Zitat von gertrud39: Kann das in diesem Fall sein, das ich überall aktiv war und überall meinem Körper und Geist überberlastet habe und jede Tätigkeit die ich ausgeübt habe war mit der Atmung im Bezug, das der Zwang wie du so gut sagst Objekt der Wahl des Geistes wurde und als ich dann endlich mal im Juli 2021 in den Ferien gehen konnte - hat der Geist eingeschaltet…
Das war mein Verdacht, ja. Und Du formulierst es so nachvollziehbar aus, dass ich denke, damit liegen wir beide richtig und wir können als Arbeitshypothese den
Atem als
gewähltes Objekt mal festhalten.
Dazu folgendes als Grundlage:
Jedes Objekt (hier: Atmung) braucht ein Subjekt (Ich), das sich auf dieses bezieht. Ohne Gertrud als
Erlebende ist die Atmung sozusagen nicht existent. Das gilt für sämtliche Sinneseindrücke: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Berührung
und Gedanken (an bereits erfahrende Sinneskontakte).
Beispiel Atmung: Sie ist, wie viele körperliche Vorgänge, eine Mischung aus mehreren Sinneskontakten:
1. Berührung (Luft berührt die Nase, die Luftröhre, die Lunge; Blut wird mit Sauerstoff versorgt etc.).
2. Sehen (ich kann die Atmungsaktivität des Körpers sehen).
3. Riechen (je nachdem, welcher Geruch gerade vorherrscht)
4. Evtl. Geistesobjekte (= Gedanken an die Funktion des Atmens, die Bestimmung, ob z. B. die Ausatmung länger als die Einatmung ist; sogar das sogenannte Wissen, was denn Ein- und Ausatmung ist, ist lediglich eine
gelernte Interpretation!)
Das bewusste Erleben von Atmung ist also eine zutiefst subjektive Angelegenheit. Und damit sehr anfällig für Manipulation durch den Geist. Was jedoch hinzukommt ist, dass die Atmung in diesem Zuge ebenfalls den Geist sozusagen re-manipulieren kann, denn - Achtung!: -
Subjekt (Geist) und Objekt (Atmung) bedingen sich gegenseitig! Nicht umsonst beschleunigt sich z. B. die Atmung, wenn wir unter geistigem Stress stehen!
Du hast diesen Fakt selber bereits gut erkannt, indem Du sagtest, Dein Problem der Atemfokussierung sei immer dann aktiv, wenn der Geist nicht vollumfänglich mit etwas anderem (z. B. Fußballspielen) beschäftigt ist. Überspitzt gesagt: Gefühlt kennt der Geist nur zwei Zuwendungszustände - 1. Atmung
oder 2. etwas Anderes. Er unterteilt sie deswegen nur so grob, weil Nr. 1, die Atmung, soviel Raum einnimmt. Das stimmt zwar, aber wir haben eben gelernt, dass es der
Geist ist, der ihr
Raum (= Bedeutung) schafft.
Daraus folgt, dass es im tatsächlichen Sinne keine Zwangserkrankung ist, sondern lediglich
überproportionale Achtsamkeit auf jene
Kombination aus Sinneseindrücken, die wir gemeinhin Atmung nennen.
Ich hoffe, dass das so weit verständlich und wirklich nachvollziehbar für Dich ist? Es bedarf mit Sicherheit einer mehrmaligen Erwägung um zu erkennen, weshalb nun folgende Kontemplation Sinn machen könnte. Als Einstieg möchte ich gleich Deine Gedanken als Übungsfeld aufnehmen:
Zitat von gertrud39: Ich vertraue meinem Körper und bewundere meinen Körper zu welcher Leistung er fähig ist, was mein Körper alles durchmachen musste und wie er immer noch funktioniert.. Wie kann ich meinem Körper etwas gutes Schenken? Indem ich dem Körper Ruhe gebe? Aber wenn ich mental so auf Trab bin, kann sich mein Körper trotzdem beruhigen? Genügt das sozusagen nicht?
Betrachte nun diese Aussage, diese Einstellung, diese Wahrnehmung gegenüber Deinem Körper (= Objekt!) nun unter dem Lichte des oben Gesagten.
- Indem Du diesen Körper bewunderst, stellst Du ihn auf einen Sockel, der eine
reine Interpretation darstellt.
- Indem Du ihm Leistung zusprichst,
personalisiert Du ihn unterbewusst,
trennst ihn sozusagen von Dir (und Dich von ihm).
- Das Funktionieren entspringt unserem abendländischen, doch noch relativ mechanistischen Weltbild (Körper = Maschine). Eine Maschine jedoch bedarf der Wartung, der Sorge; ist anfällig für Fehler, Defekte und Ausfall.
Und daraus folgen Deine (natürlich lobenswerten! ) Absichten: Ihm Gutes, Zuwendung und Ruhe zu schenken.
All diese Interpretationen und Absichten
hören sich zwar nachvollziehbar und vernünftig an,
sind aber - wenn Du es unter den o. g. Aspekten betrachtest, absolut unzutreffend weil
spaltend (dualisierend). Die Folge der (geistigen, interpretativen!) Erschaffung
meines Körpers ist die
Angst um ihn und die
Notwendigkeit, sich um ihn zu kümmern. Und
genau hier setzt der
Fokuszwang auf die Atmung ein, weil sie - wie wir oben herausgefunden haben - die
akut definierte Schwachstelle ist.
In Wirklichkeit ist gerade die Atmung gar keine Schwachstelle. Im Gegenteil - die Atmung ist eine der zuverlässigsten Organe des Menschen. Da die Atmung schwer zu fassen ist, gilt sie für viele Meditationslehrer als Schnittstelle zwischen Körper und Geist. Und gerade
weil Du derzeit auf ihn sehr stark fokussiert bist, würde ich eher
nicht dazu raten, diesen Fokus zu
bekämpfen, sondern ganz im Gegenteil, von der reinen Konzentration auf die o. g.
reine Betrachtung umzuschalten. Konzentration ist nämlich idR relativ wertlos, weises Betrachten hingegen schafft Einsicht und diese wiederum Frieden.
Über das Wochenende versuche ich eine ausführliche Kontemplation dazu begrifflich zu machen. Vielleicht genügt Dir vorab das Bisherige, um schon mal eine Ahnung davon zu kriegen, wo die Reise hingeht (bzw. wohin sie zurückkehrt...).
Zitat von gertrud39: Danke!
Gerne!
PS Über mein Profil / Meine Themen findest Du einen Sammelthread Kontemplation. Dort habe ich im ersten Beitrag erklärt, was Kontemplation ist und kann. Vielleicht magst Du Dir das vorab in Ruhe mal durchlesen - als Einstimmung sozusagen