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Denkt ihr, man kann sich bei einer Bewerbung im Hochschul-Umfeld von Anfang an offen zu seiner psychischen Erkrankung äußern?

In meinem Fall immer wieder mittelschwere Depressions-Episoden und soziale Phobie seit der Pubertät (bin jetzt 38). Zuletzt ist eine Lücke von einem Jahr in meinem Lebenslauf entstanden, die damit zu tun hat - wenn auch nicht der einzige Grund war. Therapien und Medikamente haben über die Zeit etwas geholfen - beschwerdefrei bin ich jedoch nach einigen Jahren nicht.

Bei der Stellenausschreibung steht, dass Menschen mit Schwerbehinderung (Grad der Behinderung - GdB) bevorzugt eingestellt werden. Ich möchte bald auch eine GdB beantragen, das dauert allerdings 6 Monate oder mehr - was ich so gelesen habe.

Irgendwie bin ich nun verunsichert, weil GdB dort die Jobchancen zu steigern scheint, wenn man sich allerdings ohne vorliegenden GdB zu seinen Erkrankungen äußert, bin ich nicht mehr so sicher, ob das eine gute Idee ist...

Hat hier jemand Erfahrungen? Müsste mich kurzfristig bewerben und solche Jobangebote sind halt recht selten...

30.03.2018 18:36 • 01.04.2018 #1


12 Antworten ↓


Grashüpfer
Hallo gutduenken,

erst einmal herzlich willkommen bei uns!

Ich arbeite auch an einer Hochschule. Darf ich fragen, in welchem Bereich du dich bewirbst? Für eine wissenschaftliche Stelle, also Forschung und Lehre, oder in Technik und Verwaltung?

Ich würde dir von einer Offenbarung erst einmal absolut abraten, vor allem so lange du keine Behinderung durch den Schwerbehindertenausweis belegen kannst. Im öffentlichen Dienst ist es so, dass in Stellenausschreibungen grundsätzlich dieser so vielversprechende Satz steht, dass Schwerbehinderte bei gleicher Eignung bevorzugt eingestellt werden. Da Hochschulen i.d.R. staatliche Einrichtungen sind, müssen sie diesen Aspekt anführen, die Praxis sieht aber anders aus. Die gleiche Qualifizierung lässt sich niemals beweisen, und so findet sich immer ein Grund, warum jemand anders mglw. besser geeignet war - im Zweifelsfall ein Nicht-Behinderter Bewerber/in.
Auch ist sicherlich ein Unterschied in der Offenheit für körperliche versus seelische Einschränkungen.Ich habe bei uns die Erfahrung gemacht, dass man bei physischen Einschränkungen recht aufgeschlossen ist und durchaus körperbehinderte Mitarbeiter einstellt. Ich selbst habe auch eine Körperbehinderung und einen sehr hoch eingestuften GdB. Ich glaube aber, dass viele Arbeitgeber bei psychischen Erkrankungen noch unsicherer sind und die Hemmschwelle noch größer ist als bei Körperlichen Handicaps. im wissenschaftlichen Bereich ist es ja zudem noch so, dass Wissenschaftler ja unter einem enormen Karrieredruck stehen und ihre Einschränkung, auch körperliche, sicher oft bewusst verschweigen, aus Angst vor Nachteilen und dass das ein Karrierekiller sein könnte.
Solange du keinen Behindertenausweis hast, würde ich deine Einschränkung unbedingt verschweigen. Sollte dein Antrag durchgehen, kannst du den Beleg auch später nachreichen - so hast du Anspruch auf mehr Urlaub und hast besonderen Kündigungsschutz. Du musst aber nicht sagen, welche Art von Einschränkung du hast. Und das solltest du auch nicht. Der Arbeitgeber darf das nicht fragen, und du darfst die Auskunft verweigern. Es darf auch nicht in deiner Personalakte stehen, welche Art von Behinderung du hast.

Hast du denn Sorge, dass du aufgrund deiner psychischen Erkrankung weniger leistungsfähig bist? Ist es das was dich zur Ehrlichkeit bewegt?

Viele Grüße,
Grashüpfer

31.03.2018 00:34 • x 2 #2



Bewerbung im Hochschul-Umfeld

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Hallo Grashüpfer,

vielen Dank für Dein Willkommen

Also es geht um eine Stelle ausgeschrieben als Professur an einer Fachhochschule.

Ich kam wohl auf das Thema, weil ich neulich am Lebenslauf getippt habe und überlegt, wie ich die Zeit seit Januar 2017 bis heute im Lebenslauf verpacken soll, in der ich arbeitslos war (und noch bin).

In der Zeit war ich sicher auch immer wieder depressiv, aber vielleicht auch einfach durch die belastende Situation von Arbeitslosigkeit und einer Verschuldung, die beim Auslaufen meiner Selbständigkeit passiert ist. Und ich hatte ständig körperliche Schmerzen, bei denen immernoch nicht geklärt ist, ob sie psychosomatisch sind - also Rennerei von Arzt zu Arzt.

Vernünftig wäre vermutlich erstmal weiter abzuwarten was meine Ärtze nach den letzten Untersuchungen (MRT) jetzt so sagen.

Nur - solche Jobangebote sind selten und ich habe nur noch ein paar Tage, bis Einsendeschluß ist Die Stelle würde aber erst gegen Ende des Jahres besetzt.

31.03.2018 01:31 • #3


Ich hatte überlegt so zu argumentieren, dass ich nach Abschluss meines Masters gemerkt habe, dass mein komplexeres Wissen / Interesse nicht mehr so gut in einem "gewöhnlichen" Industriejob unterzubekommen war und die Auswahl an Jobmöglichkeiten durch die Spezialisierung halt auch nicht mehr so breit scheint und daher es auch etwas dauern kann bis man mal ein passendes Angebot sieht.

Statt "Längere Krankheit" also eher "Arbeitssuchend" als Angabe

31.03.2018 01:43 • #4


Grashüpfer
Hallo Gutduenken,

Da bist in wirklich keiner einfachen Situation. Den Zwiespalt, auf rare Jobangebote fast schon reagieren zu müssen und andererseits auf die eigene gesundheitliche Situation Rücksicht zu nehmen kenne ich auch gut. Dass dich Arbeitslosigkeit und deine finanzielle Situation sehr belastet haben und noch tun, ist völlig verständlich.
Was hälst du davon, die Bewerbung erst mal zu schreiben und abzuschicken, ohne Erwähnung deiner gesundheitlichen Situation? Bis du einen Einladungstermin erhälst, hast du vielleicht schon Rückmeldung von deinen Ärzten und kannst dann immernoch entscheiden?

Viele Grüße,
Grashüpfer

31.03.2018 01:49 • x 1 #5


Ja, das klingt gut.

Ich dachte auch, man ist im öffentlichen Bereich generell verpflichtet, über chronische Krankheiten zu informieren.

Wobei - von chronisch habe ich bisher bei der Diagnose nichts gelesen und wurde vor einigen Jahren als arbeitsfähig aus der Tagesklinik entlassen, die die Diagnose gestellt hat.

31.03.2018 01:57 • #6


Grashüpfer
Guten Morgen gutduenken,

nein, du bist auch im öD nicht verpflichtet, Angaben zu deiner Gesundheit zu machen. Wenn man bspw. bestimmte Hilfsmittel am Arbeitsplatz braucht, um vernünftig arbeiten zu können, dann muss man das natürlich schon sagen - bestimmte ergonomische / orthopädische Schreibtischstühle, höhenverstellbarer Schreibtisch, Leseausstattung bei Sehbehinderung usw. Aber das hast du ja nicht. Wenn deine Erkrankung als nicht chronisch deklariert wurde, würde ich erst mal gar nichts sagen.
Deine "Pause" mit Arbeitssuche zu begründen, ist nicht verkerhrt. Vielleicht kommt es ganz gut an, wenn du so in die Richtung gehst, du wollest dich verändern und neue Herausforderungen suchen. Dass du deine Selbstständigkeit aufgeben musstest, kannst du denke ich ruhig sagen. Das macht dich doch glaubwürdig. Du kannst dann ja so argumentieren, zu sagen, dass du darin eine Chance für dich siehst, dich zu verändern und dich wieder der Wissenschaft zuzuwenden, da du festgestellt hast, dass dir das fehlt und hier dein eigentliches Interesse liegt. Hast du denn schon einmal in der Wissenschaft gearbeitet oder ist das totales Neuland für dich? An FHs ist man ja praktischer orientiert. Wie ist das da? Muss man da nicht auch eine gewisse Menge an Publikationen vorweisen können etc.?

Ich könnte mir vorstellen, dass deine vielerlei Beschwerden sich bessern, wenn du wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft sehen kannst. Hast du denn viele Bewerbungen geschrieben in dem Jahr oder war das gesundheitlich nicht drin?

Mir ging es vor kurzem auch nicht gut und ich war ein paar Wochen krank geschrieben. Ich möchte mich örtlich verändern (aber in meinem Berufsfeld bleiben), aber meine Sparte ist so klein, dass es nur wenige Stellenausschreibungen gibt. Aber irgendwann wird es sich finden, hoffentlich....

Viele Grüße,
Grashüpfer

31.03.2018 10:28 • #7


Schlaflose
Zitat von gutduenken:
Also es geht um eine Stelle ausgeschrieben als Professur an einer Fachhochschule.


Ob das für jemanden mir sozialer Phobie geeignet ist, wage ich zu bezweifeln. Ich bin mit sozialer Phobie Lehrerin am Gymnasium geworden und es war die Hölle. Nach zwanzig qualvollen Jahren und einem kompletten psychischen Zusammenbruch und mehreren längeren Krankschreibungen habe ich den Beruf aufgegeben und bin seit 7 Jahren in der Vewaltung im Bildungsministerium. Da geht es mir gut, denn ich habe kaum Kundenkontakt, muss nicht vor Leuten "auftreten", den Boss spielen, Kritik entgegennehmen usw.,

31.03.2018 16:15 • x 1 #8


Hallo schlaflose,

das glaube ich dir gern. Schön, dass du ein passenderes Umfeld für dich finden konntest. Wie äussern sich deine Beschwerden?

Die Diagnose Sozialphobie wurde innerhalb von einer 6-wöchigen Tagesklinik bei mir gestellt und ich halte sie noch für etwas fragwürdig. Mein Sozialverhalten ist sicher zurückgezogen und vielleicht daher auffällig. Es macht mir allerdings nichts aus, vor Menschen Vorträge zu halten beispielsweise. Als gelegentlicher Tutor in der FH hatte ich keine Probleme. Wie das wäre, dies hauptberuflich zu machen, kann ich natürlich nicht vorhersehen. Angst vor Erröten, Stottern, Blackout habe ich nicht. Ich gehe nur im privaten Feld selten auf neue Leute zu oder wenn ich nicht Vortragender bin, halte ich mich in Gruppen mit mehr als 2-3 Menschen sehr zurück und werde eher zum aufmerksamen Zuhörer. Vielleicht bin ich seit Kindheit eher ein Einzelgänger, der in Gruppen funktionieren kann, aber diese Gruppen jetzt auch nicht unbedingt aktiv sucht, ausser es ist für den Beruf eben notwendig.

Ich hatte von Kindheit an die Tendenz zum Einzelgänger, kam aber in Schule, Arbeit, Studium soweit zurecht, solange es nicht zu erheblichen Überstunden, Überforderungen oder extremen Deadlines kam. Als Student an der Fachhochschule war es recht ideal, weil ich mehr Kontrolle hatte mal einen Kurs auch ins nächste Semester legen zu können, falls es mir zu bunt wurde. Jetzt muss ich mich langsam der Berufsrealität wieder stellen und kann meine Verfassung nach jahrelangen Therapien, Medikamenten und Tagesklinikaufenthalt noch nicht so richtig einschätzen. Ich denke ich bin prinzipiell belastbar, aber nicht Extremanforderungen gewachsen. Wenn an erster Stelle des "Anforderungskatalogs" einer Stellenbeschreibung schon das Wort Belastbarkeit genannt wird, werde ich skeptisch.

Auch den Weg über eine Reha (evtl. auch berufliche) wäre vielleicht sinnvoll, da ich die letzten 10 Jahre nicht mehr in Vollzeit irgendwo gearbeitet habe durch mein Studium. Beim Gedanken an die Rückkehr in eine Werbeagentur bekomme ich durch meine schlechten Erfahrungen allerdings sofort wieder Panik. Und beim Arbeitsamt sind über 80% der Jobangebote, die dort für mich als geeignet nach meinem Abschluß gelten, genau solche Stellen. Daher suche ich gerade nach Alternativen.

31.03.2018 16:47 • #9


kalina
Ich denke, wenn Du von Deiner Krankheit in der Bewerbung schreibst, dann brauchst Du sie erst gar nicht abzuschicken.

Schreib in den Lebenslauf arbeitssuchend oder Auslandaufenthalt rein. Ich glaub, die meisten Bewerber schummeln in ihren Lebensläufen; insofern brauchst Du kein schlechtes Gewissen zu haben.

Belastbarkeit steht sowieso in fast jeder Stellenausschreibung. Das würde ich nicht überbewerten.

Schreib eine gute Bewerbung und schicke sie ab. Ich glaub sowieso, dass sich da viele Leute bewerben und Deine Chancen von vorne herein nicht so toll sind. Und dann schau einfach was passiert. Du sagtest ja, dass Du sowieso nicht soviel Auswahlmöglichkeiten hast.

Ob dann die Stelle zu Dir passt, Du Dich dort wohl fühlen könntest und Du der Richtige dafür wärst wird sich dann während des Bewerbungsverfahrens zeigen.

Probier es einfach aus und sag erstmal nichts von psychischen Problemen.

31.03.2018 17:38 • x 1 #10


Schlaflose
Zitat von gutduenken:
Wie äussern sich deine Beschwerden?


Eigentlich nur in Form von massiven Schlafstörungen vom ersten Tag an. Ich konnte mich immer sehr gut zusammenreißen, so dass man mir nicht wirklich angemerkt hat, dass ich furchtbare Angst davor hatte, den Lehrer zu spielen. Aber auf Dauer hat mich das immer wahnsinnige Kraft gekostet und durch den jahrelangen Schlafmangel bekam ich auch noch Depressionen. Mit Schlaftabletten und später schlafanstoßenden Antidperessiva konnte ich mich lange Zeit über Wasser halten, aber in den letzten Jahren hatte ich trotzdem massive Probleme. Solange ich meinen Unterricht immer gut vorbereiten und alle Einzelheiten durchplanen konnte und Kontrolle darüber hatte, fühlte ich mich noch ziemlich sicher. Aber in den letzten Jahren sollten von den Schülern immer mehr Referate gehalten und mündliche Prüfungen in allen Klassenstufen gemacht werden und das hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Darauf konnte man sich nämlich nicht so vorbereiten wie auf den eigenen Unterricht und musste spontan auf die Situation reagieren, und dazu war ich nicht richtig in der Lage. Und dazu kamen natürlich auch noch Disziplinprobleme mit immer mehr auffälligen Schülern, Ärger mit Eltern, die die schlechten Leistungen ihrer Kinder natürlich auf die Unfähigkeit des Leherer schieben, statt sich einzugestehen, dass ihre Kinder am Gymnasium überfordert oder einfach nur faul sind.
Noch schlimmer als vor den Schülern zu stehen und zu reden fand ich Elternabende oder Informationsveranstaltungen für Eltern, bei denen man vor Erwachsenen reden musste.
Und was ich auch gar nicht konnte, war zu Schülern ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Ich bin nach der Stunde immer gleich raus und war völlig hilflos, wenn Schüler mit einem Problem zu mir kamen.
Damit habe ich auch im Leben allgemein Schwierigeiten. ich war zwar nie Einzelgänger in dem Sinn, hatte immer eine kleine Gruppe von Freunden, aber immer nur oberflächlich. Zu engeren Beziehungen bin ich nicht fähig, hatte auch noch nie eine partnerschaftliche Beziehung.

Die soziale Phobie wurde mir auch erst vor 9 Jahren in der Reha diagnostiziert. Später in einer ambulanten Therapie wurde es sogar auf eine ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung ausgeweitet.
Ich habe zwar keine Probleme unter Menschen zu sein, nur damit, mit ihnen in Interaktion zu treten.

01.04.2018 10:01 • #11


Zitat von Schlaflose:
Die soziale Phobie wurde mir auch erst vor 9 Jahren in der Reha diagnostiziert. Später in einer ambulanten Therapie wurde es sogar auf eine ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung ausgeweitet.


Interessant.

War das eine berufliche Reha, die dich auch in den neuen Beruf geführt hat, oder ging das über eine Umschulung oder gar direkte Bewerbung ohne Umschulung?

01.04.2018 14:04 • x 1 #12


Schlaflose
Das war eine ganz normale psychosomatische Reha, die ich selbst bei der Rentenversicherung beantragt hatte. Eigentlich hat mich mein Schulleiter dazu gedrängt, sie zu machen, nachdem ich mehrmals für längere Zeit krank geschrieben war. Ich bin nicht verbeamtet sondern im Angestelltenverhältnis.
Zum neuen Beruf bin ich erst zwei Jahre später gekommen. Ich hatte wieder mal einen Nervenzusammenbruch und war für fast ein Jahr krank geschrieben. In der Zeit habe ich eine ambulante Therapie begonnen. Mein Schulleiter hat währenddessen immer wieder am Ministerium nachgefragt, ob es für mich eine passende Stelle gibt (war zwar sehr hilfsbereit, aber im Grunde wollte er mich auch loswerden). Und mein Therapeut hat ein Gutachten geschrieben, dass ich psychisch für den Schuldienst nicht mehr fähig bin, aber eine Stelle in der Verwaltung mit wenig Kontakt zu Menschen sehr gut ausüben könnte. Nach 11 Monaten ist das Wunder passiert und es wurde eine Stelle frei, die optimal für mich war.

01.04.2018 16:58 • #13



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Univ.-Prof. Dr. med. Isabella Heuser