Zitat von Merlin85: Könnte man vielleicht völlig unromantisch neurologisch erklären, je nachdem welche Hirnareale beim Sex oder kuscheln stärker aktiv sind.
Der langsame Hautdruck beim Kuscheln aktiviert C-taktile Afferenzen. Das sind spezialisierte Nervenfasern, die ausschließlich auf sanfte, langsame Berührung reagieren und direkt mit der Insula verbunden sind, dem Bereich der Körperwahrnehmung und emotionaler Verarbeitung integriert. Das Signal landet also nicht im Belohnungssystem, sondern im Selbstwahrnehmungs- und Bindungsnetzwerk. Gleichzeitig wird der präfrontale Kortex beruhigt und das Nervensystem in den parasympathischen Modus gebracht. Das ist strukturell ein Sicherheitssignal.
Beim Sex dominiert das mesolimbische Dopaminsystem, also Nucleus accumbens, ventrales Tegmentum, Belohnungsantizipation. Adrenalin und Noradrenalin steigen, das sympathische Nervensystem fährt hoch. Kurz vor dem Orga. schaltet sich der laterale orbitofrontale Kortex dann vollständig ab, der Bereich der soziale Bewertung und Selbstkontrolle steuert. Das erklärt, warum Sex ohne emotionale Bindung neurochemisch funktionieren kann. Die sozialen Bewertungszentren sind offline.
Für mich selbst funktioniert Sex gut, weil er genau den Teil meines Gehirns abschaltet, der sonst nie aufhört. Dieser laterale orbitofrontale Kortex der permanent soziale Signale bewertet, analysiert, einordnet. Das ist bei mir Dauerzustand. Das ADHS-Gehirn das rattert und Autismus-Gehirn das jede Interaktion seziert verschwinden bei ausreichend physischer Intensität einfach. Es bleibt kein Prozessor mehr für die Analyse übrig. Das ist für mich keine Metapher, sondern tatsächlich das, was ich erlebe. Deswegen funktionieren sehr intensive Praktiken für mich besonders gut. Die sensorische Intensität beansprucht das Nervensystem so vollständig, dass buchstäblich nichts anderes mehr Platz hat.
Kuscheln ist schwieriger. Langsame sanfte Berührung landet bei mir nicht automatisch als Sicherheitssignal. Die C-taktilen Afferenzen leiten das direkt ins Bindungs- und Selbstwahrnehmungsnetzwerk und das ist bei mir hypersensibel. Was für die meisten Menschen beruhigend ist, kann bei mir Überreizung auslösen oder eine Art innere Alarmreaktion. Nähe ohne klaren Rahmen, ohne definierten Anfang und Ende, ohne dass ich weiß, was als Nächstes kommt, aktiviert genau die Bewertungszentren, die beim Sex offline gehen.