@psychomum
Das, was Du da berichtest, ist leider eine typische Erfahrung. Besonders die Menschen, die schon lange betroffen sind, können ein Lied davon singen.
Inzwischen ist es besser geworden. Aber von gut kann keine Rede sein. Es hängt vom Zufall ab und davon, wie sehr man sich selbst in die Thematik eingearbeitet hat, ob man an der richtigen Stelle im System ankommt oder nicht. Und weil es so viele Betroffene gibt, sind die guten Adressen umkämpft.
Das Schlimme ist eben, dass es halt meistens lange dauert, bis es richtig diagnostiziert wird oder ganz übersehen wird. Früh und komplex Traumatisierte haben oft keine offensichtlichen PTBS-Symptome. Aber genau darauf ist der Psychiater und der Hausarzt getrimmt. Auch viele Therapeuten fragen die klassischen PTBS-Symptome ab und wenn die nicht vorliegen, dann meinen sie, es kann keine Traumafolgestörung sein. Und genau da ist der Denkfehler.
Wenn Traumata nicht richtig verarbeitet worden sind, dann kann alles zum Trigger werden. Auch Dinge, die scheinbar mit dem ursprünglichen Trauma nix zu tun haben, können zum Trauma gehören. PTBS ist da nicht linear. So dumm und plump und einfach arbeitet das Gehirn nicht. Die Leute meinen immer, man müsste als Opfer heulen und brüllen, vor Angst zittern, Alpträumen haben und wenn der Täter ein Mann mit Bart war, müsste man vor Männern mit Bart schreiend wegrennen. Aber so einfach ist es nicht. Z.B. kann das, was man während der Traumatisierung als 2. Sache wahrgenommen und abgespeichert wurde, ein lebenslanger Trigger sein. Und das kann alles sein! Wenn man in dem Moment in den blauen Himmel geschaut hat, kann blauer Himmel zum Trigger werden. Wenn in dem Moment extreme Hitze aufgetreten ist, z.B.bei einer Explosion bei einem Arbeitsunfall, dann kann z.B. die Wärmewand ein Trigger sein und man kann später in kein Kaufhaus im Winter mehr reinlaufen, ohne von Angst überrannt zu werden.
Das Problem ist oft, dass der Zusammenhang zu einem Trauma nicht mehr erkannt werden kann, weil der Trigger ein unspezifischer ist und für unser bewusstes Denken nicht logisch zum verursachenden Trauma zugehörig oder passend erscheint.
Die Psychiater sind fast alle durchgehend damit komplett überfragt. Bei den Therapeuten ist es besser, aber auch da haben ganz viele ordentlichen Nachholbedarf. Wenn es um sehr komplexe Fälle geht, müssen die meisten passen oder geben falsche Auskünfte, falsche Einschätzungen oder müssten schon wieder in aktuellere Fortbildungen.
Und die Betroffenen sind die Leidtragenden.
Die einzige Chance, die es gibt, ist, wenn sowohl die Profis als auch die Allgemeinbevölkerung und die Betroffenen immer besser informiert werden.
Ob Du in der neuen Klinik auf gute Leute stoßen wirst, das kann ich auch nicht wissen. Ich würde auf alle Fälle von Anfang an klar machen, dass ich Traumapatient bin und auch solche Dinge wie den Vortrag von Dr. Jan Gysi zeigen. Den wird dort keiner ganz anschauen. Aber dass man zumindest mal die paar Minuten, die für einen selbst passend und erklärend sind, vorführt, kann helfen, besser verstanden zu werden.
Es gibt ja auch Fachbücher etca. pp. Man sollte sich mit irgendwas eindecken, um neuen Behandlern zu zeigen, was da los ist. Ich habe mir von meinem Traumatherapeuten einen Befundbericht schreiben lassen, der 5 Seiten lang ist, der mittlerweile bei jedem wichtigen Behandler und beim Psychiater hinterlegt ist, damit ich wenigstens keine Fehldiagnose verpasst bekomme. Man muss sich echt schützen lernen. Man muss auch lernen, sich gegenüber Fachleuten argumentativ klar verständlich zu machen.
Im Laufe der Zeit lernt man dann, wie man mit allem und auch mit sich selbst umgehen muss. Dieses System wird nie so werden, wie es Menschen mit Traumata brauchen. Dh ich habe mich an dieses System angepasst und ich schaffe mir Helfer, die auf mich eingehen. Es ist aber ein Prozess. Die passen sich ein Stück weit an mich an und ich mich an sie. Anders klappt es nicht.
Und da, wo man gar nichts erreichen kann, da mache ich eben Kehrtwende und suche mir andere Ansprechpartner.
Man läuft da leider oft gegen Wände und man muss es halt so lange versuchen, bis man jemanden findet, der einem wirklich helfen kann und will.
Ich weiß auch nicht, wie weit es überall gediehen ist? Ich kenne die Szene hier und macherorts, manche Kliniken usw.... Aber ich kann ja nicht wissen, wie es überall in Deutschland zugeht. Ich könnte mir schon vorstellen, dass das regional und je nach Bundesland auch noch mal sehr massive Unterschiede geben kann. Bei uns hier ist zum Glück die Kassenärztliche Vereinigung und die LPK sehr fortschrittlich. Aber das hat auch gedauert. Ich habe mich auch mehrfach qualifiziert an allen möglichen Stellen beschwert und man muss das auch, sonst schlafen die alle weiter mit offenen Augen.