Oh je,
Ich sag das nicht als Mitleidsbekundung, sondern weil ich ziemlich gut nachvollziehen kann wie unmöglich und knallhart es ist,wenn man sich in dem Maße für ein erwachsenes Familienmitglied verantwortlich fühlt...
Solange Deine Schwester nicht den "Leidensdruck" empfindet, der SIE dazu bewegen würde, sich (vielleicht auch mit Deiner Unterstützung) professionelle Hilfe zu suchen, solange bist DU die jenige die unter dieser Situation am meisten leidet - weil Du eben NULL Einfluss oder Möglichkeiten hast. Mach Dir das immer wieder selbst klar, denn Deine Schwester sieht das aus einem völlig anderen Blickwinkel... DU mußt ihr klipp und klar vorknallen (so dass sie es nicht ignorieren kann)dass SIE DIR schadet, Leid, Stress und Verzweiflung zufügt. Tust Du das nicht, läßt Du sie ganz praktisch einfach weiter an ihrer "Ich bin das einzigste Opfer hier" Einstellung festhalten. Sie wird vermutlich nicht mehr Rücksicht auf Dich nehmen, oder die Folgen ihres Handelns von da an unter die Lupe nehmen...aber damit kann sie auch für sich nicht mehr behaupten" Ich tu doch keinem was", "das wußte ich nicht" o.ä....Und auch für Dich wird es vielleicht wirklich Zeit, dass Du so die Fronten zwischen Euch klärst...
Sie ruft Dich nicht zur Hilfe weil sie Dir vertraut und sich bei Dir sicher fühlt...sondern weil sie es kann, weil sie weiß, egal was für´n Mist sie baut, Du läßt alles stehen und liegen und tust was getan werden muss...
Willkommen im Club, ich hab Jahrzehnte gebraucht um mir selbst gegenüber einzugestehen, dass ich weder für meine Schwester noch für meine Mutter aus liebevoller Emotion heraus agiert, gemacht, geholfen und getan habe...Pflicht, Schuldgefühl, oder simpel weil sonst kein anderer da war...nix mit "oh, das ist doch selbstverständlich" "ich liebe sie doch" das ist doch meine Familie, die tun mir so leid, die können doch alleine nicht...aus diesen Emotionen heraus hab ich meinen Vater gepflegt...vielleicht brauchte ich erst den Vergleich - aber mit diesem Geheuchel vor mir selbst, hab ich mir Jahrelang selbst noch mehr schlechtes Gewissen gemacht...weil ganz tief in mir drin immer diese Stimme dröhnte "Hört endlich auf damit" "lasst mich in Ruhe" "Ich will das nicht" - und im Gegensatz dazu dieses dumme "komm schon, das ist doch selbstverständlich, gut und richtig" - Ich hab von mir selbst gefordert, dass ich all diese Notfalleinsätze auch noch als "etwas gutes und schönes" empfinde...Was für ein Blödsinn.
Du kannst Deine Schwester Jederzeit von einem Krankenwagen abholen und in eine Notfallpsychatrie einweisen lassen, da kommt sie dann erstmal in eine geschlossene Abteilung...Sie verletzt sich selbst (lebensgefährlich), ist vermutlich suizidgefährdet (und sei es "nur" aus mangelnder Impulskontrolle heraus oder um Jemand anderen unter Druck zu setzen, oder weil sie eine Sekunde wirklich klar sieht und "versteht" was sie da macht) - Du bist kein Arzt...
Egal was sie Dir erzählt, egal was Dir irgendwer sonst erzählt, Deine Schwester gefährdet sich UND andere - und das nicht aus einer naiven Unwissenheit heraus (wie bei einem Kind) sondern weil das ihr Weg ist, der für sie funktioniert.
Das trinken funktioniert (wie alle Dro. kurzfristig funktionieren), sie findet immer wieder neue Kerle (ganz wichtig für viele Frauen mit Dro. und Psychischen Problemen - solange ich noch attraktiv für Männer bin,ist es nicht so schlimm), muss sich nicht in ein normal-soziales Umfeld einfügen (vermutlich läßt sie auch das Arbeitsamt auf Grund ihrer psychischen Vorgeschichte in Ruhe, wenn sie Stress mit ihren Typen hat, kann sie Dich zur Rettung rufen, Du kümmerst Dich ja gerne, und wenn irgendjemand doch was von ihr fordert kann sie ja immer noch mit Selbstmord drohen und sich selbst verletzen..etc.
Von ihr wird nichts gefordert, sie hat, ganz objektiv gesehen, keinen Grund irgendwas an ihrer Einstellung oder Vorgehensweise zu verändern...weißt Du was ich meine? Deshalb wiederholt sich auch alles, deshalb werden aber auch ihre Ausbrüche, Depressionen und Attacken gegen sich und Andere immer heftiger...Um so weitermachen zu können, braucht sie ganz viel Unterstützung und aktive "Hilfe" - wie Du schon sagst, irgendwann kriegen die Leute einfach mit, dass sie lügt, übertreibt, gar nicht nur das unschuldige kranke Opfer ist...aber genau das MUSS sie ja aufrecht erhalten, also müssen die "Beweise" immer krasser werden...
Das ist die Realität..aber auch wenn einem die ins Gesicht springt sucht man immer wieder nach "Erklärungen" und "Umwegen" die das ganze nicht so "endgültig" so "hoffnungslos" erscheinen lassen, nicht war? Versuch Dir mal vorzustellen, Deine liebste Freundin oder eine liebe Kollegin erzählt Dir, dass sich ihre Schwester aufführt wie Deine...du wärst total geschockt und würdest keine Sekunde vermuten, dass Deine Kollegin das schon im Griff hat und damit irgendwie klar kommt, nicht war? Von Dir verlangst Du das aber...Deine (ich nenn das bei mir so) persönliche Drama-Messlatte hängt schon so hoch, dass auch Du gar nicht mehr in der Lage bist zu entscheiden und zu erfühlen, WANN Du gar nichts mehr tun kannst, WANN Deine Hilfe und Dein Verständnis, Deine Rücksichtnahme vielleicht das Gegenteil bewirken...
z.B. natürlich hat sie sich das Messer in die Hand gerammt um ihren Typen wie ein brutales Monster dastehen zu lassen (und sich somit wie ein unschuldiges und hilfloses Opfer) - das ist die Begründung - aber die Verletzung die sie sich damit zugefügt hat, dass sie lieber die Schmerzen in Kauf nimmt, dass sie überhaupt auf so eine "drastische" Idee kommt um einem anderen zu schaden und die Notwendigkeit empfindet...das ist die Realität...wie Du darauf reagierst, ist keine Sache von objektiv Entscheidungen treffen...das kannst Du nicht - das ist auch keine Frage von bin ich ne gute oder schlechte Schwester, wenn ich einfach nur noch wütend bin...check mal Dein Verzweiflungs-Barometer...das sagt Dir um wie viele Kilometer Du schon Deine eigenen Grenzen überschritten hast...und dann frag Dich mal warum Du Dich nicht getraust Deiner Schwester ins Gesicht zu sagen, dass DU weißt und richst wenn sie getrunken, gelogen und Mist gebaut hat...da steckt ja nicht mal mehr ne Wertung hinter...Ich kann sagen, dass ich in vielen Fällen ganz simpel vermeiden wollte, dass sie mir eben auch an die Kehle gehen...das ist reiner Selbstschutz...den ich nur aufgegeben habe, wenn´s mir echt gelangt hat...wenn ich das Gefühl bestätigt bekam, die halten mich für völlig bescheuert oder verlangen von mir Dumm zu spielen...
Ich kann Dir keinen guten Rat geben...ich bete jeden Tag dass weder Schwester noch Mutter hier auftauchen oder anrufen...oder anrufen/auftauchen lassen...sowas wie "Hey hallo Süsse, wollte nur mal hören was Du so treibst, wollen wir Essen gehen und quatschen, bin gerade aus dem Urlaub zurück und...?" kenn ich nicht innerhalb der Familie...werd ich auch nicht kennen lernen...das ist ok...das ist eben auch Realität, dafür hab ich meine Freunde...noch eine Realität ist, dass ich vermutlich wieder kein klares NEIN rausbringe, wenn´s wieder losgeht...und gute, liebgemeinte Tipps wie "Mensch,dann lass sie doch einfach mal so richtig abstürzen, sei doch einfach mal nicht da..."etc. versteh ich gut, die machen auch Sinn und würden ganz sicher mehr helfen als meine Pseudorettungsaktionen...aber Fakt ist, ich kann mit dem schlechten Gewissen nicht leben...