Pfeil rechts
36

Hallo zusammen,

ich habe den Zwang entwickelt, dass ich jeden Tag Auto fahren "muss".

Da das natürlich seltsam klingt, muss ich ein wenig ausholen und versuche, alles Wichtige zu erwähnen:

Ich bin 26 Jahre alt und hab meinen Führerschein mit 19 Jahren innerhalb eines Sommerferienkurses gemacht. Dort hatte ich wohl wie die meisten Fahrschüler meine Probleme mit dem Anfahren, hab das mit der Zeit aber gelernt und meine Prüfung auch beim ersten Mal geschafft.

Danach bin ich sporadisch immer mal mit meinem Vater in seinem Auto gefahren. Das Anfahren hatte ich in der Fahrschule nur mit dem Schleifpunkt gelernt und ohne Gas. Mein Vater hat mir dann gezeigt, dass ich Gas geben soll, damit das Anfahren schneller von statten geht. Das hat auch am Anfang geklappt und ich hab mir die Fußbewegung eingeprägt. Als ich dann an einem anderen Tag gefahren bin, hat es plötzlich nicht mehr geklappt, so als hätte ich das Anfahren plötzlich verlernt, obwohl ich augenscheinlich alles gleich gemacht habe wie sonst auch. Hier fing es an, dass ich mir zu Hause dann Gedanken gemacht habe und ich hatte "Angst" davor, dass es das nächste mal wieder nicht klappen würde. Da ich nur sporadisch ca. alle 1-2 Wochen die Gelegenheit hatte das Auto zu nutzten, war das Warten eine richtige Qual. Ich habe dann regelmäßig jede Woche eine Gelegenheit erfunden, weshalb ich fahren müsste, damit ich mir selbst beweisen konnte, dass alles klappt. Da fing es mit dem Zwang glaube ich an.

Irgendwann habe ich angefangen zu studieren und bin nur noch Bahn gefahren, sodass mein Vater die Versicherung gekündigt hat. Da ich nun wusste, dass ich nicht fahren kann selbst wenn ich wollte, hat sich der Zwang und meine ständigen Gedanken über das Anfahren in Luft aufgelöst.

Letztes Jahr habe ich mir und meiner Freundin einen eigenen Neuwagen gekauft und die Probleme kamen zurück. Insbesondere am Anfang habe ich zu viel Gas gegeben oder bin nur langsam angefahren, sodass ich mir wieder stets Gedanken gemacht habe. Die schlimmste Zeit waren 6 Monate, in denen meine Freundin zur Arbeit gefahren ist und ich Homeoffice hatte. Ich bin dann teilweise mit ihr eine Stunde früher aufgestanden, damit ich sie zur Arbeit fahren konnte, nur damit ich fahren konnte. Teilweise "musste" ich mich auch in der Mittagspause nochmal ins Auto setzen und wenn meine Freundin abends heimkam, bin ich nochmal unter dem Vorwand etwas einzukaufen gefahren. Wenn ich mehrere Tage nicht gefahren bin, haben mich meine Gedanken fertig gemacht. Ich hatte nie Angst davor, dass das Anfahren an sich nicht klappt, sondern davor, dass es nicht klappt und meine Gedanken und Sorgen sich dadurch verstärken. Es war dahingehend eine Erleichterung für mich, als meine Freundin seit diesem Sommer einen Doktor im Ausland macht und ich wusste, dass ich das Auto jeden Tag nutzen kann, wann ich mag.

Wirklich besser wurde es nicht, zwar klappt das Anfahren gut aber sobald das Anfahren einmal nicht "perfekt" klappt, kommen die Gedanken zurück, dass ich irgendwas falsch mache. Mittlerweile fahre ich jeden Tag mindestens einmal, auch wenn ich keinen Anlass habe und ich denke jeden Tag daran. Ich habe jetzt mal reflektiert und festgestellt, dass meine Lebensqualität damals und jetzt seit 1 Jahr wieder darunter massiv leidet.

Es scheint ein stark verwurzeltes psychologisches Problem zu sein, allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass sich das Problem verflüchtigen würde, wenn ich zB ein Automatikauto fahren würde. Das ist allerdings aktuell keine Option.

Ich bin mir auch bewusst, dass das Problem irgendwie Perfektionismus ist und eigentlich keine Sache ist, weshalb man sich Gedanken machen sollte, ich kann die ständigen Gedanken und den Zwang aber nicht abstellen. Wenn ich mich zwinge nicht zu fahren, denke ich permanent über das Anfahren nach und mache zuhause "Luftübungen" mit den Füßen - also die Anfahrbewegung.

Vielen Dank schonmal im Voraus.

16.12.2021 17:04 • 03.01.2022 x 1 #1


25 Antworten ↓


Luna70
Herzlich willkommen bei uns im Forum. Ich hoffe, du wirst dich wohlfühlen.

Vielleicht ist dein Zwang eher so eine Art Rückversicherung, dass du das Anfahren noch beherrschst? So ähnlich wie ein Hypochonder, der ständig neue Ärzte aufsucht um sich zu versichern, dass er keine schwere Krankheit hat.

Was befürchtest du denn genau, was das Anfahren betrifft? Dass der Motor ausgeht und die nachfolgenden Autos hupen?

16.12.2021 17:42 • x 1 #2



Zwang Auto zu fahren

x 3


Orangia
Zitat von Luna70:

Was befürchtest du denn genau, was das Anfahren betrifft? Dass der Motor ausgeht und die nachfolgenden Autos hupen?

Das habe ich auch gedacht. Wenn du Wagen mal abwürgst, das ist doch nicht schlimm.
Das passiert sogar routinierten Fahrern mal, wenn gar so schnell gehen soll.
Du solltest mehr Gelassenheit entwickeln und nicht so streng mit dir sein.
Solange du immer noch vom Fleck kommst und keinen Stau verursachst...mach dir keinen Kopf.
Irgendwann machst du diese Anfahrbewegung mit den Füßen ganz automatisch ohne darüber nachzudenken.

16.12.2021 17:58 • x 1 #3


klaus-willi
Wenn man kein eigenes Auto hat ist man nicht so routiniert.
Wenn ich mit einem anderen Auto gefahren bin und dann in meines einsteige ,kann es passieren das ich ich auch abwürge.
Jedes Auto fährt ein bisschen anders .
Wenn du mal ein eigenes hast ,dann ich die Angst Geschichte.

16.12.2021 18:03 • x 1 #4


Hi,
vielen Dank für das Willkommenheißen.

Das mit dem Hypochonder und dem Rückversichern trifft es glaub ich genau auf den Punkt. Das Kuriose ist ja, dass ich keine Angst davor habe, dass ich abwürge oder Ähnliches. Abgewürgt hab ich mit dem neuen Auto noch nie, selbst an Steigungen nicht. Vielmehr hab ich Angst davor, dass es nicht perfekt klappt (ich zu viel Gas gebe oder zu langsam anfahre und eben nicht genauso perfekt wie jeder normale andere anfahre) und sich die Gedanken, dass ich grundlegend etwas falsch mache verstärken.

Ich weiß ich insgeheim, dass ich mir keine Sorgen machen muss, weil die Situation, dass wenn ich abwürge oder Ähnliches nicht schlimm ist. Dennoch kann ich die Gedanken und den Zwang nicht abstellen leider.

16.12.2021 18:07 • #5


Orangia
Zitat von klaus-willi:
Wenn man kein eigenes Auto hat ist man nicht so routiniert. Wenn ich mit einem anderen Auto gefahren bin und dann in meines einsteige ,kann es passieren das ich ich auch abwürge. Jedes Auto fährt ein bisschen anders . Wenn du mal ein eigenes hast ,dann ich die Angst Geschichte.

Er hat doch ein eigenes Auto...
Zitat von TNeisel:
Letztes Jahr habe ich mir und meiner Freundin einen eigenen Neuwagen gekauft

16.12.2021 18:09 • #6


moo
Grüß Dich TNeisel,

wunderschöner Zwang, den Du da entwickelt hast - öfter mal was Neues... Sorry - war nur Spaß zur Auflockerung

Was immer wieder auffällt, ist die Präzision, mit der Zwängler ihr selbst geschaffenes Dilemma beschreiben können. Ein paar Gedanken dazu:

Zitat von TNeisel:
Als ich dann an einem anderen Tag gefahren bin, hat es plötzlich nicht mehr geklappt, so als hätte ich das Anfahren plötzlich verlernt, obwohl ich augenscheinlich alles gleich gemacht habe wie sonst auch.

Siehst Du genau zu dieser Situationsstruktur irgendeine Verbindung bzw. Analogie zu einem Erlebnis in Deiner Kindheit oder Jugend? Oder meinst Du, das ist quasi die Geburtsstunde der Zwangsstörung?

Zitat von TNeisel:
Da ich nun wusste, dass ich nicht fahren kann selbst wenn ich wollte, hat sich der Zwang und meine ständigen Gedanken über das Anfahren in Luft aufgelöst.

Ein Klassiker, worauf auch Therapien in Kliniken aufbauen: die Verunmöglichung der Zwangshandlungen durch Schaffung entsprechender Umgebungslagen.

Zitat von TNeisel:
Wenn ich mehrere Tage nicht gefahren bin, haben mich meine Gedanken fertig gemacht.

Vergleiche zur Sucht: Erneuerung der Kompensationswirkung benötigt eine stärkere Dosis bzw. hier eine Häufung der Zwangshandlungen.

Zitat von TNeisel:
Ich hatte nie Angst davor, dass das Anfahren an sich nicht klappt, sondern davor, dass es nicht klappt und meine Gedanken und Sorgen sich dadurch verstärken.

Das ist das Vertrackte an den Zwängen - es geht nicht mehr um die Inhalte sondern um den Stress der geistigen Abhängigkeit.

Zitat von TNeisel:
sobald das Anfahren einmal nicht perfekt klappt, kommen die Gedanken zurück, dass ich irgendwas falsch mache.

Perfektion, Fehlerlosigkeit und vor allem Reinheit sind die typischen Metaphern, die klar sichtbar vor ihren (meist unsichtbaren) Ursachen stehen. Letztere sind oftmals: Schuldgefühle, Scham, Reue. Mit dem Perfekten soll der Makel ausgeglichen werden.

Zitat von TNeisel:
allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass sich das Problem verflüchtigen würde, wenn ich zB ein Automatikauto fahren würde

Das wäre eine präventive Vermeidungshaltung. Du kannst sicher sein, dass der zwanghafte Geist sich dann ein anderes Kompensationsthema sucht, wo er sich geiseln kann. Fang gar nicht damit an, solchen Erwägungen Taten folgen zu lassen, sonst gibst Du das Ruder vollends aus der Hand.

16.12.2021 18:11 • x 5 #7


hereingeschneit
Zitat von TNeisel:
und eben nicht genauso perfekt wie jeder normale andere anfahre)

Danke für den Lacher des Tages. Hast du andere denn schon mal beobachtet oder ist dir das gar nicht möglich, weil du nur mit dir beschäftigt bist.

Ich hatte auch seehr lange Streß beim Autofahren. Meine Gedanken drehten sich immer nur darum, was die anderen denken könnten, wie sie meinen Fahrstil beurteilen.... Somit bin ich eigentlich sehr ungern Auto gefahren.
Das konnte ich zum Glück ablegen indem ich eines Tages für mich beschlossen habe, dass es mir egal ist, was andere denken. Keiner ist perfekt und schon gar nicht in allem. Ich habe mir die Erlaubnis gegeben, dass ich nicht perfekt sein muss. Ich erwarte das ja auch nicht von anderen, also warum soll ich mit mir strenger sein als mit anderen?
Ich muss doch mein bester Freund sein.

16.12.2021 19:03 • x 2 #8


klaus-willi
Außerdem sind die Autofahrer und Rinnen viel aggressiver geworden.
Das ärgert mich auch oft .

16.12.2021 19:10 • #9


Der Beitrag von moo ist herrlich und erheitert mich immens - es ist als wäre ich ein offenes Buch - besten Dank dafür!

Ich freue mich, scheinbar einen ganz neuen Zwang mit der Welt zu teilen.

Parallelen zu meiner Jugend seh ich nicht. Es ist das erste mal, dass etwas plötzlich nicht geklappt hat. Sehr wohl hatte ich aber schon immer Sorgen und negative Gedanken, insbesondere wenn ich eine unbeschwerte Zeit hatte. Dummes Beispiel: als Kind bin ich in den Sommerferien in einem Computerspiel voll aufgegangen und plötzlich kamen die Gedanken, was wäre, wenn ich schlechte Noten schreibe und Computerverbot bekomme? Die Gedanken haben mich so zerfressen, dass ich keinen Spaß mehr an dem Spiel hatte.

Was ich noch erwähnen sollte, ist dass ich eine Persönlichkeit bin, die in der Öffentlichkeit nie unangenehm auffallen will. Dadurch hab ich mir damals die Gedanken und den Stress gemacht, sobald ich abwürgt habe. Ich hatte damals dann die Wahl, die Situation zu vermeiden und nicht zu fahren oder mich dem Problem und der Angst zu stellen. Bevorzugt hab ich Variante 2, weil es heißt, dass dadurch die Probleme verschwinden. Der Haken ist, dass das bei mir nicht eingetreten ist, sondern sich ein Zwang entwickelt hat, der bis heute anhält. Heute hab ich keinen Stress oder Angst davor abzuwürgen, sondern ich möchte nur genauso wie alle anderen anfahren. Keine Ahnung woher dieser Perfektionismus kommt.

Weil jemand gefragt hat, ob ich überhaupt einen Vergleich zu anderen Fahrern habe: Ja den habe ich meine Freundin fährt zügiger und harmonischer an als ich und als ich neulich einen Freund mitgenommen habe und an einer Steigung angefahren bin, meinte er, ich fahre sehr vorsichtig und süß. Was das in meinem Kopf ausgemacht hat, könnt ihr euch sicher denken .

Die schönste Zeit hab ich übrigens, wenn ich meine Freundin im Ausland besuche und dort nicht fahren kann. Zwar erwische ich mich dort manchmal auf dem Klo wie ich Anfahrluftübungen machen, allerdings ist das nicht so schlimm wie sonst. Wenn ich aber aus dem Flieger aussteige und zuhause bin, könnt ihr drei mal raten, was ich als erstes mache, noch bevor ich meinen Koffer auspacke

Das sich mein Problem gänzlich auf ein perfektes Gas-Kupplungszusammenspiel bezieht, dachte ich, dass ein Automatikauto das Problem theoretisch lösen würde (auch wenn das keine Option ist), allerdings kann es dann natürlich sein, dass ich dann zwanghaft perfekt seitlich einparken muss - wer weiß.

Es tut gut darüber zu reden und es ist teilweise lustig, wenn einem bewusst wird, wie absurd das Problem ist, auf der anderen Seite irgendwie auch erschreckend, was man für eine Störung entwickelt hat.

16.12.2021 19:27 • x 2 #10


hereingeschneit
Zitat von TNeisel:
Weil jemand gefragt hat, ob ich überhaupt einen Vergleich zu anderen Fahrern habe:

Also ich mache solche Erfahrungen: Wenn ich in der Stadt spazieren gehe, dann höre ich immer wieder mal ein Auto aufheulen - zu viel Gas. Manche mit Absicht, andere aber vielleicht am Berg anfahren.
Und ich hatte auch schon öfters jemand vor mir, wo abgewürgt hat. Bei einigen hat man es fast nicht bemerkt, die haben einfach cool wieder gestartet, andere waren so nervös, dass sie erneut abgewürgt haben.
Ist mir übrigens auch schon passiert.

Und ich war mal Beifahrer, da wurde mir gleich schlecht, so schlecht ist der angefahren. Das hat immer voll geruckelt.
Viel wichtiger finde ich, dass man ein rücksichtsvoller Fahrer ist und nicht immer auf sein Recht besteht und anderen eben zugesteht, dass sie noch nicht (z. B. Fahranfänger) oder nicht mehr (z. B. alte Menschen) so verkehrssicher sind.

16.12.2021 20:01 • x 1 #11


Luna70
Zitat von TNeisel:
Ich freue mich, scheinbar einen ganz neuen Zwang mit der Welt zu teilen.


Selbst für alte Hasen dieses Forums gibt es ab und zu noch mal was Neues zu erfahren.

Threads zum Thema Autofahren haben wir einige, aber das geht eher so in die Richtung generelle Angst vorm Autofahren. Das hier habe ich über die Suche gefunden kummerforum-f31/diesel-fahrschueler-und-der-benziner-keine-lovestory-t71558-10.html
Ist aber doch etwas anders als bei dir.

Aber wie auch immer, ich hoffe, wir können dir trotzdem helfen. Auf jeden Fall schön, dass du uns gefunden hast.

16.12.2021 22:41 • x 1 #12


moo
Zitat von TNeisel:
Ich freue mich, scheinbar einen ganz neuen Zwang mit der Welt zu teilen.

...und u. a. Dein Humor macht Dich sehr symphatisch!

Zitat von TNeisel:
Es ist das erste mal, dass etwas plötzlich nicht geklappt hat.

Wie, Du hast immer alles auf Anhieb beherrscht? Ich hoffe auf eine Falschinterpretation meinerseits, sonst drängt sich der Verdacht des Musterkindes auf, welches an seiner ersten Unperfektion strauchelt und daran geistig Schaden nimmt. Soll´s ja geben...

Zitat von TNeisel:
Sehr wohl hatte ich aber schon immer Sorgen und negative Gedanken, insbesondere wenn ich eine unbeschwerte Zeit hatte.

Ging mir genauso, insbesondere in der frühen Pubertät. Allerdings entwickelte ich da auch bereits heftige Zwangsgedanken und -handlungen. Ich glaube, dass insbesondere - ich nenne es mal verwöhnte bzw. überbehütete - Kinder diese Neigung entwickeln. Es ist irgendwie fehlender (gesunder!) Widerstand. Man schafft sich diesen dann selber, bevor man geistig völlig verödet. Man hat evtl. auch das Gefühl, dass man dieses (gute) Leben gar nicht richtig verdient hat. Mitunter können auch anerzogene religiöse oder ethische Glaubenssätze mit reinspielen. Diese Ursachen hat man da natürlich nicht auf dem Schirm... (*)

Zitat von TNeisel:
Dummes Beispiel: als Kind bin ich in den Sommerferien in einem Computerspiel voll aufgegangen und plötzlich kamen die Gedanken, was wäre, wenn ich schlechte Noten schreibe und Computerverbot bekomme? Die Gedanken haben mich so zerfressen, dass ich keinen Spaß mehr an dem Spiel hatte.

Das ist sogar ein hervorragendes Beispiel! Hierzu ein Buchauszug, welches ich kürzlich abgetippt habe:

Zitat von moo:
Es gibt eine eigene Kunst des Widerstandes, sich im Inneren des Widerständigen zu bewegen und in das, was man macht, hineinzukommen. Wer gerne segelt, der begibt sich in ein solches Spiel von Widerstand und Vorwärtskommen, das elementar darauf beruht, Kraft und Gegenkraft an sich zu erfahren.
Und wer es mag, Kalbszunge und Meerrettichsauce zuzubereiten, der wird ganz im Häuten der Zunge und im Raspeln des Rettichs eingetaucht sein. Erst wenn er die Unvorsichtigkeit begeht, sich vorzustellen, was er noch alles machen muss, wird er aus dem Widerstand herausfallen und plötzlich ein Anstrengungsgefühl empfinden.
Mit der Perspektive von außen bricht die Seinssteigerung zusammen und an ihre Stelle tritt Mühseligkeit.

Das spricht scheinbar für die Menschen, die von vorneherein jedes Hindernis meiden, um auf diese Weise ihre Kräfte zu schonen. Wenn die Energiesparmaßnahmen dabei Überhand nehmen, wird allerdings die eingesparte Kraft nicht einen Bonus bilden. Sie wird sich verringern und einen Schwund bilden, da das Leben kein Kapital ist, das sich verlustfrei zwischenspeichern lässt.
Man muss es zirkulieren lassen, immer wieder in Widerstand einbringen und tut man das nicht, so wird sich das Leben an sich selbst entzünden, Langeweile, Sorgen und Probleme hervorbringen, um sich doch noch an sich zu erfahren.

(Schlüsselthemen der Psychotherapie - Pierre Janets Beiträge zur modernen Psychiatrie und Psychologie, Band 4)


Zitat von TNeisel:
..dass ich eine Persönlichkeit bin, die in der Öffentlichkeit nie unangenehm auffallen will.

Nur nicht unangenehm, oder generell nicht auffallen?

Zitat von TNeisel:
Ich hatte damals dann die Wahl, die Situation zu vermeiden und nicht zu fahren oder mich dem Problem und der Angst zu stellen. Bevorzugt hab ich Variante 2, weil es heißt, dass dadurch die Probleme verschwinden. Der Haken ist, dass das bei mir nicht eingetreten ist, sondern sich ein Zwang entwickelt hat, der bis heute anhält.

Sehr wichtig, dass Du das erwähnst! Kannst Du mir zustimmen, dass der entscheidende Punkt ist, Dich dem Problem und der Angst zu stellen? Es geht hier nicht um den vordergründigen Akt des Losfahrens.
Die Absicht, durch Wiederholung desselben körperlichen Vorgangs (= Losfahren) einen mentalen Zustand zu beeinflussen stellt das eigentliche Problem dar. Und genau hier kannst Du eine Umkehrung und somit die Auflösung einleiten.

Zitat von TNeisel:
Keine Ahnung woher dieser Perfektionismus kommt.

Siehe oben (*).

Zitat von TNeisel:
meinte er, ich fahre sehr vorsichtig und süß. Was das in meinem Kopf ausgemacht hat, könnt ihr euch sicher denken

Ja, Du bist (vermeintlich) unangenehm aufgefallen. Oder überhaupt aufgefallen...?

Zitat von TNeisel:
Zwar erwische ich mich dort manchmal auf dem Klo wie ich Anfahrluftübungen machen, allerdings ist das nicht so schlimm wie sonst. Wenn ich aber aus dem Flieger aussteige und zuhause bin, könnt ihr drei mal raten, was ich als erstes mache, noch bevor ich meinen Koffer auspacke

Lehrbuchmäßig: Kompensation von (geistigen) Ängsten durch Rückversicherung über (körperliche) Tätigkeiten. Dass man als Betroffener auch noch Zeuge dieser Diskrepanz ist, lässt das Selbstvertrauen weiter schrumpfen. Es ist ähnlich wie bei jeglicher Sucht: Man bezeugt mit jedem Griff zum Suchtmittel den manifestierten Konotrollverlust. = Spirale abwärts...

Zitat von TNeisel:
..allerdings kann es dann natürlich sein, dass ich dann zwanghaft perfekt seitlich einparken muss - wer weiß.

Worauf Du einen lassen kannst...

Zitat von TNeisel:
Es tut gut darüber zu reden und es ist teilweise lustig, wenn einem bewusst wird, wie absurd das Problem ist, auf der anderen Seite irgendwie auch erschreckend, was man für eine Störung entwickelt hat.

Ja, immerhin kann man selber mitunter darüber lachen aber letztlich ist es todernst. Das Problem ist ja, dass sich über die sich verstärkende Zwangsneigung nahezu unbemerkt eine generelle Zwanghaftigkeit und idF eine allmähliche Lähmung der Existenz entwickelt. Wie gesagt, die Parallelen zur Sucht sind da eindeutig erkennbar. Deshalb solltest Du m. E. unbedingt gegensteuern.

17.12.2021 12:13 • x 4 #13


Vielen Dank für alle die geantwortet haben!



Gerne möchte ich auf die Antwort von moo nochmal näher eingehen.


Zitat:
Wie, Du hast immer alles auf Anhieb beherrscht? Ich hoffe auf eine Falschinterpretation meinerseits, sonst drängt sich der Verdacht des Musterkindes auf, welches an seiner ersten Unperfektion strauchelt und daran geistig Schaden nimmt. Soll´s ja geben...

Da hab ich mich in der Tat unpräzise ausgedrückt. Ich meinte damit, dass es das erste Mal war, dass plötzlich etwas nicht mehr geklappt hat, was am Tag davor noch funktioniert hat.


Zitat:
Ich glaube, dass insbesondere - ich nenne es mal verwöhnte bzw. überbehütete - Kinder diese Neigung entwickeln. Es ist irgendwie fehlender (gesunder!) Widerstand. Man schafft sich diesen dann selber, bevor man geistig völlig verödet.

Eine Verwöhnung und Überbehütung kann ich in meinem Fall tatsächlich mit Überzeugung ausschließen. Sehr wohl war ich aber bereits als Kind wohl anfällig für bestimmte (viel harmlosere) Zwangshandlungen, wenn ich recht darüber nachdenke.

Zitat:
Nur nicht unangenehm, oder generell nicht auffallen?


Interessante und berechtigte Frage, die ich erstmal mit "nicht negativ auffallen" beantwortet hätte. Wenn ich länger darüber nachdenke, entscheide ich mich aber für "nicht auffallen". Dafür spricht ja die Sache mit dem Kommentar meines Freundes. Es war ein neutraler Kommentar, den ich negativ gewichte, weil ich auffalle - andere fahren nicht sehr vorsichtig.


Zitat:
Sehr wichtig, dass Du das erwähnst!

Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Abschnitt richtig interpretiere aber sagen kann ich hierzu Folgendes:
Am Anfang damals, war das Fahren für mich etwas Unangenehmes, Stress und Aufregung insbesondere das Anfahren. Da ich aber wusste, dass ich irgendwann fahren muss in meinem Leben wollte ich mich der Sache stellen, anstatt sie zu vermeiden. Nach einer Zeit sowie insbesondere im letzten Jahr ist das Hauptproblem aber, dass zum einen in meinem Kopf verankert ist, dass ich nicht genauso (gut und geschmeidig) anfahre wie andere, zum anderen ich es mehrmals erlebt habe, wie ich an einem Tag wunderbar anfahre am nächsten Tag ich aber augenscheinlich plötzlich schlechter und anders anfahre. Bedeutet konkret, mein aktueller Zwang besteht scheinbar darin, mir tagtäglich zu beweisen, dass ich zum einen gut und noch genauso anfahre wie am Vortag. Es geht nur noch darum die Gewissensbisse zu stillen.

Zitat:
Wie gesagt, die Parallelen zur Sucht sind da eindeutig erkennbar. Deshalb solltest Du m. E. unbedingt gegensteuern.

Wahre Worte. Das merke ich immer mehr. Ich habe einen Job in dem ich voll aufgehe und ich hab vor einem Jahr lange und vollkonzentriert gearbeitet, danach noch Sport gemacht ect. Mittlerweile mach ich um 18 Uhr oder früher Schluss, da ich zu sehr abgelenkt bin. Ich sitze dann relativ antriebslos auf dem Sofa und warte darauf meiner Freundin gute Nacht zu sagen um anschließend dann in mein Stammcafe zu fahren und meine Gedanken zu beschwichtigen.

Besten Dank!

17.12.2021 17:02 • x 1 #14


Frozen93
@moo ja ich glaube ich auch. Ich hab kein Gefühl mehr für es passt so wie es ist. Grübel ich grad wenig fühlt sich beschissen an und wenn ich richtig drin bin genauso. Ich mag eigentlich gesund werden aber das würde auch wieder nicht so passen und Angst machen.

17.12.2021 20:41 • x 1 #15


Ich habe mir jetzt mal paar Gedanken darüber gemacht, wie ich dem Zwang und meinem Problem entgegensteuern kann. Folgende Ideen habe ich.

1. Meinen "Tick" zu Hause, die zwanghafte Fußbewegung durchzuführen, bewusst zu reduzieren und Nein zu sagen.

2. Sich worst Case-Szenarien vorstellen. Wie gesagt, insgeheim weiß ich ja, dass es nicht schlimm ist abzuwürgen (noch nie passiert), leicht zu viel Gas zu geben oder mal etwas langsamer anzufahren. Das Problem ist eher mein Anspruch, perfekt, das heißt zügig und ohne lauten Motor anzufahren.

3. Sich selbst sagen, dass man dahingehend nicht perfekt sein muss, vielleicht ist das Fahren nicht meine Stärke, was nicht schlimm ist, weil ich dafür andere Stärken haben.

4. Sich zwingen, wieder seinen gewohnten Alltag aufzunehmen, nicht früher mit der Arbeit aufhören und wieder Sport machen ect., was ja auch gewissermaßen ablenkt.

Habt Ihr noch weitere Ideen und Vorschläge?

18.12.2021 17:29 • x 1 #16


Icefalki
Zitat von TNeisel:
Habt Ihr noch weitere Ideen und Vorschläge?



Ja, die Weiterentwicklung in einen perfekt unperfekten Mensch genüsslich zu praktizieren. Macht Spass, reduziert den Stress und kommt unserem Innersten sehr nahe, da wir ja unbedingt Erfolge vorweisen müssen.. Ein Hoch auf Kupplungsschleiferlasser, Supermarktkassenschwitzer und im Vorfeld Sterbeübenden.

Ein Hoch auf unsere Unzulänglichkeiten, die uns so sympatisch machen können.

18.12.2021 20:04 • x 2 #17

Sponsor-Mitgliedschaft

moo
@TNeisel Beeindruckend, wie Du die richtigen Fragen größtenteils selber stellst und zugleich weitgehend beantwortest!

Zitat von TNeisel:
Sehr wohl war ich aber bereits als Kind wohl anfällig für bestimmte (viel harmlosere) Zwangshandlungen, wenn ich recht darüber nachdenke.

Es ist wertvoll, das heute (noch) überhaupt zu wissen und anzuerkennen. Zwänge werden idR ungern eingestanden. Erst wenn es wirklich unangenehm wird, akzeptiert man sie. Auch hier sind Parallelen zur Sucht erkennbar.

Zitat von TNeisel:
Interessante und berechtigte Frage, die ich erstmal mit nicht negativ auffallen beantwortet hätte. Wenn ich länger darüber nachdenke, entscheide ich mich aber für nicht auffallen. Dafür spricht ja die Sache mit dem Kommentar meines Freundes. Es war ein neutraler Kommentar, den ich negativ gewichte, weil ich auffalle - andere fahren nicht sehr vorsichtig.

Genau darauf wollte ich hinaus. Auch hier ist es bemerkenswert, dass Du das selber siehst und dadurch den Wurzeln der Zwangshandlungen näher kommst. Respekt!

Zitat von TNeisel:
Am Anfang damals, war das Fahren für mich etwas Unangenehmes, Stress und Aufregung insbesondere das Anfahren.

Hier nur mal eine (rein hypothetische) Nachfrage: Könnte es vielleicht sein, dass das Anfahren seinerzeit sinnbildlich für Anfang und somit weitergreifend für (subjektiv ungewollte oder als absolut notwendig interpretierte?) Veränderung(en) stand?(*) Falls ja, was könnte das sein?

Zitat von TNeisel:
Da ich aber wusste, dass ich irgendwann fahren muss in meinem Leben wollte ich mich der Sache stellen, anstatt sie zu vermeiden.

(*) Diese Erklärung könnte nämlich die o. g. Frage ins Feld führen.

Zitat von TNeisel:
Nach einer Zeit sowie insbesondere im letzten Jahr ist das Hauptproblem aber, dass zum einen in meinem Kopf verankert ist, dass ich nicht genauso (gut und geschmeidig) anfahre wie andere, zum anderen ich es mehrmals erlebt habe, wie ich an einem Tag wunderbar anfahre am nächsten Tag ich aber augenscheinlich plötzlich schlechter und anders anfahre.

Fettdruck von mir. Darf ich das mal so abkürzen?: In letzter Zeit verstärkt sich mein innerer Disput darüber, ob ich ausreichend mit meinem Leben zurechtkomme...

Zitat von TNeisel:
Bedeutet konkret, mein aktueller Zwang besteht scheinbar darin, mir tagtäglich zu beweisen, dass ich zum einen gut und noch genauso anfahre wie am Vortag.

...und deshalb will ich mir das regelmäßig durch jene körperliche Handlung beweisen, die ich schon mal - als es sinnbildlich darum ging, das Leben zu meistern, zu diesem Zweck ausführte.

Zitat von TNeisel:
Es geht nur noch darum die Gewissensbisse zu stillen.

Wie würdest Du selber diese Gewissensbisse kommentieren bzw. rechtfertigen?

Zitat von TNeisel:
Ich habe einen Job in dem ich voll aufgehe und ich hab vor einem Jahr lange und vollkonzentriert gearbeitet, danach noch Sport gemacht ect. Mittlerweile mach ich um 18 Uhr oder früher Schluss, da ich zu sehr abgelenkt bin.

Wenn sich dieser Schwenk ungefähr auch seit einem Jahr etabliert hat, liegt die Vermutung nahe, dass eine Wechselwirkung mit Deiner Zwangsverstärkung vorliegt.

Zitat von TNeisel:
Ich sitze dann relativ antriebslos auf dem Sofa und warte darauf meiner Freundin gute Nacht zu sagen um anschließend dann in mein Stammcafe zu fahren und meine Gedanken zu beschwichtigen.

Diese Gedanken würden mich sehr interessieren! Meinst Du hier lediglich den hier diskutierten Zwangskonflikt oder reicht das (hoffentlich) weiter?

Vor dem Hintergrund der eben genannten Aspekte (und Deinen zu erhoffenden Schlussfolgerungen) nun zu Deinen vier Lösungsstrategien:

Zitat von TNeisel:
Ich habe mir jetzt mal paar Gedanken darüber gemacht, wie ich dem Zwang und meinem Problem entgegensteuern kann.

Fettdruck von mir. Vielleicht ist es besser, das Steuer an sich mal im übertragenen Sinne in Ruhe zu lassen. In der Regel läuft - um im Bild zu bleiben - ein Auto (das Leben ) von sich aus weitestgehend geradeaus, sobald man das Steuer [i]lose lässt[/i]. Ein dauernder Eingriff ist nicht nötig.

Zitat von TNeisel:
1. Meinen Tick zu Hause, die zwanghafte Fußbewegung durchzuführen, bewusst zu reduzieren und Nein zu sagen.

Ganz genau! Aber: Ich rate Dir nachdrücklich, dasunbedingt, wie bei jeglicher Sucht (!) vollständig ab einem rechtzeitig festgelegten Zeitpunkt zu unterlassen!
Stufenweise Reduktion der Zwangshandlung gesteht ihr nämlich unterschwellig die als absolut unhaltbar zu entlarvende Funktion weiterhin zu.

Lass das Steuer komplett los! - Kein Süchtiger kommt dauerhaft mit der Hälfte seines Konsums aus! Erst in der vollumfänglichen Abstinenz erkennst Du die Freiheit UND die Illusion Deines vorherigen abhängigen (= zwaghaften) Verhaltens.

Zitat von TNeisel:
2. Sich worst Case-Szenarien vorstellen. Wie gesagt, insgeheim weiß ich ja, dass es nicht schlimm ist abzuwürgen (noch nie passiert), leicht zu viel Gas zu geben oder mal etwas langsamer anzufahren. Das Problem ist eher mein Anspruch, perfekt, das heißt zügig und ohne lauten Motor anzufahren.

Das ist ein praktikabler, in Zwangstherapien oft angewandter Zwischenschritt, von dem ich persönlich nicht so arg überzeugt bin. Aus meiner Sicht wird dadurch nur halbherzig agiert und dem Vorgang selber einfach immer noch ein Stück unangemessener Aufmerksamkeit geschenkt. Aber, wenn Du der Ansicht bist, dass es Dir hilft, auf jeden Fall einen Versuch wert!

Zitat von TNeisel:
3. Sich selbst sagen, dass man dahingehend nicht perfekt sein muss, vielleicht ist das Fahren nicht meine Stärke, was nicht schlimm ist, weil ich dafür andere Stärken haben.

Nicht nur dahingehend - sondern generell - wie @Icefalki so schön bemerkt hat. Ich denke schon lange nicht mehr in Stärken oder Schwächen.

Zitat von TNeisel:
4. Sich zwingen, wieder seinen gewohnten Alltag aufzunehmen, nicht früher mit der Arbeit aufhören und wieder Sport machen ect., was ja auch gewissermaßen ablenkt.

Na ja, grundsätzlich würde ich mich fragen, ob nicht gerade dieses intensive Arbeiten und Trainieren z. T. zur Re-Eskalation der Zwänge geführt hat... Ist ein anderes Thema, das wir idF noch vertiefen könnten.

19.12.2021 12:57 • x 2 #18


Frozen93
Hi ich hoffe ich darf hier noch einen anderen Zwang miteinbeziehen. Und zwar ist meinem Mann aufgefallen das ich zwanghaft in den Ohren und Nase zu popeln. Meine Nasenschleimhaut ist natürlich nicht mehr toll. Das es immer mehr wird ist auch nur meinem Mann aufgefallen. Kennt das jemand auch. Oder auch auf der Kopfhaut

19.12.2021 15:32 • #19


Hallo moo,

danke für die netten Worte und insbesondere auch für deine Zeit und Antwort.

Zitat:
Hier nur mal eine (rein hypothetische) Nachfrage: Könnte es vielleicht sein, dass das Anfahren seinerzeit sinnbildlich für Anfang und somit weitergreifend für (subjektiv ungewollte oder als absolut notwendig interpretierte?) Veränderung(en)stand?(*)

Das mit der Veränderung schließe ich aus damaliger und auch aus aktueller Retroperspektive aus.
Ich möchte hier an dieser Stelle aber nochmal mehr ins Detail gehen und etwas ausholen, damit die damalige Situation und meine Gefühle ersichtlich werden:

Ich war / bin eine Person die (nur) in bestimmten - zumeist praktischen Tätigkeiten - nicht allzu selbstsicher ist. Dazu hat auch das Autofahren damals gezählt. Die Mischung aus ganz normaler Unerfahrenheit eines Fahrschülers und dem oben genannten Aspekt hat dazu geführt, dass ich Autofahren mit Stress, Aufregung und Nervosität verbunden habe. Wenn mein Vater zB. gesagt hat, dass ich in 2 Wochen uns wohin fahren soll bzw. darf, dann war ich 2 Wochen lang nervös und hab mir Gedanken gemacht, ob alles klappt und funktioniert. Ähnlich wie eine Schulklausur die ansteht.
Da ich das Warten als quälend empfand hatte ich die Optionen entweder die Situation zu vermeiden und abzusagen oder mich der Situation zu stellen und um das Warten eben erträglich zu machen, die Situation direkt herbeizuführen und die anstehende Erledigung bzw. die Autofahrt vorzuverlegen. Da ich wusste, dass ich langfristig fahren möchte, ist eine Vermeidungsstrategie nicht das Richtige und ich entschied mich für Option 2.

Heute verspüre ich durch die Routine keine Aufregung mehr. Damals sowie heute kommt aber das Problem hinzu, dass ich eine Reihe von Tagen super anfahre und dann an den darauffolgenden Tagen, obwohl ich augenscheinlich die gleiche verinnerlichte Technik durchführe, ich anders und schlechter anfahre. Ein beispielhafter Wochenauszug: Montag und Dienstag klappt alles wunderbar, Mittwoch fahr ich plötzlich entweder viel langsamer wie ein Anfänger an oder geb unnötig viel Gas ( wir reden hier von 1500-1700 Umdrehungen). Ich versteh die Welt nicht mehr und fahr auf einen ruhigen Platz zum üben, änder meine Technik bis es wieder verlässlich klappt, das ganze wiederholt sich dann. Bedeutet konkret, jeden Tag muss ich mich rückversichern, dass alles einwandfrei noch klappt und meine Fähigkeiten nicht wieder weg sind.

Zitat:
Wie würdest Du selber diese Gewissensbisse kommentieren bzw. rechtfertigen?

Ich weiß, dass man besser (schneller geschmeidiger) anfahren kann und ich dies auch (manchmal) so hinbekomme. Verstehe aber nicht, wieso ich diesen Vorgang, der nach 1 Jahr verinnerlicht sein sollte, nicht jederzeit abrufen kann.

Zitat:
Na ja, grundsätzlich würde ich mich fragen, ob nicht gerade dieses intensive Arbeiten und Trainieren z. T. zur Re-Eskalation der Zwänge geführt hat

Das kann ich mit bestimmter Gewissheit verneinen. Das Arbeiten und der Sport war stets auf einer freiwilligen Ebene und wie eine Art Hobby, der ich nachgehe. Ich habe den Verdacht, dass ich durch den Lockdown und fehlende Aktivitäten überhaupt erst die Zeit diesen Gedanken gegeben habe, die mich jetzt so sehr beschäftigen, dass ich alltäglichen Aktivitäten nicht mehr nachgehe. Daher war meine Idee, diesen wieder bewusst nachzugehen, da diese ablenken.

19.12.2021 20:54 • x 1 #20



x 4


Pfeil rechts


Auch interessant

Hits

Antworten

Letzter Beitrag


Prof. Dr. Borwin Bandelow