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Hoffnungslicht

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Guten Tag
Ich bin weiblich und 15 bald 16 Jahre alt. Seit ungefähr etwas mehr als vier Jahren oder so leide ich an einer Zwangsstörung und Ängsten. Depressionen hatte ich auch, aber das ist eine andere Geschichte. Es begann damit, dass ich immer die Elektronischen Geräte, den Herd und Wasserhahn kontrollieren musste. Wenn ich es nicht tat, hatte ich das Bild im Kopf wie unser Haus in Flammen stehen würde und der Impuls zu kontrollieren wurde stärker und stärker. Dann kam unser neues Familienmitglied unser Kater dazu. Er ist eine Wohnungskatze und dann kontrollierte ich auch Wohnungstür und Fenster um ihn zu beschützen. Dann blieb es eine Weile bei dem ganzen. Lichter, Fenster, Wasserhähne, usw, vor dem Rausgehen und vor dem Schlafen. Vor Urlauben machte ich immer Fotos von allen Steckern, Geräten und so weiter. Darunter litt ich schon sehr, weil ich Abends immer eine Weile brauchte um ins Bett zu kommen und ich musst mich immer zwingen liegen zu bleiben.

Vor ungefähr etwas mehr als einem Jahr begann ich die Antibabypille zu nehmen. Das war auch ne Weile okay. Dann wechselte ich von einem echten Idioten zu meinem jetzigen Partner, der wirklich liebevoll und perfekt für mich ist. Es ging auch lange alles gut. Ich war teilweise echt locker mit der Pille und habe sie auch auf meinen Abschlussball einfach kurz in den Mund gesteckt und genommen. Ich habe sie sogar angetrunken genommen. Dann ist irgendwas passiert (mein Freund meinte, dass mich wohl damals etwas unglaublich aus der Bahn geworfen hat), aber es erinnert sich niemand dran. Dann kamen mir langsam die Zweifel. Erst dachte man sich nichts. Ich habe ein paar Mal in Foren gefragt, ob irgendwas mit der Pille wechselwirkt von Nahrungsmitteln her und dann kam es soweit, dass ich immer Angst hatte wenn ich etwas aß. Ich habe ihm immer geschrieben wenn ich sie genommen hatte und habe eine Liste geführt auf der ich abhacken konnte. Außerdem mache ich immer ein Video wie ich die Pille nehme. Das mit dem Essen legte sich aber, als ich eine Zeit pausenlos Zeit mit meinem Freund verbracht hatte und danach aß ich wieder normal. Auch die Kontrollen waren nun leichter für mich. Das war Sommer letzen Jahres. Dann begann die Schule wieder. Er hatte seinen Abschluss gemacht und so hatte ich eigentlich kaum Vertrauenspersonen mehr in der Schule. Alles wurde schlimmer. Ich bekam die Angst, dass ich einfach sterben könnte, Lungenembolie, Thrombose, Herzstillstand, Schlaganfall und solche Ängste. Dann kam es, dass ich Mal in der ersten Einnahmewoche Durchfall nach der Pille hatte und ich rutschte tagelang von einer Panikattacke in die nächste. Wir hatten vorher auch miteinander geschlafen. Leider war er in dieser Zeit weiter weg in der Berufschule. Es ist insgesamt schon schlimm, wenn er so unglaublich weit weg ist. Ich konnte nicht mehr.

Ich konnte kaum schlafen und ab dem Moment habe ich immer die Toilette nach mir fotografiert um zu sehen, dass alles gut ist. Ab der Zeit hat meine Mutter bei mir geschlafen. Dann hätte ich ein paar Wochen später ein Praktikum in einer Baumschule, aber das habe ich am ersten Tag abgebrochen. Ich hätte meine Ferien für vier Tage (jeden Tag 6-8 Stunden) harte Arbeit geopfert, hatte um fünf aufstehen müssen und das für 10Euro am Tag. Dafür hatte ich einfach keine Kraft. Am Abend des ersten Tages des Praktikums hatte ich wieder einen Panikattacke, zum Teil weil ich bei der Arbeit Blätter einer giftigen Pflanze verschluckt hatte. Nun dann habe ich das abgebrochen und die Ferien in Ruhe verbracht und auch mein Partner bekam ein paar Tage frei. Das war sehr entspannend für mich. Ich fühlte mich einsam. Sehr einsam. Dann kam es dazu, dass ich in der Bücherei auf eine öffentliche Unisex Toilette nach einem Jungen gegangen bin. Ich habe schon gemerkt: verdammt mach das nicht, da kommt eine Panikattacke, aber ich habe es trotzdem getan. Dann bin ich durch die Tür gegangen und alles hat sich überschlagen. Ich bekam Angst schwanger von einem anderen Mann zu sein, Angst Geschlechtskrankheiten zu bekommen und so weiter. Ab diesem Tag bekannt ich immer mehr Probleme. Ich musste öfter Hände waschen könnte kaum noch in die Schule gehen, der Bus war eine Qual und immernoch Angst, dass man Magendarm bekommen könnte oder Durchfall.

Wegen dieser Angst aß ich manchmal nur Reis, gar nichts fertiges und Tonnenweise Zwieback. Schule war ein Horror, meine früheren Freunde hatten mich nur verarscht und das müsste ich schmerzhaft rausfinden. Ausgelacht und verarscht würde ich insgesamt fast vom ganzen Jahrgang und den darunterliegenden. Ich wurde ruhiger. Eigentlich suchte ich Hilfe bei meiner einzigen richtigen Freundin, aber die hätte immer nicht wirklich Mitgefühl uns ist etwas egoistischer. Bei der Psychotherapie war ich schon wieder, aber sie war echt keine gute Therapeutin. Dann kamen die Weihnachtsferien. Ich könnte nicht mehr rausgehen. Ich habe es versucht, aber bei jedem Stück Dreck hatte ich einen Angstanfall. Ich habe viel Zeit mit meinem Partner verbracht und eigentlich ging es mir besser, aber am Tag bevor die Schule los ging brach ich zusammen. Seit dem gehe ich nicht mehr in die Schule. Meine jetztige Therapeutin ist viel besser als die Alte, aber wir haben einen so langen Weg vor uns. Mein Abendritual kann ich nur mit Hilfe meiner Mutter kurz halten, da sie mich beruhigen kann. Allerdings kann und will sie nicht mehr bei mir schlafen. Jetzt fühle ich mich wirklich alleine. Sie ist ständig wütend auf mich obwohl sie mich eigentlich lieb hat. Meine Kontrollen sind aber wirklich extrem ausgeweitet. Ich mache Fotos von allen Orten und sicher zu gehen, dass ich mich nicht übergeben habe, trinke nach der Pille unglaublich viel, schreibe jedes Husten und Aufstoßen auf und stehe immer unter einem unglaublichen Druck. Ich vertraue mir nicht und brauche deshalb Mama oder meinen Freund, die auf mich aufpassen. Eigentlich bin ich unglaublich zuverlässig, super gut in der Schule und sehr hilfsbereit, aber irgendwie machen mir meine Probleme einen Strich durch die Rechnung. Ich kann nicht einmal mehr Kleider tragen oder offene Schuhe. Ich denke ich werde dann dreckig. Zumindest vom Gefühl her. Depressionen haben sich auch wieder eingeschlichen (hatte ich schonmal aber waren eigentlich weg). Ich kann meine sehr langen Haare nicht offen tragen wegen der Angst dreckig zu werden und auf dem Klo abputzen fällt mir schwer außer ich Wäsche davor Hände, sonst fühle ich mich dreckig. ich mache Fotos von fast allen und protokolliere mein halbes Leben.

Es ist aber besser, wenn ich wieder ein paar Nächte bei meinem Freund verbringe. Heute muss ich alleine Schlafen, weil mein Bruder auch nicht alleine Schlafen kann, also ich glaube er kann es aber er will es nicht (ich verstehe mich nicht so gut mit ihm), und da er glaube ich Magendarm hat will ich ihn nicht in meinem Zimmer haben, also schläft meine Mutter mit ihm unten. Ich weiß noch gar nicht wie ich das mit dem Kontrollieren alleine schaffen soll. Normalerweise schläft mein Vater bei meinem Bruder, aber er ist diese Woche nicht da. Ich hatte erst gestern Abend eine Panikattacke nach dem Pille nehmen, weil ich sie etwas gelutscht hatte. Danach kam es dann dazu, dass meine Mutter wütend würde und ich wieder sehr traurig wurde

Tut mir leid für den Text, aber ich musste es mir alles Mal vom Herzen schreiben und vielleicht kann mir ja jemand Tipps geben.

PS: die Zwänge sind teilweise unspezifisch. Ich bekomme manchmal den Impuls einfach nochmal zurück zu gehen und etwa nochmal zu machen oder etwas zu tuen, was eigentlich gar nicht zum Ritual gehört

08.04.2019 00:28 • 10.04.2019 #1


9 Antworten ↓


DieAlex

DieAlex


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Hallo

Herzlich Willkommen

08.04.2019 12:36 • x 1 #2


Icefalki

Icefalki


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Willkommen hier im Forum. Ist natürlich alles andere als gut, was du hier beschreibst. Wäre es für dich annehmbar, mal in eine Klinik zu gehen?

08.04.2019 12:43 • x 1 #3


Hoffnungslicht


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Ich habe es schon einmal probiert, aber es ging einfach nicht. Wenn ich aus meinem Umfeld rauskomme habe ich kaum Probleme. Deshalb hat das nicht geholfen. Kaum ist man wieder Zuhause ist alles wieder da

08.04.2019 13:44 • #4


Icefalki

Icefalki


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Zitat von Hoffnungslicht:
Ich habe es schon einmal probiert, aber es ging einfach nicht. Wenn ich aus meinem Umfeld rauskomme habe ich kaum Probleme. Deshalb hat das nicht geholfen. Kaum ist man wieder Zuhause ist alles wieder da


Bedeutet, dass irgendetwas zuhause nicht zu kontrollieren ist?

08.04.2019 15:19 • x 1 #5


Hoffnungslicht


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Bedeutet, dass irgendetwas zuhause nicht zu kontrollieren ist?[/quote]

Mehr oder weniger. Die Kontrollzwänge sind Zuhause schlimmer, aber die Angst Fehler zu machen und das fehlende Selbstvertrauen habe ich überall. Zuhause ist insgesamt schon immer schwierig gewesen. Meine Eltern haben viel gestritten und ich habe nie wirklich irgendwem vertraut

08.04.2019 15:21 • #6


Icefalki

Icefalki


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Zitat von Hoffnungslicht:
Bedeutet, dass irgendetwas zuhause nicht zu kontrollieren ist?


Mehr oder weniger. Die Kontrollzwänge sind Zuhause schlimmer, aber die Angst Fehler zu machen und das fehlende Selbstvertrauen habe ich überall. Zuhause ist insgesamt schon immer schwierig gewesen. Meine Eltern haben viel gestritten und ich habe nie wirklich irgendwem vertraut[/quote]

Es ist verständlich, wenn man in einem Umfeld aufwächst, das von Unsicherheit geprägt ist, dass man irgendwie versucht, sich Sicherheit verschaffen zu wollen.

Und wer dieses Urvertrauen gar nicht kennt, rutscht da ganz schnell in irgendeine Problematik rein.

Die Kunst besteht darin, den etwas gegenteiligen Weg beschreiten zu wollen, der natürlich anfänglich auch Seelenpein verursachen wird, auf Dauer aber weiterführend ist. Kannst ja wählen: entweder kontrollieren bis zu geht nicht mehr, oder das langsam Reduzieren und dem Druck standhalten. Beides ist anstrengend. Bei letzterem lernst du aber, dass kaum was passiert und wenn, dann sind das Kleinigkeiten.

10.04.2019 10:17 • #7


Hoffnungslicht


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Es ist verständlich, wenn man in einem Umfeld aufwächst, das von Unsicherheit geprägt ist, dass man irgendwie versucht, sich Sicherheit verschaffen zu wollen.

Und wer dieses Urvertrauen gar nicht kennt, rutscht da ganz schnell in irgendeine Problematik rein.

Die Kunst besteht darin, den etwas gegenteiligen Weg beschreiten zu wollen, der natürlich anfänglich auch Seelenpein verursachen wird, auf Dauer aber weiterführend ist. Kannst ja wählen: entweder kontrollieren bis zu geht nicht mehr, oder das langsam Reduzieren und dem Druck standhalten. Beides ist anstrengend. Bei letzterem lernst du aber, dass kaum was passiert und wenn, dann sind das Kleinigkeiten.[/quote]

Denkst du ich kann das Vertrauen irgendwie dann wieder gewinnen?

10.04.2019 10:19 • #8


kalina

kalina


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Leider ist es für Kontrollzwänge ganz typisch dass sie zuhause schlimmer sind als woanders.

Wenn man allerdings lange genug in der Klinik ist, dann treten sie auch dort auf.

Und: eine Klinik die auf Zwänge spezialisiert ist, die kennen das gut und wissen, wie sie trotzdem Konfrontationstherapie machen. Sie machen eigentlich auch immer mit Dir Übungen zuhause (sie gehen mit Dir dort hin) oder ähnliches.

Wenn Du in der Klinik ehrlich über die Ängste und Zwänge sprichst und es gute Therapeuten sind, dann können sie selbstverständlich eine geeignete Therapie machen.

Geh nochmal auf die Suche nach einer guten Klinik. Je früher Du damit beginnst, umso größer die Erfolgsaussichten.

10.04.2019 10:30 • x 1 #9


Icefalki

Icefalki


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Zitat von Hoffnungslicht:
Denkst du ich kann das Vertrauen irgendwie dann wieder gewinnen?


Irgendwie nicht." Irgendwie "muss professionell stattfinden. Wie es dir @kalina schon geschrieben hat, es gibt Hilfe.

Unser Gehirn speichert alle Erfahrungen, bewertet die und sucht sich dann Sicherheit. Ein Kind, das Sicherheit nicht wirklich kennt, ist hilflos und sucht sich dann Rituale. Eigentlich eine kluge Sache. Nur wird diese Sache dann zum Zwang. Damit nimmer klug, weil anstrengend und auch nicht erfolgreich.

Allerdings hat dieser ganze Mist auch was positives. Positiv dadurch, dass du jetzt die Chance hast, deine Probleme mithilfe der Therapie aufzuarbeiten. Und dort kannst du lernen dass in dir drin ein ganz kluges Mädchen steckt, das auch umlernen kann. Dauert eben einige Zeit, aber alles ist möglich.

Weisst du, wir Menschen mit unseren Problemen mögen dünnhäutiger sein, verglichen mit manchen Rabauken und Dickhäutern, die da draussen so rumlaufen. Heisst aber nicht, dass wir da besser oder schlechter sind. Wir haben evtl. Nur einen schlechteren Start gehabt, mussten frühzeitig irgendwelche komischen Strategien entwickeln, um klar zu kommen.

Und haben uns dadurch bissle geschadet. Ist zwar doof, aber so ist es nun mal. Wenn wir das erkennen, müssen wir dann eben Umdenken lernen. Und zum Umdenken gehört als erstes, dass wir das einfach mal zulassen wollen.

10.04.2019 11:08 • x 1 #10



Prof. Dr. Borwin Bandelow


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