Zitat von Rohdiamant:Wenn meine Tochter mich massregelt, dass ich zu laut schmatze, dann schmatze ich erst recht laut, sozusagen als Protest. Sie hat kein Recht mich als (eigentlich) Respektsperson so anzufahren. Der Ton macht die Musik, denn man kann dies auch als Bitte äußern. (...)
Ein Mensch, der unter Misophonie leidet und dessen Gegenüber die entsprechenden Geräusche verursacht, die er nicht ertragen kann, ist in einem solchen Moment erstens ziemlich aggressiv, was es schwierig macht, den richtigen Ton zu wahren, und es zeugt von großer Selbstbeherrschung, wenn es nur bei einem unangebrachten Ton oder einem bösen Blick bleibt, denn eigentlich ist dieser Mensch in diesem Moment so voller Wut, dass er wesentlich drastischer reagieren könnte, wenn er nicht gelernt hätte, sich zu beherrschen.
Zweitens ist die von dir kritisierte Maßregelung lediglich ein verzweifelter Versuch, die Störung, die dem an Misophonie leidenden Menschen peinlich ist, die ihn belastet und wegen der er sich schämt, hinter der Einhaltung allgemein gültiger Regeln zu verbergen. Der Misophonie-Kranke hält sich mit seinem Leiden für total bescheuert, für einen Freak, oder zumindest für jemanden, der nicht ganz normal ist, und es fällt ihm schwer, das das vor anderen zuzugeben und seine
Schwäche zu entblößen. Er weiß, dass er ein riesiges Problem hat, gibt das aber nur ungern zu, weil sein Problem eben ziemlich exotisch ist, und anstatt sein Gegenüber zu bitten, dass es sich nur wegen seines scheinbar einzigartigen, persönlichen Problems all diese Geräusche verkneifen soll, versucht er, sich hinter allgemeinen Floskeln zu verstecken. Glaub mir, ein Misophonie-Kranker sagt lieber "Man spricht nicht mit vollem Mund!" oder "Schmatz doch nicht so!" als "Hey, du, ich habe da so ein bescheuertes Problem, so dass mir deine Essgeräusche total auf den Sack gehen!" oder "Die Geräusche, die du machst, kann ich überhaupt nicht ertragen, obwohl sie eigentlich normal sind..."
Zitat von Rohdiamant:Manchmal hat sie Recht mit dem Schmatzen und es ist mir selbst einfach nicht aufgefallen, weil ich in Gedanken einfach woanders war. Manchmal reagiert sie aber überempfindlich und die Geräusche lassen sich nicht vermeiden, weil z. B. die Suppe sehr heiß ist. (...)
Es geht bei der ganzen Problematik definitiv nicht darum, wer von euch
Recht hat, Rohdiamant. Menschen sind an sich schon verschieden und empfinden alles mögliche unterschiedlich. Bei der Misophonie ist das Hass-Empfinden gegenüber bestimmten Geräuschen leider sehr extrem. Das macht es für jemanden, der nicht an Misophonie leidet, natürlich besonders schwierig, dieses andere Empfinden zu akzeptieren. Aber man darf hier nicht von
Recht haben sprechen oder darüber urteilen, ob es
richtig ist, was der andere empfindet. Es ist einfach nur eine
andere Empfindung und jegliche Empfindung eines Menschen sollte respektiert und akzeptiert werden.