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Hallo liebe Leute,

ich bin neu hier und habe schon einige Beiträge gelesen. Es ist wirklich sehr traurig zu sehen, dass es da draußen auch noch so viele andere einsame Menschen gibt. Wenn man erstmal in der Einsamkeit drin steckt, dann denkt man, man wäre ganz alleine damit. Gerade jetzt, wo der Sommer da ist und die ganze Welt draußen glücklich zu sein scheint.

Ich wollte euch einfach mal meine Geschichte in „Kurzform“ erzählen. Dadurch will ich kein Mitleid erregen, sondern einfach nur mal darauf aufmerksam machen, wie schnell das manchmal gehen kann mit der Einsamkeit und dass es jeden treffen kann. Auch für Menschen, die sich Jahre lang eingebildet haben glücklich zu sein, so wie ich das getan habe, kann es ein böses Erwachen geben. Ich persönlich hatte letztes Jahr trotz vieler Schwierigkeiten den schönsten Sommer meines Lebens, der jetzige ist so ziemlich der schlimmste und vor allem der einsamste. Aber nun zu meiner Geschichte…

Ich war bis vor wenigen Jahren beruflich sehr erfolgreich. Ich bin viel rumgekommen, war beliebt und hatte viele soziale Kontakte. Schließlich hat es mich ins Ausland verschlagen. Es war ein Traumjob in einer Traumstadt. Ich hatte ziemlich schnell Anschluss gefunden und fühlte mich für den Anfang ganz gut integriert. Ziemlich kurz nach meiner Ankunft war ich auch schon frisch verliebt. Alles schien perfekt. Doch die Beziehung endete so schnell, wie sie begonnen hatte. Ein furchtbares Ende mit Lügen und Betrügen und andauerndem Psychoterror. Das hat mich wirklich fertig gemacht und ich hätte dringend gute Freunde gebraucht. Es war nicht so, dass ich von Seiten der Kollegen nicht angesehen und beliebt gewesen wäre und ich hatte in der Tat auch viele Bekanntschaften. Aber es waren eben leider nur Bekanntschaften und keine Freunde. Es war einfach niemand da um mich in dieser schwierigen Zeit aufzufangen…

Meine sozialen Aktivitäten haben sich fast immer nur von Montag bis Freitag abgespielt, am Wochenende war ich fast immer alleine und habe mich sehr einsam gefühlt. Da bin ich natürlich viel ins Grübeln gekommen, habe sehr unter der gescheiterten Beziehung gelitten und mich von niemandem geliebt gefühlt. Schließlich bin ich depressiv geworden. Auf der Arbeit habe ich versucht von Montag bis Freitag die heile Welt vorzuspielen und das hat meistens auch ganz gut funktioniert, hat mich aber natürlich sehr viel Kraft gekostet. Donnerstag- oder Freitagnachmittag hat dann meistens schon die Angst vor dem Wochenende eingesetzt – die Aussicht auf zwei weitere Tage voller Einsamkeit hat mich regelmäßig zur Verzweiflung getrieben. Von meinen Empfindungen am Wochenende selber möchte ich erst gar nicht anfangen. Das ging ungefähr ein Jahr so. Dann konnte ich nicht mehr und habe mich schließlich von einer Brücke gestürzt. Was soll ich sagen, sicherlich keine Entscheidung auf die ich besonders stolz bin. Nun ja, ich habe es überlebt aber habe einen hohen Preis bezahlt – seit diesem Tag bin ich querschnittsgelähmt. Dafür habe ich bestimmt kein Mitleid verdient und möchte dieses auch gar nicht haben…

Zur Rehabilitation wurde ich zurück in die Heimat gebracht und es ging mir Schritt für Schritt körperlich und auch psychisch besser. In der Klinik bekam ich viel Aufmerksamkeit und auch Freunde und Familie waren sehr bemüht. Ich konnte der ganzen Geschichte sogar etwas Positives abgewinnen, da viele alte Kontakte wieder neu aufgeblüht sind. Das Gefühl der Einsamkeit war verschwunden. So habe ich mich dann schließlich entschieden auch nach der Reha in der Heimat zu bleiben und ein neues Leben anzufangen. Ich war mir sicher, hier würde es mir besser gehen in einem stabilen sozialen Umfeld. Als ich dann kurze Zeit später auch noch eine liebe Partnerin kennengelernt habe, die zwei Kinder mit in die Beziehung gebracht hat, schien das Glück trotz aller Schwierigkeiten perfekt zu sein…

Leider war dieses nur von kurzer Dauer. Am Anfang schien alles wie aus einem Märchen. Meine Freundin und ich hatten beide viel durchgemacht im Leben. Wir schienen wie füreinander bestimmt, zwei einsame, verletzte Seelen, die sich endlich gefunden haben und sich so akzeptieren, wie sie sind. Wir waren verliebt und leidenschaftlich und waren gleichzeitig die besten Freunde, haben viel geredet und waren füreinander da. Auch mit ihren Kindern und ihrer Familie und Freunden kam ich wunderbar zurecht. Wir haben viel zusammen unternommen, waren zusammen im Urlaub und hatten Pläne für die Zukunft. Wir waren eine richtige kleine Familie. Es war einer der schönsten Sommer meines Lebens. Doch nach einiger Zeit sprach sie zum ersten Mal an, dass sie nicht sicher wäre, ob sie mit dem Rollstuhl auf Dauer zu Recht kommen würde. Das hat mich natürlich hart getroffen, zumal es zwar Einschränkungen gibt, ich aber ansonsten ein vollkommen selbstständiges Leben führe. Immer wieder hat sie mir trotzdem gesagt wie toll und einzigartig ich bin und dass ich eigentlich der perfekte Partner für sie wäre. So habe ich versucht das runterzuschlucken. Nach weiteren Monaten war sie sich dann über ihre Gefühle nicht mehr sicher und schließlich hat sie die Beziehung beendet. Ohne Streit, ohne irgendwelche Vorwürfe – bis zum Schluss waren wir die besten Freunde. Von diesem Zeitpunkt an wollte sie keinen Kontakt mehr, sie meinte das wäre weder gut für sie noch für mich. Auch die Kinder, die ich sehr lieb gewonnen hatte, durfte ich von heute auf morgen nicht mehr sehen. Auf einmal stand ich wieder ziemlich alleine da…

Auch meine eigenen Freunde und Familie waren nach der Reha genauso schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren. Gute Freunde, die ich mein halbes Leben lang kenne, sind auf einmal zu Bekannten geworden, die man zwei- bis dreimal im Jahr sieht. Einfach mal einen Kaffee trinken gehen oder Anrufen und fragen wie es einem geht, das tut keiner mehr. Dabei geht es mir gar nicht darum den Leuten in irgendeiner Weise die Ohren voll zu jammern. Das habe ich nie getan und werde ich auch nie tun. Es wäre einfach nur schön ab und zu mal jemanden zum Quatschen zu haben. Am Anfang habe ich noch versucht am Ball zu bleiben und die Kontakte zu pflegen aber irgendwann habe ich es mehr oder weniger aufgegeben – es kam einfach nichts zurück…

Und so bin ich wieder dort, wo ich schon einmal war, nur dass ich jetzt zusätzlich noch körperlich eingeschränkt bin und die Karriere den Bach runter gegangen ist. An den beiden letzten Punkten trage ich sicherlich selbst die Schuld aber diese sind auch bei Weitem nicht das Schlimmste. Was mich wirklich fertig macht, was ich als meine wahre Behinderung erachte, das ist die Einsamkeit, die zurück ist. Dieses Gefühl wollte ich nie wieder erleben und es ist mir doch wieder passiert – und das nicht fernab im Ausland sondern dort wo ich herkomme, in meiner Heimatstadt. Und wieder ist es am Schlimmsten an den Wochenenden, wo die ganze Welt da draußen eine schöne Zeit zu haben scheint. Es ist nicht so, dass ich unter der Woche nicht auch einsam wäre, aber irgendwie bekomme ich die Zeit schon rum. Aber an den Wochenenden, wenn ich mal wieder nichts vor habe und alleine zuhause sitze, mag die Zeit einfach nicht vergehen, werden Minuten zu Stunden, fange ich an über mich und das Leben nachzudenken…

Und so mache ich mir immer wieder selber Vorwürfe, dass mir die Karriere so wichtig war und dass ich mir nicht die Zeit genommen habe für das persönliche Glück. Hätte ich nicht so viel Zeit mit der Arbeit verschwendet und hätte ich nicht das Abenteuer gesucht, wer weiß, vielleicht hätte ich dann die richtige Partnerin gefunden und eine Familie gegründet. Vielleicht wäre ich heute nicht einsam sondern glücklich. Mit Schrecken blicke ich auf mein Leben zurück: kein Job war mir gut genug und die Welt nicht groß genug. Ich musste immer weiter nach oben und war nie zufrieden mit mir. Die heile Welt, die ich mir durch meine beruflichen Erfolge eingebildet habe, war am Ende nur ein Trugschluss. Viel zu spät ist mir bewusst geworden, dass das einzige was mir im Leben gefehlt hat, die Liebe ist. So gerne möchte ich Liebe geben und geliebt werden. Heute weiß ich, dass das wahre Glück direkt vor der Haustür auf dich warten kann. Man muss nur zum richtigen Zeitpunkt zugreifen. Ich habe das Gefühl, dass es für mich zu spät ist und mich quälen immer wieder die gleichen, aus der Einsamkeit geborenen Fragen: Wird es jemals wieder Liebe und wahre Freundschaft in meinem Leben geben? Werde ich jemals wieder eine Partnerin finden, die mich so annimmt wie ich bin? Wird es am Ende wieder am Rollstuhl scheitern? Werde ich jemals Kinder haben? Werde ich einsam alt werden?

Sicherlich haben viele von Euch hier im Forum ihre eigene Geschichte der Einsamkeit. Und sicher quälen viele von euch ganz ähnliche Fragen. Vielleicht hat ja der ein oder andere mal Lust darüber zu schreiben oder zu reden. Ich kann (auch wenn ich jetzt sehr viel über mich selber geschrieben habe) auch ganz gut zuhören…

19.07.2014 20:20 • 22.07.2014 #1


16 Antworten ↓


Hallo Jagony,

ich weiß nicht genau was ich dir schreiben soll außer dass es mir natürlich unendlich leid tut was dir widerfahren ist. Philosophische Ergüsse würde ich mir jetzt an dieser Stelle am liebsten sparen. Wie du ja bereits richtig geschrieben hast, leiden viele hier wegen der oder ihrer Einsamkeit. Du schreibst du hättest kein Mitleid verdient, als du dich damals von der Brücke gestürzt hast und daraufhin querschnittsgelämt warst. Dem möchte ich doch stark widersprechen auch wenn du gerade die alleinige Schuld bei dir siehst und eigentlich kein Mitleid möchtest. Fakt ist aber, dass du eine lange Zeit depressiv warst. Vielleicht ist bei dir irgendeine Sicherung durchgeknallt, deine Gefühlswelt gepaart mit der starken Einsamkeit hat dich überrannt und hast dich aus lauter Verzweiflung fallen lassen, eben weil du keinen anderen Ausweg sahst. Das ist natürlich nur eine Annahme von mir aber das wäre für mich die vielleicht einzig logische Erklärung. Also trägst du meiner Meinung nach nicht die komplette Schuld bei dir auch wenn du das jetzt leider so (noch) nicht siehst. Lass dir bitte von mir sagen, dass wir nur Menschen sind und Dummheiten begehen. Diese Dummheiten haben leider dann graviernde Auswirkungen und sind oftmals schwer bis gar nicht rückgängig zu machen wie in deinem Fall die Behinderung. Ich spreche aus Erfahrung, denn ich bin durch eine Psychotherapie ernsthaft psychisch krank geworden (auch heute noch), wobei ich leider auch zum Teil selbst mitgewirkt habe ohne mir damals über die genauen Konsequenzen im Klaren gewesen zu sein. Es gibt meiner Meinung nach leider Dinge, bei denen man aus der Retroperspektive betrachtet sich nicht erklären kann warum man sie damals tat.

Zu deiner letzten Beziehung und Familie, Freunden fällt mir nur ein, dass ich es sehr sehr traurig und unverantwortich finde wie man dich im Stich gelassen und letzen Endes behandelt hat. Glaube mir ich kenne sowas auch. Als ich meiner Mutter anfing von meinen Zwangsgedanken zu erzählen, welche ich heute noch habe, wollte sie es nach einer Weile einfach nicht mehr hören, vermutlich weil sie Angst davor hatte es mit einem "verrückt gewordenen" zu tun. Ich weiß leider auch nur zu gut wie schnell die eigene Familie und Freunde einem in den Rücken fallen. Auch mein damals einziger Freund hat zu mir gesagt er könne es einfach nicht verstehen was mich belastet und meinte mit mir sei alles in Ordnung. Psychische Erkrankungen sind leider nach wie zuvor in unserer "zivilisierten" Gesellschaft ein großes Tabuthema.
Was in deinem Falle geschehen ist, hast du so meine ich nicht selber zu verschulden. Wenn deine "geliebten" Mitmenschen nicht mit deiner Behinderung klarkommen, so zeigt das nur, dass sie nicht wirklich zu dir gestanden haben (auch wenn es während der Reha so schien) und nur langfristig bei dir sein wollten, als es dir gut ging.

Ich verstehe deine momentane Gefühlslage somit sehr gut, denn wer würde sich in der solchen Situation nicht Gedanken bezüglich all dem machen was passiert ist? Hinzu kommt die Einsamkeit, unter der ich auch Jahre lang gelitten habe. Ich persönlich glaube nicht, dass du so viel falsch gemacht hast in deinem Leben. Sicherlich war die Karriere dir sehr wichtig, aber aus meiner erst 25-jährigen Lebenserfahrung sind "wahre" Liebe und Freundschaft sehr dünn gesäht in diesem Leben. Früher als ich einsam gewesen bin, glaubte ich auch, dass mein Problem gelöst wird, wenn ich viele Freunde und eine Freundin habe. Doch heute ist mir bewusst, dass der einzige Weg zur eigenen Zufriedenheit in einem selber liegt. Verstehe mich bitte nicht falsch, natürlich ist es doch gut, wenn man Freunde/Familie hat, die in guten wie in schweren Zeiten zu einem halten. Allerdings wird das Grundgefühl von Einsamkeit meiner Ansicht nach niemals in einem weichen, solange man nicht zu sich selber gefunden hat und die eigene Zufriedenheit unabhängig von anderen macht. Das ist jedenfalls meine Erfahrung. Ich weiß, klingt alles ziemlich philosophisch, ist auch schwer umzusetzen und ich würde auch gerne noch mehr dazu schreiben. Bevor ich dich jetzt aber ganz zutexte, mache ich erstmal einen Strich drunter und wünsche dir alles erdenklich Gute.

LS

19.07.2014 22:49 • x 1 #2



Manchmal kommt die Einsamkeit schneller als man denkt

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Hallo Lonelysome,

erstmal lieben Dank für deine Nachricht und die aufmunternden Worte!

Ich weiß ja im Grunde, dass du Recht hast. Sicherlich haben viele Faktoren dazu geführt, dass ich mich von der Brücke gestürzt habe. Es sind im Vorfeld auch wirklich viele Dinge geschehen, die dazu beigetragen haben, die ich an dieser Stelle gar nicht erwähnt habe. Zu dieser Zeit war ich einfach nicht Herr meiner Sinne und habe keinen Ausweg mehr gesehen. Dass uns die Psyche manchmal einen Strich durch die Rechnung macht, kennst du ja offensichtlich leider aus eigener Erfahrung. Ich denke, ich war nur bedingt schuldfähig und kann mir das irgendwie sogar selber vergeben. Trotzdem bereue ich diesen Schritt natürlich und werde jeden Tag daran erinnert. Die liebe Gesellschaft trägt natürlich oftmals ihr übriges dazu bei…

Ich fürchte einfach, mit dem Tabuthema in der Gesellschaft hast du vollkommen Recht. Leider werden psychische Erkrankungen oftmals völlig unterschätzt – manchmal muss es dann erst zum großen Knall kommen bevor sich was tut. Und selbst dann stößt man in der lieben Gesellschaft oftmals auf Unverständnis. Die meisten Menschen, die eine solche Phase nie erlebt haben, können einfach nicht nachvollziehen, was in einem vorgeht. Aber das kann man ihnen eigentlich noch nicht einmal vorwerfen, wie könnten sie auch!? Meine Ex-Freundin, die mich ja so kennengelernt hat wie ich jetzt bin, hat ständig mit dem Schicksal gehadert und fand es ungerecht, dass wir uns nicht früher, unter anderen Umständen kennengelernt haben. Ja teilweise war sie sogar richtig wütend auf mich, wie ich denn sowas tun konnte. Wirklich verstanden hat sie es nie obwohl ich versucht habe ihr das ausgiebig zu erklären. Ich habe immer versucht der ganzen Sache etwas Positives abzugewinnen, immerhin hätten wir uns ohne diesen Schicksalsschlag wohl nie getroffen. Leider konnte oder wollte sie das nie so sehen.

Einige meiner Familienmitglieder haben zunächst sogar den Kontakt zu mir abgelehnt und es kamen so Sätze wie: „Wie konntest du das deiner Mutter bloß antun!“. Das habe ich als sehr ungerecht empfunden. Meine Mutter ist sicherlich nicht ganz unschuldig an dem was passiert ist, ohne dass ich hier Vorwürfe erheben will. Als Mutter ist sie nie wirklich für mich da gewesen, meistens war sie nur mit sich selbst beschäftigt. Wo sie Liebe hätte geben sollen, waren emotionale Bestrafungen an der Tagesordnung. Kurz nach der Reha haben wir den Kontakt abgebrochen – wegen Nichtigkeiten. Hintenrum habe ich dann erfahren, dass ihr das wohl alles zu anstrengend mit mir war. Irgendwie absurd nachdem ich ja ein vollkommen eigenständiges Leben führe. Aber auch du hast ja offensichtlich ähnliche Erfahrungen mit deiner Mutter gemacht – ich finde es echt traurig wie vielen Menschen so etwas passiert in unser ach so moralischen und politisch korrekten Gesellschaft.

Aber das mit dem Elternhaus ist ja eh ein heikles Thema. Ich habe in letzter Zeit sehr viel über das von dir erwähnte Thema mit der Selbstliebe gelesen. Leider ist es damit gar nicht so einfach. Immerhin wurde der Grundstein dafür ja in der Kindheit gelegt. Aber ich denke du hast vollkommen Recht, der erste Schritt zu einem glücklichen Leben ist die Selbstfindung. Vermutlich kann nur derjenige andere wirklich glücklich machen und lieben, der sich selber liebt, so wie man es immer so schön liest.

Es hört sich so an, als wenn du einen sehr harten und steinigen Lebensweg gehabt hast, mit vielen psychischen Problemen und Einsamkeit. Auch wenn du offensichtlich noch immer mit deinen psychischen Problemen zu kämpfen hast, scheinst du doch einen Ausweg aus der Einsamkeit gefunden zu haben. Das war mit Sicherheit nicht einfach und hat dich viel Kraft gekostet. Das finde ich wirklich toll und da kannst du wirklich sehr stolz auf dich sein! Ich finde es auch klasse, dass du deine Gedanken hier teilst und damit anderen Betroffenen wie mir helfen möchtest! Vielleicht hast du ja Lust etwas mehr über deine eigenen Probleme, Erfahrungen und Auswege zu erzählen!? Ich denke, davon könnten viele hier (inklusive mir) profitieren…

Vielen Dank & LG Jagony

20.07.2014 09:36 • #3


Hallo Jagony,
ich hab deinen post gestern schon gelesen,wusste aber auch nicht was ich dir drauf antworten kann,
deine Situation ist schwierig und es hat mich total berührt.

Für mich ist es nicht nachvollziehbar,dass sich sogar die Familie abgewandt hat,
bei <Freunden< ist es noch verständlicher,
denn Viele sind einfach unsicher,wissen nicht wie sie sich jetzt verhalten sollen.
Bei Manchen ist wahrscheinlich der Grund,dass die sich nicht mit derartigen Problemen umgeben möchten,
da trennt sich schnell die Spreu vom Weizen.

Mir bereitet eigentlich nur Kopfzerbrechen,dass es Alle waren,die dir den Rücken gekehrt haben....
kann es denn sein,dass du dich durch deine Geschichte auch sehr verändert hast
(ich kann mir nämlich nicht vorstellen,dass du nicht mit deinem Schicksal haderst)
und ihr einfach keine gemeinsame Basis mehr habt?

Bei dir ist sehr viel in die Brüche gegangen,aber man kann einen neuen Freundeskreis aufbauen,
mit Leuten die ähnliche Interessen haben wie du....
bei deiner Familie kann ich hier momentan keinen Rat für dich da lassen,das ist mir unverständlich.

20.07.2014 10:12 • #4


Hallo Shalimar,

auch dir einen lieben Dank, dass du dir die Zeit genommen hast zu antworten!

Natürlich verändert so ein Erlebnis einen selber und das Leben, das man führt, irgendwie. Aber nachdem ich schon in der Reha viele Leute gesehen habe, die sich mit dieser Diagnose wollkommen aufgegeben habe, wollte ich so nicht enden. Ich versuche einfach ein weitgehend normales Leben zu führen. Natürlich gibt es solche Momente, in denen ich das Leben verwünsche und all die (scheinbar) glücklichen Menschen um mich beneide. Das mache ich aber in der Regel mit mir selber aus oder bespreche es mit meiner Therapeutin. Ums hadern geht’s mir eigentlich gar nicht, das will ich gegenüber meinen Freunden auch gar nicht. Die haben alle ihre ganz eigenen Probleme, die ich mir bei den wenigen Treffen auch durchaus anhöre. Und ich will um Gottes Willen auch keine mitleidigen Blicke oder in Samthandschuhe eingepackt werden. Gerade weil ich mir das selber angetan habe, erlaube ich mir auch gar nicht zu jammern. In der Reha habe ich noch viel schlimmere, herzzerreißende Schicksäle gesehen, unschuldige Kindern die von betrunkenen Autofahrern angefahren wurden und nur noch den Kopf bewegen können. Die sind im Gegensatz zu mir (körperlich) wirklich schlimm dran und können rein gar nichts dafür. Das zu sehen war eine sehr wichtige Lektion für mich.

Eigentlich höre ich auch immer nur von allen Seiten, dass ich im Grunde von meinem Charakter der Gleiche geblieben bin und dass die Leute Respekt davor haben und selber nicht so gut damit umgehen könnten. Aber von dem Gerede kann man sich halt nichts kaufen wenn dem keine Taten folgen. Dabei würde ich mir einfach nur einen ganz normalen Umgang wünschen. Mit ganz normalen Gesprächsthemen so wie es einmal war. In der Reha-Klinik wurde ich von vielen Leuten gewarnt, dass sich viele Freunde und Bekannte verabschieden würden oder dass sich die Beziehungen zu diesen verändern würden. Das würde wohl den meisten Menschen mit solch einem Schicksal so gehen. Natürlich habe ich das nicht geglaubt und dachte bei mir wäre alles anders. Wie naiv von mir!

Auf die meisten fremden Menschen habe ich sogar eine sehr positive Wirkung. Teilweise werde ich sogar auf der Straße darauf angesprochen. Das was ich ausstrahle ist offensichtlich nicht das, was in den vielen einsamen Stunden in mir vorgeht. Es ist auch nicht so, dass ich keine neuen Leute kennenlernen würde. Ich bin sogar sehr kontaktfreudig. Ich gehe auch regelmäßig in ein Fitnessstudio zum Zirkeltraining mit ganz „normalen“ Leuten. Dort wurde ich auch sehr gut aufgenommen und bin akzeptiert. Nur ernsthafte Freundschaften bringt mir das trotzdem nicht ein und die fehlen einfach sehr. Nach dem Sport macht halt jeder seins und am Wochenende sowieso. Das ist ja auch ganz normal und man sollte keine Wunderdinge erwarten. Die meisten Leute haben ja auch ihre eigenen Familien und Freunde, die sie auslasten. Vermutlich braucht es einfach Zeit sich ein neues soziales Umfeld zu erarbeiten. Nur helfen tut das in der momentanen Einsamkeit natürlich nicht. Nach dem Sport fühle ich mich immer kurzzeitig besser und dann falle ich doch wieder in ein Loch sobald ich wieder alleine zu Hause hocke.

In einem hast du natürlich Recht und das habe ich auch von anderer Seite schon gehört: viele Menschen haben einfach Probleme mit meiner Situation umzugehen (viel mehr als ich das selber habe) oder wissen gar nicht wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen. Vielleicht muss man das auch irgendwie verstehen auch wenn es natürlich sehr hart ist. Hinzu kommt natürlich noch, dass viele Dinge eben einfach flach fallen. Es muss ja auch vieles in gewisser Weise geplant werden wenn man sich zum Beispiel in einem Café trifft oder so. Gibt es einen barrierefreien Zugang? Gibt es ein behindertengerechtes WC? Ich habe den Eindruck, das schreckt viele ab oder ist ihnen einfach zu kompliziert – auch wenn sie das natürlich nie so äußern würden. Auch Besuche bei einigen Freunden fallen natürlich weg, einfach weil es keinen Fahrstuhl oder ähnliches gibt.

Zu meiner Familie fällt mir eigentlich selber nichts mehr ein. Die war vorher schon total zerrüttet und das hat sich auch danach nicht geändert. Aber das scheint heutzutage leider vielen Menschen so zu gehen. Meine Ex-Partnerin war immer sehr erschrocken über die Handlungen und Aussagen meiner Angehörigen. Sie meinte dann immer zu mir: „Die brauchst du nicht, wir sind jetzt deine Familie!“. Aber das hatte sie dann ja auch ziemlich schnell wieder vergessen…

Sorry, ich weiß, ich schreibe ziemlich viel. Aber wenn man sonst keinen zum Reden hat, tut es einfach gut sich ein paar Dinge von der Seele zu schreiben. Ich finde, das hilft ungemein...

LG Jagony

20.07.2014 14:05 • #5


Hallo Jagony,
du solltest dich nicht entschuldigen,dass du hier viel schreibst....dazu ist das Forum ja da...
und du hast recht,es tut manchmal richtig gut,Alles raus zu lassen.

Weiist du,was ich damit vorhin sagen wollte,dass man sich verändert wenn man was Schreckliches erlebt hat,
sei es eine Querschnittlähmung,eine schwere Krankheit oder dergleichen,ist,
man verändert sich sehr,es ist ein schleichender Prozess und man findet nicht mehr
zu dieser Leichtigkeit zurück,die man früher in seinem Leben mitgetragen hat.
(Ich weiss,wovon ich spreche)
Die meisten Menschen wollen aber diese Leichtigkeit,Sie brauchen diese Leichtigkeit,damit geht man nämlich leichter durchs Leben
und die meisten Leute wollen nicht mit etwas ständig konfrontiert werden,z.B. den Rollstuhl zu sehen...
das erinnert Sie daran,dass Leben sich auch ändern kann und zwar in negativer Sicht und können sehr schwer damit umgehen.

Aber es ist doch auch oft so,dass man eine lange Zeit mit Freunden zusammen geht
und irgendwann führen diese Wege auseinander,
das liegt schlicht daran,dass sich die Interessen nicht mehr kreuzen,auch wenn man nicht gehandicapt ist...

20.07.2014 17:08 • x 1 #6


Danke für diesen weisen Worte Shalimar!

Aus dieser Sicht habe ich es noch gar nicht gesehen. Ich denke, es kann mir dabei helfen meine Freunde und Bekannten besser zu verstehen und vielleicht mit der einen oder anderen Freundschaft abzuschließen. Du hast natürlich recht, Freundschaften gehen auch bei anderen, nicht gehandicapten Leuten auseinander. Aber vermutlich ist auch wirklich einiges an Leichtigkeit verloren gegangen. Sei es in meinem eigenen Leben oder auch in der Beziehung zu meinen Freunden, die mich noch von früher her kennen. Vielleicht ist es einfacher für neue Bekanntschaften, die mich nicht anders kennen, damit umzugehen, vielleicht aber auch nicht. Naja, das wird wohl die Zeit zeigen...

20.07.2014 17:40 • #7


Jagony,
wie sieht denn dein Tagesablauf so aus...gehst du auch öfter mal raus?
Vielleicht so in Parks,da kann man auch Menschen kennen lernen,
hast du Lust ein bißchen darüber zu erzählen?

20.07.2014 18:49 • #8


Ja klar, gerne.

Nach meiner Querschnittslähmung wollte ich mich beruflich umorientieren, da es auch nicht mehr einfach ist in meinen alten Beruf zurückzukehren. Ich dachte es wäre aufgrund meiner Einschränkungen eine gute Idee sich selbstständig zu machen und von zuhause zu arbeiten. Ich befinde mich daher gerade in der Gründungsphase und mache das auch nicht alleine sondern mit einem Bekannten zusammen. Der sitzt allerdings am anderen Ende von Deutschland und der Kontakt findet überwiegend über das Internet statt. Unabhängig davon, dass der Einstieg in die Selbstständigkeit natürlich sehr schwierig ist, das kennt wohl jeder der es schon einmal getan hat, bin ich mir nun nicht mehr sicher ob das so eine gute Idee war. Die Arbeit von zuhause bringt natürlich zusätzliche Isolation mit sich und der Kontakt zu Kollegen fehlt mir sehr. Als ich noch in einer Beziehung war, soziale Kontakte noch vorhanden waren und ich somit einen positiven Ausgleich hatte, hat mich das nicht gestört aber nun wird es langsam unerträglich. Leider leidet nach und nach auch meine Arbeitsfähigkeit darunter und ich kann mich oft nur noch schwer konzentrieren. Ich habe auch schon darüber nachgedacht mir irgendwo einen Büroplatz zu suchen aber das ist aus finanzieller Sicht im Moment nicht wirklich realisierbar. Daher spiele ich auch schon mit dem Gedanken die ganze Sache wieder aufzugeben oder mir noch eine Halbtagsstelle oder ähnliches zu suchen.

Ansonsten habe ich mir die Woche von Montag bis Freitag so geplant, dass ich mindestens einmal am Tag einen Termin außer Haus wahrnehme. Dazu gehören Sport, Physiotherapie und die Verhaltenstherapie. Es tut mir natürlich gut vor die Tür zu kommen aber einen wirklichen Ausgleich verschafft mir das auch nur bedingt und ein Treffen mit Freunden und Bekannten ersetzt das natürlich auch nicht. Verabredungen habe ich unter der Woche ansonsten eher selten. Manchmal gehe ich alleine nach draußen und trinke einen Kaffee oder so aber das kostet mich jedes Mal viel Überwindung und wirklich Spaß macht es auch nicht. Meistens macht es mich sogar sehr traurig wenn man all die fröhlichen Menschen in Gesellschaft sieht. Davon können viele hier, so wie ich das gelesen habe, ja auch ein Lied singen. Aber irgendwie schaffe ich es schon immer die Woche halbwegs über die Bühne zu bringen. Schlimm wird es dann am Wochenende. Ich versuche meistens mich zu verabreden aber irgendwie kommt nur sehr selten etwas zustande. Etwas alleine zu unternehmen, dazu kann ich mich nicht wirklich aufraffen. Meistens geht es mir schon morgens nach dem Aufwachen sehr schlecht und ich bekomme Angst und Panik vor der Einsamkeit. Häufig nehme ich dann einfach eine Tablette zur Beruhigung und verbringe den ganzen Tag im Bett. So zieht der Sommer dann allmählich einfach an mir vorbei. Ich weiß, das kann nicht wirklich eine Dauerlösung sein und hilft mir bestimmt nicht weiter und neue Leute lernt man so schon gar nicht kennen. Sicherlich gäbe es viele schöne Dinge, denen man nachgehen könnte bei all der Zeit aber momentan macht mir alleine einfach nichts Spaß. Es gibt ja auch immer jede Menge Tipps, man solle sich Hobbies suchen oder Vereinen anschließen oder einfach alleine vor die Tür gehen. Oft hört man ja auch tolle Ratschläge wie: man solle sich einfach mal am Riemen reißen oder ähnliches. Aber was ich von mir selber weiß und auch über andere gelesen habe, so hört sich das in der Theorie immer ganz schön an, ist aber in der Praxis oft nur schwer umsetzbar wenn man erstmal in der Spirale drin ist. Naja, immerhin habe ich vor einiger Zeit angefangen mehr über Themen wie Einsamkeit und Selbstliebe zu lesen und eingesehen, dass ich dringend etwas an meinem Verhalten und meiner Einstellung ändern muss. Ich bleibe auf jeden Fall am Ball, nur der Weg dorthin ist halt sehr weit…

20.07.2014 19:54 • #9


Ein freundliches Hallo in die Runde,

Eure Beiträge gehen mir echt sehr nahe und ich empfinde Trauer und Wut (nicht auf Euch), hier solche Lebensgeschichten zu lesen. Ich habe mich hier angemeldet, weil ich seit einigen Monaten in einer Krise stecke und selbst keinen Ausweg mehr finde.

Ich weiß nicht recht, wie ich anfangen soll... Der Kern meines Anliegens ist ein unglaublichen Gefühl des Alleinseins und des Augeschlossenseins.

Ich bin 34 Jahre alt und lebe zusammen mit meiner Mutter. Das empfinde ich soweit ok, auch wenn es von vielen belächelt wird. Damals 2005 ist meine Großmutter pflegebedürftig geworden und es war uns nie das Thema, die Oma in ein Heim zu bringen. Die Pflege sollte zu Hause erfolgen und ich habe mich selbstverständlich gerne dabei mit eingebracht. Ich war damals noch in der Ausbildung und habe mitbekommen, daß meine Mutter die Pflege nicht alleine schafft. Mit dem Ausbildungsbetrieb konnte ich noch vereinbaren, daß ich das Duale Studium abbreche und einen IHK-Abschluß machen kann. So konnte ich nach Hause, um meiner Mutter zu helfen.

Wir haben uns die Pflegetätigkeit so gut es geht aufgeteilt und ich habe dabei so ziemlich alles gemacht, was auch ein Altenpfleger tun würde. Diese Pflege war sehr zeitintensiv, da Oma gehbehindert wurde und wir hatten mit Demenz und extremer Inkontinenz zu kämpfen. Es war schwierig das ganze auch beruflich unter einen Hut zu bringen. In der Konsequenz habe ich mich als Informatiker selbständig gemacht. Man hatte sehr viel um die Ohren und keine Zeit für andere soziale Kontakte. Ich hatte sogar das Gefühl, daß man als Pflegeperson von anderen Menschen belächelt wird, wenn man mit seiner dementen Großmutter loszieht.

Als meine Oma 2011 gestorben ist, entstand eine regelrechte Leere. Die Trauer war groß, denn Mutter und ich standen nun ganz alleine da. Mit der Verwandtschaft gab es Streit um ein nicht erwähnenswertes Erbe und so standen wir allein auf Omas Beerdigung.

Meine Mutter ging danach wieder mehr arbeiten und ich vertiefte meine Selbständigkeit.
Hier liegt, wie ich finde das Problem: Als Selbständiger hat mein keine Kollegen. Leider auch keine Freunde. Man ist immerzu nur ein Dienstleister für Kunden. Es gibt mal abgsehen von Gesprächen über das Wetter oder die Fußball-WM keine privaten Gespräche. Selbst bei Leuten, die man von Schule/Ausbildung her kennt, werde ich nur als jemand gesehen, der etwas besorgen kann. Und hier liegt das nächste Problem: Ich kann niemanden Technik unter dem Einkaufspreis überlassen, ich kann nicht die technischen Probleme jedes alten Bekannten sofort und auf der Stelle behandeln, wenn ich ich in bestimmten Projekten fest eingebunden bin. Dafür hat anscheinend niemand Verständnis und so werden diese "Freundschaften" ganz schnell beendet. Es gibt keinen Kontakt mehr, man meidet mich.

Ich selbst fühle mich dabei ausgenutzt und nur als Mittel zum Zweck.

Ich war mittlerweile seit... tja seit 2005... mit niemanden mehr abends weg und führe keine rein privaten Unterhaltungen. Es gibt nur noch den Kontakt zur Mutter und auch diese Verhältnis ist sehr gereizt. Meine Mutter kritisiert mich seit Omas Tot ständig und ich mache in ihren Augen alles verkehrt, zu langsam und zu ineffizient.

Ich kann meine Mutter ein Stück weit verstehen, da sie einen echten Horrorjob hat und eine andere Arbeit möchte. Und natürlich möchte ich ihr dabei helfen, ich habe viele meiner Kunden angesprochen, wir haben zusammen Bewerbungen verfasst und hänge mich ans Telefon und telefoniere umher. Leider stellt hier in Sachsen-Anhalt niemand eine 58-jähre Frau ein. Ich kann ihr dabei nicht weiter helfen und wüsste auch keine Lösung. Meine Selbständigkeit erwirtschaftet nicht genug für zwei Leute.

Auf der anderen Seite sehe ich mein Leben und wie es mir ganz und gar nicht gefällt. Ich möchte meine Zeit nicht nur als Dienstleister und Sohn verbringen, sondern ich möchte einen eigenen Freundeskreis haben und auch eine Partnerin. Die Arbeit versuche ich seit rund einem Jahr ich ein Stück zurückzufahren, um mehr Freizeit zu haben. Ich bin gerne draußen, ich gehe ins Fitness-Studio, auf Konzerte, engagiere mich ehrenamtlich und bei all diesen Aktivitäten bin ich allein. Ich war in einem Verein eingetreten und bin da wieder raus, weil es nur auf wochenendliche Besäufnisse hinauslief. Es kommt nie zu tieferen Bekanntschaften, alles läuft auf ein "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen" hinaus.

Es fällt mir sehr schwer andere Menschen anzusprechen - aus Angst abgelehnt oder ausgenutzt zu werden. Leider spricht auch niemand mich an. Es scheint mir so, als wäre unsere Gesellschaft von einer unglaublichen Oberflächlichkeit und einem Egoismus geprägt. Jeder scheint nur an sich zu denken, schaut wo er sich einen Vorteil verschaffen kann. Bekanntschaften werden so beliebig austauschbaren Objekten degradiert.

Vor etwa 8 Wochen wurde ich für ein Projekt gebucht und arbeitete zusammen mit einer ungefähr gleichaltrigen Frau daran. Das ganze hat etwa 10 Tage gedauert und wir haben uns super verstanden. Wir sind den vorletzten Abend noch zusammen Essen gegangen, haben uns stundenlang unterhalten und persönliche Kontaktdaten ausgetauscht. Und ich dachte, wow, diese Frau ist ja auch privat ganz wunderbar und ich habe mich ein Stück in sie verknallt. Da entstand für einen Augenblicke ein unbeschreiblich schönes Gefühl der Zweisamkeit. Das Projekt wurde ein Erfolg und so haben wir uns sehr freundlich verabschiedet. Ich versprach ihr noch ein paar interessante Unterlagen und sendete ihr diese natürlich auch. Von ihr kam keine Antwort. Nach einer Woche bangen Wartens rief ich an, um zu fragen, ob alles ok ist, erwischte aber nur die Mailbox. Keine Rückmeldung von ihr. Nach Whatsapp und einer weiteren eMail, dann eine sehr kurze Antwort von ihr: "Ich finde telefonieren, in Kontakt bleiben oder noch Treffen überhaupt nicht gut. Danke für die Unterlagen".

Da ist bei ein Schalter umgeklappt - ich war wütend und bin noch immer so traurig darüber. Ich komme mir benutzt vor, wie ein Stück WC-Papier, das entsorgt wird. Ich könnte Ladenregale umkippen oder einfach ... na lassen wir das.

Und jetzt stehe ich hier und frage mich, was hat das alles noch für einen Sinn? Ich hasse es zu allein zu sein und bin sehr traurig darüber. Ich möchte unter Menschen, mich mit anderen austauschen, ein Ohr für deren Sorgen haben und umgekehrt für meine Sorgen ein offenes Ohr finden. Aber ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, diesen Zustand zu ändern.

21.07.2014 14:30 • #10


Hallo Taros,

zunächst einmal vielen Dank für deinen sehr ehrlichen Beitrag. Das hast du ja leider auch schon eine Menge negative Erfahrungen gemacht…

Ich habe sehr großen Respekt davor, dass du dich so aufopferungsvoll um deine Oma gekümmert hast. Das hätten die meisten Menschen mit Sicherheit nicht getan und darauf kannst du sehr stolz sein. Das muss eine sehr schwierige Zeit für dich gewesen sein. Dennoch muss der Verlust einer der wenigen geliebten Menschen (mein tiefes Beileid dafür) bestimmt sehr hart für dich gewesen sein. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, da ist bestimmt ein großer Bestandteil deines Lebens weggebrochen. Ich denke aber auch, dass du dadurch vollkommen vergessen hast dein eigenes Leben zu leben. Wenn man nur noch zwischen Arbeit und der Pflege der Oma hin und her hetzt, dann bleibt wohl kaum noch Zeit für einen selbst und schon gar nicht für andere soziale Kontakte. Da kann es ja nur ungemein schwierig sein aus diesem Loch wieder rauszukommen. Keine wirklichen Kontakte seit 2005 ist eine unglaublich lange Zeit. Das macht mich sehr traurig und das hat bestimmt kein Mensch verdient…

Das mit der Selbstständigkeit ist bestimmt alles andere als hilfreich, das kenne ich selber auch nur zu gut. Das ist für Menschen mit keinen oder nur sehr wenigen sozialen Kontakten natürlich doppelt hart. So ist man Einzelkämpfer auf zwei Ebenen. Ich denke, dass kann auf Dauer nicht wirklich gut gehen. Daher denke ich gerade darüber nach die ganze Sache nach kurzer Zeit schon wieder aufzugeben. Hast du selber auch schon darüber nachgedacht dir vielleicht einen Job in einer Firma zu suchen? Ob einem das dann wirklich die gewünschten Kontakte einbringt, weiß man vorher natürlich nicht. Aber immerhin wäre es eine Chance…

Sich nur als Dienstleister und Sohn zu fühlen muss furchtbar sein. Hast du schon Mal darüber nachgedacht bei deiner Mutter auszuziehen? Vielleicht hilft dir das in mehrerlei Hinsicht. Zum einen könnte ich mir vorstellen, dass sich das Verhältnis zu deiner Mutter wieder verbessert. Wenn man als Mutter und Sohn so viel aufeinander hockt, dann muss es ja zwangsläufig Reibungspunkte geben. Und zum anderen würde dich das vielleicht auch attraktiver für andere Menschen machen. Ich meine das jetzt überhaupt nicht böse, aber ich könnte mir vorstellen, dass es für viele Leute komisch klingt wenn man mit 34 noch bei seiner Mutter wohnt. Ich denke auch, auf eigenen Füßen zu stehen, könnte dir vielleicht mehr Selbstvertrauen verleihen und dann fällt es dir vielleicht leichter auf deine Mitmenschen zuzugehen…

Dass du vielen Aktivitäten alleine nachgehst oder es zu mindestens versucht hast, finde ich echt toll. Leider muss ich dir zustimmen, das ist aber noch kein Garant dafür, dass man einen Weg aus der Einsamkeit findet. Ich habe da auch eher durchwachsene Erfahrungen gemacht und festgestellt, dass man auch in Gesellschaft sehr einsam sein kann wenn man sich mit den „falschen“ Leuten umgibt. Einen wirklich guten Rat dazu kann ich dir daher leider nicht dazu geben da ich selber in diesem Dilemma stecke.

Dass mit deiner Kollegin war bestimmt sehr verletzend. Dass sie kein Interesse hat, hätte sie dir auch etwas sensibler mitteilen können. Aber immerhin, auch wenn dir das jetzt nicht hilft, war sie ehrlich zu dir und so brauchst du dir keine falschen Hoffnungen mehr machen. Glaube mir, es ist viel schlimmer wenn man hingehalten wird, kämpft und am Ende doch bitter verliert.

Ich habe auch einige deiner anderen Beiträge gelesen. Ich denke, deine Kritik an der Gesellschaft ist durchaus berechtigt und einige Dinge, die du schreibst, kann ich voll und ganz nachvollziehen. Dennoch denke ich, dass nicht alles an der Gesellschaft nur schlecht sein kann und das möchte ich auch einfach nicht glauben. Ansonsten würde ich rein gar keinen Grund mehr sehen weiter zu machen. Auch wenn das ausgerechnet aus meinem Mund vielleicht komisch klingt und wenn ich selber (im Moment) vollkommen verzweifelt und einsam bin, so möchte ich doch die Hoffnung nicht aufgeben, dass es da draußen noch Menschen gibt, die mich annehmen wie ich bin und dass ich eines Tages ein (zumindest halbwegs) erfülltes Leben führen kann. Nur die Hoffnung darauf treibt mich irgendwie noch an. Du klingst wirklich sehr verbittert und das kann ich nach deiner Geschichte auch mehr als gut nachvollziehen. Aber bitte versuche dich nicht aufzugeben und kämpfe. Ich denke einfach, du hast dich in den letzten zehn Jahren oder so nicht genug um dich selber gekümmert. Vielleicht wird es jetzt Zeit dafür…

LG Jagony

21.07.2014 18:25 • x 1 #11


Hallo Jagony,
Danke für Deine Antwort und Deine Anteilnahme. Es fühlt sich "gut" an, mit seinem Problem nicht alleine dazustehen, ich merke, daß ich einer unter vielen bin.

Die Selbständigkeit ist eine Medaille mit 2 Seiten. Ich mag es, mich frei entfalten zu können, mein eigener Herr zu sein. Auf der anderen Seite steht da ein sehr hoher Arbeitsaufwand, denn wenn man vorankommen will, sind 14 Stunden-Tage keine Seltenheit. Vor rund einem Jahr habe ich entschieden, daß es so nicht weitergehen kann. Ich habe meine Arbeit etwas zurückgefahren, lasse auch mal was liegen. Das bringt mehr Freizeit. Aber so ganz damit aufhören, mag ich auch nicht. Ich bin nebenbei noch als Dozent an der VHS und in einem privaten Bildungsinstitut tätig. Das ist zwar auch nur eine Dienstleisterrolle, aber eine Abwechslung.

Bei der Mutter auszuziehen, würde bedeuten, daß wir beide alleine dastehen. Es ist nicht so, daß wir ständig aufeinander hängen, es gibt gemeinsam Frühstück/Abendbrot und gelegentlich mal eine Radtour. Ansonsten geht jeder seiner Arbeit nach. Das ist nicht das allseits verschrieende "Hotel Mama". Ich stehe durchaus auf eigenen Füßen, verdiene eigenes Geld usw. Aber ich habe natürlich schon mitbekommen, daß die Leute da komisch gucken, wenn sie das hören. Es entspricht eben im nördlichen Europa nicht der Norm. Hat es wirklich soviel Bedeutung, bei wem man wohnt? Ich lasse mich da gerne eines besseren belehren.

Und ja ich kritisiere die "Gesellschaft". Da sind mir zu viele Dinge widerfahren.. Ich glaube dennoch tief in mir an das Gute in den Menschen und bin überzeugt, daß es die Chance gibt, echte Freundschaften zu erleben. Der Weg dorthin ist jedoch so schwer...und ich verstehe manchmal nicht, was man selbst alles falsch macht. Es kann nicht nur an einem selbst liegen, ich bin keine trübe Tasse, ich mag Menschen und bin normalerweise sehr tolerant und offen.

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, das darf man auch gar nicht. Du machst das ja anscheinend auch so. Und ja, das ist vielleicht der erste Schritt.

Was machst Du eigentlich in Deiner Selbständigkeit?

Viele Grüße
Taros

21.07.2014 20:14 • #12


Hallo Jagony & Taros,

ich habe meine Erfahrungen zur Überwindung von Einsamkeit niedergeschrieben. Ist ein sehr langer Text geworden. Hoffe dennoch, dass es etwas hilft. Hier nochmal der Link: einsamkeit-forum-f37/meine-erfahrungen-zur-ueberwindung-von-einsamkeit-t59580.html

Grüße,
LS

21.07.2014 21:45 • x 2 #13


@lonelysome: Vielen Dank für deinen ausführlichen Beitrag! Ich werde mir den auf jeden Fall in Ruhe durchlesen...

@Taros: Um Himmels Willen, natürlich möchte ich dich in Bezug auf deine Mutter keines Falls belehren. Dafür bin ich auch garantiert der Falsche. Ich selber habe überhaupt keine Beziehung zu meiner eigenen Mutter. Das ist mit Sicherheit noch viel schlimmer und ich finde es toll, dass ihr einander habt. Ich wollte dir einfach nur mal schreiben, wie ich das als neutraler Beobachter sehe. Ich denke einfach, dass eine räumliche Trennung nicht zwangsläufig bedeutet, dass man nichts mehr voneinander hat. Ich kenne viele Menschen, die nicht bei ihren Eltern wohnen, und die ein super Verhältnis zu ihnen haben. Ja bei vielen hat sich das Verhältnis nach einem Auszug sogar erheblich verbessert. Füreinander da sein kann man ja trotzdem noch und regelmäßig telefonieren und sich treffen ist ja auch jederzeit möglich. Es hört sich halt einfach so an als wenn ihr emotional sehr abhängig voneinander seid. Das ist bei eurer Lebensgeschichte ja auch eigentlich nicht weiter verwunderlich. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass Abhängigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen selten gut tun. Dass diese Situation auch für potentielle Partnerinnen erstmal abschreckend ist, finde ich irgendwie auch nachvollziehbar. Wie würdest du dir das denn mit einer Partnerin vorstellen? Soll die dann bei dir und deiner Mutter übernachten und jedes Mal gemeinsam mit euch frühstücken und zu Abend essen? Oder gar bei euch einziehen irgendwann? Ich kann mir gut vorstellen, dass es sehr schwierig wird so jemanden zu finden...

22.07.2014 10:53 • #14


Fee*72
huhu Jagony..
ich kann gerade nich viel dazu schreiben..möchte dich nur willkommen heissen hier..und wünsch dir weiterhin viel kraft..
werde mir dein Beitrag nochmal ganz in ruhe durchlesen,derzeit geht mir selber zu viel im kopf rum..
wie gehts dir heute?

22.07.2014 10:59 • #15


Hallo Lonelysome,
auch von mir danke für Deine Anleitung!

Hallo Jagony,
Du hast einen interessanten Punkt getroffen und ich werde darüber nachdenken. Danke.

Viele Grüße

22.07.2014 11:02 • #16


Hey Fee*72,

danke für das nette Willkommen!

Naja, ich habe ja auch wirklich viel geschrieben, das liest man wahrscheinlich nicht mal so eben zwischendurch. Ich war noch nie vorher in so einem Forum unterwegs und muss sagen, dass es echt hilft sich mal einiges von der Seele zu schreiben und sich mit dem einen oder anderen auszutauschen.

Ich habe mir mal einiges aus deinem Tagebuch und deinen Beiträgen durchgelesen. Ich finde es echt toll und sehr mutig von dir, dass du das hier machst. Ich kann mir vorstellen, dass das regelmäßige Schreiben dir sehr hilft! Es sieht ja so aus als wenn du auch einiges zu verarbeiten hättest. Dafür wünsche ich dir auf jeden Fall weiterhin alles gute...

Danke der Nachfrage. Mir geht's nicht wirklich gut, aber es ging auch schon schlechter. Am Morgen habe ich meistens ein schlimmes Tief, da muss ich dann im Laufe des Vormittags erstmal langsam wieder raus. Die Ablenkung hier im Forum hilft auf jeden Fall. Ansonsten verläuft der Tag mal wieder ohne Höhen. Heute Abend geht's noch zum Sport, nicht dass ich mich wirklich darauf freue aber danach geht's mir zumindest für ein paar Stunden besser...

Und wie sieht's bei dir aus? Wie war dein Tag bislang so?

22.07.2014 13:37 • #17



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