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Tobi_17

Tobi_17
Mitglied

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Meine Angst habe ich das erste Mal Ende der 9. Klasse so richtig wahrgenommen. Ob es davor schon bewusste Ängste gab, wahrscheinlich schon, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Meine ersten Angstzustände erlebte ich anfangs sehr diffus ; ich bin meist einfach nach Hause gegangen, da ich dachte, ich sei krank . Ich hatte meist so ein unwohles Gefühl im Schulgebäude, welches sich verstärkte, wenn ich im Unterricht saß . Was das für Symptome waren, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen.
Zu dieser Zeit hatte ich immer eine mittlere bis starke Angst im sozialen Umgang mit Freunden und Klassenkameraden, wahrscheinlich auch schon davor, woran ich mich aber nicht mehr so gut erinnern kann. Ich hatte so einen inneren Widerstand in mir, wenn ich Kontakt zu meinen Mitschülern aufnehmen wollte, wie eine große Wand, die ich erst überwinden müsste, bevor ich sprechen kann. Das alles war mit einer großen Last an Sorgen verbunden, die ich mir im Umgang mit meinen Mitschülern machte. Vielleicht, weil ich so sein wollte wie sie, um dazu zu gehören. Ich habe oft sehr stark darüber nachgedacht, was ich sagen sollte, um nicht auffällig zu sein. Es war, als würden sich alle um mich herum weiterentwickeln und große Sprünge machen, und ich bliebe auf der Strecke.
Ganz am Ende der 9. Klasse nahm ich meine Zustände erstmals bewusst als Angst wahr und ordnete sie ein. Mein Vater erklärte mir, dass meine Tante Hannah in meinem Alter unter ähnlichen Problemen gelitten hatte. Ab diesem Zeitpunkt ging ich im Grunde nicht mehr zur Schule: Ich war noch bei der Zeugnisübergabe und noch einmal auf einem Schulausflug, den ich jedoch abbrechen musste, weil die Grundangst zu groß war.
Nach den Sommerferien besuchte ich die Schule nur noch kurz. Ich war noch mit auf Klassenfahrt; dort war die Angst eigentlich gar nicht vorhanden, außer auf der Rückfahrt. In der Schule selbst wurde es dann wieder sehr schlimm, und ich blieb schließlich etwa zwei Monate zu Hause.
Als ich wieder zur Schule ging, hatten sich die unangenehmen Gefühle zu anhaltenden Angstzuständen entwickelt. Meine Grundangst zeigt bis heute weitgehend die gleichen Symptome: Schwitzen, Hitzewallungen, veränderte Wahrnehmung, starke Anspannung im unteren Bauch und Harndrang. In meinem Kopf rauschten nur noch Gedanken darum, die Kontrolle zu behalten und alles im Griff zu haben.
Der Harndrang war und ist das belastendste dieser Symptome. Meist traten die Ängste morgens in der ersten Doppelstunde Hauptunterricht auf. Um die Angst zu kontrollieren, bin ich oft auf die Toilette gegangen; anfangs wusste ich noch gar nicht, dass es Angst sein könnte. Auf der Toilette stellte sich dann meist heraus, dass ich eigentlich gar nicht musste - die Gänge waren „erfolglos, was meine Angst entweder verstärkte oder in seltenen Fällen linderte.
Ein weiteres Problem war, dass ich mich in dem Klassenraum mit vielen Mitschülern eingesperrt fühlte. Ich sorgte mich, was die anderen denken könnten, wenn ich den Raum verlasse. Deshalb erlaubte ich mir in einer Doppelstunde meist nur einmal, den Raum zu verlassen und zu meinem sicheren Ort zu gehen. Die Angst war meist schwächer, je freier wir arbeiten durften; bei Gruppenarbeiten fiel es mir zum Beispiel leichter, die Situation zu verlassen.
Erst im Frühjahr gelang es mir, mit Hilfe von Medikamenten und einer Therapeutin, wieder vollständig zur Schule zu gehen. Ich hatte die Angst also „im Griff ; sie war nur noch selten präsent, meist nur in der Früh. Ich wollte dann die Schule beenden und eine Ausbildung oder ein freiwilliges ökologisches Jahr anfangen. Dies tat ich dann auch mit Abschluss der 10. Klasse und einem BBR (Hauptschulabschluss) in der Tasche, den ich mit einer guten Zwei machte.
Nach den Sommerferien fing ich ein FÖJ (freiwilliges ökologisches Jahr) in einem Weltladen an. Meine Aufgaben waren vor allem typische Arbeiten eines Cafés. Hier waren meine Probleme wie weg ; erst nach einiger Zeit im Winter kamen sie wieder. Ich glaube, genau zu dem Zeitpunkt, als ich die Dosis meiner Tabletten senkte. Meine Therapeutin besuchte ich ab der Arbeit im Weltladen nicht mehr, da ich zufrieden mit den Tabletten war und es mir einfach zu anstrengend war, durch die ganze Stadt zu meiner Therapeutin zu fahren. Die Angst steigerte sich zu diesem Zeitpunkt immer weiter, bis sie an manchen Tagen ähnlich schlimm war oder teilweise noch schlimmer als in der Schule.
Ich hatte teilweise so starke Angstzustände, dass es für mich unmöglich war, zu pinkeln ; es ging einfach nicht, obwohl ich anscheinend so dringend musste. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mir schon überlegt, ein Praktikum auf einem landwirtschaftlichen Betrieb zu absolvieren, um in der Folge meine Ausbildung zu einem biodynamischen Gärtner zu machen.
Ende April landete ich auf einem einsamen Demeter- Hof in. Die Angst war anfangs zwar präsent, aber auszuhalten. Ich musste den Hof nicht verlassen, ich musste nicht viel mit fremden Menschen kommunizieren und konnte sehr frei arbeiten.
In dieser Zeit oder auch schon davor habe ich mir meine Reizblase antrainiert. Ich habe mich so stark auf dieses Angstsymptom versteift, bis es selbst zu etwas wurde, das Angst macht. Meine Wahrnehmung meiner Blase hat sich ziemlich stark verändert: Ich denke nur noch daran , auch wenn die Angst gerade gar nicht vorhanden ist . Vielleicht ist das ja ein Ausdruck meiner Angst - Angst, also die Angst vor der Angst.

05.01.2026 #1


9 Antworten ↓


Flame
Zitat von Tobi_17:
erst nach einiger Zeit im Winter kamen sie wieder. Ich glaube, genau zu dem Zeitpunkt, als ich die Dosis meiner Tabletten senkte.

In der dunklen Jahreszeit Tabletten zu senken,ist keine so gute Idee,deshalb ggf. wieder aufdosieren und dann als Rückfallprophylaxe auch langfristig beibehalten.
Viele Betroffene erleben leider Rückfälle ,wenn die Dosis gesenkt wird.

Die Angst selbst hat immer neue Gesichter,hast Dich halt jetzt gerade halzt stark auf Deine Blase fixiert.
Letztendlich ist Harndrag (den ich auch habe bei Angst und Anspannung) ja nichts bedrohliches,vielleicht kannst Du Dir das wie ein Mantra öfter sagen,z.B.:Es ist harmlos und direkt nach dem Gedanken möglichst ablenken und sich mit etwas beschäftigen und voll darauf konzentrieren.

Oft verstärken sich auch die Ängste,wenn man zuviel Zeit hat zum Grübeln (also nicht ausgelastet ist oder auch die Arbeit unterfordert) oder im Gegenteil überlastet ist ) Nerbvensystem fährt nicht mehr richtig runter und das sorgt für Daueranspannung).

#2


A


Kennt ihr das auch? Blase, Reizblase, Angstblase

x 3


N
Zitat von Flame:
In der dunklen Jahreszeit Tabletten zu senken,ist keine so gute Idee,deshalb ggf. wieder aufdosieren und dann als Rückfallprophylaxe auch ...

Och manche wechseln in der dunklen Jahreszeit die Medis um dann kläglich drann zu scheitern.

#3


Flame
Zitat von Nick21:
Och manche wechseln in der dunklen Jahreszeit die Medis

Du machst das offenbar gerade durch...das ist natürlich echt eine Herausforderung,Umstellungen von Medikamenten generell.
Die Dunkelheit drückt noch zusätzlich auf´s Gemüt aber man kommt da durch.

#4


N
Zitat von Flame:
Du machst das offenbar gerade durch...das ist natürlich echt eine Herausforderung,Umstellungen von Medikamenten generell. Die Dunkelheit drückt ...

Ja der letzte Schlag war nur bissel heftig mit dem Sertralin aber bin grad auf dem Weg der Besserung. Aber ja ich gebe dir natürlich vollkommen Recht sowas macht man wenn möglich nicht jetzt.

#5


Flame
Zitat von Nick21:
Ja der letzte Schlag war nur bissel heftig mit dem Sertralin

Sertralin hab ich auch nicht vertragen.

Zitat von Nick21:
bin grad auf dem Weg der Besserung.

Das ist gut.
Gibt immer mal bessere und schlechtere Tage aber wenn man eine steigende Tendenz erkennen kann,ist es schon die halbe Miete.
Dann dauert es auch meist nicht mehr lange,bis man sich wieder stabil fühlt.

x 1 #6


Tobi_17
@Flame danke für die Hilfe.
Ja ich denke auch das es das Nervensystem ist. Der Harndrang ist halt das Symptom was mir am meisten Angst macht und deshalb ist mein Nervensystem ständig in Alarmbereitschaft, auch wenn gerade gar keine Bedrohung besteht und ich gerade sogar zu Hause bin.
Ist halt einfach nervig und verstärkt die Grübelei, die bei mir eh immer schon extrem war.
Ich bin halt leider nicht so der Fan von diesen ganzen Medikamenten, werde diese aber wahrscheinlich wieder nehmen um einfach wieder aus meinem Loch zu kommen.
Ich habe aber leider gerade keinen Psychiater da ich 18 geworden bin:(
Meinst du der Hausarzt kann mir die auch verschreiben?

Viele Grüße

#7


Flame
Zitat von Tobi_17:
Der Harndrang ist halt das Symptom was mir am meisten Angst macht und deshalb ist mein Nervensystem ständig in Alarmbereitschaft, auch wenn gerade gar keine Bedrohung besteht und ich gerade sogar zu Hause bin.
Ist halt einfach nervig und verstärkt die Grübelei, die bei mir eh immer schon extrem war.

Ich kenne das auch,ist aber gut,dass Dein Verstand im Grunde genommen weiss dass nicht wirklich was Bedrohliches da ist (auch wenn es sich so anfühlt).


Zitat von Tobi_17:
Ich bin halt leider nicht so der Fan von diesen ganzen Medikamenten, werde diese aber wahrscheinlich wieder nehmen um einfach wieder aus meinem Loch zu kommen.

Kein Mensch nimmt gerne Medikamente aber muss manchmal sein und kann helfen,wieder klarer denken zu können und die irrationalen Ängste abzubauen.

Zitat von Tobi_17:
Ich habe aber leider gerade keinen Psychiater da ich 18 geworden bin:(

Was hat das mit Deinem Alter zu tun?

Zitat von Tobi_17:
Meinst du der Hausarzt kann mir die auch verschreiben?

Ist auf jeden Fall einen Versuch wert,manche Hausärzte machen das.
Zumindest solange,bis man einen Facharzt (Psychiater) zur Verfügung hat.

#8


Tobi_17
Zitat von Flame:
Was hat das mit Deinem Alter zu tun?

Naja ich war bei einem Kinder und Jugendpsychiater und der konnte mich leider nicht verlängern bin 21, obwohl er wollte, da die Krankenkasse dem nicht zustimmen wollte.

#9


Flame
Zitat von Tobi_17:
Naja ich war bei einem Kinder und Jugendpsychiater und der konnte mich leider nicht verlängern bin 21, obwohl er wollte, da die Krankenkasse dem nicht zustimmen wollte.

Ah okay,verstehe.

Denke,Deine Idee mit dem Hausarzt ist gut,da hast Du am ehesten Chance,zeitnah Hilfe zu bekommen.

#10


A


x 4






Mira Weyer
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