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DerSchwabe1982
Mitglied

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Hallo zusammen,
ich schreibe diesen Beitrag, weil ich mich hier im Forum vorstellen und meine Situation einmal zusammenhängend darstellen möchte – nicht, um Mitleid zu bekommen, sondern um mich verständlich zu machen und vielleicht auch Erfahrungen auszutauschen.
Ein großer Teil meines Lebens war von Arbeit im Sicherheitsdienst geprägt. Insgesamt waren es rund 20 Jahre, davon 7 Jahre im Sicherheitsdienst bei der Deutschen Bahn. Wer dieses Umfeld kennt, weiß, dass das kein Job ist, den man nach Feierabend einfach an der Garderobe abgibt.
In dieser Zeit habe ich sehr vieles erlebt, was sich irgendwann nicht mehr sauber voneinander trennen ließ:
der Umgang mit Obdachlosen, massiver Dro., aggressive und eskalierende Situationen, Bedrohungen, Gewalt, Menschen in psychischen Ausnahmelagen – und auch Suizide bzw. Suizidversuche. Zusätzlich war ich bei fünf schweren Verkehrsunfällen als Ersthelfer vor Ort, teils mit schwer verletzten oder eingeklemmten Personen. Solche Situationen hinterlassen Spuren, auch wenn man nach außen ruhig und funktional wirkt.
Parallel dazu kam es zu massiven körperlichen Traumatisierungen. Innerhalb von fünf Wochen musste ich mich drei Operationen an der Wirbelsäule unterziehen. Besonders prägend war, dass nach der ersten Operation das Implantat gebrochen ist – und zwar in der Reha-Klinik im Schwimmbad.
Diese Situation wurde in der Reha nicht adäquat versorgt. Die körperlichen Folgen, aber auch die Art und Weise, wie damit umgegangen wurde, waren für mich hochtraumatisch. Bis heute ist es mir nicht möglich, ein Schwimmbad zu betreten. Bereits die Nähe eines Schwimmbads oder entsprechende Gedanken lösen Panikattacken aus.
Infolge des Implantatbruchs und der verzögerten bzw. nicht ausreichenden Versorgung kam es zu Nervenschädigungen. Diese wirken bis heute nach und äußern sich unter anderem in neurologisch bedingter Inkontinenz sowie Spastiken, die sich je nach Belastung und Stress deutlich verstärken können.
Die Inkontinenz ist für mich kein isoliertes Problem, sondern Teil eines komplexen Zusammenspiels aus Nervenschädigung, chronischem Stress und PTBS. In Belastungssituationen verschärft sie sich deutlich und wird damit selbst wieder zu einem Stressfaktor.
In diesem Zusammenhang spielen Windeln eine Rolle – in erster Linie als medizinisches Hilfsmittel, das mir Sicherheit gibt und mir ermöglicht, überhaupt am Alltag teilzunehmen. Ohne diese Versorgung wäre vieles für mich nicht machbar. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass dieses Thema emotional und gesellschaftlich stark tabuisiert ist.
Rückblickend wird deutlich, dass sich meine PTBS nicht plötzlich entwickelt hat, sondern das Ergebnis einer langjährigen kumulativen Belastung ist – beruflich wie körperlich. Daueranspannung, Hypervigilanz, Schlafstörungen, Flashbacks und Erschöpfung haben sich über Jahre aufgebaut.
Aktuell befinde ich mich weiter in Behandlung und Auseinandersetzung mit diesen Themen. Ich versuche, mir Strukturen zu schaffen, die mir Stabilität geben, ohne mich weiter zu überfordern.
Ich schreibe diesen Beitrag, weil ich weiß, dass ich mit dieser Kombination aus beruflicher Traumatisierung, körperlichen Verletzungen, neurologischen Folgen, PTBS und Inkontinenz nicht allein bin – auch wenn darüber selten offen gesprochen wird. Vielleicht gibt es hier Menschen mit ähnlichen Erfahrungen oder Menschen, die den Austausch suchen.
Danke an alle, die bis hierher gelesen haben.

21.01.2026 x 3 #1


5 Antworten ↓


Idefix13
Ich kann dir sagen, dass soviel in der Gesellschaft tabuisiert wird und das ganz offen an dem Unwissen und aber auch, weil viele sich gar nicht die Mühe machen wollen, sich damit auseinander zu setzen. Immer erst dann, wenn sie selbst betroffen sind und es müssen, dann.., ja dann findet ein Umdenken statt. Und solange das so bleibt, mit vielen Themen, solange geht es so weiter.

Glückwunsch, dass du für deine Inkontinenz auch gute Hilfsmittel gefunden hast und sie auch nutzen kannst, weil auch hier bestimmt ein Großteil, die Windeln, aus den unterschiedlichsten Gründen nicht nutzen können oder wollen.

Mögest du auch in Zukunft die angestrebte Stabilisierung finden, die du anstrebst und dir damit eine Grundlage schaffen, um mögliche Triggersituationen zu entschärfen und du vielleicht wieder den Mut finden kannst, dich dem Wasser anzunähern.

🍀🍀🍀👍

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PTBS, körperliche Folgen und mein heutiger Alltag

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Moelli80
Zitat von DerSchwabe1982:
Vielleicht gibt es hier Menschen mit ähnlichen Erfahrungen

Ich war nicht im Sicherheitsdienst.
Aber eine PTBS bzw. kPTBS habe ich auch unter anderen.
In meinem Leben habe ich auch viel Gewalt erlebt, in der Kindheit und auch als Heranwachsender.
Ab meinen 18. Geburtstag war ich auch obdachlos eine Zeit.
In meinem Umfeld sind einige gestorben, an Dro., Mord und Suizid auch einer.

Das mit der Operation bei dir und dem Bruch des Implantat im Schwimmbad, ist bestimmt sehr belastend.
Dabei soll doch eigentlich gerade in Wasser alles schonender sein, mit Bewegung usw.

Implantate hab ich zum Glück noch keine außer bei den Zähnen, weil welche mir ausgeschlagen wurden.
Sonst nur viele Knochenbrüche, die aber so verheilt sind.

Neurologisch habe ich nerven Verengungen, deshalb auch oft Kribbeln und auch Taubheitsgefühle.


Zitat von DerSchwabe1982:
Die Inkontinenz ist für mich kein isoliertes Problem, sondern Teil eines komplexen Zusammenspiels aus Nervenschädigung, chronischem Stress und PTBS. In Belastungssituationen verschärft sie sich deutlich und wird damit selbst wieder zu einem Stressfaktor.

Ist es bei dir direkt Inkontinenz oder hast nur das Gefühl, dass was kommt?

Ich habe das bei vielen Menschen.
Besonders wenn ich mit vielen in einen Raum sitze.
Gruppentherapie z.b.
Habe immer das Gefühl ich nässe mich ein, fühlt sich so sogar an, aber ist meistens Schweiß.
Sitze den unruhig, habe immer das Gefühl, da ist jetzt was.
Das Problem ist, ich kann auch direkt davor auf Toilette gehen, aber 5 bis 10 mit mit soviel Menschen in einen Raum und es fängt trotzdem an.
Hab mich aber nie eingenässt.
Es ist nur das Gefühl, die Unsicherheit mit so vielen Menschen und die Psyche.

Vielleicht ist es ja bei dir auch so ähnlich.

#3


D
Die Inkontinenz ist eine Folge / Nebenwirkungen der Nervenschädigung in Verbindung mit der Paraspastik das ganze wird durch die chronisch erhöhte Körperanspannung (PTBS) verschärft. Ein Teufelskreis also

#4


D
Zitat von Moelli80:
Ist es bei dir direkt Inkontinenz oder hast nur das Gefühl, dass was kommt?

Es ist eine Inkontinenz - je nach Schmerzpegel und Spastikattacke hab ich keine Kontrolle mehr

#5


Pferdediebin
Hallo Schwabe!

Danke für das Thema, da redet keiner gern drüber. Einer meiner besten Freunde, schwer traumatisiert in seiner Kindheit, hat ähnliche Probleme bekommen, gleichzeitig mit heftigen Rückenproblemen. Als seine Freundin ihm diese Einlagen für Männer empfohlen hat, für ein längeres Konzert, hat er erst beleidigt reagiert, dann habe ich ihm erklärt, dass es für Frauen normal ist, jeden Monat die Kontrolle die verlieren und das für uns einfach eine zweckmäßige Lösung ist, kein Zeichen von Schwäche.
Ich selbst habe seit 25 Jahren ME/CFS (Chronic fatigue Syndrom, falls dir das nichts sagt, sowas wie long covid, nur länger), nach einer Zeckenborreliose. Eines der vielen Symptome ist eine Reizblase, so habe ich das für mich identifiziert. Meine Blase reagiert z.B. auf Kältereiz, wenn ich im Sommer vor einem Kühlregal im Supermarkt stehe, das wird manchmal richtig mühsam. Noch dazu bin ich schon älter und muss Blutdrucktabletten nehmen, die entwässern zusätzlich, das muss ich auch gut timen.
Ich kann dir den zusätzlichen Stress gut nachfühlen, denn meist hat man zwischen Reiz und Drang nur ein schmales Zeitfenster. Ich bekomme sofort Schweißausbrüche und laufe herum wie ein gehetztes Tier aus Angst vor Blamage.
Und Angst ist auch ein großes Thema im Zusammenhang mit der Blase, das sieht man schon bei bettnässenden Kindern.
"Weinen mit der Blase" sagt man auch dazu.
Das ME/CFS hat damals niemand ernst genommen, oder erkannt, ich hatte, neben der andauernden Erschöpfung, Probleme in allen Systemen, Immunsystem, Hormonsystem, Nervensystem, Panikattacken und Depressionen. Man hat mich nach einem Ärztemarathon mit Antidepressiva abgefertigt und mir gesagt, ich solle nicht so empfindlich sein. Ich war nicht mal 30 und ein totales Wrack. Und Alleinerzieherin.
Das hat sich gut in mein bestehendes Kindheitstrauma gefügt, funktionieren in einer dysfunktionalen Umgebung und ich habe mit purer Willenskraft (und dissoziativen Zuständen lachen ) alle Symptome ignoriert und einfach nur noch funktioniert, so lange ich konnte. Ich habe meine Schlafstörungen genutzt um nachts zu arbeiten, war ständig krank, aber nie genug, dass ich mir erlaubt habe, flach zu liegen, habe mich ständig in Bewegung gehalten, um nicht müde zu werden. Sobald ich mich 1x hingesetzt habe, bin ich nicht mehr hochgekommen. Ich bin in Zuständen arbeiten gegangen, das kann sich keiner vorstellen, als hätte ich so einen alten, massiven Panzertaucheranzug an, aber ohne das Wasser. Ich habe fest damit gerechnet, den Heldentod in der Arbeit zu sterben, was anderes hat nicht gegolten. Und es hat sich jeden Tag so angefühlt, als wäre es bald soweit. Aber ich lebe noch, Covid hat mich nochmal hingestreckt, und diesmal gibt es Menschen, die sich auskennen und einer hat mich sofort in die Traumatherapie geschickt.
Dort lerne ich nun, dass mein Körper nicht mein Feind/Verräter ist, der mich daran hindert, weiter zu funktionieren, sondern mein Beschützer, der mich daran hindert, mich total kaputt zu machen.
Ich denke, dass es auch in deinem Job wichtig war, gut zu funktionieren. Da müssen sich alle auf einen verlassen können, man hat nicht viel Spielraum für Fehler aber man sieht täglich hautnah Dinge, die Normalbürger nur aus der Distanz der Nachrichten kennen. Und man muss das einfach wegstecken, weil es zum Job gehört. Tun ja alle...
Du hast das wirklich sehr lange Zeit gemacht, und ich glaube kaum, dass sich irgendjemand da lange mit Psychohygiene aufgehalten hat. Ich kann nicht mal zuschauen, wenn in einem Tierfilm ein Raubtier Beute macht und kann mir nicht ausmalen, was es heißt inmitten von Chaos die Nerven behalten zu müssen. Täglich.
Du hast unglaublich viel ausgehalten. Aber irgendwann teilt einem der Körper mit: Wenn du dich nicht um mich kümmerst, entziehe ich dir die Kontrolle. Sonst hört man nämlich nicht hin.

#6





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