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Zwilling81
Hallo Zusammen!
Bin neu hier und hoffe, so viele Leidensgenossen zu finden, mit denen man sich über seine Ängste und Gefühle austauschen kann, ohne dass man von Anderen für "verrückt" erklärt wird. Ich bin 34 Jahre alt, verheiratet, Mutter von 3 Kindern, berufstätig (derzeit allerdings krank geschrieben). Im November ging es los. Ich lag im Bett und hatte das Gefühl, dass mein Herz stehen bleibt, weil ich ständig wenn ich kurz vorm Einschlafen war, wirklich das Gefühl hatte, dass mein Herz aufhört zu schlagen. Ich stand also auf und es ging los...Ich fing an zu zittern, mein Herz klopfte so stark, dass ich das Gefühl hatte, es kommt zum Hals raus, ich bekam Hitzewallungen, mir wurde schwindelig. Ich ging zu meinem Mann und sagte ihm, dass irgendwas mit mir nicht stimmte. Er versuchte mich zu beruhigen, bekam aber auch Panik. Wir fuhren also ins Krankenhaus. Dort angekommen ging es mir schnell wieder besser. Es wurde lediglich diagnostiziert, dass ich dehydriert war (ich hatte am Tag vorher eine Diät gestartet und hatte viel Kaffee getrunken, weil er mich satt macht-deswegen hatten die Ärzte gesagt war ich dehydriert). Ich bekam eine Infusion und konnte nachts um vier nach Hause. Ich stand um 6 wieder auf und ging ganz normal arbeiten. Wirklich gut ging es mir natürlich nicht. Dann fing das Kribbeln und das Brennen an. Immer abwechselnd, mal im Arm, dann brannte mein ganzer Kopf. Ich bekam Kopfschmerzen. Es fühlte sich an, als ob ich ein Band um den Kopf hatte, welches sich immer mehr zuzog. Ich wusste, dass ich schwer krank sein musste und die Panikattacken fingen an, die ich damals aber nicht als solche erkannte, sondern als Symptom meiner "Krankheit". Ca. 1 Woche später war ich arbeiten. Ich fühlte schon auf der Arbeit, dass es mir immer noch nicht gut ging. Ich hatte Feierabend und musste meinen Sohn von der Schule abholen. Schon im Auto bekam ich Angst. Nachdem ich meinen Sohn im Auto hatte, ging es richtig heftig los. Mein Kopf brannte, mein Arm wurde taub, meine rechte Gesichtshälfte spürte ich nicht mehr und meine Beine wurden weich, so dass ich weder bremsen noch Gas geben konnte. Ich stellte sofort das Auto ab und rief meinen Mann an, der mich sofort ins Krankenhaus brachte, weil ich wusste, dass ich einen Schlaganfall hatte. Dem war natürlich nicht so. Nach einem Kopf CT wurden auch Blutungen und Entzündungen ausgeschlossen. Ich wurde auf den Kopf gestellt. Nach 2 Tagen KH Aufenthalt mit der Diagnose Migräne mit Aura nach Hause. Wollte ich natürlich nicht glauben. Ich sagte meinem Hausarzt, dass ich bestimmt was Schlimmeres hätte, die Ärzte im KH das aber bestimmt nicht erkannt hätten. Ich habe nicht viel Arztvertrauen, weil ich meine Mutter meiner Meinung nach wegen Arztversagen vor 2,5 Jahren begraben musste im Alter von 52 Jahren, also bekam ich von meinem Hausarzt eine Überweisung zum Neurologen und zum Kopf MRT. Ich musste 3 Wochen auf beide Termine warten. Mein Arzt verschrieb mir Opipramol, die ich sporadisch nahm, weil ich auch Angst vor Tabletten hatte. In dieser Zeit bekam ich täglich Attacken. Ich entwickelte Ängste vor allem- davor schwer krank zu sein, zu sterben, meine Kinder nicht aufwachsen zu sehen, meinen Mann alleine zu lassen, etc. Dann kam der MRT Termin. Es stellte sich natürlich nichts heraus, außer einer chronischen Nasennebenhöhlenentzündung. Ich setzte die Tabletten ab, weil ich auch starke Ängste vor den Tabletten entwickelte. Am nächsten Abend ging ich nach langem Überlegen auf die Weihnachtsfeier meiner Arbeit. Es tat gut, meine Kollegen zu sehen die ich mochte, weil ich ja schon 4 Wochen krank geschrieben war. Nachdem mein Chef dann ein paar blöde Sprüche "ganz nebenbei" wegen meiner Krankheit erwähnte, damit er meiner Kollegin einen Blumenstrauß überreichen konnte, weil sie für mich eingesprungen war (meine andere Kollegin bekam aber keinen, die auch eingesprungen war), verließ ich die Feier. die Attacken wurden schlimmer. Am nächsten Tag (Sonntag) hatte ich das Gefühl verrückt zu werden vor lauter Angst. Sie ging nicht mehr weg. Immer dieses Angstgefühl machte mich wahnsinnig. Ich sagte meinem Mann dass ich so nicht weiterleben wollte. Am nächsten Morgen ging ich zu meinem Hausarzt der auch Psychotherapeut ist und erzählte ihm von dem anhaltenden Gefühl und bekam bei ihm einen "Anfall". Er frug mich, ob ich in eine Klinik wollte. Ich willigte ein, weil ich Angst hatte, dass ich durchdrehe. Dort angekommen wurde es die ersten Tage schlimmer- ich habe auch eine schlimme Krankenhausphobie. Das Angstgefühl war ständig da. Nachts bekam ich noch Panikattacken. Ich sollte Tabletten nehmen, lehnte sie aber ab. Ich willigte aber nach 2 Wochen ein, weil es nicht mehr auszuhalten war. Ich hatte vor allem Angst. Vorm Aufstehen, vor dem Anziehen, allgemein vor dem Leben. Über Weihnachten und Silvester durfte ich nach Hause. Auch davor hatte ich dann Angst. Ich kam zuhause vor lauter Angst gar nicht klar. Es kam ein Depersonalisierungsgefühl hinzu. Bis dahin wusste ich gar nicht dass es so etwas gibt. Also hatte ich Angst, dass ich verrückt werde oder schizophren werde. Weihnachten war für mich der reinste Horror. Ich habe nur geweint und hatte Angst. Teilweise wusste ich nicht wo vor ich Angst hatte. Ich hatte teilweise auch Angst vor mir selbst- ich bekam wirre Gedanken. Dachte darüber nach, ob ich so viel Angst entwickeln würde, dass ich durchdrehe und mir was antun könnte und bekam vor meinen eigenen Gedanken Angst. Also willigte ich danach ein, Tabletten zu nehmen. Dieses Angstgefühl war nicht mehr auszuhalten. Ich bekam Lyrica. Morgens 75 mg und Abends 75 mg. Nach 3 Tagen morgens 150 mg und abends 150 mg. Ich muss sagen, dass das meine Rettung war. Das krasse Angstgefühl verschwand nach der 2. Tablette. Ich war selig und schnell wieder relativ bei mir. Die Nebenwirkungen waren zwar heftig (Trunkenheitsgefühl, Schwindel etc) aber immer noch besser als Angst. Ich wurde also am Mittwoch entlassen, weil ich relativ stabil wirkte. Ich nehme jetzt Pregabor (die günstige Variante von Lyrica) und habe am Dienstag einen Termin bei meinem Arzt, weil ich mit ihm ambulant weiter machen möchte mit Gesprächstherapien. Ich habe eine schwere Vergangenheit mit vielen Schicksalsschlägen in den letzten 3 Jahren (Tod von Oma, Mutter, Krebserkrankung von Tante, Trennung und Wiederversöhnung vom Partner, Selbstvorwürfe etc.) und weiß in etwa, woher meine Ängste rühren, hätte aber nie gedacht, dass es so eine Erkrankung gibt. Ich kannte Panikattacken von mir und damals meiner Mutter, aber dass es so etwas gibt mit den ganzen Nebenerscheinungen ist mir neu. Sorry für den langen Text. Aber ich hoffe, das ich dadurch genau beschreiben kann, woran ich leide und mich dadurch mit Leidensgenossen austauschen kann.

LG Katrin

10.01.2016 19:21 • 10.01.2016 #1


3 Antworten ↓


siri
Hallo Zwilling81,

ein ganz herzliches Willkommen hier im Forum. Schön, dass du dich hier angemeldet hast.

Ich bin mir sicher, du wirst hier viele Menschen finden, denen es genauso geht wie dir.
Ich selber leide ebenfalls an einer generalisierten Angststörung und Somatisierungsstörung.
Es tut gut, zu wissen, dass man nicht alleine ist und viele hier nachvollziehen können, wie es sich anfühlt, unter massiven Ängsten zu leiden.

Ganz herzliche Grüße

siri

10.01.2016 19:34 • #2



Depersonalisierung Gefühl und Krankenhausphobie

x 3


Zwilling81
Danke Dir Siri

10.01.2016 19:37 • #3


Vergissmeinicht
Hallo Zwilling,

lasse Dir ein ganz liebes Hallo da und begrüße Dich somit bei uns ganz herzlich.

Selten habe ich so eine gute und detaillierte Angstbeschreibung gelesen. Das mit dem Lyrica ist total in Ordnung und würde sie tunlichst weiter nehmen. Es ist ein neuerliches Antidepressivum.

Du schreibst ferner selber, eine schlimme Vergangenheit gehabt zu haben; viele Verluste ... und da wunderst Du Dich?!

Letzzlich hast Du allem in allem schnell gehandelt und sogar schon einen Theratermin. Besser kann es in dem Bereich nicht laufen und drücke Dir dolle die Daumen.

Schön, Dich bei uns zu wissen.

Kleiner Tipp. Bei langen Texten ab und an mal einen Absatz einbauen; liest sich ein wenig einfacher.

10.01.2016 19:53 • #4




Dr. Christina Wiesemann