YamiVT
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ich weiß ehrlich gesagt gar nicht so richtig, wo ich anfangen soll. Ich schreibe hier, weil ich hoffe, Menschen zu finden, die vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben und verstehen können, wie sich so etwas anfühlt.
Ich bin 36 Jahre alt und lebe aktuell wieder in Wien. Vor einigen Wochen bin ich aus Deutschland zurückgekommen. Dort habe ich mit meiner Freundin zusammengelebt. Ich bin damals zu ihr gezogen, weil ich mit ihr zusammen sein und mir endlich ein eigenes gemeinsames Leben aufbauen wollte.
Leider hat es finanziell, mit Arbeit, Versicherung und meiner allgemeinen Situation nicht so funktioniert, wie ich gehofft hatte. Deshalb musste ich wieder zurück nach Wien.
Seitdem geht es mir psychisch sehr schlecht.
Ich vermisse meine Freundin nicht einfach nur im normalen Sinn. Ich vermisse unser gemeinsames Leben, die Nähe, zusammen aufzuwachen, gemeinsam einzuschlafen, einfach zu wissen, dass sie neben mir ist. Wir sind weiterhin zusammen, verbringen viel Zeit im Discord, spielen zusammen und reden miteinander. Es ist also nicht so, dass sie aus meinem Leben verschwunden wäre.
Trotzdem tut mir die räumliche Trennung unglaublich weh.
Anfangs hatte ich starke Angst, dass ich sie verlieren könnte. Mittlerweile ist meine größte Angst aber eigentlich eine andere:
Was ist, wenn ich es nie schaffe, mein Leben so aufzubauen, dass ich wieder zu ihr zurückkann?
Diese Angst trifft bei mir wahrscheinlich auch auf eine Lebensgeschichte, die schon lange schwierig ist.
Ich bin ein Trennungskind. Meine Eltern waren nicht wirklich gemeinsam für mich da. Meine Mutter konnte mir in vielen Dingen nicht wirklich helfen und mein Vater hat mir über viele Jahre immer wieder vermittelt, dass ich krank sei, dass ich nicht belastbar sei und dass ich eigentlich nicht arbeiten könne.
Ich habe das sehr lange geglaubt.
Dadurch habe ich bis heute keinen Schulabschluss, keine Ausbildung und praktisch keine Berufserfahrung. Ich habe nie richtig gelernt, mir ein eigenes Leben aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen und Vertrauen darin zu entwickeln, dass ich etwas schaffen kann.
Heute merke ich, wie sehr mich das belastet.
Ich will meinem Vater nicht einfach für alles die Schuld geben. Aber ich merke, dass diese jahrelange Botschaft – „du kannst das nicht, du bist krank, du bist arbeitsunfähig“ – sehr tief in mir sitzt.
Jetzt bin ich 36 und habe das Gefühl, dass ich die Konsequenzen davon ausbaden muss.
Ich möchte arbeiten. Ich möchte mein eigenes Geld verdienen. Ich möchte selbstständig werden. Ich möchte wieder ein Leben mit meiner Freundin aufbauen.
Aber gleichzeitig habe ich ständig Angst:
Was ist, wenn ich es einfach nicht schaffe?
Was ist, wenn mich niemand einstellt?
Was ist, wenn ich psychisch wieder zusammenbreche?
Was ist, wenn ich alles versuche und trotzdem wieder scheitere?
Genau diese Gedanken lösen bei mir inzwischen richtige Angstwellen aus.
Ich merke die Angst sehr stark körperlich. Ich werde innerlich extrem unruhig, teilweise zittere ich, habe Druck in der Brust und das Gefühl, als würde emotional etwas in mir überlaufen. Ich muss dann oft weinen. In Armen und Beinen habe ich teilweise einen starken Bewegungsdrang. Gleichzeitig bin ich oft völlig erschöpft und müde.
Das Merkwürdige ist, dass es in Wellen kommt.
Manchmal geht es mir für einige Stunden oder sogar fast einen ganzen Tag relativ gut. Dann reicht plötzlich eine Erinnerung an die Zeit mit meiner Freundin oder ein Gedanke an unsere Zukunft und meine Stimmung kippt innerhalb kurzer Zeit komplett.
Vor kurzem war ich etwa zwei Stunden mit meiner Mutter spazieren und eigentlich ging es mir währenddessen ganz okay. Dann musste ich plötzlich daran denken, wie meine Freundin und ich früher zusammengewohnt haben. Auf einmal kam dieser Schmerz wieder so stark hoch, dass ich zuhause im Bett lag und meine Hände wieder gezittert haben.
Besonders morgens ist es oft schlimm. Ich werde wach und mein Körper scheint teilweise sofort auf Alarm zu gehen. Früher habe ich direkt überprüft, ob meine Freundin noch im Discord ist. Ihre Stimme beruhigt mich sehr, aber inzwischen kommen die Angstwellen teilweise sogar dann, wenn sie bei mir im Call ist.
Das zeigt mir inzwischen auch, dass es nicht nur darum geht, ob sie gerade da ist oder nicht.
Mein Körper scheint einfach dauerhaft unter Spannung zu stehen.
Dazu kommt, dass ich durch die ganze Belastung kaum noch Appetit hatte. Essen fällt mir teilweise richtig schwer und ich habe in ungefähr drei Wochen rund 10 kg verloren. Ich versuche inzwischen wieder bewusst kleine Portionen zu essen, weil ich merke, dass mein Körper Energie braucht.
Gleichzeitig habe ich Morbus Crohn, wodurch mich körperliche Veränderungen natürlich zusätzlich verunsichern.
Meine Mutter macht sich große Sorgen um mich. Sie will, dass ich wieder normal esse und erinnert mich oft daran. Ich weiß, dass sie es gut meint, aber wenn sie mich ständig damit konfrontiert, werde ich teilweise extrem angespannt und wütend.
Das Verhältnis zu meinen Eltern beschäftigt mich ohnehin sehr.
Meine Mutter war früher zwar da, aber sie konnte vieles nicht auffangen oder verändern. Mein Vater hat mir dagegen sehr stark dieses Bild vermittelt, dass ich krank und nicht arbeitsfähig sei.
Jetzt stehe ich gefühlt vor den Folgen davon und muss mir Dinge mit 36 erst beibringen, die andere vielleicht viel früher gelernt haben.
Ich bin inzwischen beim Psychosozialen Dienst in Betreuung und habe auch Kontakt zu einer Sozialarbeiterin. Gemeinsam wird geschaut, was beruflich und sozial für mich möglich ist.
Zusätzlich wurde mir Sertralin verschrieben. Ich hatte und habe große Angst vor Antidepressiva, besonders davor, dass sie meine Persönlichkeit verändern oder meine Gefühle beeinflussen könnten.
Momentan nehme ich nur eine niedrige Einstiegsdosis. Gerade jetzt am Anfang habe ich allerdings starke innere Unruhe, Zittern und Bewegungsdrang. Deshalb bin ich mit dem behandelnden Team in Kontakt und möchte die Dosis nicht einfach selbst erhöhen.
In meiner schlimmsten Phase hatte ich auch Gedanken in Richtung „wenn ich es niemals schaffe, wieder ein gemeinsames Leben mit meiner Freundin aufzubauen, ist mein Leben nichts mehr wert“.
Aktuell habe ich keinen konkreten Plan oder Drang, mir etwas anzutun. Ich bin in Betreuung und versuche wirklich, aus dieser Situation herauszukommen.
Mein größter Wunsch ist eigentlich sehr einfach:
Ich möchte wieder ein normales Leben führen können.
Ich möchte arbeiten.
Ich möchte unabhängig werden.
Ich möchte lernen, mir selbst zu vertrauen.
Und ich möchte irgendwann wieder mit meiner Freundin zusammenleben.
Ich möchte aber nicht einfach aus Angst zu ihr zurücklaufen und dann nach ein paar Monaten wieder vor den gleichen Problemen stehen.
Ich möchte es diesmal schaffen.
Und genau davor habe ich gleichzeitig so große Angst.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich gerade zum ersten Mal in meinem Leben wirklich versuche, selbst Verantwortung für mein Leben zu übernehmen – und gleichzeitig habe ich nie gelernt, wie man das eigentlich macht.
• • 01.09.2026 x 2 #1
