✔ Bereits empfohlene Antwort
Lieber Edgar,
Ich denke auch das was du schilderst ist sehr normal.
Es erinnert mich ganz gut an meine eigne komische Phase nach Abschluss der Therapie. Ich war zwar gesund, also ich hatte keine Panikattacken in dem Sinne mehr das sich dachte ich sterbe davon oder muss jetzt den Krankenwagen rufen nur weil mein Herz stolpert. Ich wusste dass das nur meine Seele ist die nach Hilfe ruft und dass die gelernt hat dass sie auf die Art und Weise viel Aufmerksamkeit bekommt. Und durch meine vorhergehende Panikzeit hatte meine Seele wohl das Gefühl sie müsste wegen jedem Mückenschieß Aufmerksamkeit verlangen
Jedenfalls hatte ich in der Zeit danach oft kleinere oder größere Anfälle, wie du es schreibst. Keine richtige Attacke, aber normal eben auch nicht. Etwa nach körperlicher Anstrengung schlug mir plötzlich das Herz bis zum Hals. Oder vor einem Vortrag auch wieder. Manchmal auch wenn ich wo zu Besuch war oder an der Kasse. Das war keine Attacke per se, aber mir war ganz heiß, das Herz hämmerte wie verrückt, und das war einfach unangnehm. Ich hab dann jedes Mal überlegt was nun mein Problem ist, wieso ich solchen Stress habe in diesen Momenten. Wenn der Stress sich vermeiden ließ hab ich ihn vermieden. Wenn er nicht vermeidbar war hab ich mir gesagt: "Sorry, aber da musst du jetzt eben durch, egal wie sich das anfühlt."
Das hat die Angst dann auch irgendwann kapiert.
Wie du auch dachte ich dann das ginge jetzt wieder los, vielleicht würde ich nie gesund. Ich hatte ja hier im Forum von Leuten gelesen die sich jahrelang mit der Krankheit rumschlagen. Ich hatte Angst ebenfalls so zu enden.
Was mir half war:
- Viel Aktivität suchen, viel ablenken, viel unterwegs sein.
- Ganz normal weiter machen wie bisher, bloß nicht wieder in alte Vermeidungsmuster fallen.
- Weiterhin meine PME geübt die ich vom Therapeuten hatte. Ich hab zweimal täglich für absolute Entspannung gesorgt und hab meditiert. Mich weiter auf das bewusste Entspannen konditioniert. Mittlerweile kann ich es so gut dass es fast immer und überall anwendbar ist, und zwar in sehr kurzer Zeit. Aber dazu muss man es vorher üben.
- Listen gemacht: Was hab ich schon erreicht im Vergleich zu früher? Ruhig auch winzige Kleinigkeiten aufschreiben, etwa "nicht mehr den Arzt rufen wenn das Herz pumpt" und sowas. Da hab ich zum ersten Mal gesehen wie viel ich eigentlich schon konnte. Daraus hab ich den Schluss gezogen: Japp, der Rest wird nach dieser Hölle die ich schon hinter mir hab ein Klacks
- Akzeptieren dass im Gehirn eben kein Schalter existiert mit dessen Hilfe man die Angst an oder ausschalten kann, sondern dass das Gehirn komplexer ist. Bis heute verstehen die Neurologen ja nicht so recht wie das wirklich funktioniert. Also die chemischen Botenstoffe und so, das ja. Aber Seele, Bewusstsein, all solche Sachen versteht man bis Heute nicht. Die Angst hat der Kopf gelernt, über Monate hinweg praktiziert und aus der Trickkiste geholt wenn was nicht stimmte. Das ist wie eine Konditionierung, aber eine unerwünschte. Bis man das wieder aus dem System hat, das dauert einfach.
Vielleicht hast du ja einen Hund oder kennst dich damit aus. Wenn der immer auf der Couch schlafen durfte und du bist dann mal dort und musst auf den aufpassen und versuchst dem beizubringen dass er das zwar gewohnt ist, aber jetzt bei dir eben nicht darf - das dauert auch eine gaaaanze Weile. Weiß ich aus leidvoller eigener Erfahrung.
Und so ist es mit der Angst wohl auch, sehr vereinfacht ausgedrückt.
Wenn du's so willst versucht dein Körper eben immer noch die gleiche alte Laier die er von früher noch kennt, ganz ungeachtet der Tatsache dass du eigentlich weißt dass es Quatsch ist. Aber was wir bewusst wissen, und was unterbewusst abgeht, das sind leider zwei Paar Schuh.
Kurzum: Bei mir half bloß Aussitzen. Mit der Zeit hat mein Körper dann begriffen dass er die Angst nicht mehr braucht. Dass ich schon wieder gut auf mich achte und für Ausgleich sorge. Aber dass es eben auch unangenehme Situationen gibt, in denen er aber dann nicht gleich um Hilfe schreien muss. Ich fand's immer hilfreich mir die Angst als horröses Monster mit einem kleinen Briefchen in den Klauen vorzustellen. Nicht wirklich bösartig, sondern nur penetrant und darauf bedacht eine Nachricht aus dem Unterbewusstsein zu übermitteln.
Bis die Angst wirklich komplett weg war gingen bei mir nochmal einige Wochen, wenn nicht gar Monate ins Land.
Also sei etwas geduldiger mit dir selbst.
Du hast schon viel erreicht, viel hinter dir gelassen, deinen seelischen Müllberg Beiseite geschaufelt, nach und nach. Und der letzte Schritt, der wird auch noch kommen. Aber bis du das Gelernte wirklich verinnerlicht hast so dass die Angst überhaupt nicht mehr kommen mag wird noch einige Zeit vergehen müssen.
Was Anderes: Vielleicht stresst dich die Uni auch zu sehr. Ich hab mich kürzlich mit einer Freundin unterhalten. Wir hatten beide das Problem zu viele Seminare und zu wenige Vorlesungen belegt zu haben (Wir stellen uns den Plan selber zusammen) und hatten deswegen Beide Stress, die Nerven lagen blank, in der Familie hing der Haussegen schief weil wir so gereizt waren. Kann ja sein dass es sich bei dir anders äußert, durch die Angst. Wir haben uns jedenfalls darauf geeinigt unsere Stundenzahlen zu reduzieren und dafür ein Semester länger zu studieren. Und nun geht's uns wieder gut.
Liebe Grüße und einen guten Start ins Wochenende,
Bianca