App im Playstore
Pfeil rechts

Argonia

Argonia
Mitglied

78
8
99
Ich habe eine Angststörung, soziale Phobie und Depression. Leider lässt sich die Depression zu häufig blicken in der letzten Zeit.

Was für mich aber derzeit ein großes Thema ist, ist, dass ich mich so unglaublich einsam fühle. Seit über zehn Jahren bin ich von der Heimat weggezogen, weil ich studiert habe. In dieser Zeit hat sich auch die Beziehung zu meinem Freund entwickelt. Daher bin ich nie zurückgezogen. Dadurch gingen sehr viele Freundschaften verloren.

Entweder sind Freunde noch weiter weggezogen, haben Familie gegründet oder man hat sich auseinander gelebt. Von einem einst sehr großen Freundeskreis ist nichts mehr übrig geblieben. Nicht einmal eine beste Freundin.

Gelegentlich über die Jahre habe ich mich noch mit Freunden getroffen, aber seit einigen Jahren ist das komplett eingeschlafen. In der neuen Heimat konnte ich nie Fuß fassen. Ich habe immer wieder versucht, Freundschaften aufzubauen, aber es kam meistens nie wirklich eine Freundschaft zustande. Oder es waren Menschen, die mir nicht gut getan haben. Lange Zeit habe ich mich danach gesehnt Freunde zu finden.

Trotz meiner sozialen Phobie habe ich mich überwunden Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Damals war es auch noch nicht so schlimm wie heute. Alle, die mich kennen, schätzen mich sehr - so bekomme ich es immer wieder zurückgemeldet. Ich bin also keine Vollkatastrophe.

Ich verstehe mich gut mit den Freunden meines Partners. Aber ich zieh mich oft zurück, da mir die Unternehmungen zu langweilig sind und ich mich dabei sehr unwohl fühle, wenn ich einen Abend lang da langweilige Gespräche führen muss.

Ich bin nun 39 Jahre alt und in einem Alter, wo jeder Kinder und Familie hat. Kinder habe ich keine, weil mein Freund keine möchte, beziehungsweise Angst davor hat. Wir sprechen oft darüber. Fakt ist, dass ich nun einfach schon viel zu alt bin zum Kinderkriegen. Ich habe den Zeitpunkt im Leben verpasst, an dem ich hätte klären müssen, ob Familienplanung oder nicht. Dieses Thema belastet mich, weil es mir fehlt. Dahingehend habe ich bereits resigniert.

Insgesamt fühle ich mich total beschissen, weil ich weder beruflich Karriere mache, noch Kinder habe und einsam bin ich auch. Ich habe meine Hobbys und meine Tiere. Manchmal glaube ich, dass ich versagt habe.

Meine Familie ist übrigens auch schon ausgestorben, bis auf meine Mutter. Sehr oft habe ich Heimweh und eigentlich habe ich keine „Wurzeln“ mehr in der Heimat, die ich oft sehr vermisse.

Schon seit meiner Kindheit bin ich eher introvertiert und kann mich viel alleine beschäftigen. Ich habe viele Hobbys und Tiere. Das beansprucht meine Freizeit sehr und Langeweile kommt selten auf. Mir fehlt einfach Zugehörigkeit und Menschen, mit denen man eine schöne Zeit - die sich auch so anfühlt - verbringen, kann. Natürlich habe ich meinen Partner aber trotzdem fehlen mir einfach Freunde.

Ich frage mich, was noch kommt oder ob überhaupt noch etwas kommt. Muss ich jetzt bis an mein Lebensende den Alltag so vor mich hinleben? All diese Gedanken teile ich sehr oft mit meinem Freund, aber er kann eben auch nichts machen.

Wie geht es euch? Habt ihr aus dieser einsamen Abwärtsspirale herausgefunden?

24.03.2026 #1


2 Antworten ↓


Lucyf
@Argonia

Liebe Argonia,

Ja, ich war auch einmal in einer Abwärtsspirale aus Einsamkeit und depressiven Gedanken. Beides hat meine Sicht auf die Dinge so verzerrt, dass ich irgendwann nicht mehr erkennen konnte, was wirklich wahr ist.

Deshalb möchte ich dir Folgendes sagen:
Dein Leben ist erst zu Ende, wenn du tot bist. Es liegt an dir, wie es weitergeht – du kannst dein Leben selbst gestalten.
Was deinen Kinderwunsch angeht: Vielleicht ist es für ein eigenes Kind tatsächlich zu spät. Aber hast du schon einmal darüber nachgedacht, ein Pflegekind aufzunehmen? Das Leben ist voller Möglichkeiten – immer und in jedem Alter.
Es gibt viele Kinder und auch viele andere Menschen auf dieser Welt, die einsam sind. Menschen, denen du helfen könntest – und die dir vielleicht ebenfalls helfen können. Manchmal muss man nur den Mut finden, hinauszugehen und sie zu suchen.

Mit einer sozialen Phobie ist das natürlich besonders schwer. Aber auch dafür gibt es Wege und Unterstützung. Schritt für Schritt kann sich vieles verändern. Warst du bereits in Therapie und hast versucht deine Phobie zu verbessern?

Ich bin damals dort herausgekommen durch viel harte Arbeit an mir selbst. Ich habe gelernt zu verstehen was Einsamkeit und Depression sind, wo sie herkommen, was sie bewirken und wie ich gegenwirken kann.

Niemand kann dir helfen, so lange du dir selbst nicht hilfst. Du entscheidest mit welchen Menschen du dich umgibst, was du tust oder nicht tust um neue Menschen kennenzulernen und gute soziale Beziehungen aufzubauen, die dich aus der Einsamkeit herausholen können.

#2


R
Wenn man das liest, was du schreibst, merkt man sofort, wie viel sich da über die Jahre angesammelt hat. Es ist nicht nur eine einzelne Sache, die dich belastet, sondern viele Ebenen gleichzeitig: deine psychische Gesundheit, verlorene Freundschaften, Lebensentscheidungen, Einsamkeit, fehlende Orientierung. Dass sich das irgendwann wie ein großes, schweres Ganzes anfühlt, ist absolut nachvollziehbar.

Ich fange mal bei dem an, was du ganz am Anfang schreibst: Angststörung, soziale Phobie und Depression. Allein das kostet schon unglaublich viel Energie. Und wenn die Depression immer wiederkommt, entsteht schnell dieses Gefühl, nie wirklich stabil zu sein. Es ist nicht nur „es geht mir schlecht“, sondern auch dieses ständige Sich-wieder-aufrappeln-müssen. Und genau in so einer Situation wiegt Einsamkeit doppelt so schwer, weil dir ein emotionales Gegengewicht fehlt.

Bei deiner Einsamkeit merkt man aber auch: Es geht nicht einfach darum, dass niemand da ist. Du hast ja einen Partner, du bist nicht komplett isoliert. Was fehlt, ist etwas anderes – dieses Gefühl von echter Verbindung, von verstanden werden, von sich wirklich wohlfühlen mit jemandem. Das ist eine qualitative Einsamkeit, und die ist oft viel schmerzhafter
als einfach allein zu sein. Was du über deine Freundschaften schreibst, ist auch sehr typisch – und gleichzeitig sehr schmerzhaft. Du bist fürs Studium weggegangen, hast eine Beziehung aufgebaut, und währenddessen hat sich dein altes Umfeld langsam aufgelöst. Nicht durch einen klaren Bruch, sondern eher still und schleichend. Und irgendwann merkt man: Da ist nichts mehr, worauf man zurückgreifen kann. Das passiert vielen, wird aber selten so offen ausgesprochen.

Und das Wichtigste: Du hast es versucht. Du bist nicht einfach stehen geblieben. Trotz sozialer Ängste hast du dich überwunden, hast versucht, neue Kontakte aufzubauen. Dass daraus oft nichts Tiefes geworden ist oder dass du an die falschen Leute geraten bist, ist extrem frustrierend. Vor allem, weil es sich dann schnell so anfühlt, als würde es „an dir liegen“. Aber Beziehungen hängen nie nur von einer Person ab. Dass andere eine hohe Meinung von dir haben, ist interessant. Es zeigt, dass du nicht „schwierig“ oder „unbeliebt“ bist. Aber gleichzeitig kann genau das auch Distanz schaffen: gemocht zu werden ist nicht dasselbe wie wirklich gesehen zu werden. Man kann anerkannt sein und sich trotzdem innerlich allein fühlen.

Auch das mit den Freunden deines Partners sagt viel aus. Du kommst klar mit ihnen, aber es fühlt sich nicht richtig an. Du langweilst dich, fühlst dich unwohl bei oberflächlichen Gesprächen. Das wirkt so, als würdest du eigentlich nach tieferen, echteren Verbindungen suchen – und genau die sind schwer zu finden. Das ist kein Fehler von dir, sondern eher ein Hinweis darauf, was dir wirklich wichtig ist. Dann kommt dieses große Thema mit dem Alter und den Kindern. Da steckt viel Schmerz drin. Nicht nur, weil du vielleicht etwas verpasst hast, sondern auch, weil es sich so endgültig anfühlt. Und dass dein Partner da nicht auf deiner Seite ist bzw. selbst Angst hat, macht es noch komplizierter. Es ist nicht nur deine Entscheidung, und genau das kann dieses Gefühl von Kontrollverlust verstärken.

Der Gedanke „Ich bin zu alt“ wirkt sehr endgültig, fast wie ein Abschluss. Vielleicht ist es auch eine Art, mit dieser Unsicherheit umzugehen, sich selbst eine klare Antwort zu geben, auch wenn sie weh tut. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass wirklich alles vorbei ist – sondern eher, dass du gerade versuchst, mit einer schwierigen Realität klarzukommen. Wenn du sagst, du fühlst dich schlecht, weil du keine Karriere, keine Kinder und keine engen Freunde hast, dann misst du dein Leben an einem sehr klaren gesellschaftlichen Bild. Und im Vergleich dazu fühlst du dich „hinten dran“. Aber dieses Bild ist auch ziemlich eng. Es blendet vieles aus, was du sehr wohl hast: eine stabile Beziehung, Interessen, Selbstständigkeit, Durchhaltevermögen. Das sind keine kleinen Dinge, sie werden nur oft weniger sichtbar gemacht.

Der Verlust deiner Familie und dieses Gefühl, keine richtigen Wurzeln mehr zu haben, kommt noch dazu. Das ist ein ganz eigener Schmerz. Nicht nur Menschen fehlen, sondern auch ein Ort, an dem man sich emotional verankert fühlt. Dass du deine Heimat vermisst, passt total dazu. Gleichzeitig hast du eine starke Seite: Du kannst allein sein, du kannst dich beschäftigen, du hast Hobbys, du funktionierst im Alltag. Viele Menschen schaffen das nicht. Aber das ersetzt eben keine echte Verbindung – und genau da entsteht dieser innere Widerspruch: Du kommst klar, aber es fühlt sich trotzdem leer an.

Deine Frage am Ende – ob das jetzt für immer so bleibt – ist eigentlich der Kern von allem. Da steckt Angst drin, aber auch Erschöpfung. Und trotzdem: Allein dass du dir diese Frage stellst, zeigt, dass ein Teil von dir noch nicht aufgegeben hat. Vielleicht geht es gar nicht darum, plötzlich alles zu verändern oder „das perfekte Leben“ nachzuholen. Sondern eher darum, kleine Verschiebungen zuzulassen: dich in Umfelder zu begeben, die eher zu dir passen, Verbindungen langsam wachsen zu lassen, ohne Druck, und vielleicht auch deinen eigenen Maßstab ein bisschen zu hinterfragen.

Und vor allem: Das, was du fühlst, ist nicht einfach ein persönliches Versagen. Es ist das Ergebnis von Erfahrungen, Umständen und echten Bedürfnissen, die gerade nicht erfüllt sind. Es gibt keine schnelle Lösung dafür. Aber es ist auch kein festgeschriebenes Schicksal. Dinge können sich verändern – oft leise und langsam, nicht so, wie man es erwartet, aber trotzdem real. Und dass du das alles so klar ausdrücken kannst, ist kein kleines Detail. Da ist sehr viel Bewusstsein da. Und auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt, kann genau das irgendwann ein Ausgangspunkt sein.

#3






Dr. Reinhard Pichler
App im Playstore