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Nightstroke
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Ich war 16 Jahre alt, mitten in der Hochphase meiner Pubertät und zugleich in einer sehr sensiblen Entwicklungsphase. Ich war unsicher, identitätssuchend und emotional offen. Wie viele Jugendliche hatte ich ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Orientierung und Anerkennung.
Zudem war ich sehr abergläubig und fasziniert von Mystik, Esoterik und der Gothic-Kultur.
Ich bekam meinen ersten Laptop und begann, soziale Medien zu nutzen. Neben Facebook stieß ich auf eine Plattform namens „Bear-Share“ und erstellte dort ein Profil. Gemeinsam mit meiner Mutter besuchte ich eine alte Kirche, wo Fotos von mir entstanden, auf denen ich auf einer alten Mauer posierte.
Meine Witze, dummen Sprüche und halb scherzhaften Antworten wurden dort häufig mit hysterischem Lachen kommentiert. Rückblickend fällt mir auf, dass dieses Lachen nicht echt war: Der Körper lachte, die Augen nicht. Damals konnte ich das noch nicht einordnen.
Kurz darauf erhielt ich eine Freundschaftsanfrage von einer Frau, die ebenfalls nach Gothic oder Emo aussah. Da ich offen für neue Kontakte war, nahm ich die Anfrage an und erhielt fast zeitgleich die Nachricht:
„Danke fürs Annehmen.“
Ich antwortete:
„Kein Problem, ich freue mich ebenfalls, eine Goth aus Luxemburg zu treffen.“
Sie schrieb zurück:
„Ich bin nicht wirklich Goth, ich praktiziere Magie.“
Danach erklärte sie mir ihr Umfeld:
„Ich wohne mit einem gleichgeschlechtlich Pärchen und meinen drei Kindern in einer WG. Wir sind ein Zirkel praktizierender Hexen.“
Zu diesem Zeitpunkt war ich unglücklich verliebt und emotional sehr verletzlich. Ich fragte sie nach einem Liebeszauber. Sie antwortete mir mit einer genauen Formel: zwei bestimmte Gewürze, die zu einem Pulver gemischt werden sollten, welches die betroffene Person trinken müsse, um sich in mich zu verlieben.
Da ich diese Gewürze nicht hatte, fragte ich, ob sie mir etwas davon verkaufen könne.
So fuhr ich nach der Schule zu ihnen, um die Zutaten zu kaufen, und lernte diesen angeblichen „Hexenzirkel“ persönlich kennen.
Die Frau hieß Tina. Sie erzählte mir von ihren Kindern und erwähnte, dass ihr jüngster Sohn ADHS habe. Ob diese Diagnose stimmte, kann ich bis heute nicht beurteilen.
Die beiden Mitbewohner – unter ihnen Daniel, der zu Besuch in Luxemburg war – erzählten sehr detailliert von einer „magischen Welt“, die sie angeblich besuchen würden.
Auch wenn es heute absurd klingt: Ich war naiv. Tina und Daniel sprachen so überzeugend, ruhig und selbstverständlich über diese angebliche „Welt der Finsternis“, dass ich ihnen zumindest eine gewisse Möglichkeit zugestand. Ich blieb skeptisch, aber ich hielt es für denkbar.
Zusätzlich bezeichneten sie sich selbst als „psychische Vampire“. Ironischerweise hat sich dieser Begriff später bestätigt – allerdings auf eine ganz andere, reale und psychologische Weise, als ich es damals verstand.
Wir sprachen über verschiedene Zauber, Rituale und Formeln. Tina fragte mich dabei sehr direkt, ob ich in der Schule gemobbt würde. Das entsprach der Wahrheit, also bejahte ich es.
Was mir damals wie Mitgefühl erschien, erkenne ich heute als gezielte Frage nach meinem sozialen Status, meiner Verwundbarkeit und meinen Grenzen.

16.01.2026 x 2 #1


2 Antworten ↓


Cbrastreifen
Interessant, ich habe in dieser Richtung auch Erfahrungen gemacht, bin mal auf die Fortsetzung gespannt.

#2


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Fortsetzung folgt... 😯

#3





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