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Werte Psychic-Community,

lange dachte ich, mein Leben hätte sich endlich in die richtige Richtung geändert, aber nun merke ich, dass das meiste doch nur Fassade war. Da mir diverse Psychologen und Psychiater in der Vergangenheit nicht wirklich in meinem Kernproblem Angst helfen konnten, versuche ich hier mal neue Anregungspunkte zu erlangen.

Aber erstmal kurz zu mir: Ich bin männlich, bin in meinen Mittzwanzigern, sehe laut meiner Umwelt recht gut aus, bin körperlich gesund und wohl auch recht sympathisch. Viele Frauen finden mich attraktiv und die meisten Mitmenschen kommen gut mit klar nach meinem Bauchgefühl zu urteilen. Nach außen hin führe ich laut Aussage meiner Freunde und Bekannten ein super Leben: Habe vor einigen Jahren mein Abitur gemacht und mich wider gesellschaftlicher Norm direkt zu studieren dafür entschieden viel zu reisen. Fast drei Jahre war ich seit dem im Ausland, immer wieder vom Arbeiten unterbrochen. Ich konnte vieles sehen und erleben, habe vieles persönlich erreicht und gelernt und dürfte verdientermaßen stolz auf das alles sein. Wenn da jetzt nur das Wörtchen Wenn nicht wäre. Denn ich gönne mir den Erfolg nicht und bin nicht zufrieden mit dem, als wäre es selbstverständlich all das getan zu haben.

Ebenso unterbrochen wurde der ganze Prozess mehrere Male von Psychiatrieaufenthalten. Der längste dauerte mit einigen Unterbrechungen (Drehtürprinzip) fast ein Jahr. Damals wegen akuter Suizidgefahr. Dieser letzte und längste Aufenthalt ist nun schon einige Zeit her und ich dachte endlich den Wendepunkt im Leben erreicht zu haben, doch nun stoße ich an einen Punkt, der alte Wunden wieder aufreißt. In Kurzform: Ich möchte gerne einen weiteren großen Schritt in meinem Leben gehen und weiß auch, welchen, nämlich die berufliche Selbständigkeit. Ich liebe Arbeiten, jedoch merke ich, dass 9-5-Jobs sowie das Unterordnen in Hierarchien bei egozentrischen Chefs einfach nicht meine Welt sind, da ich doch zu oft eigene Vorstellungen habe, diese aber mangels Berechtigung im Job nicht umsetzen kann. Bin halt doch nur die salopp gesagt doofe, ungelernte Kraft und was kann die schon wissen? Also hört man mir meist gar nicht erst richtig zu oder behandelt mich wie Vieh. Nur jetzt die Herausforderung: Aufgrund vermutlich elterlicher Erziehung und sonstiger Umwelteinflüsse hält sich immer noch die Überzeugung im Kopf: "Du bist nichts wert! Dein Leben ist egal! Du wirst es eh zu nichts bringen! Tu, was man dir sagt! Fall nicht negativ (i.e. wider gesellschaftlicher Normen) auf!" und all solche Dinge. Darum zöger ich in meinem Leben auch ständig alle Entscheidungen (und sei es einkaufen zu gehen) vor mich her und erledige sie erst, wenn ich aufgrund von Zeitmangel (oder um beim Einkaufen zu bleiben aufgrund von Hunger) nur noch eine Möglichkeit übrig habe, da ich mir selbst nicht wichtig genug bin, um proaktiv statt reaktiv zu handeln. Ein alter Psychologe von mir meinte mal, dass meine vielen Reisen in dieses Denkmuster nicht hineinpassen, denn dafür muss ich schließlich proaktiv handeln. So ganz erklären kann ich mir auch nicht, wieso ich keine Angst davor habe in ein fremdes Land mit unbekannter Kultur und unbekannter Sprache zu reisen. Eine gewisse Portion Naivität in dem Punkt, es wird schon nicht passieren, wurde mir scheinbar mitgegeben, nur kann ich das nicht auf das restliche Leben übertragen. Überall lauert Gefahr! Vermutlich durch meine Mutter indoktriniert, aber das ist eine andere Geschichte. Eine weitere Möglichkeit, warum ich keine Angst vorm Reisen habe, ist die Sicherheit in Form von Geld, das ich mir zuvor erarbeitet habe. Money talks und das überall auf der Welt. Notfalls bringt dich jeder für genug Geld in Sicherheit. Geld ist nicht alles, wenn man keine Möglichkeit hat es auszugeben, aber ich kenne jetzt niemanden, der freiwillig weniger haben möchte ohne einen anderen Ausgleich. Es bietet halt schon eine gewisse Stabilität bis zu einem gewissen Niveau. Alles darüber hinaus natürlich ist zwar nett, aber nicht nötig.

Auf der anderen Seite kann das Reisen auch nur eine Art Flucht und Ablenkung sein, um mich meinen wirklichen Problemen nicht zu stellen. Das merke ich jedes Mal, wenn die Reise vorbei ist und ich zurück ins Berufsleben gehe, um wieder finanziell überlebensfähig zu werden. Ich falle immer in eine Art Loch, bis mich die Arbeit wieder ablenkt. An freien Tagen geht es mir jedoch meist psychisch sehr schlecht und ziehe mich oft zurück.

Darum wäre eine Selbständigkeit in einem Fachgebiet, das mich interessiert, schön, damit ich nicht mehr allzu fremdbestimmt durch das Leben gehen muss und es am besten mit der Leidenschaft des Reisens kombinieren kann. Ist nicht leicht, aber möglich. Natürlich benötigt es Kunden, um eigene Produkte zu verkaufen, aber immerhin kann ich das Pensum selbst bestimmen. Jedoch schaffe ich es z.B. nicht Geld vorab zu investieren, da in meinem Kopf die Angst herrscht, es zu verlieren und ich verhungern könnte, auch wenn die Ausgabe nur ein winziger Bruchteil meiner vorhandenen finanziellen Mittel ist und die Angst rational betrachtet völlig unbegründet ist. Ich weiß das alles, aber die Angst gewinnt trotzdem und ist immer da. Ich traue mich einfach nicht und da das ständig bei vielen Dingen (soziale Interaktionen, Zukunftsvisionen, Zeitmanagement, Gesundheit) passiert, verliere ich mehr und mehr die Hoffnung, dass ich jemals genug Mut aufbringe, und das bringt alte Suizidgedanken wieder hoch. Ich stufe mich momentan aus eigener Erfahrung raus nicht als akut suizidal ein, denn ich liebe das Leben mittlerweile und will NICHT sterben. Leider sehe ich paradoxerweise, um weiteres Leiden zu vermeiden, auf lange Sicht keine andere Möglichkeit als zu sterben, wenn ich meine Versagensängste nicht besiegen kann, die mich schon mein Leben lang begleiten. Die Gewissheit weit unter meinen Möglichkeiten, was ich zu schaffen vermag, zu leben macht mich todunglücklich. Sei es nun im Beruf, andere Menschen um etwas zu bitten oder Frauen zu sagen, was ich für sie empfinde. Das mag jetzt Meckern auf hohem Niveau sein, denn ich weiß, wie es in ganz armen Regionen der Welt zugeht, weil ich selbst vor Ort war, wo Menschen ums Überleben kämpfen. Aber die mentale Einstellung dieser Menschen finde ich bewundernswert. Sie sind vielleicht nicht glücklich, aber sie machen das Beste aus ihrer Situation und beschweren sich nicht so viel wie wir im Westen. Und genau das ist der Knackpunkt bei mir: Zu wissen bestimmte Dinge tun zu können, aber es trotzdem nicht auf die Beine zu stellen, da ich aus irgendeinem Grund keinen Zugriff auf die mir bereits verfügbaren Werkzeuge habe, nagt am gesamten Lebenswillen, da mir das Leben dann doch zu egal ist, um nur tagein, tagaus für die nächsten 50 Jahre ein Leben im Büro zu führen. Das letzte war jetzt überspitzt gesagt, aber Ihr wisst, worauf ich hinaus möchte. Oder anders gesagt: Normalität interessiert mich nicht. Oder vielleicht suche ich gerade das? Ich weiß es nicht.

Vielleicht hat ja einer von Euch Anregungen zu dem Thema. Danke auf jeden Fall schonmal für Deine Zeit bis hierhin gelesen zu haben. Ich bin für jeden noch so kleinen Tipp hilfreich.

Liebste Grüße
Hans

12.07.2017 13:51 • 15.07.2017 #1


3 Antworten ↓


Icefalki
Mir fällt dazu was ganz Schräges ein. Biete Reisebetreuung für Angsthasen an. Oki, war ein Gedanke, der mich blitzartig gestreift hat, als ich dein Schreiben gelesen habe.

Ansonsten sag ich mal herzlich Willkommen hier im Forum.

Dein anderes Problem ist Einengung, denk ich mal ganz salopp.

12.07.2017 22:28 • #2



Versagensängste bringen Suizidgedanken wieder hervor

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Jessi-1202
Das Gerede nichts Wert zu sein kommt mir bekannt vor.
Genauso wie sich selbst nicht zu mögen bzw akzeptieren.

Aber hey...... Geh zum Spiegel. Schau dich genau an. Es dauert etwas bis man es sieht. Aber es ist da. Dein schönes 'Ich'

Ich finde es sehr mutig von dir auf Reisen zu gehen trotz der Ängste die du hast. Und das macht dich zu einer starken Person. Denn du bist mehr wert als das was andere dir ein geredet haben.

Ich schließe mich Icefalki an. Es sieht so aus als ob du auf Reisen das Gefühl der Freiheit hast. Alles ist anders. Bist du wieder im Lande dann hat doch die Realität wieder.

Ich habe zwar keinen großen Vergleich zu mir. Aber ich bin vor 3 Jahren das erste mal in den Urlaub geflogen. Trotz Angst und Panik. Neues Land. Keine Sicherheiten. Ich brauche immer Sicherheiten. Einen Plan B.

Ich musste mich auf meine Mitmenschen verlassen. Und das fällt mir sehr schwer. Aber was soll ich sagen?!
Ich war noch nie so frei. Habe mich noch nie so erholt wie dort. Ich fing an Plan B an die Seite zu legen. Es war einfacher als zu Hause. Erklären kann ich es mir auch nur damit das der kurzfristige Tapetenwechsel der Grund dafür ist.

Zu Hause angekommen ging es dann wieder in den alten Trott.

Vielleicht ist es auch das? Der alte Trott? Vielleicht brauchst du echt was anderes. Ich kenne das Gefühl als Arbeitnehmer die dumme Wurst zu sein. In letzter Zeit frage ich mich auch ob ich etwas besseres kann. Aber mit Kindern nicht so leicht. Ich träume davon was cooles zu machen. Speziell habe ich jetzt nichts im Sinn.

Auch habe ich die Gedanken aus zu wandern. Weg von hier. Meer...... Oder Berge..... Irgendwo wo ich jeden Morgen aufstehe und es liebe den Tag zu begrüßen. Aber die Angst davor ist riesig. Denn dafür braucht man mit Familie sicher mehr als einen Plan B.

Niemand ist es wert das du dein Leben dafür opferst. Sei es nun im seelischen Sinne oder aber Suizid. Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben! Niemand sonst kommt an erster Stelle.

Ich hoffe ich bin dir nicht zu nahe getreten. Wenn ja dann war dies nicht meine Absicht.

13.07.2017 21:29 • #3


Hey ihr zwei!

Danke Euch für eure Antworten. Ist definitiv etwas zum Darübernachdenken. Nehme ich mir zu Herzen. Danke Euch beiden.

Liebste Grüße
Hans

15.07.2017 16:18 • #4




Mira Weyer