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unsinkbar2
Hallo, ich möchte mich kurz vorstellen und habe konkrete Fragen bezüglich Depressionen und Asperger.

Ich bin weiblich, Anfang 50, habe zwei erwachsene Kinder und einen lieben Mann, ticke anscheinend sehr männlich/digital, und eigentlich geht es mir gut, zumindest keine Existenzsorgen momentan. Ich arbeite seit ca. 15 Jahren in der IT und bin seit einem Jahr krankgeschrieben wegen Depressionen (kein Mobbing) und habe jetzt einen Aufhebungsvertrag unterschrieben.

Meine Kindheit war nicht so schön (Alk. und Vernachlässigung). Seit frühster Kindheit sind wir/bin ich berufsbedingt alle paar Jahre umgezogen. Irgendwie hatte ich schon immer Kontaktschwierigkeiten mit Gleichaltrigen und habe mich nie einer Gruppe oder einem Freundeskreis wirklich zugehörig gefühlt. Ich konnte mit Kindern nie etwas anfangen, auch nicht richtig spielen, sondern habe nur gelesen, konstruiert und gebaut und Dinge auseinandergenommen. Meinen Geschwistern ging es nicht so.

Seit dem Abitur war ich auf mich alleine gestellt. Ich begann ein Studium, wo ich dann irgendwann nicht mehr hinging und exmatrikuliert wurde. **

Dann bekam ich zwei Kinder und war die ersten Jahre nur Hausfrau, bis ich merkte, dass meine Gehirnzellen starben.. Kontakt mit anderen Müttern war mir ein Greuel. Ich begann eine Ausbildung und arbeitete danach Teilzeit in einem Beruf, der mich unterforderte. Ich verließ den Vater meiner Kinder quasi ohne Grund, weil ich monate- bis jahrelang das Gefühl hatte, endlich alleine sein zu wollen ** ("geht endlich, lasst mich allein"). Ich zog mit den Kindern aus und alles war erstmal gut. Endlich fand ich auch beruflich meine Berufung: Computer.

Ich machte eine weitere Ausbildung und arbeite seitdem erfolgreich als Quereinsteiger in der IT. Das zog allerdings alle paar Jahre wieder einen Arbeitsplatzwechsel und Wohnortwechsel mit sich. In der letzte Firma, wo ich mich wieder sehr wohl im Team fühlte (meist war ich die einzige Frau, was wirklich angenehm war, hauptsächlich Fachsimpeln, nicht soviel privates Gequatsche!), gab es mal wieder einen Eigentümerwechsel und die damit verbundenen Umorganisationen. Das führte zB dazu, dass nur drei die Arbeit von früher sieben machten plus zusätzlicher Einarbeitung der Nachfolger und eigene Einarbeitung in den neuen internen Job (plus Nachtarbeit plus Rufbereitschaften). Das wiederum überforderte mich wohl auf Dauer, sodass ich keinerlei Energie mehr für mein Privatleben hatte. Vor ca. einem Jahr dann konnte ich nicht mehr und wurde wegen Depressionen krankgeschrieben. **

Meine Kinder waren mittlerweile ausgezogen und erwachsen, ich lebe nun mit meinem Mann berufsbedingt wieder woanders. Beim Umzug war ich überhaupt keine Hilfe. Im Sommer hatte ich eine Reha die auch nett und erholsam unter der Kur-Glasglocke war. Geändert hat sich bei mir innerlich allerdings nichts.

Ich finde andere Menschen immer noch wahnsinnig anstrengend, bin am liebsten alleine, gehe kaum raus, lese keine Bücher oder Zeitungen mehr, will mich auch nicht unterhalten. Freundschaften (die wenigen die ich hatte) sind meist an meinen Kontaktschwierigkeiten gescheitert. Ich kann/will nicht telefonieren (schon immer!) und schreibe und beantworte auch keine Post/Mails und habe mich eigentlich bis auf Familie komplett zurückgezogen. Selbst die und mein Mann sind mir oft zuviel.

Energie habe ich bei meinen Spezialinteressen durchaus, Computer, div. Spiele, div. Filme, alles was mit Bauen/Basteln/Werkzeug zu tun hat, und mittlerweile Garten (weil ich das Gefühl hatte, die letzten 15 Jahre im Keller verbracht zu haben). Für alles andere habe ich keinerlei Energie und Interesse mehr bzw. kann ich keine Energie mehr aufbringen. Eigentlich bin ich nur meines bisherigen Lebens müde und möchte von allen in Ruhe gelassen werden. Das Gefühl hatte ich zwar latent schon immer, wird aber immer dringender. Selbstmordgedanken habe ich nicht.

Bin ich depressiv?**

Ich habe einige Anzeigen von Asperger an mir entdeckt, aber immer wenn ich das ins Gespräch bringe (Reha, Psychotherapeut) werde ich ausgelacht. Da ich Abitur habe könne das ja nicht sein.. Ausserdem sei ich ja relativ intelligent und eloquent..

Wer kann mir da weiterhelfen? Asperger bei Frauen scheint schwierig zu diagnostizieren zu sein. Wie gehe ich das an oder bin ich tatsächlich auf der falschen Fährte?

29.12.2015 19:22 • 30.12.2015 #1


10 Antworten ↓


Vergissmeinicht
Hey unsinkbar.

heiße Dich herzlich bei uns Willkommen.

Hm, manchmal sind die Symptome ineinandergreifend. Ich kenne jemanden mit Asperber; er hat ähnliche Verhaltensweisen wie Du. Ferner liest es sich für mich nach ener starken sozialen Phobie.

Umso erstaunlicher, das Du es mit dem Job, den Kindern und der Ehe geschafft hast und schaffst, was mich sehr verwundert.

Bei seel. Erkrankungen steht über alles drüber in der Regel eine Depression. Hast Du je Medis genommen?

29.12.2015 19:52 • #2



Depressionen wegen Asperger?

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unsinkbar2
Ja, Citalopram 40mg seit ca. einem Jahr. Bin aber nicht sicher ob das hilft.

29.12.2015 19:57 • #3


Zitat:
Ich habe einige Anzeigen von Asperger an mir entdeckt, aber immer wenn ich das ins Gespräch bringe (Reha, Psychotherapeut) werde ich ausgelacht. Da ich Abitur habe könne das ja nicht sein.. Ausserdem sei ich ja relativ intelligent und eloquent..

Wer kann mir da weiterhelfen? Asperger bei Frauen scheint schwierig zu diagnostizieren zu sein. Wie gehe ich das an oder bin ich tatsächlich auf der falschen Fährte?

Asperger und Schizoidie sind zwei Diagnosen, die sich bedingen können. Wissenschaftlich ist man sich nicht einig. Wenn du Asperger und Schizoid in die Suche eingibst, kommt meist der Hinweis auf die Ähnlichkeit und so mancher wird erst mit einem von beidem und dann mit dem anderen diagnostiziert. Wenn es um schizoide Kinder/asperger Kinder geht, dann wird das Ganze noch verrückter.
"Die älteste Darstellung stammt von der russischen Kinderpsychiaterin Grunja Sucharewa, die dafür 1926 den Ausdruck „schizoide Psychopathie“ verwendete." Aus https://de.wikipedia.org/wiki/Asperger-Syndrom
Asperger wird dennoch heute von vielen Spezialisten von der Schizoidie unterschieden und Asperger selbst ist in der Diskussion, da die Zuordnung zu anderen autistischen Klassifikationen nicht so einfach ist.

Auch mit Asperger kann man Abitur machen und studieren, den Schizoiden wird das sogar unterstellt, da sie meist in Berufen anzutreffen sind, die soetwas voraussetzen.

Grüße

29.12.2015 20:09 • #4


unsinkbar2
Hallo Vergissmeinicht und Reenchen,

danke für eure Antworten. Eurer Meinung nach kommt Asperger also eher nicht in Frage?
Bin bei einem Verhaltenspsychologen, der mein Selbstbewusstsein aufpäppeln möchte (obwohl das eigentlich gar nicht nötig ist, denke ich). Mein Hausarzt (neu wegen Umzug und wenig Erfahrung mit Depressionen geschweige denn Asperger) möchte mich zu einem Psychiater überweisen zwecks Trauma-Aufarbeitung (glaub nicht dass ich ein unverarbeitetes Trauma habe). Was ratet ihr mir denn?

Technisch gesehen verdient mein Mann genug, dass ich nicht zwingend arbeiten muss. Ich könnte also noch ein wenig zu Hause bleiben.. Bewerbungsmarathon kann ich mir gerade wirklich nicht vorstellen.

29.12.2015 21:25 • #5


Zitat:
Eurer Meinung nach kommt Asperger also eher nicht in Frage?

Es gibt Spezialisten, die diese Frage beantworten können. Damit meine ich, daß nicht jeder Psychiater oder Psychologe mit der Problematik näher vertraut ist. Die Diagnosestellung dauert auch länger und läßt sich nicht so einfach stellen, da es eben diese Verwechslungsmöglichkeit gibt, die ich erwähnt hatte. Ist es für dich von enormer Wichtigkeit, eine Asperger Diagnose zu bekommen? Was ist, wenn du eine schizoide Persönlichkeit bescheinigt bekommst? Was ist, wenn dir gesagt wird, daß es lediglich eine Auswirkung deiner persönlichen Lebenserfahrung sein könnte oder eine Entwicklungsstörung aus der Kindheit?
Das mit der Trauma-Aufarbeitung finde ich sehr wichtig, denn vielleicht erklärt sich ja für dich auch vieles und du kannst auch wieder im Job durchstarten irgendwann.

Grüße

29.12.2015 21:45 • #6


Techno54
Hallo Unsinkbar
Abklären ob du Asperger hast muss ein Psychater. Es gibt Autismus Deutschland und für die meisten Bundesländer eigene Anlaufstellen. Such mal im Internet. Meine Tochter ist Aspergerautistin. Wenn es dir wichtig ist, würde ich es abklären lassen. Es gibt etliche Menschen die diese Diagnose erst im Erwachsenenalter bekommen haben.
Liebe Grüße
Techno

29.12.2015 21:57 • #7


Entwickler
Hallo unsinkbar, ich bin männlich, kurz vor 47 und mit Asperger-Diagnose. Ich würde dir ja gerne jetzt gleich antworten, aber als Asperger kommt mir das gerade mit einer anderen Aufgabe in die Quere. Das mit der schizoiden Persönlichkeitsstörung habe ich bei mir noch nicht untersucht, aber da bin ich auch offen. Ich bin im Moment auch beruflich in einer Sackgasse, ähnlich wie bei dir. Citalopram hat bei mir alles nur schlimmer gemacht. 40 mg habe ich aber nie genommen, maximal 20, aber das reichte mir schon. Ich war total abgestumpft und antriebslos davon, also eine Verschlimmbesserung.

Ich wurde erst vor zwei Jahren diagnostiziert. Morgen hoffentlich mehr dazu.

29.12.2015 22:03 • #8


unsinkbar2
Hallo Reenchen,

den Ausdruck schizoide Persönlichkeit kannte ich gar nicht. Habe gerade http://www.geistundgegenwart.de/2012/10 ... orung.html überflogen und es war sehr interessant. Angst hätte vor weder dieser noch einer anderen Diagnose, im Gegenteil, falls korrekt würde das für mich viel erklären. Hier erkenne ich mich mich letztendlich aber doch nicht wieder. Vielen Dank jedenfalls für die Anregung.

Hallo Techno54, danke für deinen Zuspruch.
Hallo Entwickler, ich freue mich!

29.12.2015 22:57 • #9


Entwickler
Hallo unsinkbar,

ich kann es verstehen, dass es einem an die Substanz geht, wenn man nur arbeiten, und die menschlichen Kontakte außen vor halten will. Das ist mir auch mein ganzes Leben lang so gegangen, dass ich nur die Funktion der Menschen im Betrieb gesehen habe, und dachte, menschliche Kommunikation könnte rein sachlich stattfinden. Menschen haben mich im Grunde nie besonders interessiert. Ich wollte immer nur neue Erkenntnisse gewinnen, und wäre auch bereit gewesen, mich mit Anderen auszutauschen. Aber sobald es um Hierarchie und Status ging, bin ich unbewusst ausgestiegen.

Ich habe die letzten 25 Jahre bestimmt 15 mal das Unternehmen gewechselt. Bis vor zehn Jahren freiwillig, danach eher unfreiwillig. Dieses Jahr habe ich bis Mai intensiv gearbeitet, also fast zwei Jahre ohne Urlaub, und die Quittung kam dann mit burnout und monatelanger Erschöpfung. Ich hätte locker immer weiter arbeiten können, wenn die Grabenkämpfe nicht so grausam gewesen wären. Ich gehöre eben jetzt als Selbständiger erst recht nicht mehr dazu, wenn ich in einem Projekt arbeite, aber helfen tut mir das auch nicht. Denn jetzt ist die Ungewissheit da, wie es überhaupt weitergehen soll, wenn ich alle paar Monate woanders bin.

Asperger bei erwachsenen Frauen ist wohl wirklich etwas schwerer zu diagnostizieren, weil die einschlägigen Psychiater am liebsten eine Zeitreise machen, und versuchen, die Kindheit zu beleuchten. Dazu wollen sie dann die Eltern befragen, wie das Kind früher war. Und die fühlen sich dann u.U. mit Vorwürfen belastet, auch wenn es nur um die Sache geht, was wieder typisch für NT (neuronal-typische) ist.

Der Wunsch nach allein sein war bei mir nicht so ausgeprägt. Ich habe mich auch immer gefreut, wenn mal das Telefon klingelt. Aber sobald es um Aktivitäten in einer Gruppe geht, gehen bei mir die Alarmglocken. Weil ich mittlerweile weiß, dass man mit Menschen auf diesem Planeten so gut wie nie nur auf der Sachebene kommunizieren kann. Immer wird man eingeordnet und auf Status getestet. Sehr viele versuchen einen abzuwerten, wo es nur geht. Und darauf habe ich keine Lust mehr. Vielleicht geht es dir auch so.

30.12.2015 07:27 • #10


Zitat:
Der Wunsch nach allein sein war bei mir nicht so ausgeprägt. Ich habe mich auch immer gefreut, wenn mal das Telefon klingelt. Aber sobald es um Aktivitäten in einer Gruppe geht, gehen bei mir die Alarmglocken. Weil ich mittlerweile weiß, dass man mit Menschen auf diesem Planeten so gut wie nie nur auf der Sachebene kommunizieren kann.

Das ist eigentlich der Punkt, warum Asperger und Schizoidie so oft verwechselt werden. Asperger haben nicht den so ausgeprägten Wunsch nach Autonomie und das pure "allein sein". Dazu besitzen Schizoide einen sehr ausgeprägten Sarkasmus und sehr schwarzen "Selbsthumor". Sie erscheinen dadurch dekadent und extravagant. Dabei sprechen Schizoide nur schonungslos aus, was andere Menschen aus Rücksicht oder Selbstschutz vermeiden, ohne an die Tragweite und die Folgen zu denken.

Fritz Riemann, "Die Grundformen der Angst" hat in meinen Augen sehr gut beschrieben, was Schizoidie eigentlich ist und daraus kann man sehr gut den Unterschied zu Asperger ableiten. Nach Riemann hat niemand mehr wirklich erfaßt, was die schizoide Persönlichkeit ist. Sie wird heute nur noch als Persönlichkeitsstörung angesehen, obwohl es offensichtlich ist, daß es angeborene schizoide Persönlichkeiten gibt.

Als mir in einem arbeitsmedizinischen Gutachten meine 'Störung' diagnostiziert werden sollte, waren zwei Sitzungen zu je 150 Minuten nötig und bis zuletzt schwankte der Gutachter zwischen Asperger und Schizoidie. Mir war es egal, wie die Diagnose hieß, denn mit beidem kann ich einen teamorientierten Job nicht mehr ausüben und bin in Frührente, auch wegen anderem.

Es ist aus meiner persönlichen Erfahrung dahingehend wirklich wichtig, daß ein Spezialist so eine Störung diagnostiziert, denn allzu oft werden Diagnosen gestellt, die aufgrund Verwechslung nicht die Richtigen zu sein scheinen.

Grüße

30.12.2015 12:29 • #11



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Univ.-Prof. Dr. med. Isabella Heuser