Guten Morgen Chris,
danke für Deine Rückmeldung. Wie ich im Forum immer wieder vor Augen geführt kriege, hat man am meisten von (s)einem Thema, wenn man die Dialoge selber auch konsequent weiterführt. Insofern geben und nehmen wir hier uns m. E. gleichermaßen viel oder wenig - je nach Engagement und Aufrichtigkeit.
Im Grunde sind wir eine riesige Selbsthilfegruppe nur hat hier jeder die Möglichkeit, Zeit und Teilnahme individuell zu bestimmen. Das erfordert defintiv Eigenintiative und stellt somit auch einen gewissen "Prüfstein" dar. Auch die Notwendigkeit der
Schriftform fördert bei uns bisweilen Einsichten zutage, die im Gruppen- oder Einzelgepräch nicht unbedingt zustande kommen.
Zitat von Chris333: Oft war ich auch gern allein. Irgendwie ambivalent, jetzt kann ich allein sein und ertrage es nicht…
Ja, das kenne ich gut...

. Aber hier sieht man den
subjektiv erlebten Unterschied zwischen selbst gewähltem Alleinsein und Alleinsein, das durch die "Handlung" Anderer zustande kam. Einen für mich sehr lehrreichen (Dauer-)Exkurs stellt hier Myosotis´ Tagebuch dar:
tagebuecher-f97/alleinsein-ein-stigma-t111073.html#p2356107Es kann wirklich lohnen, sich da reinzulesen, wenn man akut betroffen ist - vor allem, wenn man das Alleinsein als "Standardzustand" noch nie praktiziert hat. Ich finde, ihre Gedanken haben Reife, die man als "Einsamkeitsneuling" sehr gut nutzen kann, um die eigene Definition (und die daraus resultierende Welt- und Selbstsicht) von Einsamkeit zum bloßen All(ei)n-Sein hin zu justieren.
Zum Mutter- und Ehefrau-Thema nochmal: Ich glaube, es ist gerade eine gute Möglichkeit, eine
angemessene Beziehung zu "
den Frauen in Deinem Leben" herzustellen. Damit meine ich konkret: mehr
Vertrauen in Dich selbst, in Deine Wünsche, in Deine Bedürfnisse und gleichzeitig ein
Verständnis für deren Wesen und Verhalten sich selbst und Dir gegenüber zu entwickeln.
Also kurz gesagt:
Dir mehr vertrauen (auch zutrauen) und
die beiden Damen (und deren Rolle in Deinem Leben)
besser verstehen. Beides geht Hand in Hand. Je besser Du deren Haltung und die Ursachen dafür verstehst, umso autarker wirst Du selber. Und umgekehrt - je besser Du Dich selber kennenlernst, umso verständnisvoller wirst Du den beiden Damen gegenüber. Einsicht und Verständnis
verbindet also einerseits, aber andererseits stellt es auch die
Zuständigkeiten heraus und verhindert dadurch Übergrifflichkeiten. Du stellst idealerweise Dich und die Dich umgebenden Menschen an
ihre Stelle(n)!
In der Therapie wird dafür gerne das Bild des
Mobiles herangezogen: Die einzelnen Fragmente eines Mobile (
https://de.wikipedia.org/wiki/Mobile_(Kunst) ) stehen für Dich und Dein soziales Umfeld (=
Deine "Welt"). Absolut jeder Mensch (und auch "Gruppen" wie z. B. Arbeitskollegen oder die Gruppe "Familie") stellen
wirkende Einzelteile oder Stränge des Mobiles dar. Und dass jeder "seinen" Platz in diesem Mobile hat, hat eine Ursache, eine Bedingung und stellt gleichzeitig die Ursache und Bedingung für die Position
anderer Menschen und Gruppen dar. Wir sind also sprichwörtlich von- und miteinander
abhängig. Wenn Du eine Person aus diesem Abhängigkeitsgebilde entfernst, gerät das Gesamtgefüge durcheinander - abhängig vom "Gewicht" der entfernten Person.
Es muss jedoch nicht immer gleich jemand
entfernt werden, sondern man kann diese Person in der subjektiven Wahrnehmung einfach
anders gewichten. Und genau dies geschieht durch die ganzheitliche Betrachtung meiner Beziehung zu der jeweiligen Person. Ich überprüfe, ob das Gewicht, das ich ihr zuteil(t)e, (noch) angemessen ist, ob es (jemals) angemessen war!
Es geht dabei also nicht primär um eine
Veränderung der "Beziehungs-Gemengelage" sondern um das
Verstehen derselben. Dass sich die Gemengelage in diesem Zuge dann durchaus verändert, ist lediglich die logische Folge dieses Verständnisses. So "arbeitet" der Geist - und meistens kriegen wir das nicht mit...

Du kannst das am Beispiel Deiner Tochter und ihrer Schwiegeroma mal ausprobieren. Schau Dir unvoreingenommen aus der Sicht Deiner Mutter und Deiner Tochter unabhängig voneinander die ganze Sache an. Wie sieht Deine Mutter die Sache in Gänze? Wie Deine Tochter?
Was sind die Ursachen und Bedingungen für deren subjektiven Ansichten? Versetze Dich in aller Ruhe einfach mal soweit wie möglich in deren Situation und
erlebe deren Leben für eine Weile.
Lass dabei bewusst Kommentare, Bewertungen oder Verurteilungen weg. Achte auch auf
Deine Gefühle und Emotionen. Notiere sie lediglich, lass sie aber nicht die "Regie" übernehmen. Und ganz wichtig,
verurteile Dich nicht für die etwaigen Emotionen, die dabei aufkommen. Oft übernimmt man nämlich die (vermeintlichen) Sichtweisen der jeweiligen Person, die man betrachtet und bezieht diese auf sich selbst. Wenn man diesen Vorgang tatsächlich mal mitkriegt, ist das mitunter eine kleine Erleuchtung:
man erkennt die Vermeinung der (vermeintlichen) Ansichten Anderer! Genau hier erkennen wir die unheilsame Selbstmanipulation durch "fehlgeleitetes" Denken. Alles das läuft normalerweise völlig unbewusst ab. Durch diese Übung holst es in in das Bewusstsein, machst es Dir bewusst.
Zitat von Chris333: Bei den Schwiegereltern war ich kurz auch im Haus, meine Frau war nicht da. Sie waren sehr lieb zu mir, aber über die Situation haben wir nicht gesprochen. Insgeheim wünsche ich mir Unterstützung von ihnen, kann das aber natürlich nicht so sagen…
Nun kannst Du Dich selber mal fragen:
Woher kommt das, dass Du Dir von
ihnen Unterstützung erhoffst?
Zitat von Chris333: Mir wurde wieder bewusst, wie wenig ich in den vergangenen Jahren dafür getan habe Freundschaften zu pflegen. So gut wie nie habe ich mich initiativ bei jemandem gemeldet. Das war immer nur einseitig. Immer hatte ich das Gefühl, dass sie sicherlich etwas besseres zu tun haben als mit mir etwas zu machen.
Frage auch hier: Was führte zu
Deiner Überzeugung, dass es aus
Ihrer Sicht (!) "Besseres" gab, als mit Dir zusammen zu sein?
Was hast Du
warum als Bezugsrahmen für die Bewertung "uninteressant" herangezogen? Wie hat sich dieser Bezugsrahmen entwickelt, etabliert? Was hindert Dich daran, initiativ auszuprobieren, ob Deine Bewertung überhaupt zutreffend ist?
Zitat von Chris333: Und deshalb habe ich jetzt meine Freunde von früher nicht mehr. Nur noch eher freundschaftliche Bekannte und Kollegen. Und eben meine Mutter.
Aus meiner Sicht "gewinnt" bzw. "verliert" man keine Freunde, sondern Freundschaften
entwickeln sich. Ein gewisses Potenzial bleibt auf ewig bestehen. Ich habe eine ähnliche Situation erlebt wie Du und hatte völlig
unerwartet positive Erlebnisse, als ich mich bei zwei alten Freunden nach vielen Jahren selbst gewählter Distanz
in der Phase meiner Depression gemeldet habe. Wir hatten sofort wieder einen Draht zueinander. Außerdem stellte ich fest, dass auch sie sich in vielerlei Hinsicht mit-verändert und ebenso ihre Probleme hatten. Die Freundschaft stellte sich als "erwachsen geworden" heraus und bekam somit einen ganz neuen Stellenwert - wirklich faszinierend, wenn ich so drüber nachdenke...

Zitat von Chris333: Meine Familie hatte mir immer genügt.
Warum? Könnte diese "Genügsamkeit" auch als positives Ettikett für "Mutlosigkeit" oder gar "Resignation" stehen? Wenn ja, woher kommt sie, worauf baut sie auf?
Zitat von Chris333: Groß irgendwohin wollte ich ja eh nie.
Warum? Wäre "irgendwo" unsicher, gefährlich, anstrengend, riskant?
Zitat von Chris333: Lieber im Nest verkriechen.
Warum?
Freude an der Nestwärme oder
Angst vor der Kälte draussen?
Wenn Du Dir diese Fragen stellst, mach Dir die Antworten nicht zu leicht.
Traue nicht sofort jeder Antwort, sondern halte Dir das o. g. Mobile-Gefüge vor Augen. Achte darauf,
wer da sofort antworten will -
Du oder
die anderen?
Eigentlich greifen wir hier einer Therapie ein wenig vor, aber es kann sicher nicht schaden, wenn Du Dich bereits jetzt in die Struktur eindenkst. Dann hast Du mehr von Deiner eigentlichen Therapie. Abgesehen davon sollte man nie seine eigenen Fähigkeiten zur Selbsttherapie unterschätzen, sofern man mal verstanden hat, worum es letztlich geht.
Eine gute Woche Dir und liebe Grüße
