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Hallo ihr Lieben!

Ich bin neu hier Gern möchte ich mit euch meine Erfahrung teilen bzw meine Ängste. Ich leide unter Agoraphobie und Hypochondrie, alleine das Haus verlassen kann ich kaum, wenn dann gehe ich eine kleine Runde um den Block, mehr geht nicht.
Ich habe vor kurzem, trotz Panikattacken meinen Führerschein gemacht, da ich ab September meinen Sohn selber in den Kindergarten fahren muss und zu Fuß würde das bei mir sowieso nicht klappen. Da ich als Beifahrer das Autofahren genieße und liebe, hoffte ich, wenn ich den Führerschein habe, dass ich damit ein Stück Freiheit zurückgewinne und Wege endlich selbstständig und alleine zurücklegen kann. Leider ist dem nicht so. Ich habe totale Panik vor roten Ampeln, Autobahnen, und großen Kreuzungen. Auch in der Nacht fahren funktioniert gar nicht. Autobahnen kann ich meiden, da ich in einer Großstadt wohne und nicht aus der Stadt raus fahren brauche. Jedoch gibt es Ampeln und große Kreuzungen bzw mehrspurige Straßen wie Sand am Meer. Sobald ich auf einer roten Ampel stehe, bekomme ich das Gefühl, dass ich ohnmächtig werde und mir wird total schwindelig. Ich habe Angst die Kontrolle über mich zu verlieren und zB bergab zu rollen wenn ich gerade bergauf an der Ampel stehe. Am liebsten würde ich aussteigen und den Beifahrer fahren lassen (habe ich auch schon mal so gemacht). Kaum war ich am Beifahrersitz war die Panik vorbei. Wenn ich aber stand halte und warte bis die Ampel auf grün schaltet, bleibt dieses mulmige schwindelige Gefühl. Alleine bin ich bis jetzt nur 1x gefahren, das war der Horror für mich.
Ich habe es mit Trinken während dem Warten versucht, Ablenkung mit dem Radio, es hilft nicht! Reden mit dem Beifahrer klappt auch nicht, weil mir die Stimme "wegbleibt" . Ich bin so verzweifelt
Bei großen Straßen, die mehrspurig sind bekomme ich genauso Panik, mein Körper sendet mir sofort Signale, die ich als drohende Ohmacht wahrnehme. Meist wird mir nach dem Autofahren kann auch ziemlich übel, wahrscheinlich durch die Aufregung.

Kennt ihr das? Habt ihr sonst Tipps für mich?

22.07.2021 22:50 • 26.07.2021 x 1 #1


11 Antworten ↓


FredM
Hallo Melanie,

die Symptome, die Du beschreibst, kenne ich ganz genauso. Jeder Stop an einer roten Ampel wird zur Qual, die Panik kommt und wird immer stärker, bis es endlich grün wird.

Das Gleiche auf der Autobahn, sobald ich in die Zufahrt einbiege, gehts los. Oder wenn sich Stau bildet, auch in der Stadt oder so. Besonders schlimm es es, wenn man an der roten Ampel noch zugestellt wird, ein Auto dahinter, eins daneben. Dann möchte ich am liebsten das Auto stehen lassen und mit Lichtgeschwindigkeit verschwinden.

Die Ärzte und Therapeuten sagen immer, man soll so lange in der Situation bleiben, bis die Angst von alleine besser wird, bis man merkt, dass einem nichts passieren kann ect ect.

Das hat bei mir leider nicht geklappt, ich habs wirklich hunderte Male ausprobiert, und es ist nicht besser geworden. Aber vielleicht wäre das für die ein Ansatz, es einfach mal auszuprobieren. Einfach mal das Auto nehmen, und in der Stadt rumkurven und gucken was passiert. Nachhause fahren kann man immer noch.

Wie ist es denn in anderen Situationen bei dir? Ich habe zum Beispiel auch Schwierigkeiten beim Einkaufen, beim Schlangestehen ander Kasse oder so.


lg

23.07.2021 08:42 • #2



Agoraphobie und selbst Auto fahren

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moo
Grüß Dich und willkommen Melanie,

was mir seinerzeit sehr gut geholfen hat: die Visualisierung (also sich im Geiste bildhaft vorstellen) der Gegenwart nach dem Vollzug der bevorstehenden Tätigkeit. Konkret auf Deine Beispiele bezogen:

Zitat von melanie22:
Ich habe totale Panik vor roten Ampeln

Visualisierung: Ich fahre ca. 50 Meter hinter der auf grün umgeschalteten Ampel.

Zitat von melanie22:
Autobahnen

Visualisierung: Ich befinde mich bereits im Ausfahren (auf der Ausfahrt).

Zitat von melanie22:
großen Kreuzungen

Visualisierung: Ich fahre nach der Kreuzung ganz normal dahin. Die Kreuzung liegt bereits hinter mir.

Zitat von melanie22:
in der Nacht fahren

Visualisierung: Ich fahre in der Morgendämmerung auf die aufgehende Sonne zu.

Zitat von melanie22:
wenn ich gerade bergauf an der Ampel stehe

Visualisierung: Ich nehme das Vorwärtsfahren über den Ampelbereich wahr.

Erklärung: Ein Teil der Angst bezieht sich gar nicht auf die Situation sondern auf den Zeitfaktor der Situation. Eine Situation besteht (per unbewusster Wahrnehmung) immer auch aus einer gewissen Zeitspanne. Das Ego fühlt sich der Zeitspanne "ausgeliefert".

Durch die Visualisierung wird das im Unterbewusstsein abgespeicherte Erleben der Situation des "Durchstandenhabens" reaktiviert und der Geist "erlebt" quasi bereits den Vollzug.

Das äußerst kraftvolle daran: Wenn es dann zum "echten" Erleben des erfolgten Vollzugs kommt, speichert das Unterbewusstsein eine Vollzugsbestätigung (und somit eine positive Bewertung!) ab. In der Uploadphase des Gehirns während des Schlafes summieren sich diese Abläufe zu einer insgesamt harmonischeren (hier: verhältnismäßigen) Wahrnehmung dieser Vorgänge in der Zukunft.

23.07.2021 11:40 • x 1 #3


Zitat von FredM:
Hallo Melanie, die Symptome, die Du beschreibst, kenne ich ganz genauso. Jeder Stop an einer roten Ampel wird zur Qual, die Panik kommt und wird ...


Ja, ich habe es auch in anderen Situationen. Genauso wie du, an der Kassa beim warten oder wenn ich beim Arzt am Schalter stehe. Jetzt kommt etwas sehr lächerliches ich merke, wenn ich am Bankomaten Geld abheben möchte, dann bekomme ich auch Panik. Mir dauert das viel zu lange und einfach wegrennen ohne Geld und während die Karte noch im Automaten steckt, geht ja auch nicht.. haha. Also kurz gesagt, jede Situation, in der ich nicht sofort flüchten könnte, bereitet mir Panik. Habe auch das Gefühl, die Paniksituationen werden immer mehr.
Ich werde, trotz Angst weiter mit dem Auto unterwegs sein, jedoch traue ich mich noch nicht, alleine zu fahren. Ich muss dazu sagen, ich hab momentan gesundheitliche Probleme und meine Hypochondrie gibt mir dazu noch den Rest. Ich glaube, dass meine Hypochondrie auch einen sehr großen Teil dazu beiträgt, dass ich in Situationen Panik bekomme, da ich ja bereits früh Morgens schon mit Ängsten um meine Gesundheit aufwache und somit, so gut wie nie, entspannt und locker bin.

23.07.2021 13:52 • #4


Zitat von moo:
Grüß Dich und willkommen Melanie, was mir seinerzeit sehr gut geholfen hat: die Visualisierung (also sich im Geiste bildhaft vorstellen) der ...


Vielen herzlichen Dank für deine ausführliche Erklärung! Ich werde mir deinen Rat zu Herzen nehmen und das bei den nächsten Malen ausprobieren!

23.07.2021 13:53 • x 1 #5


FredM
Zitat von melanie22:
Jetzt kommt etwas sehr lächerliches ich merke, wenn ich am Bankomaten Geld abheben möchte, dann bekomme ich auch Panik. Mir dauert das viel zu lange und einfach wegrennen ohne Geld und ...

Das ist nicht lächerlich, das kenne ich auch sehr gut.

Gehe ich in die Bäckerei, und ich bin sofort an der Reihe und kriege sofort meine Brötchen eingepackt und kann direkt wieder gehen, ist das kein Problem.

Will der Bäcker/die Bäckerin die Brötchen in die Tüte stecken und es klingelt dann das Telefon oder so, und er/sie geht dann erstmal zum Telefon, kriege ich auch wieder Panik, weil ich weiss, dass ich nun warten muss und nicht sofort raus kann.

23.07.2021 14:16 • #6


Zitat von FredM:
Das ist nicht lächerlich, das kenne ich auch sehr gut. Gehe ich in die Bäckerei, und ich bin sofort an der Reihe und kriege sofort meine Brötchen ...


Oh ja! Ich war vorgestern mit meinem Sohn beim Kinderarzt, mein Mann musste wegen Corona draußen warten. Wir gingen also zum Schalter um den Arztbesuch zu bezahlen, natürlich dauert es einige Minuten um die Honorarnote zu erstellen, für mich grauenvolle Minuten, bekam natürlich sofort Ohnmachtsgefühle, Schwindel, habe dann als Ablenkung meinen Sohn rumlaufen lassen, so musste ich ihn "einfangen" während der Wartezeit, damit ich diese Panikgefühle irgendwie eindämpfe. Also ich muss schon zugeben, seitdem ich Panikattacken habe, werde ich ganz schon kreativ.
Was ich auch gerne an der Kasse mache, ich lasse den Einkaufswagen stehen und husche schnell in einen Gang um noch 1,2 Lebensmittel zu suchen, damit ich dort nicht stehen muss
Nur was sollte man beim Autofahren machen? Da kann ich nicht bei der Ampel mal schnell raus, ums Auto laufen und wieder einsteigen

23.07.2021 14:24 • #7


FredM
Ich habe zum Glück auch noch ein Motorrad.

Da ist es nicht so extrem mit der Panik, weil ich weiss, dass ich mit dem Motorrad viel beweglicher bin als mit dem Auto. Ich könnte vor einer Ampel auch ganz einfach an den Autos vorbei nach vorne fahren, oder im Notfall ganz einfach umdrehen und wegfahren.

23.07.2021 14:57 • #8


Zitat von FredM:
Ich habe zum Glück auch noch ein Motorrad. Da ist es nicht so extrem mit der Panik, weil ich weiss, dass ich mit dem Motorrad viel beweglicher bin ...


Ja das hat schon so seine Vorteile ! Bin allerdings "froh", dass es noch jemanden gibt, dem es so geht wie mir. In meinem Umkreis leidet niemand an Panikattacken, somit versteht mich kaum jemand wenn ich das alles erzähle

23.07.2021 16:41 • #9


Orangia
Ich kenne diese Problematik auch. Auf dem Autobahnzubringer fing es schon an...
Ich konnte auch nicht gut im Stau stehen oder in Kolonne fahren, oder einem großen LKW hinterfahren....schrecklich.
Es ist aber auch im Stadtverkehr aufgetreten, aber nicht so schlimm.
In der Paniksituation habe ich das Fenster runter gemacht, die Belüftung auf 100% und mich anpusten lassen.
Die Musik, die mich eigentlich ablenken sollte, mußte dann aus.
Volle Konzentration nur auf mich selbst, sich sagen "es wird mir nichts passieren, wenn ich ruhig bleibe"

Am liebsten würde ich Dir allerdings raten, vorerst nicht zu fahren, bis du etwas stabiler und Herr der Lage bist.
Erstrecht mit einem Kind an Bord.
Andere raten sich der Angst zu stellen, würde ich normaler Weise auch tun, aber beim Autofahren hab ich Schiss.
Genauso wie beim Führen von Maschinen.

23.07.2021 16:57 • #10


UPDATE

Bin heute mit meinem Vater gefahren, Autobahn und Stadt. Bin sicher um die 80km gefahren, ohne Panik! Bin sogar auf der Autobahn ein Stück im Stau gestanden, war alles kein Problem. Ich hatte zwar einen Schweißausbruch aber im Großen und Ganzen bin ich richtig stolz auf dieses Erfolgserlebnis!
Musste meine Freude mit euch teilen!

25.07.2021 21:18 • x 1 #11


moo
Hi Melanie,

Mensch, Du legst aber los! Gratulation - und danke für Deine erfreuliche Rückmeldung!

26.07.2021 10:55 • #12



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Dr. Christina Wiesemann