Hallo @Lichtblick92,
ich kann deinen inneren Konflikt sehr gut nachempfinden. Auch ich habe viel Gewalt erlebt, psychisch und physisch.
Für mich habe ich erlebt, dass genau das der wichtige Schritt war, mit dem Erlebten einen Umgang zu finden, durch therapeutische Hilfe:
Zitat von Gaulin: Du bist nicht mehr das schutzlose, hilflose Kind von damals. Heute kannst du dich wehren, dir Hilfe holen, auf dich achten, dich selbst um dich kümmern, dich abgrenzen und genau darum geht es.
Dann ist es ganz wichtig sich emotional zu lösen.
Darum finde ich persönlich es auch wichtig, dass man von sich aus Schritte unternimmt, aus der Hilflosigkeit von damals herauszukommen, zu realisieren, dass man selber etwas tun kann, dass man nicht mehr hilflos ausgeliefert ist, und danach zu handeln.
Man kann verstehen, ja, aber man muss deshalb nicht verzeihen. Für das, was geschehen ist, mag es Gründe gegeben haben, die in der Biographie der Eltern zu finden sind, aber diese entschuldigen ihr Handeln nicht. Man muss nicht verzeihen, nur weil andere es auch schwer hatten. Auch wenn den Tätern damals vielleicht selber Schlimmes widerfahren ist, so hatten sie doch eine Wahl, sich anders zu verhalten. Ob du verzeihen möchtest oder nicht, liegt ganz bei dir, das ist ganz deine Entscheidung. Wie du weiter vorgehen und den Kontakt gestalten möchtest, kannst du frei entscheiden. Damals wurden dir viele Entscheidungen genommen, du musstest aushalten, du musstest tun, was von dir gefordert wurde, du durftest nie frei für dich entscheiden. Das ist heute anders. Du darfst für dich entscheiden.
Für mich war "loslassen" ein entscheidender Schlüssel auf dem Genesungsweg.
Ich habe mich entschieden, einige Dinge loszulassen, ohne "Zwang", ich hätte mich auch anders entscheiden dürfen, es war meine Entscheidung:
Die Hoffnung loszulassen, auf eine Entschuldigung zu warten, die vielleicht niemals kommt.
Den Wunsch loszulassen, dass es damals anders gewesen sein möge.
Den Wunsch loszulassen, dass es in der Zukunft jemals anders werden wird.
Den Wunsch loszulassen, dass die Täter eine Einsicht für das entwickeln, was sie getan haben, wenn diese das nicht wollen oder können.
Die Hoffnung loszulassen, dass es vielleicht in der Zukunft anders werden möge, sich diese Leute ändern werden, wenn absehbar ist, dass das nicht passieren wird.
Mir wurde durch den Tod von Personen einige Entscheidungen abgenommen, gegen meinen Willen.
Ich habe dadurch etwas nicht erleben können (und das Problem habe ich auch bei vielen Mitpatienten erlebt):
Ich konnte nie erleben, wie es sich anfühlt, sich diesen Personen aktiv entgegenzustellen.
Mein Therapeut hat mir z.B. gesagt, dass es in meinem Fall ganz tragisch war, dass ich das nicht konnte. Der Tod dieser Personen löst dieses Problem nicht immer, manchmal verschlimmert er es, weil man quasi "steckenbleibt" in einem Muster von "mir geschehen immer Sachen, mit mir werden Sachen gemacht, ich habe keine
Selbstwirksamkeit, ich kann selber aktiv keinerlei Einfluss nehmen, ich bin ausgeliefert":
Oftmals liegt der Schlüssel zur Genesung darin, für sich selber einstehen zu lernen, sich für sich selber einzusetzen, aktiv Grenzen zu setzen,
zu erleben, dass man selber etwas bewirken kann. Die Entwicklung eines Gefühls von
Selbstwirksamkeit ist ein ganz wichtiger Schritt auf dem Genesungsweg.
Früher musste man immer erleben, dass etwas
mit einem gemacht wurde, man war in einer passiven Haltung, einer Erduldungs-Haltung, weil es nicht anders ging.
Psychologisch kann man dieses Muster am besten aufbrechen, wenn man selber ins Handeln kommt. Wenn nicht mehr immer nur etwas
mit einem gemacht wird, sondern man selber zum aktiv Handelnden wird.
Wenn ein Mensch, mit dem man solch einen Konflikt hat, wie du ihn beschreibst, nun stirbt, ist man wieder in Position, dass etwas
mit einem gemacht wird, man ist wieder in der Position, nicht selber etwas tun zu können, wieder wird etwas mit einem gemacht (in diesem Fall: es wird einem eine Person aus dem Leben genommen). Wieder hatte man keine Wahl, kein Mitspracherecht, keine aktive Handlungsmöglichkeit, keine Selbstwirksamkeit.
Es gibt Patienten (mich inbegriffen), denen der Tod eines Täter-Elternteils diese Chance auf die Entwicklung eines Gefühls von Selbstwirksamkeit nimmt (oder es zumindest erschwert).
Nicht selten halten wir Menschen sehr lange an Hoffnungen fest, völlig egal, wie unrealistisch diese sind. Oftmals läuft das ganz unbewusst ab.
Viele Menschen leiden/ trauern, wenn ein Elternteil verstirbt, zu dem man keine gute Beziehung hatte.
Viele fragen sich dann "Wieso trauere ich um einen Menschen, der mir Leid angetan hat?"
Denn mit dem Tod wird gleichzeitig dieser unbewussten Hoffnung darauf, dass es vielleicht doch irgendwann mal gut werden könnte zwischen uns, ein endgültiges Ende gesetzt.
Sehr oft wird dann viel mehr um das getrauert, was nie hat sein dürfen, als um den Menschen selber.
Diese scheinbar paradoxe Trauer setzt in solchen Fällen oft ein, ganz unabhängig davon, ob man vorher den Kontakt abgebrochen hat oder nicht.
Aus dem, was ich selber erlebt habe und bei vielen Mitpatienten erlebt habe:
Ich würde dir raten, etwas zu tun, aktiv ins Handeln zu kommen, Selbstwirksamkeit zu entwickeln, für dich einzustehen.
Wie das konkret aussehen kann, liegt ganz bei dir.
Ob du deine Eltern konfrontierst (unabhängig davon, ob sie es verstehen/annehmen oder nicht, du hast es wenigstens gesagt), ob du den Kontakt abbrichst oder deutlich reduzierst, im Umgang Grenzen ziehst....
Was auch immer du tust: Jeder noch so kleine Schritt, jede aktive Beziehungs-Gestaltung deinerseits, die dazu führt, dass du aus dem Erdulden herauskommst und in die Rolle des aktiv Handelnden hineinkommst, wird dir helfen, deine Selbstwirksamkeit zu entwickeln.
Und die Entwicklung von Selbstwirksamkeit ist das beste Gegenmittel gegen das Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein.
Such' dir ein Ventil für deine angestauten Emotionen. Wie @Gaulin schon schrieb: Lass' die Gefühle zu, sie wollen gefühlt werden, nur so kannst du sie verarbeiten.
Zitat von Gaulin: Du darfst traurig und wütend darüber sein. Lass das alles zu. Aber versuche dein Leben unabhängig von ihnen zu leben
Den letzten Satz von Gaulin möchte ich auch nochmal unterschreiben:
Mach' dich möglichst unabhängig von deinen Eltern, auch emotional.
Gestalte deine Beziehung zu ihnen aktiv so, wie es für
dich gut ist, nicht für sie.
Ganz liebe Grüße