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moo
@Hoffnungsblick
Danke für's Feedback. Vielen Yogis geht es ja genauso: Sie erkennen den existenziellen Wert des Yoga auf Anhieb und nutzen ihn "vollumfänglich", ohne das von der (nicht praktizierenden) Mehrheit sichtbare Klimbim hochzuhalten.

Der Dhamma (die Lehre) ist wie der Yoga ein Praxislehre, obschon sie z.T. sehr konkrete Erklärungen abgibt, wie und warum der Geist geschult werden sollte. Trotzdem ist es letztlich eine überschaubare Menge essentieller Inhalte, welche aber erst Richtung Befreiung weisen, wenn sie auch Anwendung finden.
Zazen kann immens kraftvoll wirken, abhängig vom Standpunkt des jeweilig Übenden aber mittelbarer finde ich persönlich seine Mutterlehre selbst. Erst hier erkannte ich den Grund, weshalb die alten chinesischen Chan- und japanischen Zen-Meister so sparsam mit diskursiven Unterweisungen umgingen.
Die Zen-Kultur Japans ist extrem reizvoll aber auch sie verkommt seit Generationen ebenso wie der Theravada-Buddhismus in Südostasien zu einem Schauspiel - wenige Ausnahmen bestätigen zum Glück die Regel, wie z. B. die thailändische Waldtradition.

Sorry @rero für den Exkurs! Gleich geht's weiter im Text

02.05.2021 05:20 • x 1 #201


moo
Um nun ein Gespür für das Entstehen und Aufrechterhalten der Ich-Illusion zu bekommen, betrachten wir nun eingehender das Ineinander-Wirken und Gegenseitig-bedingen dieser 5 Geistes-Faktoren:

Zitat von moo:
1. Sinneskontakt

Zitat von moo:
2. Gefühle

Zitat von moo:
3. Wahrnehmung

Zitat von moo:
4. Gestaltungen

Zitat von moo:
5. Bewusstsein


Obwohl sie nummeriert sind, ist es kein chronologischer "Ablauf" der hier stattfindet. Wir neigen dazu, ein Schema oder eine Struktur erkennen zu wollen. Das ist hier schlechterdings unmöglich. Es ist vielmehr eine Art "gleichzeitige Verflechtung" oder besser "Verfilzung". So wie beim Filzen aus einzelnen Fasern z. B. ein Tassenuntersetzer entsteht, wird aus den 5 Geistesfaktoren ein "Ich", ein "Selbst" ge-wirkt (-> von Wirken!).

(Wir dürfen hier nicht den typisch menschlichen Fehler machen, sofort zu fragen: "Von wem denn gewirkt?" Diese automatische Reaktion entspringt bereits wieder der Ich-Illusion (ich nenne sie ab hier mal der Einfachheit halber das "Ego"). Das Ego kann gar nicht anders, als von einem Zentrum - nämlich sich selbst - auszugehen).

Aufgrund dieser Verflechtung kann man seine Untersuchung an fast jedem beliebigen Faktor (1.- 5.) beginnen, denn wie bei einem Hologramm wird sofort die Wechselwirkung ersichtlich. Jeder Faktor wirkt auf die anderen ein und wird gleichzeitig von ihnen beeinflusst.

Da die Gefühle (2.) den Bereich darstellen, wo bei der Geistesarbeit echte Veränderungen erreicht werden können (und müssen), fange ich mal dort an.

Im folgenden Beispiel werde ich nun immer die jeweiligen Faktoren nummerieren, damit es übersichtlich bleibt:

Irgendeine Behauptung eines Bekannten (1.) löst einen Gedanken (1.) bei uns mit aus. Denken (4.) und Gedanken (1.) sind zwei verschiedene Dinge - nichtsdestotrotz gehen sie Hand in Hand. Diese Unterscheidung ist wichtig für das Verständnis der Geistesfunktion. Am Denkvorgang (4.) sind neben den Gedanken(objekten) (1.) idR immer auch Gefühle (2.) und damit verbundene Bewertungen (3.) beteiligt. Ebenso bilden und verändern sie die Wahrnehmung (3.) und das Bewusstsein (5.).

Das Bewusstsein (5.) beinhaltet u. a., dass sich irgendeine Sache (1.) so und so verhält - es wurde eine Meinung (3.) gebildet welche für "richtig" (3.) gilt. [i]In Wirklichkeit ist aber diese Meinung rein subjektiv - sie hat mit der objektiven Lage der Dinge überhaupt nichts zu tun.[/i]

Obgleich der letzte Satz bestimmt einleuchtet, verhält sich das Bewusstsein (5.) völlig anders, da nämlich die Gefühle (2.) nun ihren großen Auftritt haben: Im Fall von gegensätzllichen Behauptungen anderer entstehen (automatisch und unbewusst) Gefühle (2.) unangenehmer Art (das Ego fühlt sich bedroht). Hingegen im Fall von bestätigenden Äußerungen von außen entstehen (ebenfalls automatisch und unbewusst) Gefühle (2.) angenehmer Art (das Ego fühlt sich bestätigt). Unmittelbar mit den Gefühlen (2.) entstehen die o. g. Bewertungen (3.).

Gefühl bedingt automatisch Bewertung!

Unsere (Für-)Wahrnehmung (3.) ist bereits von diesen Bewertungen (3.) "gefärbt" und somit alles andere als neutral oder objektiv. Das alles ist der passive und idR unbewusste (!) Part des Vorgangs.

Der aktive Part sind - und jetzt kommt´s - oftmals sogar bewusste Reaktionen (4.). Diese Reaktionen (4.) können in dreierlei Gestalt erfolgen: Erneutes Denken, Rede und/oder Taten. Sie kann mehrgestaltig auftreten, aber niemals ohne Denken.

Wenn man nun ganz genau hinschaut, erkennt man dass diese Reaktionen (4.) eigentlich eine Art Kompensations- oder Zwangshandlung (4.) darstellt. Wir wollen (müssen!) (4.) "uns dazu äußern". Das ist auch der Grund, weshalb viele Psychologen sagen dass wir unserer Meinung Luft machen sollen indem wir sowohl verbal als auch körperlich "Klartext" reden. Das Bewusstsein (5.) ist also eigentlich ständig getrieben! Getrieben von was? Von den Sinneseindrücken (1.) und der unbewussten, passiven, automatischen (internen) Beantwortung durch Gefühl (2.), Bewertung (3.) und Gestaltungen (4.). Und dies seit anfangslosen Zeiten, wie wir später noch besprechen werden.

Das Ego setzt sich aus diesem o. g. unbewussten (!) Ablauf zusammen. Aus diesem unbewussten Wirkens-Komplex entsteht das Ego. Es ist ein "Nebenprodukt" dieses Vorgangs und nährt und erhält "sich selbst" durch ständige Wiederholung. Das ganze Erleben ist durch das Ego "Ich-gefärbt". Hier liegt das ganze Problem begründet.

Aus diesem Ich-Bewusstsein heraus leben wir "unser" (vermeintliches) Leben, bilden "unser" Weltbild, "unseren" Glauben, politische Überzeugungen, ethische Einstellungen etc.

Ein deutscher Buddhist der alten Zeit (Paul Debes) nannte das Ego auch "programmierten Wohlerfahrungssuchlauf". Denn das Ego will immer bestätigt werden. Es will angenehme Dinge erfahren und unangenehme Dinge loswerden. Und das deswegen, weil der o. g. Ablauf unbewusst erfolgt. Diese drei Fakten nennt man im Dhamma lapidar "Gier, Hass und Verblendung".

Man darf nun nicht der Ansicht verfallen, dass diese 5 Geistesfaktoren irgendwie "an sich" unheilsam sind. Es sind lebensnotwendige Werkzeuge, denen wir uns bedienen müssen. Den Unterschied zwischen angemessener und unheilsamer Handhabung macht jedoch das Wissen über deren Wirken.

Ich möchte es mal hierbei belassen und mir ist bewusst, wie trocken und theoretisch das vielleicht zu lesen ist. Aber man kann dies bei nahezu jeder Regung des Geistes mal nachprüfen, wie "frei" denn unsere Aktionen (besser: Reaktionen) in der Regel sind.

Von der existenziellen Notwendigkeit abgesehen, ist ein Verständnis der Geistesfaktoren "eigentherapeutisch" äußerst wertvoll hinsichtlich Ängsten, Phobien, Traumen, Depressionen etc. Derlei "Krankheiten" sind nichts anderes als (sichtbare) pathologische Entwicklungen des Egos. Von Schuld kann man hier jedoch nicht sprechen. Es spielen m. E. auch karmische Entwicklungen mit rein. So komplex bei vielen von uns die Gemengelage sein mag: Eine Veränderung kann (!) bewirkt werden!

Um dann den Kreis zu schließen möchte ich im nächsten Text das Thema Tod, Karma und "Vor- bzw. Nachexistenz" verfolgen. Wenn die bisherigen Ausführungen halbwegs einleuchten (was ich hoffe), gehen wir mit etwas anderen Voraussetzungen an diese Themen ran- und um die ging es uns oben ja ursprünglich.

Wenn gewünscht, kann als Fazit ganz zum Schluss eine Aussicht angeboten werden, wie unser Erleben durch Anwendung der aus dem Geschilderten erwachsenen Einsichten erheblich leid-geminderter ablaufen kann.

02.05.2021 10:21 • x 3 #202



Philosophische Fragen und tiefgründige Themen

x 3


rero
@moo
Danke für die den Interessanten Beitrag.
Ich muss zugeben, dass ich evtl. nicht alles verstanden habe.

Nur soviel im Gegensatz zu Tieren ist der Mensch das einzige Geschöpf das "Formbar" ist.
Wäre wir als Baby in China aufgewachsen könnten wir perfekt Mandarin sprechen, würden die Gesten Mimik, Traditionen, Verhaltensmuster etc. der dortigen Bevölkerung teilweise adoptieren - das könnte natürlich in jedem Beliebigen Land sein.

Natürlich ist das äußere Umfeld nicht nur - aber zu einem großen Teil für das eigene Verhalten maßgebend.

D.h. wenn deine Großeltern und Eltern "R a s s i s t e n" waren ist die Wahrscheinlichkeit, dass du auch so wirst höher.

Vielleicht noch ein Interessanter Aspekt der ich auch gerne diskutieren möchte ist K.I. Künstliche Intelligenz und wenn man noch ein wenige weiter geht Künstliches Bewusstsein.

....in den nächsten 50 Jahre soll dies möglich sein. (wie auch immer das aussehen wird uns was auch immer das für uns bedeuten mag)


Wir leben gerade in der wohl spektakulärsten Zeit - noch nie zuvor war so viel im Umbruch wie aktuell. )*
WIR und die Generation nach uns hat es in der Hand ob die Welt zu retten oder untergehen zu lassen.

Ca. seit 350'000 gibt es den Homo Sapiens als Jäger und Sammler
ca. seit 10'000 wird Ackerbau betrieben und der Mensch wurde Sesshaft.
Das hat sich für den Menschen nicht unbedingt NUR zum bessere gewendet....der Körper der Homo Sapiens was für Ackerbau eigentlich nicht wirklich vorgesehen.

Yuval Harari sieht "landwirtschaftliche Revolution" sogar als größten Betrug in der Geschickte.

)* Die Erde ist ca. 4.6 Milliarden Jahre alt.

Wenn man das ganze auf 46 Jahre skaliert.
...dann wären wir erst 4 Stunden (!)
auf der Erde.

Die Industrielle Revolution hätte vor 1 Minute begonnen...und in dieser Zeit hätte wir mehr als 50 % der Wälder zerstört !

Nachhaltigkeit sieht anders aus.

02.05.2021 12:23 • x 3 #203


Hoffnungsblick
@moo

Danke für deinen hilfreichen und lehrreichen Text!

Zitat von moo:
[i]In Wirklichkeit ist aber diese Meinung rein subjektiv - sie hat mit der objektiven Lage der Dinge überhaupt nichts zu tun.[/i]


Zitat von moo:
Unsere (Für-)Wahrnehmung (3.) ist bereits von diesen Bewertungen (3.) "gefärbt" und somit alles andere als neutral oder objektiv.


Zitat von moo:
Das ganze Erleben ist durch das Ego "Ich-gefärbt"


Das ist in gewisser Hinsicht fatal, weil Wirklichkeit auf der Grundlage des Ego wahrgenommen, dann eigentlich verzerrt ist und nicht "die Realität" ist. Das macht mich mal wieder nachdenklich.
Es ist schon wichtig, dass man sich immer wieder selbst beobachtet und hinterfragt.

Zitat von moo:
leben wir "unser" (vermeintliches) Leben,

Zitat von moo:
wie "frei" denn unsere Aktionen (besser: Reaktionen) in der Regel sind.


Hm. Alles ist miteinander verflochten und viele Aktionen, die eigentlich Reaktionen sind, können dann aufgrund der fast automatischen Egowahrnehmung nicht frei sein. Was ist denn eigentlich (innere) Freiheit?

Zitat von moo:
ist ein Verständnis der Geistesfaktoren "eigentherapeutisch" äußerst wertvoll hinsichtlich Ängsten, Phobien, Traumen, Depressionen etc. Derlei "Krankheiten" sind nichts anderes als (sichtbare) pathologische Entwicklungen des Egos.


Wenn man das nur immer in konkreten Situationen erkennen würde!
Wie gerne jammert und klagt man hilfesuchend bei Problemen, anstatt sich selbst als den Verursacher zu erkennen.

Zitat von moo:
Eine Veränderung kann (!) bewirkt werden!


Das finde ich tröstlich. Allerdings, das Ausrufezeichen hinter "kann" zeigt, dass man eine Veränderung nicht automatisch erwarten kann...

Zitat von moo:
obschon sie z.T. sehr konkrete Erklärungen abgibt, wie und warum der Geist geschult werden sollte. Trotzdem ist es letztlich eine überschaubare Menge essentieller Inhalte, welche aber erst Richtung Befreiung weisen, wenn sie auch Anwendung finden.


Ja, das ist wahr. Wenn man sich darauf einlässt, steht erst mal Arbeit bevor und die Hoffnung, einen Schritt näher Richtung Befreiung zu gehen.

Zitat von moo:
Wenn gewünscht, kann als Fazit ganz zum Schluss eine Aussicht angeboten werden, wie unser Erleben durch Anwendung der aus dem Geschilderten erwachsenen Einsichten erheblich leid-geminderter ablaufen kann.


Deine Ausführungen finde ich interessant und hilfreich. Darum fände ich es schön, wenn du sie hier fortsetzt.
Was nützt Philosophie, wenn sie nicht im praktischen Leben hilfreich ist.

Zitat von moo:
aber auch sie verkommt seit Generationen


Es ist schon ein Problem, wenn Zen oder Yoga zum Lifestile verkommen.

02.05.2021 21:21 • x 1 #204


moo
Danke, rero und guten Morgen!

Zitat von rero:
Wäre wir als Baby in China aufgewachsen könnten wir perfekt Mandarin sprechen, würden die Gesten Mimik, Traditionen, Verhaltensmuster etc. der dortigen Bevölkerung teilweise adoptieren - das könnte natürlich in jedem Beliebigen Land sein.


Eben! Was nicht fix ist, ist formbar, steuerbar und manipulierbar.

Zitat von rero:
D.h. wenn deine Großeltern und Eltern "R a s s i s t e n" waren ist die Wahrscheinlichkeit, dass du auch so wirst höher.

Leider folgerichtig...

Zitat von rero:
Vielleicht noch ein Interessanter Aspekt der ich auch gerne diskutieren möchte ist K.I. Künstliche Intelligenz und wenn man noch ein wenige weiter geht


Unbedingt! Wie "menschlich" ist denn die MI bzw. das MB und wie "künstlich" den KI und KB?

Zitat von rero:
Die Industrielle Revolution hätte vor 1 Minute begonnen...und in dieser Zeit hätte wir mehr als 50 % der Wälder zerstört !


Leider auch hier: Gier, Hass und Verblendung als Ursachen.

03.05.2021 05:31 • #205


moo
Zitat von Hoffnungsblick:

Das ist in gewisser Hinsicht fatal, weil Wirklichkeit auf der Grundlage des Ego wahrgenommen, dann eigentlich verzerrt ist und nicht "die Realität" ist. Das macht mich mal wieder nachdenklich.
Es ist schon wichtig, dass man sich immer wieder selbst beobachtet und hinterfragt.


Das ist auch der Punkt, an dem viele scheitern. Die Vorstellung, dass letztlich sämtliche Wahrnehmung Ego-geprägt ist, erschüttert das Ego! Auch hier greift der sprichwörtliche "Selbst-Erhaltungstrieb" in hohem Maße indem es sich wieder der Welt als Verursacher zuwendet. Deine o. g. Einsicht ist ein "No go" für das Ego. Es ist so, wie wenn ein Verbrecher zum ersten Mal ein Fahndungsfoto von sich in der Zeitung sieht: Er wurde erkannt! Und das schürt Ängste.

Zitat von Hoffnungsblick:
Hm. Alles ist miteinander verflochten und viele Aktionen, die eigentlich Reaktionen sind, können dann aufgrund der fast automatischen Egowahrnehmung nicht frei sein. Was ist denn eigentlich (innere) Freiheit?

Absolute Freiheit wäre die Abwesenheit des Egos, der Ich-Illusion. Dann bleibt präziserweise kein "Befreiter" übrig, sondern lediglich die Abwesenheit von Leiden. Das ist bzw. war z. B. bei zahlreichen so genannten erleuchteten Wesen der Fall. Man kann dann nicht mehr von innerer oder äußerer Freiheit sprechen, da "der" der befreit wurde, ja lediglich (jetzt aufgelöste) Verblendung war.


Zitat von Hoffnungsblick:
Wie gerne jammert und klagt man hilfesuchend bei Problemen, anstatt sich selbst als den Verursacher zu erkennen


Ja, leider die notwendige Folge dieser Kausalitäten und deswegen "selbst-erhaltend"

Zitat von Hoffnungsblick:
Ja, das ist wahr. Wenn man sich darauf einlässt, steht erst mal Arbeit bevor und die Hoffnung, einen Schritt näher Richtung Befreiung zu gehen


Je tiefer die Einsicht beim Hören/Lesen dieser Lehren umso höher die Chance auf zügige Erfolge!
Dass (!) jemanden diese Thesen ansprechen und "instinktiv" sogar einleuchten, lässt auf ein gutes Päckchen Weisheit schließen, das derjenige wohl "mitgebracht" hat.

Wenn man hingegen maximal abgestoßen davon ist, beweist das zwar deren Richtigkeit, jedoch besteht keinerlei Chance zur Einsicht und Umkehr.

03.05.2021 05:59 • #206


moo
Mein letzter "Beitrag" zum Thema:

Zitat von moo:
Tod, Karma und "Vor- bzw. Nachexistenz"


Bisher versuchte ich zu erklären, wie Ego bzw. Ich-Bewusstsein zustandekommt und sich ständig weiterbedingt. Was passiert nun zum Zeitpunkt des Todes?

Vorweg: Im Gegensatz zu den bereits beschriebenen körperlichen und geistigen Gesetzmäßigkeiten, welche bei etwas Interesse und Bemühen von jedem nachgeprüft werden können, begeben wir uns beim Thema Tod etc. auf ein Terrain, das aus jetziger Sicht (noch) in die Kategorie Spekulation fällt.

Ich möchte aber daran erinnern, dass sich diese Sicht durch Beschreiten des Einsichtsweges deutlich verändern und somit andere Grundlagen zur Diskussion bieten kann. Vieles, was mir am Anfang nicht einleuchtete, habe ich nicht einfach abgelehnt sondern als Arbeitshypothese einfach mal für einige Zeit "so stehen lassen". Mit der Zeit wuchs das Verstehen und in der Folge auch die Überzeugung.

Also: man kann als ziemlich erwiesen annehmen, dass beim Tod sämtliche (!) körperlichen und geistigen Faktoren wegfallen. D. h. die oben beschriebenen Werkzeuge nebst Körper verschwinden restlos - Gehirn, Gedanken, Überzeugungen, Sinneseindrücke, Gefühle - alles weg. Nun könnte man meinen, dass damit "alles erledigt" sei, da ja das Ego sich derer "bedient" hat?! Dem ist nicht so! Denn das Ego besteht (!) ja nicht aus diesen Faktoren, sondern es "haftet an" bzw. "identifiziert" sich damit.

Und hier ist es wichtig, die treibende Kraft der Ich-Illusion zu realisieren. Das was "nicht stirbt", ist, so widersprüchlich sich das evtl. zu Beginn anhört, das Ego - Gier, Hass und Verblendung bestehen unverändert weiter fort. Und suchen wie seit jeher wieder "Nahrung" in Form von Weiter-Erleben. Die Art und Weise dieses Weiter-Erlebens ist zwangsweise bedingt (abhängig) vom Wollens-, Nicht-Wollens- und Nicht-Wissens-Status des Egos. Unmittelbar nach dem vollständigen Tod beginnt ein neues, vom "letzten" Leben beeinflusstes Dasein bzw. Erleben. Das muss nicht notwendigerweise in Form eine menschlichen Geburt erfolgen. Wer sich im wahrsten Sinne "menschlich" entwickelt hat, hat gut Chancen, wieder als ein solcher zu erleben. Wer tierische Triebe kultiviert hat, "wandert" folglich ins entsprechende Tierreich. Es gibt auch noch andere "Bereiche", die hier nicht weiter erwähnt werden müssen. Nur soviel: Die langfristige Kausalität findet im Tod und dem unmittelbaren Beginn neuen Erlebens seine Erfüllung. Es können sich genau da "karmische Früchte" manifestieren, die im derzeitigen Leben einfach aufgrund der Umstände "noch nicht reif" waren.

Um das leichter zu begreifen, will ich ein Bild von einem Baum malen, der sich im Laufe seines 80-jährigen Lebens insgesamt (!) in irgendeine Richtung entwickelt hat. Mal wuchs er nach Osten, mal mehr nach Süden und so weiter. Er bildete Triebe, Zweige, Äste, eine Baumkrone sowie Neben- und Hauptstämme - auch die Entwicklung seiner Wurzeln muss man berücksichtigen. Der Tod des Menschen gleicht nun einem sauberen, waagerecht-gleichmäßigen Schnitt ganz unten am Hauptstamm des Baumes. Wohin fällt nun der Baum? Ausgehend von Windstille, fällt der Baum in diese Richtung, in der er sich im Laufe seines Lebens am stärksten (!) entwickelt hat.

Der Baum steht in diesem Gleichnis für den Körper und die 5 Geistesfaktoren.
Die Fallrichtung steht für den neuen, zukünftigen Erlebensbereich.
Die Anziehungskraft jedoch steht für das Ego, die Ich-Illusion, die Verblendung.

Das Ego hat normalerweise kein "Gedächtnis" oder "Wissen" aus Vorexistenzen. Obwohl das Erleben in hohem Maße durch die (zahllosen) Vorexistenzen (in den verschiedensten Daseinsbereichen) geprägt ist, ist "es" der Ansicht, dass es ein eigenständiges, unabhängiges Individuum ist. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Diese sind vorwiegend in Ländern zu finden, die kulturell (noch) die Überzeugung von Reinkarnation oder Wiedergeburt (= eigentlich Weiter-Geburt!) haben.

Nun dürfte sich die Frage nach dem "wer ist es, der stirbt?" langsam beantwortet haben, jedoch in einer Weise, die viele logischerweise überhaupt nicht zufriedenstellt. Einige wenige jedoch dürften aufatmen, weil sie eine Antwort erhalten haben, die ihnen (!) nicht nur Verantwortung sondern auch Veränderungspotenzial zuweist.

Fazit und Aussicht:

Das, was "überlebt" ist leider exakt das "Problem".

Aber es ist kein "Ich" das überlebt. Nur Trieb, Aversion und Unwissen über das oben Gesagte. So wird der endlose "samsarische Daseinskreislauf" weitergeführt.

Das Ziel buddhistischer Geistesschulung ist das Beenden dieses Kreislaufs. Das bedeutet: das Auflösen des Egos, der Illusion. Und das kann mitnichten durch Selbstmord erreicht werden, wie man inzwischen gelernt haben dürfte.

Der Weg dorthin nennt sich der "Achtfache Heilsweg" und ihr Endziel ist das vollumfängliche Verstehen der "Edlen vier Wahrheiten". Diese hier in @rero ´s Thread zu besprechen, würde den Rahmen sprengen und auch zu weit vom ursprünglichen Thema wegführen.

Soweit hoffe ich, dass damit evtl. neue Sichtoptionen zur Verfügung stehen. Und für mich war es, alles mal wieder neu formulieren zu müssen. Das ist eine gute Übung!

03.05.2021 09:53 • #207


Hoffnungsblick
Zitat von rero:

D.h. wenn deine Großeltern und Eltern "R a s s i s t e n" waren ist die Wahrscheinlichkeit, dass du auch so wirst höher


Manchmal ist es auch umgekehrt. In meiner Generation habe ich viele Menschen erlebt, die mehr oder weniger erfolgreich versucht haben, die Fehler ihrer Vorfahren auszugleichen.

Zitat von moo:

Soweit hoffe ich, dass damit evtl. neue Sichtoptionen zur Verfügung stehen.


Vielen Dank für deine eindrückliche, ausführliche Beschreibung der buddhistischen Sicht!
Du hast mich damit aufgerüttelt, obwohl ich eigentlich dachte, zumindest theoretisch, die Inhalte in etwa zu kennen. Aber "in etwa" reicht eben nicht...

Zitat von moo:
Obwohl das Erleben in hohem Maße durch die (zahllosen) Vorexistenzen (in den verschiedensten Daseinsbereichen) geprägt ist, ist "es" der Ansicht, dass es ein eigenständiges, unabhängiges Individuum ist.


Was wir in der Gesellschaft normalerweise unter Freiheit, Unabhängigkeit und Individualität verstehen, das ist etwas ganz anderes als das, was hier unter Befreiung oder Freiheit gemeint ist.

Zitat von moo:
Veränderungspotenzial


Zum Glück haben wir das auch. Das ist ein Trost.

Zitat von moo:
Das Ziel buddhistischer Geistesschulung ist das Beenden dieses Kreislaufs. Das bedeutet: das Auflösen des Egos, der Illusion.


Zitat von moo:
Der Weg dorthin nennt sich der "Achtfache Heilsweg" und ihr Endziel ist das vollumfängliche Verstehen der "Edlen vier Wahrheiten".


Danke dir nochmals sehr herzlich für deine Texte hier und auch für deinen Mut, diese Wahrheiten hier auszusprechen.

03.05.2021 19:14 • x 1 #208


Mariebelle
Fuer meinen lieben @rero ,der sich immer soviele Sorgen u Gedanken um das grosse Nichts macht..

guckst du hier:




Ich finde der Harald erklaert auch komplexe Themen schluessig u einleuchtend.

08.05.2021 22:45 • #209


Lottaluft
Zitat von Mariebelle:
Fuer meinen lieben @rero ,der sich immer soviele Sorgen u Gedanken um das grosse Nichts macht.. guckst du hier: Ich finde der Harald erklaert auch ...


leider in Deutschland gesperrt

08.05.2021 22:54 • #210


Mariebelle
Frag den Lesch -gibt es Zufall....
dann musst selbst bei yt eingeben.

08.05.2021 23:04 • x 1 #211


rero
Zitat von Mariebelle:
um das grosse Nichts macht..


Naja um Nichts mach ich mir nicht sorgen.....Für mich nur Viel Blabla und heiße Luft . - trotzdem danke

09.05.2021 17:44 • #212


Mariebelle
Sei nicht so veraechtlich,gell...

Hier geht es weiter u sehr gut mMn...o hast schon ne bessere Erklaerung da oben auf dem Dach von "old Europe"^^
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Was ist der Mensch?
https://www.zdf.de/wissen/frag-den-lesc...h-104.html
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Es ist bestimmt vom Willen nach Veränderung, nach mehr Einfluss, mehr Macht, nach Wachstum. Dazu schaut Harald Lesch in die Entwicklungsgeschichte des Menschen, und es wird klar: Bis heute stecken Verhaltensweisen unserer Vorfahren, der Jäger und Sammler, in uns.

Der Mensch kann Erkenntnisse gewinnen, sie speichern und weitergeben. Er ist lernfähig, aber auch kulturfähig. Je mehr Speichermöglichkeiten wir haben, je schneller wir Informationen austauschen, umso größer ist der kulturelle Erfolg.

Doch wir stoßen an unsere Grenzen. Inzwischen rauschen Daten mit annähernd Lichtgeschwindigkeit um den Globus, schneller geht es nicht. Wir stoßen an Grenzen des Wachstums. Und jetzt? Diese Folge von "Frag den Lesch" ist ein Appell - frei nach Immanuel Kant: "Habe den Mut, dich deines Verstandes zu bedienen."

11.05.2021 19:21 • x 2 #213


rero
JA danke...
Das ist alles nichts neues.
Ist der Mensch - die Erde + Natur das alles so perfekt aufeinander abgestimmt ist nur ein Produkt des Zufalls ?
Als Jäger und Sammler hat so manch einer ein bessere Leben als beispielsweise ein Fabrikarbeiter der eintönige Arbeit verrichtet.
Die "Vertreibung aus dem Paradies" ist selbstverschuldet. / der größte Betrug der Menschheit - doch dieser schritt war notwendig wir können ja nicht ewig auf der Erde bleiben -denn die hat ja irgendwann ein Ende.


11.05.2021 20:46 • #214



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