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Hallo ihr Lieben,

mich würde interessieren, ob und wenn ja, wie, ihr eure Krankheitsängste besser kontrollieren könnt oder gar in den Griff bekommen habt.

Ich mache seit Jahren Therapie, habe zig verschiedene Methoden von Entspannung, über Ablenkung bis hin zu Exposition im Sinne vom detailgenauen Durchgehen der befürchteten Situation ausprobiert in dieser Zeit und trotzdem ändert sich nichts. Die Angst kommt mit jedem Zwicken oder Ziehen mit voller Wucht und ich kann es nicht kontrollieren. Ich komme mir mittlerweile so unglaublich unfähig vor, weil ich wirklich versuche, an mir zu arbeiten und ich keinerlei Besserung sehe. Im Gegenteil, manchmal hab ich das Gefühl, es wird sogar schlimmer. Mittlerweile macht mir sogar eine Erkältung Angst, wenn ich eine schlechte Phase habe

Deshalb würden mich eure Erfahrungen wirklich sehr interessieren - vielleicht sind Ideen dabei, die ich versuchen könnte.

Lieben Dank und liebe Grüße,
MaedchenNr1

13.01.2018 18:28 • 15.01.2018 #1


19 Antworten ↓


Zitat von MaedchenNr1:
Deshalb würden mich eure Erfahrungen wirklich sehr interessieren - vielleicht sind Ideen dabei, die ich versuchen könnte.



Ich finde, es ist wichtig, die Angst hinter der Angst ausfindig zu machen.
Die Angst vor Krankheiten ist oft nur die Oberfläche.
Sie ist nicht das eigentliche Problem bzw. es scheint nur so, als sei es das eigentliche Problem, weil es einen so beschäftigt und unglücklich macht, aber dahinter steckt oft etwas ganz anderes.
Etwas, wovor man eine riesige Angst hat,

Die Beschäftigung mit der Angst vor Krankheiten empfinde ich als verlorene Zeit.
Diese Beschäftigung kann nur in einem Punkt nützlich sein: Sie kann vielleicht Hinweise liefern. Hinweise auf die Angst, auf das Problem, was dahinter steckt.
Das ist die eigentliche Arbeit.

Die meisten Menschen, die davon betroffen sind, versuchen vehement, davon loszukommen, sich von dieser Angst zu befreien.
Damit bleibt man an der Oberfläche und dringt nicht zu dem eigentlichen Problem durch.
Anstatt die Angst vor Krankheiten als einen Hinweis zu verstehen, beschränken sich viele darauf, gegen sich selbt zu arbeiten und bleiben ewig an der Oberfläche gefangen, drehen sich ewig im gleichen Kreis.

Man muss einmal es wagen, den Blick von dieser Angst abzuwenden.
Was "sieht" man dann?
Was "bleibt", wenn man sich vorstellen würde, man hätte diese Ansgt nicht? Was passiert dann in einem? Was spürt man in sich?

"Eure Erfahrungen" schreibst du und das ist ein wichtiger Punkt, denn nicht immer steckt dahinter der immer gleiche Grund.
Die Gründe, die zu dieser Symptomatik geführt haben, können verschiedene sein.
Es gilt daher. die eigenen Gründe zu finden.

Ich habe dazu einige Male was geschrieben und will mich nicht ständig wiederholen.
Wenn du willst, kannst du ja meine anderen Beiträge zu diesem Thema lesen.
Da ich es nicht hilfreich finde, auf einzelne Krankheitsängte nur an der Oberfläche einzugehen, sind meine Beiträge zu diesem Thema meistens eher grundsätzlicherer Natur, geben meine Gedanken zu diesem Thema wieder.
Vielleicht findest du eine Anregung für dich darin.

Versuch bitte, wenn es geht, verständnisvoll mit dir umzugehen und geduldig mit dir selbst zu sein.
Es wird Gründe geben, gute Gründe, warum es ist, wie es ist.
Gründe, die dir vielleicht noch nicht bewusst sind und es kann Zeit brauchen, bis du dich selbst besser vesrtehen kannst. Gib dir diese Zeit.

13.01.2018 19:01 • x 3 #2



Kein Land in Sicht

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Liebe Abirel,

ich danke dir für deine ausführliche Antwort!

Ich denke, das Problem dahinter kenne ich bereits. Es ist massivste Verlustangst. Früher hat sie sich anders geäußert und als ich das dann in den Griff bekommen habe, ging die Krankheitsangst los, die ich bereits als Kind schon einmal ganz schlimm hatte. Ich fürchte das Allein-sein - ein Leben (und dabei inkludiere ich bzw. meine Angst tatsächlich auch ein "Leben nach dem Tod") ohne meine Herzensmenschen. Ich hatte monatelang immer ein Bild vor Augen: Wie ich sterbend in einem Krankenbett liege und die letzten Augenblicke meinen Partner sehe. In der Therapie sind meine Therapeutin und ich diese Szene dann ganz dezidiert durchgegangen und dabei wurde deutlich, dass ich sogar Angst habe, selbst im Tod noch den Verlust zu spüren.

Also, Verlust und Einsamkeit ist das große Thema, aber irgendwie finde ich dabei keinen Ansatz, wo ich einhaken könnte. Natürlich weiß ich, woher die Verlustangst rührt bzw wie sie entstanden ist, aber ich bekomme sie einfach nicht los oder zumindest besser kontrolliert...

13.01.2018 20:00 • #3


Zitat von MaedchenNr1:
Also, Verlust und Einsamkeit ist das große Thema, aber irgendwie finde ich dabei keinen Ansatz, wo ich einhaken könnte. Natürlich weiß ich, woher die Verlustangst rührt bzw wie sie entstanden ist, aber ich bekomme sie einfach nicht los oder zumindest besser kontrolliert...



Sicher bin ich weit davon entfernt, mehr als du es kannst, zu erkennen, was in dir los ist.
Sieh bitte meine Gedanken nur als das, was sie sind: Meine Gedanken, die vielleicht vollkommen oder ziemlich an deinen Problemen vorbeigehen können.
Wenn du darin was findest, gut, wenn nicht, dann sind sie vielleicht für den einen oder anderen zu "gebrauchen".
Wir alle können nur versuchen, zu helfen, auch wenn die Hilfe vielleicht ganz woanders ankommt.


Ich halte sehr viel von dem Ansatz, auf die eigentlichen Ängste bzw. Probleme zuzugehen, anstatt von ihnen wegzulaufen.
Allerdings ist das sehr leicht zu sagen und viel schwerer zu verwirklichen.
Es kann enormen Mut erfordern und auch eine kompetente, geeignete Unterstützung (durch die Therapeutin).
Sie muss aushalten können, was in dir dann hochkommt (an Emotionen).
Das können bei weitem nicht alle.

Du schreibst,

Zitat von MaedchenNr1:
Also, Verlust und Einsamkeit ist das große Thema, aber irgendwie finde ich dabei keinen Ansatz, wo ich einhaken
Natürlich weiß ich, woher die Verlustangst rührt bzw wie sie entstanden ist, aber ich bekomme sie einfach nicht los oder zumindest besser kontrolliert...



Verlust und Einsamkeit ist das große Thema schreibst du.
Äußert sich darin vielleicht auch eine Angst vor der Hingabe zum Leben?

Denn zu leben bedeutet, keine Kontrolle, keine Macht zu haben.
Sicherheit und Leben vertragen sich nicht. Entweder das Eine oder das Andere.

Wer leben will, muss auf Sicherheit verzichten.
Entweder entscheidet man sich für Sicherheit und stirbt schon zu Lebzeiten bzw. führt ein Dasein, das fast nur noch im Überleben besteht oder man gibt sich der vollkommen Unsicherheit hin, die nur ein anderer Ausdruck für Leben ist.

Wer Kontrolle behalten will, verliert das Leben und wird sterben müssen, ohne gelebt zu haben.

13.01.2018 20:29 • x 4 #4


Zunächst stimme ich dir absolut zu, wenn du sagst, dass der richtige Weg ist, zu schauen, was hinter der Angst steckt - Ängste kanalisieren in aller Regel etwas nach außen.
Auch bezüglich des Kontroll-Motivs kann ich tatsächlich nur bestätigen. Kontrollverlust schwingt bei meinen Ängsten immer mit - ich versuche ja im Grunde auch nur, durch ständige Kontrolle die Einsamkeit zu vermeiden. Was völliger Unfug ist, denn Krankheiten kommen mit oder ohne Angst - die Angst als Kontrollmechanismus ist also völlig sinnfrei. Sie führt eher noch dazu, dass psychosomatische Beschwerden auftreten - befeuert also Krankheiten eher, als dass sie präventiv wirken könnte.
Aber genau hier komme ich an meine Grenzen: Ich verstehe die Zusammenhänge, die Ursachen, die Motive. Aber dieses rationale Wissen lässt sich emotional nicht verfestigt - sprich: Ich sitze mit irgendeiner Krankheitsangst, von der ich rational ziemlich genau weiß, dass sie Unfug ist, auf meiner Couch oder sonstwo und kann mir selbst diese Dinge, die ich in mühevoller Kleinstarbeit herausgearbeitet habe, sagen und sie als Argument anbringen, aber das interessiert meine Angst einen feuchten Dreck. An diesem Punkt komme ich ins Stocken. Der nächste Schritt muss "Loslassen" sein, aber wie ich dahinkomme, wie ich das anstellen soll, ist mir völlig rätselhaft. Und das frustriert mich so. Mir fehlt quasi nicht nur das Schuhwerk, um diesen Loslass-Weg zu gehen, sondern mir fehlt gleich ganz das Wissen, wie man läuft. So fühlt sich das an. Loslassen konnte ich nie - ich verbinde nichts damit, es ist abstrakt für mich, weil ich immer Kontrolle haben musste. Und wenn ich mal die Kontrolle verloren (nicht bewusst abgegeben) habe, bin ich völlig zusammengebrochen vor lauter Angst (und das ist wörtlich gemeint). Nicht, dass letzten Endes etwas Schlimmes passiert wäre, aber auch dieser zu erwartende Lerneffekt tritt emotional leider nie ein.

13.01.2018 21:57 • #5


Schokopudding
Loslassen kann zB in einem 1. Schritt bedeuten alleine eine Kurzreise zu unternehmen. So wirst du nämlich sehen, dass du sehr wohl auch alleine zurecht kommen kannst. Du musst lernen, auf dich selbst zu vertrauen und dazu must du dich bewegen und dich selbst herausfordern.

Liebe Grüße
Schoko

13.01.2018 22:15 • x 1 #6


Da gebe ich Dir recht. Man muss sich den angstauslösenden Situationen stellen. Das ist manchmal sehr schwer, weil die Angst vor der Angst sehr stark ist. Jedoch wenn man es geschafft hat, ist man mächtig stolz und es ist ein tolles Gefühl, was einen stärkt.

13.01.2018 22:18 • x 1 #7


Ich muss lachen - nicht über eure Tipps, sondern darüber, dass ich genau das lustigerweise am letzten Wochenende gemacht habe (ich bin ohne meinen Partner, der eine große Rolle in meinem Sicherheitsbedürfnis spielt, mit Arbeitskollegen, die mir nicht diese Sicherheit geben, nach Holland gefahren) und das ein völliges Desaster war

Ich hatte im Mai letzten Jahres erstmalig Vorhofflimmern (und ich bin erst 34...) und hab seitdem immer Angst, dass es wiederkommen könnte. Es gab keine organischen Befunde beim Kardiologen, aber dennoch hat man mir gesagt, dass, wenn das wieder auftritt, ich wieder ins KH muss, um den Rhythmus wieder herzustellen. Vermutlich spielt die Angst und der ständige Stress dadurch eine Rolle bei der Entstehung (ist meine Theorie).
So, nun war ich also gerade in Holland angekommen, hatte mich die Wochen vorher völlig bekloppt gemacht, betrete das Haus und merke, dass ich Vorhofflimmern bekomme. Puls völlig aus dem Takt. Intuitiv hab ich mir ein Glas kaltes Wasser genommen und das getrunken und daraufhin normalisierte sich der Puls glücklicherweise wieder - ich hab später gelesen, dass durch Kälte der Vagus-Nerv stimuliert wird und dadurch das Vorhofflimmern mit etwas Glück unterbrochen werden kann. Das Problem war nur, dass das Wochenende damit natürlich gelaufen war. Ich war alles andere als entspannt und heilfroh, als ich zwei Tage später, völlig fertig, endlich wieder in die Arme meines Mannes sinken konnte.

Na klar, ich hab das überlebt, aber beim nächsten Mal würde ich mich jetzt irgendwie nicht sicherer fühlen. Im Gegenteil - die Erfahrung hat mir eher gezeigt, dass das gar nicht geht...

13.01.2018 22:51 • #8


....aber du hast es geschafft und wusstest Dir zu helfen....

13.01.2018 22:54 • x 2 #9


Schokopudding
Zitat von Marie1981:
....aber du hast es geschafft und wusstest Dir zu helfen....


Va das, du wusstest Dir zu helfen möchte ich unterstreichen. Das ist doch super! Wenn das kein Grund ist, auf sich selbst zu vertrauen!?

13.01.2018 23:14 • x 1 #10


Das war Zufall - ich hab vor lauter Schreck was getrunken Aber ja, im Endeffekt weiß ich jetzt, dass ich das mit dem kalten Wasser probieren kann. Nur so richtig Sicherheit hat mir das Wochenende nicht geben können

13.01.2018 23:38 • #11


Schokopudding
Und deswegen, gleich noch mehrere Sachen alleine planen ... du schaffst das!

13.01.2018 23:39 • x 1 #12


Zitat von MaedchenNr1:
Was völliger Unfug ist, denn Krankheiten kommen mit oder ohne Angst - die Angst als Kontrollmechanismus ist also völlig sinnfrei. Sie führt eher noch dazu, dass psychosomatische Beschwerden auftreten - befeuert also Krankheiten eher, als dass sie präventiv wirken könnte.



Eben, genauso ist es.
Generell heißt es ja sonst, dass die Angst uns hilft, uns vor Gefahren zu schützen und das stimmt auch.

Aber die Angst vor Krankheit schützt nicht vor Krankheiten.
Viele Menschen, die Angst vor Krankheiten haben, sind nicht alt, viele sind zwischen 20 und 40, also Jahre, in denen die statistische Wahrscheinlichkeit schwer zu erkranken nur gering ist.
So vebringt man die Jahre, in denen man allen Grund hätte, anzunehmen, gesund zu bleiben, mit ständiger Angst vor Krankheiten und allmählich dann mit über 40 und vor allem mit über 50 kommt man in die Jahre, wo es dann statistisch nicht mehr so sehr unwahrscheinlich ist, tatsächlich zu erkranken. Trauriger Zustand.



Zitat von MaedchenNr1:
Aber genau hier komme ich an meine Grenzen: Ich verstehe die Zusammenhänge, die Ursachen, die Motive. Aber dieses rationale Wissen lässt sich emotional nicht verfestigt - sprich: Ich sitze mit irgendeiner Krankheitsangst, von der ich rational ziemlich genau weiß, dass sie Unfug ist, auf meiner Couch oder sonstwo und kann mir selbst diese Dinge, die ich in mühevoller Kleinstarbeit herausgearbeitet habe, sagen und sie als Argument anbringen, aber das interessiert meine Angst einen feuchten Dreck.



Das rationale Wissen ist etwas ganz anderes als das emotionale Durchleben von Zuständen (meistens aus der Kindheit).
Deswegen sprach ich auch davon, dass die Therapeutin die hochkommenden Gefühle aushalten muss.
Sie muss sich einfühlen und aushalten und mitfühlen, "mitgehen" können.
Das schaffen viele Therapeuten nicht bzw. haben Angst davor und blocken und lenken eher ab.

Wenn man keine Möglichkeit findet (etwa in der Therapie), die Emotionen wieder zu durchleben, dann versucht man über sehr mühsame, sehr langwierige Umwege die einstigen Erlebnisse aus der Kindheit zu "überschreiben", was nicht oft gelingt bzw. es geht manchmal nur bruchstückhaft und partiell und das Gefühl oder die Zustände von früher "bedrohen" einen in manchen Situationen dann wieder, was dann oft als "Rückfall" empfunden oder bezeichnet wird.
Man glaubte, Fortschritte gemacht zu haben und dann kommt der Rückschlag.

Solange das, wovor man eine riesengroße Angst hat, nicht aufgearbeitet werden kann, ist man immer "bedroht" von eben diesem Nicht-Aufgearbeiteten.
Das ist nicht nur bei der Angst vor Krankheiten so.
Das ist auch bei Borderline so, bei vielen Phobien, den verschiedenen Neurosen, Zwangskrankheiten usw.
Man spricht dann manchmal von "Triggern".
Man "bastelt" meistens nur an der Oberfläche herum, man versucht die Symptome zu bekämpfen.

Es betrübt mich manchmal sehr, wenn ich hier lese, wie nicht wenige Menschen über ihrre Ängste sprechen.
Ich will jetzt diese Bezeichnungen nicht aufzählen, vielleicht fühlen sich dann manche verletzt.
Aber es ist für mich ein Hinweis, dass sehr viele Menschen anscheinend sehr, sehr weit davon entfernt sind, die Probleme nicht nur an der Oberfläche anzugehen, was bedeutet, dass sie noch viele Jahre, ja Jahrzehnte gegen sich selbst vorgehen werden, anstatt sich selbst zu verstehen zu versuchen.


Zitat von MaedchenNr1:
An diesem Punkt komme ich ins Stocken. Der nächste Schritt muss "Loslassen" sein, aber wie ich dahinkomme, wie ich das anstellen soll, ist mir völlig rätselhaft. Und das frustriert mich so.


Die Angst von einst auszuhalten ist nicht leicht.

Vielleicht wirst du sehr traurig werden, vielleicht wirst du sehr viel weinen müssen.
Warme Tränen, die auch Ausdruck des Verständnisses sind, für das, was du - als Kind? - durchgemacht hast, durchmachen musstest. Tränen von dir und für dich selbst.

14.01.2018 11:19 • x 1 #13


Ich würde Dir raten zusätzlich zur Therapie ein beruhigendes Medikament einzunehmen und an einem Kurs für Autogenem Training teilzunehmen.
Das permanente Aufarbeiten wollen kann einen auch runterziehen.
Man muss nicht alles an die Oberfläche holen und aufarbeiten,da bräuchten manche zehn Leben dafür,weil das in der Regel ein Fass ohne Boden ist.
Deshalb bin ich auch für Verhaltenstherapie: die bindet die Vergangenheit mit ein,setzt aber das HIER und JETZT in den Fokus.
Man gerät sonst auch in Gefahr,in der Vergangenheit stecken zu bleiben.

Dazu auch noch ein Buchtip: "JETZT! Die Kraft der Gegenwart" von Eckhart Tolle.

14.01.2018 15:01 • x 1 #14


Tja... Wo fange ich an?

Also, vielleicht zunächst ein paar Worte zum Aushalten können von alten Gefühlen. Ich denke, meine Therapeutin hat oft versucht, sie zu aktivieren, damit ich sie eben durchleben kann und sehe, dass sie mich nicht vernichten. Denn das ist mein Gefühl zu meiner Vergangenheit - ich befürchte, dass mich die Emotionen von damals vernichten würden. Ich bin ein extrem rationaler Mensch und durchdenke viel. Genauso bin ich auch emotional und empathisch, aber wenn es um Gefühle von früher geht, empfinde ich einfach nichts. Wirklich nichts. Es ist also extrem schwer für mich, diese Emotionen zu durchleben, weil ich sie nicht hochholen kann. Dementsprechend fehlt die Erfahrung, dass diese Emotionen "vorbei" sind und nur in der Vergangenheit bedrohlich waren, heute aber für mich zu handlen wären.
Dementsprechend schwer ist es für mich, herauszufinden, welche Situation oder welcher Zustand in meiner Kindheit zu dieser krassen Verlustangst geführt hat. Ich kann rational dazu Thesen aufstellen, aber ob die so stimmen oder nicht, ist kaum überprüfbar, weil mir die Emotionen fehlen, um die Tragweite eines Erlebnisses einordnen zu können.
Ich denke, erschwerend hinzu kommt eine Kombination von Störungen - die Kerndiagnose, die leider auch viel zu spät gestellt wurde, ist eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung, also Borderline. Das Problem (oder eher Glück) ist, dass die "typischen" Symptome wie Selbstverletzungen, ständig wechselnde Beziehungen und sowas bei mir gar nicht zutreffen. Dafür aber diese panische Angst vor Alleine sein und Verlust. Also wurde über viele Jahre einfach eine Depression diagnostiziert und behandelt - ich war definitiv auch depressiv, aber der Behandlungsansatz hätte sich eben auf die BPS fokussieren müssen, um erfolgreich sein zu können. Jetzt ist es halt eine BPS mit Depression und Angsterkrankung.

Zum Thema Therapieform:

Ich habe mittlerweile über die Jahre verschiedene Therapieformen genutzt. Alle hatten einen Sinn, allerdings ist es für mich persönlich in der Tat so, dass letzten Endes eine Kombination aus kognitiver Verhaltenstherapie mit Elementen der Schemaarbeit am effizientesten war und mich spürbar nach vorn gebracht hat.
Medikamente habe ich über die Jahre mal mehr, mal weniger genommen - im Moment nehme ich ein dämpfendes Antidepressivum Abends und eben Betablocker. Durch dieses Vorhofflimmern sind die Ärzte vorsichtig mit neuen Medikamenten, weil ADs eben auch den Herzrhythmus stören können. Das bedeutet für mich nur im absoluten Notfall eine erneute Umstellung.

14.01.2018 18:37 • #15


Zitat von MaedchenNr1:
Jetzt ist es halt eine BPS mit Depression und Angsterkrankung.


Die gleichen Diagnosen hab ich auch (plus noch eine Esstörung und Alk.).
Das "Komische" ist,dass 2006 auf einer Borderlinestation bei mir Borderline diagnostiziert wurde,während meine aktuelle Verhaltenstherapeutin mir letzte Stunde sagte,sie sieht bei mir NULL Borderline.
Auch ein Arzt in der Psychiatrie sagte mir,er erkennt bei mir kein Borderline.

Es kann also alles sehr verwirren nach dem Motto 3 Ärzte 5 Meinungen....

Darf ich fragen,welches Antidepressivum Du nimmst? Hilft es Dir?

14.01.2018 19:08 • x 1 #16


Bei mir sind sich bezüglich Borderline im Endeffekt alle ziemlich einig gewesen - meine Therapeutin nennt es "Borderline light", weil ich in aller Regel mein Leben auf die Reihe bekomme und die Einschränkungen in vielen Bereichen gut kompensieren und reflektieren kann.

Aber die Grenzen sind ja häufig auch fließend, insofern ist es wahrscheinlich gar nicht so selten, dass man unterschiedliche Meinungen hört. Mir hat es damals total geholfen, endlich eine Diagnose zu haben, in der ich mich auch wiederfinde. Das macht das Verstehen von so vielen Verhaltensweisen viel leichter und gibt einem das Gefühl, nicht einfach völlig anders als alle anderen zu sein - dass es eben viele Menschen gibt, die ähnliches erleben und empfinden.

Ich nehme aktuell Amineurin - also den Wirkstoff Amitriptylin. Der Hauptgrund, warum ich es nehme, sind Schlafstörungen, die ich seit meiner Jugend habe. Es unterbricht das Denken abends und haut mich einfach so um, dass ich dann gut schlafe. Ich denke, dass es darüber hinaus auch eine antidepressive Wirkung bei mir hat, allerdings schätze ich die geringer ein. Als wirklich angstlösend empfinde ich es nicht. Aber das hat bisher ohnehin noch keine Medikament geschafft (und ich hab schon einige probiert) und die Medikamente, die das können, also Benzodiazepine, kommen für mich auf gar keinen Fall in Frage. Ich habe als Bedarfsmedikation bei hoher Anspannung noch Promethazin, aber auch da hab ich nicht das Gefühl, dass es mir wirklich hilft, deswegen nehme ich es so gut wie nie.

15.01.2018 12:44 • #17

Sponsor-Mitgliedschaft

Zitat von MaedchenNr1:
. Mir hat es damals total geholfen, endlich eine Diagnose zu haben


Ja,das ging mir auch so,plötzlich machte alles Sinn und ich fühlte mich nicht mehr wie ein "Alien"...
Ich verletze mich auch nicht selbst,jedenfalls nicht im klassischen Sinne.
Mir wurde aber gesagt,das selbstverletzende Verhaltensweisen ebenfalls unter Selbstverletzung fällt also quasi alles,womit man sich selbst schadet.
Z. B. auch die eigene Beziehung immer wieder selbst zu torpedieren,das kann ich ganz gut,mein Mann ist halt im Bilde und "fällt nicht darauf herein" und gibt mir dadurch die Stabilität,die ich brauche.

Ist doch super,dass Du Dein Leben trotz allem so gut auf der Reihe hast!
Ich habe zwar eine stabile Beziehung (Ehe) und gehe arbeiten aber nur ein paar Stunden am Tag.
Und es gibt halt alle paar Jahre eine fette Depression aber da wurschtelt man sich ja früher oder später wieder heraus.
Ach ja,ein weites Thema....bin etwas vom Ursprungsthema abgewichen...

Ich nehme ebenfalls Amitriptylin (Amineurin) aber nurnoch bei Bedarf und dann auch nur 12,5mg.
Mich beruhigt es deutlich und ich merke dann,wie die Anspannung von mir abfällt...
Leider hab ich davon allerdings auch ganz schön zugenommen.
In welcher Dosierung nimmst Du das Amineurin?

Ich habe ja als Hauptmedikament täglich 300 mg Lyrica,hast Du das mal probiert?

15.01.2018 15:41 • #18


Lustigerweise nehme ich Amineurin in exakt derselben Dosis - eine halbe 25 mg Tablette am Abend Zugenommen hatte ich schon von den Medikamenten davor - mein damaliger Arzt hatte mir zuerst Doxepin verschrieben. War super, aber hat mich binnen Monaten um die 25 Kilo zunehmen lassen :-/ Mittlerweile habe ich einiges wieder runter, aber beim Ursprungsgewicht werde ich wohl nie wieder ankommen - war aber eh zu niedrig, also ist das nicht schlimm. Mir fehlen noch fünf Kilo zum Wunschgewicht. Wäre sicher auch schaffbar, aber im Moment ist die Angst vor Krebs wieder so groß, dass ich jedes Gramm, das ich abnehme sofort als Hinweis auf Krebs sehe, also esse ich ohne Rücksicht und nehme trotzdem ab - vermutlich (hoffentlich) durch die ganze Angst und den ständig erhöhten Puls...

Ich hatte, bevor dieses doofe Vorhofflimmern das erste Mal auftrat, Paroxetin bekommen. Das hat ganz gut geholfen, musste ich dann aber absetzen. Da das Absetzen so krass wie bei keinem Medikament vorher war - trotz Ausschleichens -, würde ich das aber trotzdem nie wieder nehmen. Das Medikament, das du bekommst, kenne ich nicht. Ist das auch ein SSRI?
Medikamente und ich vertragen uns seit ein paar Jahren irgendwie nicht mehr so gut - ich hab bspw. mit Fluoxetin richtig schlimme Erfahrungen gemacht. Das war so krass, dass ich dann zum ersten und hoffentlich letzten Mal in meinem Leben in die Psychiatrie musste und keiner hat dieses Medikament als Ursache auf dem Schirm gehabt. Erst als ich es abgesetzt habe, ging es mir wieder besser. Seitdem bin ich viel vorsichtiger mit ADs...

Ja, die Depression bekommt mich mindestens einmal im Jahr im Winter wieder zurück. Ich habe mittlerweile wirklich den Lichtmangel im Verdacht, denn die Intensität, mit der diese Ängste auftreten ist mittlerweile wirklich nur noch im Winter richtig krass. Meist geht es so um Weihnachten herum los. Ich denke deshalb mittlerweile echt über eine Tageslichtlampe nach. Die günstigen bringen wohl nicht viel, aber die medizinisch geprüften kann man mittlerweile auch kaufen.

Genau, selbstverletzendes Verhalten muss keine physische Verletzung sein. Ich hab das tatsächlich in keinem Bereich. Meine Beziehung läuft jetzt seit fast 10 Jahren sehr stabil und ich erschüttere die auch nicht ständig, um zu testen, ob mein Mann bei mir bleibt. Dafür war die Angst, dass er mich verlassen könnte sehr lange Bestandteil unserer Beziehung. Als ich dann endlich verinnerlicht hatte, dass er mich nicht einfach verlassen wird, hat sich die Verlustangst eben den Weg der Krankheitsängste gesucht - Krankheiten kann man nicht kontrollieren, ergo kann man diesen Zweifel auch nie ganz ausweichen, muss sich mein Kopf so gedacht haben, als er diesen Plan ausgeheckt hat Bis heute funktioniert das leider auch :-/

Ich finde es schön, dass du jemanden gefunden hast, der für dich da ist und dich genauso nimmt, wie du bist - ich finde das so unendlich wichtig und stärkend!

Liebe Grüße

15.01.2018 17:02 • #19


Zitat von MaedchenNr1:
Medikamente und ich vertragen uns seit ein paar Jahren irgendwie nicht mehr so gut - ich hab bspw. mit Fluoxetin richtig schlimme Erfahrungen gemacht. Das war so krass, dass ich dann zum ersten und hoffentlich letzten Mal in meinem Leben in die Psychiatrie musste und keiner hat dieses Medikament als Ursache auf dem Schirm gehabt. Erst als ich es abgesetzt habe, ging es mir wieder besser. Seitdem bin ich viel vorsichtiger mit ADs...


Ich habe auch unschöne Erfahrungen mit Medikamenten gemacht,letztlich haben sie mich aber am Ende doch gerettet:

Ich bekam Sertralin und davon bin ich richtig ausgeflippt und ab in die Psychiatrie für 2 Monate.
Und das ,obwohl Sertralin ein sehr verträgliches AD sein soll aber jeder Körper reagiert halt anders und mir ging es VOR der Einnahme schon unterirdisch,da hat es mir wohl einfach nurnoch den Rest gegeben...

Lyrica gehört zu der Gruppe der Antikonvulsiva also eben KEIN Antidepressivum oder Neuroleptikum also ganz andere Wirkungsweise.
In der Einschleichphase war es nicht einfach (die hat stationär stattgefunden) : ich war dauermüde,leichter Schwindel,Gefühl wie "Watte im Kopf" und unruhige Beine sowie Kribbeln in den Füssen.
Nach 3 Wochen hörten die Nebenwirkungen Stück für Stück auf und die eigentliche angstlösende Wirkung setzte ein: ich war erlöst....
Ein Arzt in der Psychiatrie hat mir gesagt,Lyrica sei DAS Medikament gegen Ängste.
Es birgt allerdings auch ein gewisses Abhängigkeitspotential aber lange nicht so stark wie Tavor (das ich dank Lyrica absetzen konnte).

Verlustängste hab ich auch sehr stark.
Wechselt sich aber ab mit dem Bedürfnis "wegzulaufen",zur Zeit ist zum Glück Ruhe eingekehrt.

Ja,die Angst hat viele Gesichter und sucht sich immer neue Wege.
Ich wünsche Dir sehr,dass Deine Krankheitsängste bald weniger werden.

15.01.2018 19:24 • x 1 #20



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