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susanne_123

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Liebe Community,

ich habe folgende Dinge selbst erlebt oder von anderen Patienten gehört (oder von echten Psychologen im Fernsehen) und möchte einmal eure Meinung dazu wissen. Ich würde gerne wissen, ob es bei euch in der Psychotherapie auch grundsätzlich den wie ich ihn nenne "Punkt der Erniedrigung" gibt, wenn ein Therapeut sich kümmert und plötzlich quasi den psychologischen Dolchstoß in den Rücken betreibt.
Gehört das zur Psychotherapie? Gibt es dafür einen Fachbegriff? Ich habe davon schon so oft gehört, dass ich gerne eure Meinung wüsste,
gerne auch von Psychologen, die hier im Forum sind.

1) Frau erhält Hassbriefe und Todeswünsche von Menschen im Internet.
süffisante Antwort von Therapeut: "Kann es nicht sein, dass Sie die Aufmerksamkeit eigentlich genießen?"
Frau schießen Tränen in die Augen.

2) "Sie machen sich doch eigentlich nur vor, ein guter Mensch zu sein." Danach, langes Schweigen.
Frau bricht in Tränen aus. Therapeut sagt darauf nichts sondern fragt nur, wie man sich jetzt fühlt.

3) Therapeutin zu Missbrauchsopfer: "Oh, jetzt bemitleiden Sie sich doch schon wieder nur selbst."
Frau bricht darauf heulend zusammen.

4) Bei IQ-Test kommt IQ 98 raus. "Tja, auch wenn du doch nicht hochbegabt bist, bist du doch nach wie vor ein hübsches, liebes Mädchen. Mach dir nichts draus."

Könnte es sein, dass es Therapeuten einen Machtprickel verleiht unter der Legitimierung des "Helfens" und "Spiegel vorhaltens"
den Patienten im passenden Moment von hinten zu erdolchen? Bitte sagt mir, wenn ich mich irre.
Evtl. ist es ja irgendein Manipulationstrick, um den Patienten aggressiv zu machen, damit irgendwelche Adrenaline freigesetzt werden.
Ich bin für jede Antwort offen, aber ich will darüber endlich gerne die Wahrheit wissen, weil es mich schon lange umtreibt.
Ich lese das täglich in Foren und habe das schon selbst erlebt. Andererseits wenden sich immer mehr profilierte Wissenschaftler gegen die Psychoanalyse und gehen ihr an den Kragen. Ich selbst kann nur sagen, dass ich nach meine Therapie im Bezug auf Selbstbewusstsein ein fragiles Frag war und auch heute noch wie eine Stimme in meinem Kopf habe, die mir sagt, "du verstehst das einfach nicht richtig, du bist selbst Schuld und musst dich nur etwas weiter selbst kritisieren um zur Wahrheit zu gelangen." Nach der Therapie war ich meistens völlig verwirrt und durcheinander. Ich konnte nie auseinanderhalten, hat er mich jetzt zu meinem besten positiv manipuliert, genießt er es mich weinen zu sehen, ist etwas mit mir nicht in Ordnung, was will er mir überhaupt mitteilen und was soll mir das jetzt sagen. Diese Fragen haben mich Schirr in den Wahnsinn getrieben. Ich hatte zitternde Hände vor jeder Therapiesitzung. Aber immer mit dem Hintergedanken. Du bist einfach ein Mimöschen, du musst dem Therapeuten vertrauen und er wird dir helfen endlich Klarheit über dich zu bekommen. Aber sorry, irgendwie kommt mir die ganze Zeit das Wort Science-Theology in den Sinn. Tut mir leid.
Als ich dann endlich einen guten Schuss Antidepressiva intus hatte ging es mir sofort besser und das sogar langfristig solange ich es nehme.
Selbst mit dem Antidepressiva geht es mir wieder schlechter und ich muss weinen, immer wenn ich mich mit Psychoanalyse befasse.

So, abschließend ist zu sagen. Wer hat von euch guter Erfahrungen gemacht oder kennt diese Technik (richtig angewandt)

Gute Nacht

24.10.2017 02:18 • 27.10.2017 #1


7 Antworten ↓


susanne_123


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Man verstehe mich aber bitte nicht falsch und nur negativ. Als ich später einen Psychiater aufgesuchte (ja, das sind auch ganz normale Therapeuten, man muss nicht erst Stimmen hören und mit ihm darüber gesprochen habe, war dieser sehr nett, hat mit mir wie mit einem ernstzunehmenden Erwachsenen gesprochen und einfach freundlich verschiedene Irrwege die man eingehen kann aufgezeigt, aber diese nur angeboten. Bei ihm kam ich mir nicht voller Scham, erniedrigt oder ausgetrickst oder verwirrt vor, obwohl es emotional auch fordernd war, aber ich spürte keine Verzweiflung und Verwirrung mehr, sondern klare Struktur und ein freundliches Aufgehobensein mit Tipps und Empfehlungen.

Trotzdem. Bevor mir jetzt 10 Leute erklären, warum ich angeblich den "besseren" Therapeuten idealisiere etc. pp. Ich würde trotzdem gerne erfahren, welche spezielle Technik dieses Erniedrigen und den Boden wegziehen ist und welchen Zweck er in der Therapie erfüllen soll.

24.10.2017 02:40 • #2


kopfloseshuhn

kopfloseshuhn

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Ich sage nur dies: Ein Therapeut, der sich selbst profiliert, bei dem man sich manipuliert vorkommt (gut wenn mans merkt!), jemand der einem den Bodenunter den Füßen wegreißt (oben genannte Beispiele) ist ein Sch*ißdreck!
Es gibt solche Therapeuten aber die haben mMn ihren Titel nicht verdient.
Da kannich nur sagen: Lauf! Lauf wie der Wind!

Dieses Erniedrigen, naja einerseits würde ich sagen: Manhcmal sit das Provokation um den Patienten aus der Komfortzone zu reißen andererseits heiße ich diese Methode absolut nicht gut. Denn das kann immer auch arg nach hinten losgehen! Ich verabscheue diese methode und ich glaube nicht, dass das so sein muss.

Wenn man also schon mit Angst zur Therapiestunde geht läuft irgendwas gewaltig schief!

Und dieses dann selbst herabwürdigen und nieder machen. Und dem Therapeuten recht geben weil er ja nunmal studiert hat, macht es dieser Art von *beep* *haha oder eher Mega schlechte Thera so leicht trotzdem weiter Patienten zu haben. Ich hasse es, wenn die da sitzen a la ich Therapeut ich hab Recht und du bist ja nur der Kranke und wenn du Kritik an mir äußerst hat das nichts mit mir zu tun denn ich bin perfekt, ich weiß wo der Hase läuft und jede Kritik liegt nur an deiner kranken Wahrnehmung.
Da binich dann ganz schnell wieder weg.
Aber gibt leider davon genug. Leider.

Schönen guten Morgen.

24.10.2017 05:47 • #3


susanne_123


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Ja, das denke ich auch und vor allem, weil ich ein absolutes Gegenexemplar dazu gesehen habe aber leider erst viel zu spät, aber besser spät als nie. Verdächtig kam mir vor, dass ich total verwirrt war immer nach der Stunde und dann eine Stunde geheulte habe und umso länger der Abstand immer zur Therapie war hat sich meine Stimmung klar aufgehellt. Ich will den Therapeuten jetzt aber nicht verteufeln, aber es wird wohl eine Art "Kunstfehler" gewesen sein. Evtl. irgend so ein schei., den man den Therapeuten in den 80ern beigebracht hat.
Die Ärzte, die damals die Patienten mit Aderlass traktiert haben, wollten ja auch meist helfen.
Kein Grund für mich allerdings meine Gesundheit traktieren zu lassen.

24.10.2017 06:12 • #4


PhoenixG

Hallo liebe Susanne_123,

Bei der Psychoanalyse ist es so, dass sie eine Heilung durch Einsicht anstrebt. Also dadurch, dass du nach und nach verstehst, wie deine Probleme entstanden sind, sollen sie sich auflösen. Die Grundannahme ist, dass die zugrunde liegenden Zustände (Gefühle, Erinnerungen usw.) unbewusst sind und durch den Analytiker bewusst gemacht werden müssen. Wenn der Analytiker eine Vermutung darüber anstellt, was unbewusst in dir vorgeht, nennt man es eine "Interpretation" und Interpretationen sind das Hauptwerkzeug der analytischen Therapie. Deine Beispiele 1-3 sind Interpretationen, weil der Therapeut jeweils der Klientin ein Gefühl unterstellt, welches sie selbst nicht bewusst empfindet. Nr.4 ist einfach eine Unverschämtheit.

Da gibt es zwar schon noch eine Reihe an anderen Entwicklungen, weil man festgestellt hat, dass Einsicht alleine meistens nicht zur Heilung ausreicht, aber das ist der Grundgedanke der Psychoanalyse. Ein "Dolchstoß" oder eine absichtliche Erniedrigung ist dabei meines Wissens nach nicht vorgesehen. Es ist allerdings so, dass der Anaytiker sehr auf das Timing achten muss, was Interpretationen angeht, also man soll sie erst dann aussprechen, wenn der Klient bereit ist sie zu verkraften. (Wenn das von Anfang an der Fall wäre, dann hätte er die Gefühle gar nicht erst ins Unbewusste verdrängt, man muss also erst darauf hinarbeiten.) Warnungen, dass verfrühte oder unpassende Interpretationen auf den Klienten beleidigend oder verletzend wirken können habe ich öfter gelesen, ich nehme also an dass die meisten Therapeuten das im Kopf haben. Manchmal liegen sie außerdem auch einfach falsch.

Das schließt natürlich nicht aus, dass manche Analytiker nicht sehr kompetent sind oder auch ihre Aggressionen oder Machtgelüste ausleben. Ich persönlich halte die Analyse für nur sehr begrenzt wirksam, aus mehreren Gründen, unter anderem halt weil die Therapeuten eher intellektuell als empathisch ausgerichtet sind und auch selbst nur Analyse gemacht haben, also oft noch ziemliche Persönlichkeitsdefizite haben.

Ich hoffe das hilft dir mit deiner Frage etwas weiter. Nach dem was du beschreibst, bist du an einen geraten, der seine Einsichten in deine Probleme ausgekostet und dich damit überschüttet hat und darüber den echten Kontakt mit dir vernachlässigt hat. Das ist eben die Gefahr bei der Analyse. Bleib lieber bei dem, was dir wirklich hilft und beschuldige dich nicht selbst für deine Erfahrung mit der Analyse. Das ist reine Glückssache, auf wen man da trifft und ob es hilft oder nicht.

24.10.2017 06:36 • x 1 #5


kalina

kalina

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Ich hab leider auch schon einige "Deppen" von Psychologen oder Psychiatern erlebt. Gibt auch gute, aber die muss man erst geduldig suchen.
Die "Deppen" können nämlich das Gegenteil bewirken und es geht Dir immer schlechter.
Ich glaub, dass einige von denen selbst behandlungsbedürftig sind.

Ich hab dadurch gelernt gut auf mich selbst aufzupassen. Wenn mir ein Psychologe schadet, dann hör ich auf mich und mein Bauchgefühl und gehe. Wie bei jedem anderen Arzt auch. Nur die Therapie die mir gut tut und mich auf Dauer weiter bringt ist die Richtige.

24.10.2017 11:02 • #6


susanne_123


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Ja, ich denke das man im Hinterkopf behalten muss, dass es keine Autoritäten gibt, die über Allwissen verfügen und die Hirnforschung hat die Psychoanalyse inzwischen kritisch im Blick. (empfehle die Lektüre und Videovorträge von Gerhard Roth) Man muss einfach wirklich überlegen, was einem gut tut. Pauschalisierungen mit ausgestrektem Zeigefinger bringen nicht weiter, wie "Sie machen sich nur was vor", "Sie bemitleiden sich doch nur".

Der bessere Psychiater sagte es immer so, dass man seine Würde behalten hat z.B. "Da müssen Sie gut auf sich acht geben, dass diese Erkrankung sie nicht aus Angst um sie selbst kreisen lässt und sie dann viele freundschaftlichen Kontakte und Ablenkungen nicht mehr pflegen können. Das wäre schade."
Ich finde, dass die Würde des Patienten an erster Stelle steht und man alle Ratschläge auch so formulieren kann, dass die Würde erhalten bleibt z.B.

"Sie haben schon viel geleistet, aber schauen wir einmal, wie sie ihr Verhalten noch besser steuern können, damit die anderen Sie nicht missverstehen und Sie gute Kontakte aufbauen können. XY kann Menschen verletzen, auch wenn Sie es nicht so meinen." usw.

24.10.2017 14:05 • #7


Grashüpfer

Grashüpfer

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Ich habe mit der Psychoanalyse sehr positive Erfahrungen gemacht und halte sie für eine sehr wirksame und langfristig greifende Therapieform. Dafür müssen aber die Voraussetzungen stimmen:
1. Der Analytiker muss fachlich und intellektuell gut sein
2. Er muss empathisch sein
3. Die Chemie zwischen Analytiker und Patient muss stimmen, der Patient MUSS dem Therapeuten vertrauen können und sich angenommen fühlen
4. Der Patient muss bereit sein, in sein Innerstes zu schauen und sich schmerzhaften Situationen zu stellen, vor allem den unbewussten.

Die Psychoanalyse ist echte, harte Arbeit und hat bisweilen sehr schmerzhafte und zehrende, nagende Augenblicke und Phasen, die schwer auszuhalten sind. Aber gerade die Bearbeitung und Überwindung dieser schmerzhaften Erlebnisse, indem man sie sich bewusst macht, noch mal erlebt UND kausal UND emotional versteht, kann man sie überwinden. Die Psychoanalyse ist für mich - aus meiner persönlichen Erfahrung - die nachhaltigste Art der Therapie, die langfristig Veränderungen bewirkt, weil sie das Übel an der Wurzel behandelt und zu überwinden hilft.
Ich bin meiner Analytikerin unendlich dankbar: Durch sie habe ich sehr viel gelernt über mich, verstanden und verarbeitet. Ich habe gelernt, mich selbst zu reflektieren, und dieser Mechanismus wurde zum Automatismus, den ich noch heute, 9 Jahre nach der Analyse, fast täglich anwende, oft ganz unbewusst. Und ich konnte selbst damit noch mehr herausfinden und für mich selbst allein aufarbeiten.

27.10.2017 23:08 • #8



Univ.-Prof. Dr. med. Isabella Heuser