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PraiseTheSun

PraiseTheSun
Mitglied

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Hallo an alle,

ich bin männlich, 34 Jahre alt und habe eigentlich alles, was man zum Glücklichsein braucht:
eine wunderbare Partnerin, die sehr liebevoll zu mir ist, zwei fette, glückliche Kater, ein schönes Haus in der Natur, ein protziges Auto, einen super Job und keine finanziellen Sorgen.
Das Traurige ist: Als ich all das noch nicht hatte, ging es mir psychisch ein Stück besser – aber auch nicht gerade blendend.
Mein Leben ist ein Kampf – meist ein Kampf, den ich ausschließlich gegen mich selbst führe.
Mit 22 Jahren wurde bei mir eine ausgeprägte Form von ADHS festgestellt.
Für mich ergab plötzlich alles Sinn. Ich begann eine Gesprächstherapie, die mir sehr half, und ging auch zum Psychiater – auch das half mir enorm.
Ich bekam Ritalin und konnte dadurch Informationen viel schneller aufnehmen und geordneter wiedergeben. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich, wie schön die Welt ist – mit all ihren Farben.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nur gelernt, was andere Menschen schön finden, und wusste daher, wie man sich in gewissen Situationen äußert – ich war, und bin wohl immer noch, ein guter Schauspieler.
Ich war schon immer entweder sehr schüchtern und ängstlich oder genau das Gegenteil – der Unterschied hing immer vom Kontext ab: ob ich mit Freunden unterwegs war oder alleine, ob ich etwas tat, das ich konnte, oder etwas Neues vor Fremden lernen musste.
Ich habe kein besonders gutes Bild von mir selbst.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich bei mir eine Angststörung – die Tendenz war immer schon da. Auslöser war eine Panikattacke, die ich auf dem Nachhauseweg von einem Urlaub im Auto hatte. Wahrscheinlich waren langes Sitzen, Rauchen aus dem Fenster, zu wenig Flüssigkeit und kein Essen die Gründe dafür. Nach dieser Attacke veränderte sich mein Leben nochmals ein Stück ins Negative.
Ich wurde noch vorsichtiger, bedachter im Umgang mit mir und meinen Gedanken – bloß nicht an etwas Negatives denken, bloß niemandem etwas Böses wünschen, lieber brav sein, dann wird mir schon nichts Schlimmes passieren.
Ich mied Restaurantbesuche, Busfahrten, Urlaube – generell Menschenansammlungen. Das belastete meine damalige Beziehung so sehr, dass wir uns trennten.
Der Weg führte mich erneut zum Psychiater. Ich bekam zusätzlich zu Ritalin Escitalopram und Pregabalin – eine „gut Mischung“ zwinkern
Und tatsächlich ging es mir mit dem Zeug besser. Ich profitierte lange von den positiven Erfahrungen, die ich mit Hilfe der Medikamente und der Gespräche machen konnte.
Vor einem Jahr setzte ich nach und nach alles ab. Die Nebenwirkungen waren da, aber nicht schlimm. Durch meine Online-Recherche wusste ich, was mich erwartet, und konnte mich gut darauf einstellen.
Ich habe immer noch Angst – vor vielen Dingen.
Ich fühle mich oft leer, glücklos und voller Unruhe.
Aber ich vergesse nie, dass es Menschen gibt, die ich liebe, und dass es Dinge gibt, für die es sich lohnt zu leiden.
Wichtig ist für mich zu erkennen, dass der Schatten, das Negative, nur existiert, weil es auch das Licht, das Gute und Schöne gibt.
Die hellen, zufriedenen Phasen in meinem Leben werden länger, die dunklen kürzer – wenn auch intensiver.
Wir leben in einer schwierigen Zeit. Die Welt steht Kopf – Spaltung und Krieg bestimmen den Alltag.
Mir hilft es, mir bewusst zu machen, dass ich nur auf mich selbst, meine direkte Umgebung und die Menschen darin Einfluss habe. Alles andere liegt außerhalb meines Einflussbereichs.
Hier kann ich für Recht und Ordnung sorgen, für Frieden und für wohltuende Worte.
Es gibt da ein paar Sachen, die ich im Laufe der Zeit gelernt habe und die mir helfen, das Leben zu genießen – oder manchmal einfach nur den Tag zu überstehen.
Bewegung ist sehr wichtig für mich. Ich habe mich innerlich immer wie ein überspannter Bogen gefühlt, voller Energie. Als Kind kann man das ja meist überall rauslassen, als erwachsener Mann, der ernst genommen werden will, ist das nicht mehr so einfach. Dann wandert dieser Bewegungsdrang schnell in den Brust- und Bauchbereich, wo er Unwohlsein, Beklemmungsgefühle und Panik auslöst.
Ich habe gelernt, vorbeugend dagegenzuarbeiten und meinen Körper durch Sport zu beruhigen. Das hilft mir persönlich wirklich sehr.
Um meinen Geist zu beruhigen, wenn der wieder einmal unkontrolliert wie ein Wahnsinniger herumrast, haben mir Lesen oder etwas zu sortieren immer geholfen. Ab und zu auch Computerspielen, aber nur in kleineren Dosen.
Das Wichtigste für mich ist aber, meine Augen bewusst zu steuern – ich weiß, das hört sich komisch an, aber ich habe mich immer wieder dabei erwischt, wie ich apathisch ins Leere starre, sobald mich negative Gedanken übermannen und ich in einer Negativschleife hängen bleibe.
Ich versuche dann, meine Umgebung bewusst wahrzunehmen und das, was ich sehe, objektiv zu kommentieren. Ich prüfe möglichst nüchtern: Was ist gerade wirklich da? Welche Gegebenheiten, welche Gefahren?
Meist stellt sich (zu 99%) heraus, dass diese „Gefahren“ gar keine echten Gefahren sind, sondern nur meine Sensoren zu sensibel eingestellt sind und ich ungefährliche Dinge fälschlicherweise als Bedrohung einstufe.
Wenn ich mich aber bewusst auf meine Umgebung konzentriere, bewusst kommentiere und die Dinge um mich herum objektiv einordne, kann ich schon viele Situationen entspannter angehen und meistern.
Wichtig ist auch, dieser Energie – die ich meist im Magenbereich spüre – etwas Raum zu geben, sobald ich eine Situation als nicht gefährlich eingestuft habe. Es braucht Zeit, bis sich dieser Wirbel verflüchtigt, aber er wird sich legen, wenn man ihm Raum gibt und keinen Gegendruck aufbaut.

ich weiß nicht genau, warum ich diesen Text nun geschrieben habe. Ich weiß auch nicht, was der Zweck ist – ich hatte irgendwie nur ein gewisses Bedürfnis.

Danke fürs Lesen lachen

23.02.2026 x 4 #1


7 Antworten ↓


Tigerlilie
Zitat von PraiseTheSun:
habe eigentlich alles, was man zum Glücklichsein braucht:
eine wunderbare Partnerin, die sehr liebevoll zu mir ist, zwei fette, glückliche Kater, ein schönes Haus in der Natur, ein protziges Auto, einen super Job und keine finanziellen Sorgen.

Äußerlich gesehen hast du alles, aber die Probleme liegen im Inneren.
Zitat von PraiseTheSun:
Ich war schon immer entweder sehr schüchtern und ängstlich oder genau das Gegenteil


Zitat von PraiseTheSun:
Ich habe kein besonders gutes Bild von mir selbst.


Zitat von PraiseTheSun:
Wir leben in einer schwierigen Zeit. Die Welt steht Kopf – Spaltung und Krieg bestimmen den Alltag.

Zum Glücklichsein gehören auch Gesundheit und ein gutes Selbstwertgefühl. Wenn du unter Ängsten leidest, bist du ja nicht gesund.

Mir geht's übrigens ähnlich. Von außen betrachtet könnte ich glücklich sein. Habe einen lieben Ehemann, ein Haus mit Garten, einen guten Job mitguter Arbeitsatmosphäre,keine finanziellen Sorgen. Tja, aber gesundheitlich ist es eben nicht so rosig. Habe auch noch viele Ängste,bin oft erschöpft usw. Dadurch fühle ich mich auch nicht richtig glücklich.

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A


Alles zum Glücklichsein da und trotzdem kämpfe ich

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Icefalki
Zitat von PraiseTheSun:
ausgeprägte Form von ADHS



Meiner Meinung nach bekommen Menschen, die in der Kindheit oder Jugend Probleme zu bewältigen hatten, gerne psychische Defizite.

Egal jetzt, was der Grund war, man hat sein Leben als gefährdet, schwierig, und und und "gefühlt", und mit viel Anstrengung versucht, das zu kompensieren.

Da geht es um Kontrolle, Liebe, Vertrauen, Selbstwert - alles unbewusst, alles mit viel Anstrengung verbunden.

Und irgendwann kommt der Moment, wo der ganze Stress explodiert (Panik), und tata- jetzt wird es wirklich übel.

Und nun gilt es, man kann es auch als Chance sehen, dieses ganze Gebilde so zusammensetzen, dass man an seinen Defiziten arbeitet, man sich trotz allem selbst liebt und nimmer so im aussen lebt. Damit meine ich, dass man sich seiner selbst wirklich bewusst wird.

Und wenn dein früheres /heutiges? Trauma ADHS heisst, dann söhne dich damit aus.

Vielleicht sind wir alle bissle anders, und meinten, nur "normal" wäre ok, das zu erreichen aber riessen Stress war?

Stressfreier wird es, wenn man seine "Probleme" akzeptieren lernt. Und so wie ich dich "lese", bist du doch schon mittendrin in der Aufarbeitung.

Das wird schon alles wieder werden. Es dauert eben, solange, wie es dauert.

x 5 #3


PraiseTheSun
@Tigerlilie
Liebe Tigerlilie,
es fühlt sich sehr schön an, einen Kommentar zu meinem Text von dir zu bekommen. Ich hatte nie wirklich das Gefühl, dass mir ein Austausch von lieben Worten in einem Internetforum helfen könnte – aber es tut gut. Vielen Dank für diese Erkenntnis!

Wir können wirklich froh sein, dass wir ein solides Umfeld haben, das uns Struktur und Sicherheit gibt.

Ich selbst spüre oft eine unterschwellige Angst, wegen meiner Angst alles zu verlieren, was mir guttut und mir Sicherheit schenkt – also die berühmte *Angst vor der Angst*.

Ich erinnere mich dabei an eine Situation mit meiner jetzigen Partnerin, bald auch meiner Ehefrau. Wir sind damals gemeinsam nach Korsika gefahren – zuerst mit dem Auto nach Genua und dann mit dem Schiff weiter.

Es war eine lange Autofahrt, ich habe wenig getrunken, nichts gegessen und auch geraucht – also genau die Mischung, die mir schon einmal meine erste Panikattacke beschert hatte.

Als wir dann vor dem Schiff standen und mit hunderten anderen Urlaubern warteten, wurde ich plötzlich sehr unruhig. Die innere Spannung stieg ins Unermessliche, mein Hals schnürte sich zu, mein Bauch wurde hart – und schließlich kam wieder eine Panikattacke.

Ich habe es überstanden. Meine Partnerin ist ein Schatz und war die ganze Zeit für mich da.

Aber seitdem frage ich mich immer wieder: Was wäre, wenn wir in dieser Situation schon Kinder gehabt hätten, die auf der Rückbank miterleben müssten, wie es ihrem Papa geht?

Ihr Papa hätte von einem Moment auf den anderen die Kontrolle verloren, geweint und gewimmert. Ich wäre also genau das gewesen, was kein Kind erleben sollte – ein Elternteil, der eigentlich Geborgenheit schenken sollte, aber selbst völlig die Kontrolle verliert.
Meine Partnerin und ich möchten bald Kinder, und ich habe Angst, kein guter Papa zu sein.

x 1 #4


PraiseTheSun
@Icefalki
Liebe Icefalki,
auch dir vielen Dank für deine ehrlichen und lieben Worte.
Ja, du hast recht – ich bin tatsächlich schon gut im Aufarbeitungsmodus. Trotzdem überrascht es mich immer wieder, wie tief man manchmal wieder fallen kann, wenn man nicht achtsam bleibt.
Du beschreibst es wirklich treffend: Zu viel Stress (Urlaub ist für mich oft nichts anderes als Stress) – und dann Boom, die Panikattacke ist da.
Als es damals passierte, war in dieser Lebensphase eigentlich alles irgendwie stressig für mich.
Ich frage mich immer wieder, an welchem Punkt ich ein Stück meines Urvertrauens verloren habe.
Ich meine dieses tiefe Vertrauen, dass alles gut wird – und dass, falls es doch einmal nicht so ist, es Menschen gibt, die mir helfen …

x 1 #5


Icefalki
Zitat von PraiseTheSun:
ein Stück meines Urvertrauens


Evtl. hattest du das nie?

#6

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Tigerlilie
Zitat von PraiseTheSun:
Es war eine lange Autofahrt, ich habe wenig getrunken, nichts gegessen und auch geraucht – also genau die Mischung, die mir schon einmal meine erste Panikattacke beschert hatte.

Vielleicht hilft es dir, wenn du weißt, dass das ein Auslöser ist und du dann vorsorgst, indem du doch mal eine Pause bei der Fahrt einlegst und was isst und trinkst.
Hunger ist bei mir auch ein Auslöser für Panikattacken. Ich habe deshalb immer was zu Essen und zu Trinken mit, wenn ich irgendwo länger unterwegs bin. Ich habe in einer Therapie auch gelernt, dass es wichtig ist, sich um die Bedürfnisse zu kümmern. Mein Körper ist da auch empfindlich. Also wehe ich habe mal zu wenig gegessen oder geschlafen. Wie bei einem Baby. 🤣

Zitat von PraiseTheSun:
Was wäre, wenn wir in dieser Situation schon Kinder gehabt hätten, die auf der Rückbank miterleben müssten, wie es ihrem Papa geht?

Den Gedanken kann ich sehr gut nachvollziehen. Wenn ihr beide Kinder möchtet, wäre es allerdings schade, nur wegen der Angst darauf zu verzichten.
Ich kann das nicht einschätzen, wie oft und wie sehr du durch die Angst und Panik eingeschränkt bist im Leben. Eine gewisse Stabilität wäre sicher von Vorteil. Auf jeden Fall bist du gut reflektiert, hast schon Ursachen für die Panik gefunden und das sind doch schon gute Voraussetzungen dafür, dass es besser wird und du vielleicht auch weniger Ängste hast in Zukunft.

Bei mir ist es so, dass ich mich so eingeschränkt fühle, dass ich mir nicht zutrauen würde, ein Kind groß zu ziehen. Ich hatte bisher aber auch keinen Kinderwunscht (ist die Frage, ob der da wäre, wenn ich nicht so viele psychische Probleme hätte).

#7


Flame
@PraiseTheSun

Ich denke,Du hast einen sehr guten Umgang mit Deinem "Schatten",der für niemanden ausbleibt.

Du kannst wertschätzen,was Du hast bzw.haben darfst (finde ich immens wichtig).

Manchmal fühlt man sich "unlebendig",weil man einfach in gewisse "Rahmen" eingebunden ist.

Ich hatte mal so einen Gedanken,dass es sich wie "Endstation" anfühlt obwohl man gleichzeitig auch sehr dankbar ist für das,was man haben darf.

Aber irgendwie auch paradoxe/kontroverse/ambivalente "Strömungen" ,die man in sich wahr nimmt.

Alles auf einmal kann man nicht haben,weil da schliessen sich die Gegensätzlichkeiten aus,so oder so.
Also "fehlt" immer was.

Man könnte also sagen,dass immer (oder nie) was fehlt?
Je nach Betrachtungsweise,denk ich.

Und vielleicht auch der Schmerz,den man fühlt,weil man nie wieder sein kann wie ein Kind,das alles noch ganz unvoreingenommen wahr nimmt.

#8





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