✔ Bereits empfohlene Antwort
Hallo liebe,
ich persönlich sehe einen Denkfehler darin anzunehmen, dass mein Verzeihen das Handeln einer anderen Person automatisch ändert. Und wenn ich dich richtig lese, würde ich sagen: Du hast ein besonderes Gespür für den richtigen Zeitpunkt. Dass ich nicht wieder eine geklatscht bekomme, setzt voraus, dass auch beim anderen ein Entwicklungsprozess stattgefunden hat, der dazu führt, dass er nicht dasselbe Verhalten in ähnlichen Situationen immer wieder abspult. Wenn ich spüre, dass er mir oder der Situation nun anders gegenübersteht als vorher und selbst bereit bin, achtsam mit ihm umzugehen, kann ich natürlich auch gefahrlos verzeihen - oder jedenfalls mit minimiertem Risiko.
Die Stelle, wo du mir zustimmst: Meine persönliche Ansicht ist das nicht, habe nur versucht, mich in dein Denken hineinzuversetzen.
Ich selber würde es grammatisch aufrollen: Das Verb "verzeihen" fordert ein Objekt ("jdm." verzeihen steht dazu bestimmt im Duden), stellt also eine Handlung zwischen Subjekt und Objekt = 2 Personen dar. Und ist daher, für mein Verständnis, per se eine Sache, die nicht nur auf meiner eigenen inneren Bühne spielt.
Das Szenario des inneren Verzeihens, ohne die reale Beziehung zu ändern, würde ich eher als inneren Waffenstillstand bezeichnen: Ich hab mir ggf. selbst verziehen, dass es soweit kommen konnte, habe vielleicht sogar ein Verstehen der Geschehnisse und ihrer Ursachen entwickelt, und beschäftige mich nicht mehr damit, dem anderen die Vergangenheit übelzunehmen. Dass wir deshalb eine "normale" Beziehung haben können, ist damit jedoch nicht gesagt. Zumal die Erwartungen, wie eine "normale" Beziehung definiert ist, je nach Umständen sehr auseinanderklaffen können.
Ich greife zur Veranschaulichung mal nach einem von mir bereits angedeuteten Beispiel: mein Vater zu Lebzeiten in meinem Erwachsenenleben. Meine Definition einer lebbaren "normalen" Beziehung: Wir telefonieren einmal in der Woche, wir besuchen uns (z.B.) einmal im Monat, ich helfe mal aus, wenn ich kann, und wir gehen respektvoll und freundlich miteinander um. Seine Definition einer lebbaren und "normalen" Beziehung: Wir sind durch unser familiäres Band zutiefst verbunden. Er kann mich jederzeit anrufen - ggf. auch gerne nachts, wer sieht nach der dritten Flasche Wein schon so genau auf die Uhr? - und seine Gefühle in langen Weltschmerz- und Beschimpfungstiraden auf mich entladen. ("Wir sind ja ehrliche Leute", hieß das in seinem Weltbild.) Wenn er meine Hilfe braucht, dann bin ich da, und wenn ich es nicht schaffe, seinen verwahrlosten Haushalt an einem Wochenende auf Vordermann zu bringen, dann sollte ich für eine Weile bei ihm einziehen und ihm helfen, seine tonnenweisen Altlasten Stück für Stück durchzugehen und Ordnung zu schaffen. Und wenn ich das anders sehe und kein Verständnis dafür habe, dass dies die einzig mögliche Form der für ihn sinnvollen Zuwendung ist, dann bin ich eben ein kaltschnäuziges und herzloses Biest, dem man das immer wieder sagen muss.
Eine Situation, aus der wir im Rahmen unserer Möglichkeiten das Beste gemacht haben, ohne jedoch einen Zustand zu erreichen, den einer von uns als "normal" oder als positiv erlebt hätte. Und hätte ich ihm sein Verhalten bereits zu Lebzeiten verziehen, so wäre ich gnadenlos untergebuttert und Opfer seiner emotionalen Erpressungen geworden, hätte mein Selbstwertgefühl von ihm in den Boden stampfen lassen und bis zum Ende seiner Tage bei ihm gewohnt und seinen Haushalt geführt.
Nicht wünschenswert, hab ich für mich befunden, und daher das kleinere Übel des Nichtverzeihens gewählt. Das Leben ist nunmal nicht immer voller Harmonie - auch das eigene Seelenleben nicht. Sich damit abfinden zu können, ist auch viel wert.
@ Beobachter: Verzeih, ich habe noch gar nicht auf deinen langen Beitrag geantwortet. Nun - das liegt vor allem daran, dass ich dir vollumfänglich zustimme und dem nichts hinzuzufügen habe.
Bei Gelegenheit werde ich, wenn es recht ist, nochmal auf die vielen Fragen zum Thema "Der Beobachter und die Asperger-Symptomatik" zurückschwenken.
(Es sei denn, du möchtest auch mal wieder selber die eine oder andere Frage in den Raum stellen?)
Für heute liebe Grüße
cbra