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Amanias
Hallo liebe Forengemeinde,

Ich habe mich hier angemeldet, um einfach mal ein paar Erfahrungen auszutauschen im Bezug zu einem Thema, was mich mittlerweile seit einigen Monaten wurmt... Vllt. hat der ein oder andere ein paar Tipps und Anregungen, wie man am besten damit umgehen kann

Ich war mit meiner Freundin bereits vor einem Jahr 3 Monate zusammen, das Ganze war unsere erste Beziehung (Für beide) und lief anfangs sehr sehr gut. Allerdings kam es dann zu kleineren Problemen und Meinungsverschiedenheiten, sie ist schwer religiös, ich garnicht. Sie hängt extrem an Ihrer Mutter (Vater als sie 9 war tragisch verstorben) und auch sonst fiel so langsam die rosarote Brille - zumindest für Sie.
Sie distanzierte sich, ich klammerte. Nach einer Familienhochzeit von Ihr war dann ganz plötzlich Schluss und ich stand vor dem Nichts. Da es meine erste Beziehung war, war ich natürlich auch ziemlich am Ende, habe mich dann aber viel mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt, habe in einem Jahr 10 kg abgenommen, Muskeln aufgebaut und da wir zusammen arbeiten, kam es (nach einigen Widerständen - vorallem von der Mutter) doch noch dazu, dass Sie zu mir zurückkam.

Ich habe die ganze Geschichte in einem anderen Forum damals im Sinne von "ExBack" auch schonmal ausgeführt - sind hier Links von Fremdforen erlaubt? Dann Würde ich das Ganze mal verlinken.

Ansonsten soviel zur Vorgeschichte.

Noch eine kurze Notiz am Rande: Ich hatte vor etwa 2 1/2 Jahren mit leichten bis mittelschweren Depressionen zu kämpfen, die damals durch den unliebsamen Übergang von Schule zu Arbeit und dem Verlust meines damaligen Freundeskreises zutun hatte. Dazu kamen Angstzustände und leichte Panikattacken. (Jedoch mit geringen körperlichen Symptomen)

Wir waren also wieder zusammen und es lief dieses Mal alles hervorragend. Ich hatte aus meinen massiven Fehlern gelernt, war selbstbewusster geworden und dieses Mal war Sie es, die mich dauernd vermisste. Der Sex lief immer besser, sie sagte mir oft, wie sehr sie mich liebe und ich ihr auch.

Nun waren wir Anfang April gemeinsam für 3 Tag im Urlaub, in Hamburg.
Die Reise dorthin verlief recht stressig und auch am Abend zuvor habe ich nicht viel und nur schlecht geschlafen.

Und dadurch kam es wohl auch zu dem Rückfall... Irgendwie kam mir - völlig aus dem Nichts der Gedanke, ob ich sie denn überhaupt noch so richtig liebe. Also so richtig. Und da habe ich mich dann völlig reingesteigert, mir vorgestellt, wie es wäre wenn ich mir Ihr Schluss mache, wie sehr sie enttäuscht wäre - gerade auch im Urlaub, wo sie ja auch unglaublich glücklich war über alles.
Richtig üble Zwangsgedanken, die mich zu dem Zeitpunkt fast wie gelähmt haben. Das ganze kam phasenweise - also nicht permanent. (Hab dann mal gegoogelt - ROCD ist wohl die richtige Bezeichnung für den Mist)
Naja, dann tat sie mir Leid, was mich noch weiter runter gezogen hat und ich musste es ihr dann auch sagen, was mir durch den Kopf geht, da ich kurzzeitig vorm Nervenzusammenbruch stand. Sie hat das überraschenderweise UNFASSBAR gut aufgenommen, hat Verständnis gezeigt und mir enorm geholfen. Ist ja nicht gerade selbstverständlich, wenn man gesagt bekommt, dass man darüber nachdenkt, ob die Gefühle noch da sind.
Sie meinte dann auch, dass das wohl auch damit zusammenhängen könnte, weil ja nach unserem letzten "Urlaub" (damals eine Familienhochzeit bei Ihr) Schluss war.
Naja. Auf jeden Fall war es dann nach dem Urlaub nochmal richtig schlimm, sodass ich dann letztendlich heulend in Ihren Armen lag. Zuhause musste Sie dann auch nochmal weinen....

Zja... Das Abartige an solchen Gedankenspiralen ist, dass man, wenn man so angespannt ist, tatsächlich keine Liebe mehr verspüren kann. Dann macht man sich noch mehr Gedanken. Ein Teufelskreis. Dazu kommt dann noch, dass Sie immer anhänglicher wird - klar, sie will mich ja auch nicht verlieren.

Mein Hausarzt (gleichzeitig ausgebildeter Psychotherapeut) meinte auf die ganze Sache dann, dass ich grundlegend einen hohen Drang zum Perfektionismus hege... dass ich sofort in Panik gerate, wenn es mal nicht alles so läuft, wie ich es mir vorstelle.
Zudem meint er, dass ich da wohl eine gewisse Verlustangst in mir trage, da damals so plötzlich Schluss war und ich die Trennung noch nicht verarbeitet habe. Dadurch drehe ich die ganze Sache jetzt wohl um und versuche sie mir unterbewusst schlecht zu reden.
Zudem sollen wir auf ein ausgewogenes Nähe-Distanz Verhältnis achten.

Seither ist es ein immer und immer wiederkehrender Prozess... Ist sie nicht da, vermisse ich sie. Wenn ich daran denke, dass sie Kontakt mit anderen haben könnte (hatte sie damals in unserer Trennungszeit), wird mir unwohl - ich mag mir garnicht vorstellen, wie sie mit wem anders zusammen ist.
Generell habe ich hier die typische Symptomatik von Verlustangst... Ich werde unruhig wenn sie:

- lange nicht/kurz angebunden zurückschreibt

- mit anderen Typen quatscht und lacht

- sie mich in irgendeiner Art kritisiert habe ich das Bedürfnis, es wieder gut zu machen

- sie mal schlecht gelaunt ist

Und dann, in den eigentlich schönen Momenten fühle ich mich unwohl... Reden wir nicht miteinander, denke ich, ob sie nicht die Falsche ist, da wir nicht immer Gesprächsthemen haben...
Ich fand' sie immer attraktiv - nun sehe ich sie an und suche nach Kleinigkeiten, die mir nicht gefallen - z.B. ihre Nase, oder dass sie etwas übergewichtig ist. (was mich früher nie gestört hat!)
Wenn wir mit Freunden unterwegs sind, und sie mal einen unpassenden Kommentar bringt, schäme ich mich fast etwas dafür - obwohl es doch völlig irrelevant ist und - eigentlich - garnicht schlimm.

Auch wenn ich Mal einen Tag habe, wo ich nicht so zu hundertprozent Lust auf Sex habe, denke ich sofort, ich finde sie nicht mehr anziehend. Andererseits habe ich sofort Verlustangst, wenn sie mal nicht möchte. Ihr seht also, wie verworren das in meiner Rübe zugeht.

Seltsam ist auch, dass, wenn sie dann schreibt und sehr innig und liebevoll wird, ich ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich ihr zum Beispiel "Ich liebe dich" schreibe. Auch nicht immer, aber ab und an. Manchmal hab ich auch das absolute Bedürfnis ihr eben das zu schreiben und weiß garnicht, wie ich es "intensiv" genug ausdrücken kann, damit es passt. Total bescheuert.
Gestern Abend habe ich ihr zum Beispiel einen sehr langen Text geschrieben, wie toll sie ist und das auch absolut so gemeint. Heute mache ich mir schon wieder Gedanken, dass das gemeinsame Essen nächsten Mittwoch irgendwie schief gehen könnte, dass wir keine Gesprächsthemen haben, dass die Angst wieder kommt, dass sie irgendwas blödes sagt. Völlig wirres und realitätsfernes Grübeln.

Zja... und dann kommt es eben zu den für ROCD üblichen Gedankenschleifen. Liebe ich sie tatsächlich nicht mehr? Oder ist es die Bindungsangst?
Überbewerte ich einfach völlig, dass die Anfangsphase der Verliebtheit nun mal nachlässt?
Das ganze mündet dann in richtige panikartige Zustände. Ich habe Angst sie zu verlieren und gleichzeitig Angst, die Kontrolle zu verlieren und Schluss zu machen. Völlig verrückt.

Seltsam ist es auch, wenn ich mir Ihr und Freunden weggehe... Da sorge ich mich dann, ob es ihr auch gefällt, ob sie sich wohl fühlt usw, usf. Ich gebe mir also wirklich permanenten mist übelster Kanone.

Dann gibt es aber auch wieder gute Momente, wenn wir zusammen sind... Wo alles gut ist und wir zusammengekuschelt im Bett liegen.

Ein ständiges Hin und Her. Sie weiß von alledem (abgesehen von einigen Details, die ja auch wenig relevant sind) und ist extrem verständnisvoll... Es läuft ja auch alles gut. Ich kann es nur nicht genießen... Obwohl ich es so gerne würde. Schließlich war der Kampf dafür lang genug und die letzte Zeit so wunderschön... Bis ich mich dann in so einen Müll reingesteigert habe.

Ich habe es ihr erzählt, mache das Ganze aber nicht mehr zum Thema. Sie ist auch immernoch extrem angezogen von mir - da ist also alles im Lot. Ich musste das nur besprechen, da es mir unmöglich war, die Anfälle und Stimmungsschwankungen vor Ihr zu verbergen.

Mittlerweile habe ich auch AD's bekommen, Paroxetin in 10 mg Dosierung, als Einstieg. Bisher mit minmaler Besserung. Zudem habe ich in ein paar Tagen einen Einstiegstermin bei Psychotherapeuten, wo ich dann wohl auch in Therapie gehe - in dieser Hinsicht ist also alles bereits am anlaufen - ich will ja schließlich auch, dass es unbedingt besser wird und möchte die eigentlich tolle Beziehung nicht riskieren.


Habt ihr Tipps? Oder ähnliche Erfahrungen? Ich wäre für alle Ratschläge und Erfahrungen dankbar. Nicht nur zur Psyche, sondern auch zur Beziehungsdynamik... Was kann ich verbessern? Wo sollte ich aufpassen?

Für ähnliche Geschichten und Anregungen wäre ich sehr dankbar.

Liebe Grüße!

10.06.2018 15:50 • 11.06.2018 #1


2 Antworten ↓


FeuerWasser
Zitat von Amanias:
und lief anfangs sehr sehr gut.

Jede Beziehung läuft zu Beginn sehr gut andernfalls würde man sich nicht auf eine Beziehung einlassen, für mein Verständnis.

Du beschreibst sie als "schwer religiös". Ich weiß nicht was wir uns darunter konkret vorstellen können aber wenn ich jemanden kennenlerne, von dem ich weiß, dass er
andere Prioritäten hat als ich, würde ich sehr genau hinschauen ob eine Beziehung erfolgsversprechend sein könnte oder nur von kurzer Dauer. Diese Eigenreflexion würde ich
mir auch von meinem Gegenüber wünschen.
Ich würde mich auch nicht wohl fühlen, würde ein ExPartner zu mir zurückkehren, nur aus dem Grund, weil ich nicht abschließen kann und wegen dem Widerstand der Mutter.
Das finde ich reichlich seltsam. In einer ausgeglichenen Partnerschaft gibt es nicht einen Bedürfnisbefriediger und einen Bedürfnisempfänger sondern Liebe heißt für mich, dass man
daran interessiert ist, dass es dem anderen gut geht. Wie gut kann es ihr gegangen sein wenn sie auf Druck zu dir zurück kehrte?

Mir fällt auf, dass du dich stark über diverse Diagnosekriterien identifizierst. Im Grunde spielt es keine Rolle welche Diagnose du hast, das ist vorrangig für die Krankenkassen interessant
und sie verändern auch weder deine Denkweise noch deine Probleme.
Ich finde es gut, dass du dir Hilfe besorgt hast und denke, dass du das in Ruhe angehen solltest. Tipps und Tricks gibt es dazu nicht. Wäre es so einfach bräuchte sich jeder nur mehr in
ein Forum einlesen und alles wäre wieder super. So funktioniert es leider nicht. Du musst mit dem Therapeuten den Kern des Problems erarbeiten, das wird Monate dauern und erst wenn das
gelingt dann kann sich in deinem Denken etwas verändern und weiters in deinen Handlungsweisen.

11.06.2018 19:24 • #2


Amanias
Die Mutter hatte eher dazu beigetragen, dass sie sich von mir eine ganze Zeit lang fernhielt, worunter sie sehr gelitten hat und sich letztendlich gegen die Meinung ihrer Mutter durchsetzte und zu mir zurückkehrte. Sie hätte den Schritt ohne den Einfluss schon viel zeitiger getan, musste sich aber erst klar darüber werden, was Sie wollte.
Sie hat dann um eine Beziehung mit mir gekämpft, wir haben uns ausgesprochen, auch, was das Thema Kirche anging und es steht in dieser Hinsicht nichts mehr zwischen uns. Ich werde aus der ganzen Sache rausgehalten, während Sie ihre Religion frei "leben" darf. Das Ganze ändert aber auch quasi nichts weiter am Lebensstil, abgesehen von dem sonntäglichen Kirchgang und dem Tischgebet. Also keine Vorschriften ala kein Sex oder Ähnliches. (Sie ist Neuapostolisch.)
Ich glaube, da hab ich mich in der ersten Nachricht etwas undeutlich ausgedrückt.

Auch die Mutter hat inzwischen Ihre Meinung geändert und gibt Ihr bestes, damit es zwischen uns läuft. Auch hier geht's also bergauf - auch, wenn ich nach dieser Erfahrung immernoch ein wenig kritisch bin, was das angeht.

Natürlich sind wir beide am Wohlergehen des Anderen interessiert und es läuft auch wirklich absolut harmonisch - viel besser, als in unserer ersten Beziehung.

Der Thread dient eher dem Austausch über das Thema, gerade was ROCD angeht. Ich kategorisiere das einfach nur um es zugänglicher zu machen, was Leute angeht, die ähnliche Probleme haben.

11.06.2018 20:14 • #3




Dr. Reinhard Pichler