Ich finde dieses Thema sehr interessant und auch sehr therapierelevant.
Ich habe über die Jahre viele Erfahrungen damit gemacht, sowohl persönlich als auch mit vielen Mitpatienten.
Ich glaube, dass es hierbei zwei wesentliche Komponenten gibt: das Ausmaß und die jeweilige Phase, in der man gerade steckt.
Es ist mMn ganz wichtig, zu lernen, mit sich selber Mitgefühl und auch mal Selbstmitleid zu haben.
Für viele Menschen ist es ein wichtiger Entwicklungsschritt, da überhaupt erstmal hinzukommen.
Für mich spielt sich das in 3 Phasen ab:
- die Realisierung und Erkenntnis, was einem in der Vergangenheit Negatives passiert ist, zu verstehen, dass man keine Schuld hatte, dass es schwierig war, dass vielleicht niemand da war, der einen damals unterstützt oder getröstet hat
- sich selber gegenüber eine freundliche und fürsorgliche Haltung zu entwickeln, sich nicht zu verurteilen oder sich selber abzuwerten, und dann zu betrauern, was passiert ist und was gefehlt hat
- aber sich dann auch wieder auf die Gegenwart und Zukunft ausrichten, nach konstruktiven Lösungswegen und Entwicklungsaufgaben suchen; zu akzeptieren, dass das „Hier und Jetzt“ nicht das „Dort und Damals“ ist, dass man jetzt erwachsen ist, dass man heute ganz andere Handlungsmöglichkeiten hat und dass man jetzt für sich selbst verantwortlich ist.
Ganz oft habe ich erlebt, dass Patienten die ersten zwei Phasen durchaus gut hinbekommen, aber dann beim Übergang zur dritten Phase Probleme haben.
Und da reagiert das soziale Umfeld dann nicht selten irgendwann genervt, wenn das Selbstmitleid wiederholt den Appell nach außen hat: Kümmer‘ dich um mich.
Ganz oft ist es für Patienten im Leben oder in der Therapie schwierig und auch emotional überwältigend, wenn da vielleicht zum ersten Mal jemand ist, der einem zuhört, der einen versteht und der einem Mitgefühl zeigt. Manchmal sind das Freunde oder Familie, ganz oft sind das aber auch Therapeuten.
Und wenn dann erstmal das Gefühl da ist, wie gut sich das anfühlt, wenn sich jemand interessiert und kümmert, fangen nicht selten die Probleme an.
Viele Patienten bleiben dann im Selbstmitleid förmlich stecken und wollen da (unbewusst) nicht mehr wirklich heraus, weil es sich gut anfühlt, von außen Trost und Mitgefühl zu bekommen, weil man das früher vielleicht nie bekommen hat.
Dann wird das Selbstmitleid oftmals stark nach außen getragen, immer in der Hoffnung, dass jemand von außen Trost spendet.
Und an der Stelle wird es für das soziale Umfeld (und auch für Therapeuten) nicht selten anstrengend.
Der Patient müsste dann eigentlich irgendwann den nächsten Schritt gehen, sich selber emotional zu versorgen (was fast immer das Ziel von Therapie ist), aber manche Patienten weigern sich (unbewusst), diesen nächsten Schritt zu gehen, weil das Mitgefühl von außen sich so gut anfühlt. Sie ziehen es vor, von außen getröstet zu werden, weil sich das irgendwie „besser“ anfühlt, als wenn man sich selber tröstet, denn dann ist man ja (gefühlt) irgendwie wieder allein mit seinen Problemen.
Es ist ja durchaus wichtig und auch angebracht, mit sich selber Mitgefühl zu haben. Nur wenn man davon gar nicht mehr loskommt und vielleicht sogar immer wieder möchte, dass dieses Gefühl von außen (also von anderen Personen) versorgt wird, dann wird es dysfunktional und löst nicht selten Abwehrreaktionen im Gegenüber aus.
Therapeuten sollen ja zu Beginn sogar Mitgefühl zeigen und dementsprechend reagieren, nur ist es nur ein erster Schritt auf der Entwicklungsreise des Patienten, sich irgendwann selber emotional zu versorgen und sich selber selbstfürsorglich zu behandeln.
Und da unterscheidet sich dann mMn das funktionale vom dysfunktionalen Selbstmitleid:
Gerade zu Beginn der Therapie in Maßen ist es absolut angebracht und funktional.
Nur wenn man nicht mehr aufhören kann und konstant von anderen Personen (auch unbewusst) Trost einfordert, wird es dysfunktional.
Und viele Menschen reagieren mit Abwehr, wenn sie spüren, dass ein Mensch wiederholt und ständig um Trost und Mitleid von außen einfordert, indem er/sie ständig Selbstmitleid nach außen kommuniziert, entweder durch Worte oder durch Handlungen (immer mit dem Wunsch : Tröste mich“)
und gleichzeitig keine Initiative erkennen lässt, an sich selber zu arbeiten.
Wenn Mitmenschen oder Therapeuten spüren, dass eine Person sich weigert, diese Selbstverantwortung und Selbstfürsorge zu übernehmen, ruft das oftmals Abwehrreaktionen hervor, weil man unbewusst spürt, dass dieser Mensch die Verantwortung für sich selber nicht übernehmen will und diese stattdessen auf andere Personen überträgt.
Patienten, die an diesem Punkt „hängenbleiben“, reagieren oft auch sehr gekränkt und enttäuscht, wenn ein Therapeut oder das soziale Umfeld diese emotionale Versorgung dann mal nicht leisten möchten und den Patienten stattdessen zur Eigenverantwortung und Eigenversorgung auffordern.
Und da liegt mMn der große Unterschied:
1) Mit sich selber eigenverantwortlich umzugehen, Selbstmitgefühl und Selbstmitleid zu haben, grundsätzlich aber bereit zu sein, an sich zu arbeiten, aber zwischendurch einfach mal Unterstützung und Trost zu brauchen
ist etwas ganz anderes als
2) sehr, sehr oft in einer Haltung von „Kümmer‘ dich um mich und tröste mich“ zu verharren und von außen Trost und emotional Regulierung einzufordern.
Wenn man dies also mal tut und gerade zu Beginn der Therapie mit dem richtigen Maß noch Probleme hat, ist das etwas ganz anderes, als wenn man dies ständig tut und auch nach Jahren damit nicht aufhört.
Wenn also mit dem Selbstmitleid ein starker Appell nach außen gerichtet wird („Kümmer‘ dich um mich“) und gleichzeitig nicht erkennbar ist, dass die Person an sich arbeitet und nach konstruktiven Lösungen sucht, reagiert das soziale Umfeld meiner Erfahrung nach irgendwann genervt, und da kommt dann die Abwehr her.