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Decemberist,
obwohl das alles bei mir nun 30 Jahre zurückliegt, kam mir beim Lesen deines Berichtes meine eigene Erinnerung an meinen Vater wieder hoch.
Mein Vater war einerseits selber extrem empfindlich und oft sogar weinerlich, wenn ihm außerhalb der Familie ( z.B. von Arbeitskollegen) Unrecht geschah. Er hat sich anscheinend nie getraut, seine Meinung zu verteten, seinen Standpunkt zu verteidigen und Kontra zu geben.
Innerhalb seiner Familie war er das genaue Gegenteil: ein cholerisches Ar., das sich nicht bremsen ließ, wenn es erstmal so richtig in Wut geraten war.
Auf mich hatte er es besonders abgesehen. Meine jüngeren Brüder mussten, soweit ich weiß, weniger leiden.
Mein erstes bewusstes, schlimmes Erlebnis mit ihm hatte ich im Alter von knapp 4 Jahren.
Ich bin mit dem gleichaltrigen Nachbarsjungen mit dem Dreirad rumgefahren. Wir fuhren immer weiter und weiter, bis wir die Orientierung verloren hatten.
Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern. Jedenfalls wurden wir irgendwann von einem Polizeiwagen aufgegabelt und nach Hause gebracht - mein kleiner Freund mit seinem Dreirad, ich ohne.
Mein Vater schnappte mich sobald die Polizisten weg waren, legte mich übers Knie und prügelte mich mit seiner Krücke. (Er hatte zu der Zeit irgendeine Verletzung am Bein. Deshalb die Krücke)
Das war der Einstieg. Danach schlug er immer wieder zu. Meistens geschah das in einem bestimmten Raum in unserem Keller (ich vermute, weil dort unten mein Schreien von den Nachbarn nicht gehört werden konnte und weil er da immer einen Gürtel bereitliegen hatte.)
Einmal hatte ich mich vor lauter Angst in meinem Zimmer eingeschlossen.
Weil ich mich weigerte, ihn in mein Zimmer zu lassen, schlug er mit einem Hammer meine Tür ein und gab mir dann solch einen heftigen Faustschlag ins Gesicht, dass ich stark blutete. Meine ganze Matratze war voller Blut.
Die ganze Sache wurde später als Bagatelle dargestellt. Ich bekam eine neue Matratze (ich hatte damals ein sogenanntes Jugendzimmer, bei dem das Bettzeug tagsüber im Bettkasten verschwand und das Bett zum Sofa umfunktioniert wurde) und durfte niemandem erzählen, was mit der alten Matratze passiert war.
Die Rolle meiner Mutter konnte ich nie so recht einordnen.
Sie hat mich nicht beschützt.
Jedenfalls war es ihr sehr wichtig, dass außerhalb der Familie niemand davon erfuhr.
Auch meine kleinen Brüder haben wenig davon mitbekommen.
Zu ihnen war unser Vater zwar streng und oft ungerecht, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass er mit ihnen in den Keller gegangen ist.
Ich bin mit den Worten: "Du bist ein Versager" und " Ich werde von dir immer nur enttäuscht" aufgewachsen.
Diese Worte habe ich so stark verinnerlicht, dass ich mein Leben lang an mir und meinen Fähigkeiten gezweifelt habe.
Ich habe mein Abitur und eine Buchhändlerausbildung gemacht und bin von Zuhause ausgezogen.
Über das, was mein Vater getan hat, habe ich mit niemandem geredet.
Im Jahr 2000, also viele Jahre später, habe ich mich dann endlich einem sehr guten Freund anvertraut.
Er riet mir, dass ich mit meinen Eltern über die Vergangenheit reden solle, um endlich damit abschließen zu können.
Da ich mit meinem Vater einfach nicht sprechen wollte, suchte ich das Gespräch mit meiner Mutter.
Ihre Reaktion: "Lianna, was bist du gemein. Dein lieber Vater hat nie etwas getan. Wie kannst du soetwas behaupten ... ?"
Damit war für mich klar, dass ein Gespräch sinnlos ist.
Ich begann sogar, an mir und der Glaubwürdigkeit meiner Erinnerungen zu zweifeln.
War das alles etwa nur in meiner Phantasie geschehen?
Wenn ich das Thema bei meinen Brüdern ansprechen wollte, wurde sofort abgeblockt.
Später habe ich erfahren, dass meine Mutter vorsorglich die Familien meiner Brüder gewarnt hat: "Glaubt Lianna kein Wort."
Mein Vater ist vor einigen Jahren gestorben.
Vor etwa einem Jahr rief meine Mutter mich an, um mir vorzujammern, wie einsam und traurig sie ohne meinen Vater sei.
Ich hab sie daraufhin noch mal mit all dem konfrontiert, was mein Vater mir angetan hat.
Und plötzlich hat sie alles zugegeben.
Ich hab so sehr geheult, dass ich kaum noch Luft bekam und das Gespräch beendet.
Seitdem habe ich den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen.
Ich glaube, sie ist ganz froh drum, denn nun steht diese Wahrheit im Raum, von der ja keiner (nicht mal die Familien meiner Brüder) erfahren darf.