Psychologen an der Uni gehen, genau für sowas sind die nämlich da. Bei uns kriegt man 6 Gespräche, danach können sie dich an einen anderen Psychologen überweisen, wenn es nötig ist.
Was mir sehr gut geholfen hat, keine Angst mehr zu haben, war folgender Gedanke: Ich hab mir das Semester wie eine Rutsche vorgestellt, und ab dem ersten Vorlesungstag war ich schon rutschen. Die Prüfung war am Ende der Rutsche eine Leine mit bunten Wimpeln dran –also was Gutes. Ich konnte direkt vor der Prüfung eh nicht mehr viel machen, ich war ja schon in Bewegung. Unten ankommen würd eich so oder so, also brauchte ich mir um die Prüfung auch keine Sorgen mehr machen.
Und vor Allem war die Prüfung für mich nie das, worauf ich hingearbeitet habe, sondern bloß eine interessante Herausforderung, in der ich mich beweisen konnte (nicht musste!) –und das Danach, die Entspannung, das Feiern, der Spaß, das war es, worauf ich hingearbeitet hab.
Erfolge in Prüfungen stehen und fallen wirklich mit der richtigen Lerntechnik, dem effektiven Lernen und vor Allem mit der Herangehensweise an die Prüfungen. Es ist ein riesen Unterschied, ob man Angst davor hat oder sich darauf freut. Ich selber bin natürlich auch vor jeder Prüfung nervös, aber es ist eher eine Art freudige Erregung als richtige Angst. Und von den Anderen nervös machen kurz vorher lass ich auch nicht mehr zu –da steck ich mir den mp3-Player ins Ohr und hör den Candyman oder sowas. Lustige Musik eben.
Hier noch ein paar gute Links mit nützlichen Tipps:
http://www.fu-berlin.de/studienberatung ... angst.htmlhttp://www.medi-learn.de/medizinstudium ... d_wichtig/Ich bin auch ein sehr perfektionistischer Mensch und mit Nichts zufrieden, was schlechter als eine 2 ist. Aber man kann Perfektionist sein und trotzdem Spaß am Leben haben –eben mit der richtigen Lerntechnik.
Liebe Grüße,
Bianca