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L

Lichtblick92
Gast

Hallo liebe Forummitglieder,
es geht um Folgendes: Ich merke immer wieder, dass ich die Ursache für viele meiner heutigen psychischen Probleme, insbesondere meine Verlustängste und diesen starken Wunsch nach Liebe, Nähe und Bestätigung, bei meinen Eltern und meiner Kindheit sehe.
Meine Eltern hatten selbst ihre psychischen Probleme und sicherlich auch ihre eigenen schwierigen Erfahrungen. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie in meiner Erziehung sehr viel falsch gemacht haben. Ich habe als Kind so gut wie keine Liebe oder Zuneigung erfahren. Stattdessen war meine Kindheit von emotionaler Erpressung, körperlicher Gewalt und seelischen Verletzungen geprägt. Solange ich „brav“ war und funktioniert habe, war alles in Ordnung. Sobald ich aber auch nur eine Kleinigkeit falsch gemacht habe, gab es teilweise sehr schlimme Strafen. Auf die Einzelheiten möchte ich hier nicht eingehen, aber die Strafen waren sowohl körperlich als auch seelisch sehr belastend. Wenn ich anderen Menschen davon erzähle, reagieren diese meistens ziemlich entsetzt.
Mein eigentliches Problem heute ist dieser innere Konflikt: Einerseits möchte ich Kontakt zu meinen Eltern haben. Sie sind schließlich meine Eltern und ein Teil von mir wünscht sich eine normale Beziehung zu ihnen. Andererseits sträubt sich innerlich sehr viel dagegen. Sobald ich längere Zeit mit ihnen zusammen bin, merke ich, wie Aggressionen in mir hochkommen. Ich halte es meistens nicht lange mit ihnen aus und werde immer wieder an Situationen aus meiner Kindheit erinnert und daran, wie sie mit mir und meinen Geschwistern umgegangen sind.
Ich versuche mir immer wieder zu sagen, dass sie es damals vielleicht selbst nicht besser wussten und aufgrund ihrer eigenen Probleme so gehandelt haben. Aber emotional hilft mir dieser Gedanke kaum. Ich sehe meine Eltern nach wie vor als diejenigen, die einen großen Anteil daran haben, dass ich heute mit bestimmten psychischen Problemen, Verlustängsten und Beziehungsthemen zu kämpfen habe.
Gleichzeitig möchte ich nicht mein ganzes Leben in dieser Wut und Schuldzuweisung festhängen. Ich weiß aber auch nicht, wie ich das Erlebte akzeptieren oder irgendwann loslassen soll, ohne das Gefühl zu haben, damit gleichzeitig zu entschuldigen, was passiert ist.
Kennt jemand von euch diesen Konflikt – dass man eigentlich Kontakt zu seinen Eltern möchte, gleichzeitig aber Wut, Ablehnung oder alte Erinnerungen hochkommen, sobald man ihnen näher ist? Wie geht ihr damit um? Hat sich eure Sicht auf eure Eltern mit der Zeit verändert?

• • 10.09.2026 x 5 #1


23 Antworten ↓

Islandfan
Zitat von Lichtblick92:
Kennt jemand von euch diesen Konflikt – dass man eigentlich Kontakt zu seinen Eltern möchte, gleichzeitig aber Wut, Ablehnung oder alte Erinnerungen hochkommen, sobald man ihnen näher ist? Wie geht ihr damit um? Hat sich eure Sicht auf eure Eltern mit der Zeit verändert?

Ja, das hatte ich mein Leben lang, habe sehr oft versucht, den Kontakt abzubrechen, hatte eine schwere Kindheit, auch wenn ich gut behütet war, was das Materielle anging, aber ich wurde emotional so sehr vernachlässigt, dass meine psychischen Erkrankungen daraus resultieren.
Ich habe es nie geschafft, den Kontakt abzubrechen. Meine Mutter ist vor 2 Monaten gestorben und rückblickend bin ich froh, dass ich den Kontakt nie abgebrochen habe, denn wahrscheinlich hätte ich noch mehr unter der Situation gelitten. Hab auch von anderen gehört, dass der Tod der Eltern noch viel schwerer zu verarbeiten ist, wenn man keinen Kontakt mehr hatte.
Wichtig wäre eine Aussprache mit deinen Eltern, falls es was bringt. Bei mir hat es nichts gebracht, sie haben es nie verstanden.

• x 4 #2


A


Sind meine Eltern wirklich an allem Schuld?

x 3


D
Ach, den Konflikt kenne ich (leider) nur allzu gut. Möchte aber gar nicht darauf eingehen. Und das nicht nur hier.

Ich muss mich jetzt zusätzlich um die beiden kümmern – soweit es eben möglich ist. Einer ist im Pflegeheim, der andere ganz, ganz weit weg von mir.

• x 3 #3


B
Hallo Lichtblick92,

die Schuldfrage werden wir hier im Forum wohl nicht lösen können. Auch die eventuellen psychischen Probleme deiner Eltern entschuldigen ihr Verhalten nicht. Wenn dann müssten sie sich bei dir dafür entschuldigen.

Eine normale Beziehung wünschen nur diejenigen sich nicht, die bereits eine haben. Aber, da kommt es drauf an was möglich ist und was nicht.

Du schreibst es bereits selbst, was die Lösung wäre mit "festhängen". Du scheinst zu versuchen die Situation lösen zu wollen, indem du an sie klammerst, was ein Widerspruch in sich ist. Du müsstest einfach loslassen. Exakt das ist es, was dir nicht gelingt. Du suchst also demnach nach einer Lösung loszulassen.

Was es loszulassen gelte wären zwei Sachen:
1.) das Widerfahrene, wofür die Eltern durch ihr Verhalten verantwortlich sind.
2.) das Entschuldigen des Widerfahrenen, ohne es gutzuheißen.

Du müsstest schlicht gesagt einfach vergessen, alles. Das ist nicht drin. Aber du könntest versuchen Abstand davon zu gewinnen, indem es dir Heute nicht mehr so wichtig ist, wodurch die Bindung daran gelöst wird, sich eventuell auflöst.

So wie du es schreibst, siehst du die Problematik allein bei dir. Also dass du mit der Situation nicht umgehen kannst und sie nicht lösen kannst. Das unterscheidet die Angelegenheit zu denen von anderen.

Bei mir war es so, dass ich bereit gewesen bin eine Entschuldigung, auch eine indirekte anzunehmen, was geschehen ist. Meine Eltern haben sich indirekt Fehler eingestanden, auch wenn sie die Verantwortung weiterhin von sich wiesen. Das genügte mir. Ich war bereit das Geschehene zu vergessen. Aber ich wurde enttäuscht, da sie ihr Verhalten nicht geändert hatten und ich dadurch wiederholt verletzt wurde, weil ich offen war. Das war der Punkt, andem ich mir gesagt habe, das wars, und habe von meiner Seite aus keinen Kontakt mehr aufgenommen. Die eine Person meiner Eltern hatte sowieso nie Interesse an einem Kontakt, schon zur Kindheit nicht. Die andere Person wollte und will eine Kontaktpflicht und Kontaktrecht bei mir erreichen, scheitert aber daran, da ich diese wie einen Stalker behandel. So etwas ist nie wieder gutzumachen, da auf der Seite der Eltern die Einsicht fehlt, dass sie etwas falsch gemacht haben und weiterhin tun. Sie sind diesbezüglich unveränderlich. Da ich nicht weiter verletzt werden will - absoluter Kontaktabbruch und Kontaktsperre. Ja, es sind die eigenen Eltern, und nein, das sind nur meine leiblichen, aber nicht meine sozialen Eltern. Es bestehen insoweit keinerlei Rechte und Pflichten. Vergiss die Moral, weil die ist hier fehl am Platz. Der Tod meiner leiblichen Eltern ist mir insoweit egal, als dass sie für mich bereits "gestorben" sind. Mögen sie ihren Frieden finden. Mögen sie in diesem Frieden ihre Ruhe finden. Mögen sie in Frieden ruhen. Mögen sie mich in Ruhe lassen. Amen.

• x 2 #4


Gaulin
Zitat von beside:
Aber ich wurde enttäuscht, da sie ihr Verhalten nicht geändert hatten und ich dadurch wiederholt verletzt wurde, weil ich offen war

Und genau hier würde ich differenzieren.

Schaue, ob dir der Kontakt guttut oder eher schadet.

Ich erfuhr selbst emotionale und körperliche Gewalt. Das Verzeihen, was in der Vergangenheit liegt, geht nur mit Verarbeitung und ist für mich persönlich möglich. Allerdings habe ich alles mir mögliche versucht, aber sie ändern sich nunmal nicht.

Fakt ist, ich muss zu meinem eigenen Schutz mich abgrenzen, alleinige Kämpfe zermürben nur. Also habe ich den Kontakt bis aufs Geringste reduziert, nicht (wirklich) abgebrochen. Du machst das, wenn, nur für dich selbst, nicht weil du Hoffnungen hegst (dass sie sich ändern), nicht zur Bestrafung, Rache oder was auch immer.

Zuallererst ist es wichtig zu verstehen (nicht zu rechtfertigen), damit lässt sich arbeiten das Ganze loszulassen. Suche keinen Schuldigen, Schuld nützt gar nix. Versuche die Schäden an dir selbst zu bereinigen. Du bist nicht mehr das schutzlose, hilflose Kind von damals. Heute kannst du dich wehren, dir Hilfe holen, auf dich achten, dich selbst um dich kümmern, dich abgrenzen und genau darum geht es.

Dann ist es ganz wichtig sich emotional zu lösen. Egal ob mit oder ohne Kontakt. Du darfst traurig und wütend darüber sein. Lass das alles zu. Aber versuche dein Leben unabhängig von ihnen zu leben... Lass nicht zu, dass sie soviel Raum und Zeit deines jetzigen Lebens einnehmen.

• x 4 #5


Rogue
Hallo @Lichtblick92,

ich kann deinen inneren Konflikt sehr gut nachempfinden. Auch ich habe viel Gewalt erlebt, psychisch und physisch.

Für mich habe ich erlebt, dass genau das der wichtige Schritt war, mit dem Erlebten einen Umgang zu finden, durch therapeutische Hilfe:
Zitat von Gaulin:
Du bist nicht mehr das schutzlose, hilflose Kind von damals. Heute kannst du dich wehren, dir Hilfe holen, auf dich achten, dich selbst um dich kümmern, dich abgrenzen und genau darum geht es.

Dann ist es ganz wichtig sich emotional zu lösen.

Darum finde ich persönlich es auch wichtig, dass man von sich aus Schritte unternimmt, aus der Hilflosigkeit von damals herauszukommen, zu realisieren, dass man selber etwas tun kann, dass man nicht mehr hilflos ausgeliefert ist, und danach zu handeln.

Man kann verstehen, ja, aber man muss deshalb nicht verzeihen. Für das, was geschehen ist, mag es Gründe gegeben haben, die in der Biographie der Eltern zu finden sind, aber diese entschuldigen ihr Handeln nicht. Man muss nicht verzeihen, nur weil andere es auch schwer hatten. Auch wenn den Tätern damals vielleicht selber Schlimmes widerfahren ist, so hatten sie doch eine Wahl, sich anders zu verhalten. Ob du verzeihen möchtest oder nicht, liegt ganz bei dir, das ist ganz deine Entscheidung. Wie du weiter vorgehen und den Kontakt gestalten möchtest, kannst du frei entscheiden. Damals wurden dir viele Entscheidungen genommen, du musstest aushalten, du musstest tun, was von dir gefordert wurde, du durftest nie frei für dich entscheiden. Das ist heute anders. Du darfst für dich entscheiden.

Für mich war "loslassen" ein entscheidender Schlüssel auf dem Genesungsweg.
Ich habe mich entschieden, einige Dinge loszulassen, ohne "Zwang", ich hätte mich auch anders entscheiden dürfen, es war meine Entscheidung:

Die Hoffnung loszulassen, auf eine Entschuldigung zu warten, die vielleicht niemals kommt.
Den Wunsch loszulassen, dass es damals anders gewesen sein möge.
Den Wunsch loszulassen, dass es in der Zukunft jemals anders werden wird.
Den Wunsch loszulassen, dass die Täter eine Einsicht für das entwickeln, was sie getan haben, wenn diese das nicht wollen oder können.
Die Hoffnung loszulassen, dass es vielleicht in der Zukunft anders werden möge, sich diese Leute ändern werden, wenn absehbar ist, dass das nicht passieren wird.

Mir wurde durch den Tod von Personen einige Entscheidungen abgenommen, gegen meinen Willen.

Ich habe dadurch etwas nicht erleben können (und das Problem habe ich auch bei vielen Mitpatienten erlebt):

Ich konnte nie erleben, wie es sich anfühlt, sich diesen Personen aktiv entgegenzustellen.
Mein Therapeut hat mir z.B. gesagt, dass es in meinem Fall ganz tragisch war, dass ich das nicht konnte. Der Tod dieser Personen löst dieses Problem nicht immer, manchmal verschlimmert er es, weil man quasi "steckenbleibt" in einem Muster von "mir geschehen immer Sachen, mit mir werden Sachen gemacht, ich habe keine Selbstwirksamkeit, ich kann selber aktiv keinerlei Einfluss nehmen, ich bin ausgeliefert":

Oftmals liegt der Schlüssel zur Genesung darin, für sich selber einstehen zu lernen, sich für sich selber einzusetzen, aktiv Grenzen zu setzen,
zu erleben, dass man selber etwas bewirken kann. Die Entwicklung eines Gefühls von Selbstwirksamkeit ist ein ganz wichtiger Schritt auf dem Genesungsweg.

Früher musste man immer erleben, dass etwas mit einem gemacht wurde, man war in einer passiven Haltung, einer Erduldungs-Haltung, weil es nicht anders ging.
Psychologisch kann man dieses Muster am besten aufbrechen, wenn man selber ins Handeln kommt. Wenn nicht mehr immer nur etwas mit einem gemacht wird, sondern man selber zum aktiv Handelnden wird.
Wenn ein Mensch, mit dem man solch einen Konflikt hat, wie du ihn beschreibst, nun stirbt, ist man wieder in Position, dass etwas mit einem gemacht wird, man ist wieder in der Position, nicht selber etwas tun zu können, wieder wird etwas mit einem gemacht (in diesem Fall: es wird einem eine Person aus dem Leben genommen). Wieder hatte man keine Wahl, kein Mitspracherecht, keine aktive Handlungsmöglichkeit, keine Selbstwirksamkeit.

Es gibt Patienten (mich inbegriffen), denen der Tod eines Täter-Elternteils diese Chance auf die Entwicklung eines Gefühls von Selbstwirksamkeit nimmt (oder es zumindest erschwert).

Nicht selten halten wir Menschen sehr lange an Hoffnungen fest, völlig egal, wie unrealistisch diese sind. Oftmals läuft das ganz unbewusst ab.

Viele Menschen leiden/ trauern, wenn ein Elternteil verstirbt, zu dem man keine gute Beziehung hatte.
Viele fragen sich dann "Wieso trauere ich um einen Menschen, der mir Leid angetan hat?"
Denn mit dem Tod wird gleichzeitig dieser unbewussten Hoffnung darauf, dass es vielleicht doch irgendwann mal gut werden könnte zwischen uns, ein endgültiges Ende gesetzt.
Sehr oft wird dann viel mehr um das getrauert, was nie hat sein dürfen, als um den Menschen selber.
Diese scheinbar paradoxe Trauer setzt in solchen Fällen oft ein, ganz unabhängig davon, ob man vorher den Kontakt abgebrochen hat oder nicht.

Aus dem, was ich selber erlebt habe und bei vielen Mitpatienten erlebt habe:
Ich würde dir raten, etwas zu tun, aktiv ins Handeln zu kommen, Selbstwirksamkeit zu entwickeln, für dich einzustehen.
Wie das konkret aussehen kann, liegt ganz bei dir.
Ob du deine Eltern konfrontierst (unabhängig davon, ob sie es verstehen/annehmen oder nicht, du hast es wenigstens gesagt), ob du den Kontakt abbrichst oder deutlich reduzierst, im Umgang Grenzen ziehst....
Was auch immer du tust: Jeder noch so kleine Schritt, jede aktive Beziehungs-Gestaltung deinerseits, die dazu führt, dass du aus dem Erdulden herauskommst und in die Rolle des aktiv Handelnden hineinkommst, wird dir helfen, deine Selbstwirksamkeit zu entwickeln.

Und die Entwicklung von Selbstwirksamkeit ist das beste Gegenmittel gegen das Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein.

Such' dir ein Ventil für deine angestauten Emotionen. Wie @Gaulin schon schrieb: Lass' die Gefühle zu, sie wollen gefühlt werden, nur so kannst du sie verarbeiten.
Zitat von Gaulin:
Du darfst traurig und wütend darüber sein. Lass das alles zu. Aber versuche dein Leben unabhängig von ihnen zu leben


Den letzten Satz von Gaulin möchte ich auch nochmal unterschreiben:
Mach' dich möglichst unabhängig von deinen Eltern, auch emotional.
Gestalte deine Beziehung zu ihnen aktiv so, wie es für dich gut ist, nicht für sie.

Ganz liebe Grüße

• x 4 #6


D
Zitat von Lichtblick92:
Wie geht ihr damit um? Hat sich eure Sicht auf eure Eltern mit der Zeit verändert?

Ich habe den Kontakt beendet. Und je mehr Zeit vergeht, umso entspannter wurde ich.

Täter-Kontakte sind nicht förderlich für die Heilung, wenn Traumata stattgefunden haben, wie in meinem Fall.

Täter sind meistens (aus Selbstschutz) nicht in der Lage ihre Schuld, ihr Muster zu reflektieren und umfassend zuzugeben und DANN auch zu verändern.

Viel Gewalt findet ja subtil und zwischen den Zeilen statt. Auch im Erwachsenenalter noch. Leider ein Trigger, der Heilung bei einem selbst verhindert.

So meine Erfahrung und Rückmeldung von verschiedenen Therapeuten.

• x 2 #7


Greta__
Ich habe den Kontakt abgebrochen. Das war das einzig richtige für mich.

Mehr mag ich zu dem (meinem) Thema nicht sagen.

Alles Gute für dich 🌼

• x 2 #8


Lokalrunde
Zitat von Lichtblick92:
Hallo liebe Forummitglieder, es geht um Folgendes: Ich merke immer wieder, dass ich die Ursache für viele meiner heutigen psychischen Probleme, insbesondere meine Verlustängste und diesen starken Wunsch nach Liebe, Nähe und Bestätigung, bei meinen Eltern und meiner Kindheit sehe. Meine Eltern hatten selbst ihre ...

Tragen meine Eltern an allem, was in der Kindheit passiert ist, die Schuld. Mit Sicherheit nicht an allem! Eine Frage zuerst: Wie gehen deine Geschwister damit um? Erging es ihnen wie dir? Ich denke, es kommt auf einige Faktoren an. Beispielsweise waren meine Eltern 39 Jahre alt, als ich 1962 zur Welt kam. Beide waren Jahrgang 1923 und haben den Zweiten Weltkrieg bewusst mitbekommen, mein Vater sogar als Marinesoldat.

Da gab es in meiner Erziehung und bei meinen Geschwistern einiges, was heutige Generationen nicht erleben. Auch bei mir gab es noch die sogenannte Prügelstrafe, wenn auch nur sehr selten. Dann kommen Faktoren, die auch nicht überall gegeben sind. Meine Mutter ist 1977 früh verstorben, da war ich 14 Jahre, mein Vater ein Mann, der nicht alleine leben konnte und Alk. war. Als ich 16 war, wurde er zum Mörder, weil er seine neue Freundin getötet hatte.

Du siehst, es kommt auf viele Begebenheiten in der Kindheit an. Ich war mit 14 Jahren schon komplett auf mich selbst gestellt und keiner kümmerte sich um mein Wohlergehen. 11 Jahre später hatte ich aber wieder Kontakt zu meinem Vater, als er aus der Haft kam, und habe ihn begleitet bis zu seinem Tod 1997, weil er Krebs im Endstadium hatte.

Bin jetzt 64 geworden und bekam von meinen Geschwistern einen kleinen Bilderrahmen geschenkt, auf dem die ganze Familie war: ich gerade geboren mit Vater und Mutter und den beiden Geschwistern. Die Schwarzweißbilder hatte ich 50 Jahre nicht mehr gesehen und es wurde mir ganz warm ums Herz. Es gab Zeiten, in denen ich meinen Vater für alles gehasst habe, aber irgendwie ist davon heute nicht mehr viel übrig. Er hatte mit Sicherheit auch große Sorgen und Probleme, die er mit dem Trinken vergessen konnte. Mit 17 freiwillig zur Kriegsmarine und gleich ab in die Schlachten im Nordatlantik. Zwar keine Entschuldigungen, aber wenn er nüchtern war, dann war er ein guter Vater. Ich habe auch viel aufarbeiten können in meinen Therapien und in meiner Reha. Zwar ziemlich spät, mein Vater war damals gerade ein halbes Jahr verstorben. Aber es gibt viele Dinge, die Eltern versauen können. Wie gesagt, es kommt auf diverse Dinge an, die man erlebt/durchlebt hat.

• x 1 #9


Kruemel_68
@Lichtblick92 Ich glaube auch, dass man es im Laufe der Jahre loslassen muss, um an dem Konflikt nicht zu zerbrechen. Den Weg dahin muss leider jeder selber finden.

Bei mir war es in der Kindheit jetzt nicht so dramatisch, wie es sich bei Dir anhört. Es geht bei mir nicht um Missbrauch oder Gewalt. Sondern einfach um Verhaltensweisen meiner Eltern, die in den 70ern gängig in der Kindererziehung waren - für meine Kinderseele aber Gift waren. Plus das gesammelte Trauma einer ganzen Kriegsgeneration.

Ich bin mittlerweile so weit, dass ich sehe, dass sie nicht mit Vorsatz oder aus böser Absicht gehandelt haben - sondern einfach so, wie es allgemeiner Konsens war. Sie haben mich geliebt und wollten mir nichts böses. Sie wussten es nicht besser, weil sie sich nie selbst hinterfragt haben. Das ist die kognitive Ebene bei mir.

Auf der emotionalen Ebene sieht das natürlich anders aus. Und diese Schuldfrage ploppt auch bei mir immer wieder hoch. Gerade jetzt, wo meine Eltern alt werden und meine Unterstützung benötigen. Und ich muss springen, kann nicht planen und bin ständig wegen ihnen unterwegs. Da regt sich in mir auch oft große Wut und Trotz. Ich will das nicht. Aber die Vergangenheit war nicht so schlimm, als dass es in meinen Augen einen Kontaktabbruch rechtfertigen würde. Und ohne mich wären sie in der aktuellen Phase (Beantragung Pflegestufen, Organisation von Alltagshilfen, Arzttermine) hilflos in unserer immer digitaler werdenden Welt. Und ich weiß auch, dass ich mich nicht mehr im Spiegel anschauen könnte, wenn ich sie hängen lassen würde. Dafür ist die Prägung "Du bist ein Mädchen, Du musst andere versorgen" zu stark ausgeprägt. Aber ich habe mich durchaus emotional distanziert. Ich sehe die beiden als eine Aufgabe an, die ich erledigen muss. Aber ich muss mich nicht emotional verstricken lassen. Und darf durchaus auch meine Grenzen setzen und die Hilfe so gestalten, wie es für mich passt. Wenn sie dann meinen, dass etwas sofort erledigt werden muss und nicht warten kann, bis ich Zeit habe - dann müssen sie halt selber sehen, wie sie es machen. Und wenn meine Mutter dann unbedingt in den Keller muss, weil die Wäsche nicht noch 24 Stunden auf der Leine hängen bleiben kann und ich deswegen nicht extra 15 Minuten anfahre - dann soll sie sich halt auf der Kellertreppe den Hals brechen. Ihre Entscheidung.

Ich bin also so etwas auf dem Level: vergeben - ja, vergessen - nein.

Mir kam eben noch dieser Satz unter: Vergib anderen - nicht weil sie Vergebung verdienen, sondern weil Du FRIEDEN verdienst. Finde ich gar nicht schlecht.

• x 3 #10


L
@Rogue Vielen Dank für diese tolle Worte… das ging mir wirklich unter die Haut..❤❤

• x 1 #11


D
Zitat von Rogue:
Darum finde ich persönlich es auch wichtig, dass man von sich aus Schritte unternimmt, aus der Hilflosigkeit von damals herauszukommen, zu realisieren, dass man selber etwas tun kann, dass man nicht mehr hilflos ausgeliefert ist, und danach zu handeln.

Wenn man in den 20gern ist, dann kann man den Verursachern... Tätern die volle Verantwortung zuschieben.

Aber je älter man wird...
Je mehr Jahre vergehen...
Je mehr Reflektion in einem arbeitete...
Kommt der Tag, an dem nur noch man selbst verantwortlich ist 💜

Alles was wir entscheiden, wer wir sind und wer wir sein wollen, ist unsere Verantwortung.

Läuft es nicht, hat es auch oder sogar ganz viel, mit uns selbst zu tun.

Das ist dann die Schwere der Eigenverantwortung...

Ein Segen und ein Fluch.

• x 3 #12


B
Emanzipation.
Ich bin mit 18 von den Eltern abgehauen und führe seitdem mein eigenes von ihnen unabhängiges Leben, auch und insbesondere emotional unabhängig. Sie sind für mich (emotional) bereits gestorben. Wenn sie irgendwann tatsächlich sterben, kommt da nur noch zusätzlich ein ☑ dran - erledigt.

• #13


L
Irgendwie fühlt sich beides falsch an.. also keinen Kontakt zu haben fühlt sich falsch an, aber Kontakt zu haben fühlt sich auch falsch an.. ich fühle mich so hin und hergerissen.
Ich kann denen so schwer verzeihen..aber der Gedanke dass sie immer älter werden und eines Tages von dieser Welt und meinem Leben gehen werde, tut mir auch sehr weh..

• x 1 #14


Gaulin
@Lichtblick92 diese innere Zerrissenheit kenne ich, aktuell auch grad wieder Thema durch einen Todesfall in der Familie.
Versuche emotional bei dir zu bleiben. Schau was dir gut tut, bis wohin... Grenze dich gut ab, wenn du merkst, dass es dir nicht mehr guttut.
Du musst dich gar nicht entscheiden, du kannst dich jederzeit mehr melden oder weniger oder eben mal ne Zeit garnicht.

• #15


Konkari
Das Thema kenne ich leider auch aus meiner eigenen Vita. Möchte nicht überdramatisieren, die Grundlage war bei der TE eine ganz andere, wesentlich dramatischere (in meinem Fall geht es schlichtweg um eine Mutter, die sich nie um irgendwas geschert hat, immer vor jeder Verantwortung geflohen ist, selbst in wirklich dramatischen Situationen in meiner Kindheit).

Kann diesen ewigen inneren Kampf "Kontakt oder kein Kontakt" sehr gut nachempfinden. Ich glaube, darauf gibt es auch keine wirklich "richtige" Antwort. Da muss jeder seinen eigenen Weg finden. Den Weg, der sich am besten anfühlt. Ich persönlich trete mich jedenfalls selbst jeden Tag dafür in den Hintern, dass ich den Cut nicht viel, viel früher gemacht habe, angesichts dessen, was geschehen ist, und v.A. des Aspekts, dass sie niemals in diesem Leben irgendwie menschlich erreichbar war - von Einsicht ganz zu schweigen. Seit ich diesen Cut gemacht habe, fühle ich mich diesbezüglich wesentlich besser, freier und denke nicht mehr drüber nach. Manche Dinge im Leben kann man eben leider nicht reparieren bzw. retten. Manchmal muss man nach vorne schauen und den eigenen Weg weitergehen.

Wie gesagt, das ist natürlich immer individuell anders. Ich wünsche der TE jedenfalls alles Gute und viel Kraft den richtigen Weg zu finden und ihn zu gehen. 🙂

• x 2 #16


L
Ich hab vor 2 Tagen mit meiner Mutter gesprochen und gefragt wieso sie das alles gemacht hat.. sie meinte, es wäre ja nur zu meinem Besten gewesen.
Aber wie kann man sein Kind so misshandeln und wirklich aufs übelste verprügeln und mit dem Tod drohen und danach sagen, dass man es ja nur gut gemeint hat ?

• x 3 #17

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Konkari
Zitat von Lichtblick92:
Ich hab vor 2 Tagen mit meiner Mutter gesprochen und gefragt wieso sie das alles gemacht hat.. sie meinte, es wäre ja nur zu meinem Besten gewesen. Aber wie kann man sein Kind so misshandeln und wirklich aufs übelste verprügeln und mit dem Tod drohen und danach sagen, dass man es ja nur gut gemeint hat ?

Rhetorische Frage, nehme ich an...

Falls nicht: Manchen Menschen fehlt leider völlig die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Sowas lernt man in der Regel auch nicht mehr, wenn man erst einmal ein gewisses Alter erreicht hat. Ist leider zumeist so.

• x 2 #18


Minime
Die Ausrede mit "gut gemeint" kenne ich zur Genüge.

Zitat von Lichtblick92:
Ich kann denen so schwer verzeihen..aber der Gedanke dass sie immer älter werden und eines Tages von dieser Welt und meinem Leben gehen werde, tut mir auch sehr weh..

Was genau tut daran weh? Wirklich der Gedanke sie zu verlieren, als geliebte Menschen. Die Dinge nicht geklärt zu haben, die noch zwischen euch offen sind? Oder ist es die Angst, den Kontakt abzubrechen und danach für den Rest deines Lebens mit einem schlechten Gewissen rumzulaufen?

Ich habe den Kontakt zu meinem Erzeuger vor knapp 20 Jahren abgebrochen, nach dem Tod meiner Mutter wurde er immer unerträglicher. Es ging nicht mehr. Ende letzten Jahres ist es gestorben, ich habe dieses Jahr im Mai erst davon erfahren. Trauer habe ich keine gespürt, auch kein schlechtes Gewissen. Wut, ihm die Dinge nicht noch mal an den Kopf geworfen zu haben, die ungeklärt waren, ja. Aber im wesentlichen war ich genervt, weil der Brief vom Nachlassgericht wieder mal Papierkram bedeutet. Und er es natürlich nicht lassen konnte, in jedem Testament (ja Plural 🙄 ) gegen mich zu stänkern. Das alles hat mir nur gezeigt, dass ich damals richtig gehandelt habe. Er hätte mich in den vergangenen zwanzig Jahren in Grund und Boden tyrannisiert. Meine Gesundheit, meine Ehe und mein ganzes Leben wären kaputt, wenn ich diesen Schritt nicht gegangen wäre.

Du hast im Grunde nur zwei Möglichkeiten. Du hast Kontakt und lebst mit genau dem, was da ist. Du hast ja mit deiner Mutter gesprochen und als Antwort ihre Sicht der Dinge präsentiert bekommen. Ich fände es übertrieben optimistisch zu hoffen, dass sie sich ändern werden. Wissen kann ich das natürlich nicht, aber warum sollten sie? In ihrer Welt war doch alles zu deinem Besten. Sie haben alles richtig gemacht, ihrer Meinung nach.

Die andere Alternative ist, dass du den Kontakt abbrichst. Ich habe nach der Entscheidung getrauert, mit mir gehadert und gezweifelt. Ich glaube ich habe ihn jetzt nicht betrauert, weil ich das schon vor vielen Jahren getan habe. Wobei, ich habe nicht diese Person betrauert, sondern das Bild von einem Vater, den ich gern gehabt hätte. Einen liebevollen, fürsorglichen und freundlichen Vater. Ich habe Abschied genommen von dem Gedanken, dass sich in unserer Beziehung noch mal was ändern würde und er ein richtiger Vater wird.

Keiner der Wege ist schön, keiner ganz ohne Probleme, Zweifel und Trauer, aber im Gegensatz zu früher, als du ein Kind warst, kannst du heute eine Entscheidung treffen. Ich denke du musst für dich herausfinden, was dir und deiner Gesundheit gut tut.

• x 1 #19


L
@Minime
Ja, das mit dem Bild, das man sich von einer Person gewünscht hat, trifft es bei mir wirklich ziemlich genau. Ich glaube, ich trauere eigentlich gar nicht so sehr um meine Mutter, wie sie wirklich ist, sondern um die Mutter, die ich mir immer gewünscht habe.
Ich wünsche mir bis heute so sehr, dass sie irgendwann wirklich versteht, was sie uns angetan hat, und ehrlich Reue zeigt. Und dass das einfach nicht passiert, macht mich teilweise regelrecht verrückt. Wir haben so oft darüber gesprochen und trotzdem kam immer wieder nur: „Das war zu eurem Besten.“ Ich verstehe einfach nicht, wie man so etwas sagen kann, nachdem das eigene Kind einem erzählt, wie sehr es darunter gelitten hat.
Nach unserem letzten Gespräch vorgestern bin ich mittlerweile sogar an dem Punkt, dass ich ihr wahrscheinlich gar nicht mehr glauben könnte, wenn sie heute plötzlich sagen würde, dass es ihr leidtut. Ich würde wahrscheinlich denken, sie sagt es nur, damit wieder Ruhe und Frieden ist. Aber gleichzeitig denke ich mir: Sie hat es ja nicht mal geschafft, das zu sagen. Nicht einmal nachdem sie gehört hat, wie sehr mich das alles bis heute belastet. Es kam kein „Es tut mir leid, das war falsch“. Stattdessen hat sie ihr Verhalten wieder und wieder gerechtfertigt.
Dabei ist es nicht so, dass meine Mutter heute grundsätzlich schlecht zu mir ist. Sie tut mir heute nichts mehr an, vor allem keine körperliche Gewalt, und ich glaube ihr auch, dass sie es heute gut mit mir meint. Wenn ich ihre Hilfe brauche, ist sie da. Wir wohnen ungefähr 200 Kilometer voneinander entfernt, aber wenn ich sie heute anrufen und sagen würde: „Mir geht es schlecht, kannst du zu mir kommen?“, bin ich mir ziemlich sicher, dass sie kommen würde. Das sehe ich auch und das möchte ich ihr gar nicht absprechen.
Aber genau das macht es für mich irgendwie so kompliziert. Nur weil sie heute lieb zu mir ist und mir hilft, macht das nicht ungeschehen, was früher passiert ist. Vor allem nicht, solange sie bis heute keine Reue dafür zeigt. Vielleicht könnte ich mit der Vergangenheit ganz anders umgehen, wenn irgendwann einmal eine ehrliche Anerkennung dessen gekommen wäre, was passiert ist.
Das beschäftigt mich auch nicht erst seit gestern. Ich habe sie schon vor ungefähr zehn Jahren das erste Mal darauf angesprochen und bereits damals kam dieselbe Rechtfertigung. Danach habe ich das Thema lange verdrängt. Aber inzwischen kommt es immer wieder hoch und belastet mich jedes Mal aufs Neue.
Besonders schwierig ist es für mich, wenn sie mich ständig fragt, wie es mir geht oder warum ich mich nicht melde. Das triggert mich mittlerweile richtig. Einerseits weiß ich, dass sie sich heute um mich sorgt und wahrscheinlich gar nichts Böses damit meint. Andererseits kommt bei mir sofort dieses Gefühl hoch: Du möchtest heute wissen, warum es mir schlecht geht, aber du kannst bis heute nicht anerkennen, welchen Anteil das, was früher passiert ist, daran hat.
Ich habe sie auch gefragt, ob ihre eigene Mutter sie vielleicht genauso behandelt hat und sie deshalb denkt, dass so etwas normal wäre. Darauf meinte sie einfach: „Nein, ich hatte keine Mutter.“ Das fand ich total kindisch, weil sie natürlich eine Mutter hatte. Soweit ich auch von meinem Onkel weiß, ist meine Mutter eigentlich ziemlich behütet aufgewachsen. Ihre Mutter war streng, aber sie hat ihr solche Dinge nicht angetan.
Ich glaube deshalb langsam, dass ich akzeptieren muss, dass diese Mutter, die ich mir mein ganzes Leben gewünscht habe, einfach nicht existiert. Vielleicht muss ich auch aufhören, darauf zu warten, dass sie irgendwann doch noch versteht, bereut und mir genau die Reaktion gibt, die ich mir seit Jahren von ihr wünsche.
Und wenn ich darüber nachdenke, glaube ich sogar, dass sie mich wahrscheinlich noch genauso behandeln würde wie früher, wenn sie heute noch dieselbe Macht über mich hätte. Denn aufgehört hat es nicht, weil sie irgendwann verstanden hat, dass es falsch war. Es hat aufgehört, als ich älter wurde und angefangen habe, mich zu wehren.

• x 3 #20


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Dr. Reinhard Pichler
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