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Hallo zusammen,

vielleicht gibt es hier Menschen mit ähnlichem Problem oder welche, die mir weiterhelfen können.

Ich bin ein Mensch, der gerne alles selbst in der Hand hat. Ich bin gerne aktiv, bin selbständig und verantwortungsbewusst. Doch gerade das scheint mir immer mehr zum Nachteil zu werden: Sobald ich in Situationen gerate, in denen ich die Kontrolle "abgeben" muss, bekomme ich Panik.

So habe ich z.B. totale Panik vor Narkosen (Hilfe da bin ich bewusstlos und kann nicht mal mehr selbst atmen), auch vor dem Fliegen im Flugzeug (kann ich ja nicht selbst steuern) und mittlerweile sogar vor dem Schlafen (dieses Gefühl, meinem Unterbewusstsein alles zu überlassen und jetzt "wegzutreten", macht mir Angst). Die Angst vor dem Tod, der weder in Zeit noch in Ablauf kontrollierbar ist und bei welchem niemand weiß, was danach kommt, ist besonders schlimm.

Immer häufiger gerate ich über solche Dinge ins Grübeln und bekomme Angst. Ich habe Angst abends schlafenzugehen. Ich habe Angst einmal eine OP hinter mich bringen zu müssen und es wegen der Narkose nicht zu können. Ich habe Angst loszulassen und mich mal einfach fallenzulassen, einfach zu vertrauen, dass alles ok ist.

Woher kommt nur diese Angst vor dem Kontrollverlust? Mir ist klar, dass Kontrolle eigentlich nur eine Vorstellung im Kopf ist und oftmals gar nicht existiert - aber trotzdem fühle ich mich sicherer wenn ich weiß, dass ich etwas selbst in der Hand habe und steuern kann.

Wie bringe ich diese Angst wieder auf Normalmaß?
Woher kommt das?
Wie gehe ich damit um?
Kann man es lernen, sich einmal fallenzulassen und einfach zu vertrauen?

Eine Therapie habe ich hinter mir, aber das Thema wurde leider nur am Rande zur Sprache gebracht. Zurzeit muss ich noch fast 2 Jahre warten, bis ich wieder eine Therapie machen kann. Aber die ewige Grübelei und diese Panik kosten mich die letzten Nerven..

Danke für eure Antworten!!

Lg
Andromeda

15.08.2012 13:50 • 16.08.2012 #1


7 Antworten ↓


HeikoEN
Wie allgemein bekannt, ist die Kindheit ggf. oft Ursache für spätere psychische Probleme.

Was jetzt in dem von Dir geschilderten erstmal nichts heisst.

Trotzdem die Frage, wie war die Kindheit?

Geschwisterkonstellation? Suchtproblematik bei den Eltern? Trennung der Eltern? Tod?

Überbehütung durch die Mutter bzw. als Kind komplett auf sich gestellt?

Gab es irgendwas in dieser Richtung?

15.08.2012 14:16 • #2



Angst vor Kontrollverlust - ich kann nicht "loslassen"

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Hm naja, insgesamt war meine Kindheit nicht soo schlecht. Aber auch nicht nur gut. Meine Eltern haben oft gestritten. Mein Vater hat irgendwann 500 km weit weg ein Geschäft aufgebaut, meine Mutter wollte nicht dorthin ziehen. Sie führten demnach jahrelang eine Wochenendbeziehung, die schwierig war. Ich war immer diejenige, die meine Mutter aufgebaut und getröstet hat. Überhaupt hatten wir ein umgekehrtes Verhältnis. Ich war für meine Mutter oft Partnerersatz und habe mich für sie verantwortlich gefühlt. Meine Eltern haben sich schließlich getrennt , als ich 16 war. Ich habe meiner Mutter in der Trennungsphase viel geholfen, bin mit ihr ausgezogen. Habe oft ihre Tiefs mit erlebt.

Naja. Als das Gegenteil von Überbehütung eigentlich. Ich habe mich mehr zurückgenommen und meine Bedürfnisse hinten angestellt. Meine Mutter war mit sich selbst beschäftigt, mein Vater war sowieso irgendwie nie da. Noch heute mache ich viel mit mir selbst aus. Gebe selten zu, wenn es mir schlecht geht, bei den Menschen die mir nahestehen.
Ich war Einzelkind, keine Geschwister.

Mit 14 hatte ich noch ein Missbrauchserlebnis. Das habe ich in der therapie allerdings schon versucht aufzuarbeiten. Es belastet mich zumindest nicht mehr, wenn ich daran erinnert werde, ich habe es akzeptiert.
Aber noch heute fällt es mir schwer, Nähe zuzulassen, bekomme schnell Beklemmungen wenn mir jemand zu lange zu nah kommt (v.a. körperlich).

Das mal so als grober Umriss.

15.08.2012 14:38 • #3


HeikoEN
Zitat von Andromeda:
Ich war immer diejenige, die meine Mutter aufgebaut und getröstet hat. Überhaupt hatten wir ein umgekehrtes Verhältnis. Ich war für meine Mutter oft Partnerersatz und habe mich für sie verantwortlich gefühlt. Meine Eltern haben sich schließlich getrennt , als ich 16 war. Ich habe meiner Mutter in der Trennungsphase viel geholfen, bin mit ihr ausgezogen. Habe oft ihre Tiefs mit erlebt.

Nunja, wenn man wollte, könnte man hieran schon Deine heutigen Verhaltensmuster in Bezug auf Kontrolle festmachen.

Zitat von Andromeda:
Naja. Als das Gegenteil von Überbehütung eigentlich. Ich habe mich mehr zurückgenommen und meine Bedürfnisse hinten angestellt. Meine Mutter war mit sich selbst beschäftigt, mein Vater war sowieso irgendwie nie da. Noch heute mache ich viel mit mir selbst aus. Gebe selten zu, wenn es mir schlecht geht, bei den Menschen die mir nahestehen.
Ich war Einzelkind, keine Geschwister.

Genau, Du spielst die Rolle immer noch, bis heute.

Gefühle zeigen würde für Dich "Schwäche" bedeuten.

Und wie Du schon selber erkannt hast, war die "Mutterrolle" Deine. D.h., emotional hast Du auf derselbe Höhe gestanden mit Deiner Mutter und es gab keine klassische Mutter-Kind Beziehung, da Du dich für die Tiefs der Mutter verantwortlich gefühlt hast.

Zitat von Andromeda:
Mit 14 hatte ich noch ein Missbrauchserlebnis. Das habe ich in der therapie allerdings schon versucht aufzuarbeiten. Es belastet mich zumindest nicht mehr, wenn ich daran erinnert werde, ich habe es akzeptiert.
Aber noch heute fällt es mir schwer, Nähe zuzulassen, bekomme schnell Beklemmungen wenn mir jemand zu lange zu nah kommt (v.a. körperlich).

Ok, aber das war definitiv traumatisierend und somit eine Verletzung Deines Nervensystems, welche bis heute vorhanden ist. Kognitiv hast Du sicher damit gelernt umzugehen, genauso wie Du das o.g. kognitiv alles verstehst und erkennst, dass da was falsch gelaufen ist bzw. heute noch falsch läuft. Aber das Problem ist, wie bei so vielen Traumata, insb. wenn sie in der Kindheit entstehen, dass die Gefühle viel wichtiger sind.

Gefühle machen Symptome.

Ich vermute auch mal, dass da noch viel mehr dahintersteckt, als das, was Du hier schreibst in Bezug auf Kontrollverlust.

Das ist sozusagen "nur" ein Symptom, welches für Dich aktuell relativ "fassbar" und beschreibar ist.

Aber dahinter liegt sicherlich eine ungeheure Angst.

Wenn ich kurz mal auf mich schwenken darf

Ich hatte ähnliches in meiner Kindheit. Die Umstände und Gründe waren nur ein wenig unterschiedlich, aber auch ich habe mich verantwortlich für meine Mutter gefühlt. Nach einer Traumatherapie (nichts schulmedizinisches) konnte ich bereits einiges hinter mir lassen, aber eben noch nicht alles.

15.08.2012 15:09 • #4


Hallo,

lieben Dank für deine ausführliche Antwort. Fast schon erschreckend, wie treffsicher du damit warst

So wie du es beschreibst, kann ich gut nachvollziehen woher das alles kommen könnte. Du sagst dasselbe wie schon mein Therapeut damals sagte: Auf der kognitiven Ebene scheint alles klar zu sein, nur eben die Gefühlsebene spielt nicht mit..
Mein Therapeut hat mir in der Therapiezeit so viel Sicherheit vermittelt, dass das aber nicht so zum Tragen kam. Er war der einzige, dem ich mich richtig anvertrauen konnte und bei dem ich auch mal "schwach" sein konnte, ohne dass es bewertet wurde oder ich mich dabei schlecht gefühlt habe. Seit Therapieende habe ich wieder richtig zu kämpfen, weil eben diese Sicherheit wegfiel und ich wieder auf mich allein gestellt bin. Ich weiß nicht, wie ich das wieder hinbekomme, durch wen / was ich die Sicherheit meines Thera ersetzen könnte.

Hm ja, meine Vergangenheit habe ich während der Therapie auch nicht aufgearbeitet - es war eine Verhaltenstherapie, zielte mehr auf das Hier und Jetzt ab. Da er auch ausgebildeter EMDR-Traumatherapeut war, haben wir allerdings den Missbrauch thematisiert, was (wie du auch sagst, eben vorwiegend kognitiv) geholfen hat.

Die Frage ist: Wie kann ich jetzt vorgehen? Was kann helfen? Noch eine Therapie? Bekomme ich allerdings nicht mehr von der Kasse gezahlt. Bin ich überhaupt ein Fall für noch eine Therapie? Oder kann ich mir selbst irgendwie helfen? Umdenken? Gefühle ausschalten?

Wie hast du das geschafft? Was genau war das für eine Traumatherapie?

15.08.2012 20:23 • #5


Zitat von HeikoEN:

Ich vermute auch mal, dass da noch viel mehr dahintersteckt, als das, was Du hier schreibst in Bezug auf Kontrollverlust.

Das ist sozusagen "nur" ein Symptom, welches für Dich aktuell relativ "fassbar" und beschreibar ist.


Auch damit liegst du richtig. Vielleicht ist das nur die Spitze des Eisbergs..

15.08.2012 20:24 • #6


HeikoEN
Zitat von Andromeda:
So wie du es beschreibst, kann ich gut nachvollziehen woher das alles kommen könnte. Du sagst dasselbe wie schon mein Therapeut damals sagte: Auf der kognitiven Ebene scheint alles klar zu sein, nur eben die Gefühlsebene spielt nicht mit..

Spielt nicht mit ist gut.

Die Gefühlsebene ist DIE Entscheidende

Zuerst das Gefühl, dann die kognitive Bewertung.

Denn die Gefühle lassen Dich ja in Verhaltensmuster in der heutigen Zeit fallen, die damals gut waren, weil Du damit sozusagen überlebt hast, heute aber ggf. stören bzw. nicht gut sind.

Denn das Nervensystem "weiss" sozusagen NICHT, dass es 20 Jahre älter geworden ist und damals halt damals war. Wie auch, denn im Nervensystem existiert aus dieser Zeit damals eine Blockade bzw. sogar Verletzung, die Gefühle nicht so "fliessen" lässt, wie sie eigentlich sollten. Das führt eben zu Verhaltensmustern aus der damaligen Zeit (z.B. Deinem starken Drang nach Kontrolle).

Je mehr Du versuchst, diese Gefühle zu kontrollieren, desto stärker geräts Du in Bedrängnis, da sich Gefühle nicht kontrollieren lassen. Es kostet Kraft und Energie, sich dagegen aufzulehnen.

Einfacher wäre es, wenn man die Situation zulassen und damit das Gefühl annehmen würde.

Offenbar hast genau Du davor Angst, weil Du noch nie die Erfahrung gemacht haben wie es ist, wenn eine Situation angenommen und damit das Gefühl viel schneller verschwunden ist und bleiben so im ständigen Widerstand gefangen.

Der Gedanke dabei ist, dass Gefühle kontrolliert werden müssen, jedoch genau das Gegenteil passiert. Die Gefühle, die offensichtlich mit Angst bewertet werden, kontrollieren den Menschen und das Leben.

Unterdrückte Gefühle wirken, als haben sie eine magische Anziehungskraft auf Situationen im Leben, die sich ständig wiederholen.

Es ist so, als gäbe es Menschen, die genau diese negativen Gefühle "lesen" können und uns diese fühlen lassen. Wenn das unterdrückte Gefühl Scham oder Minderwertigkeit ist, wird uns diese Person genau diese Scham fühlen lassen, indem sie z.B. ständig an uns herumkritisiert oder uns als Partner betrügt.

DAS ist u.a. der Grund, warum Du über dich sagst, dass Du eine "Maske" aufhast oder eine "Rolle" spielst und NIE Deine wahren Gefühle, wie z.B. Angst oder Schwäche zeigen kannst.

Und oft passiert es, dass wir praktisch erstarren und gefangen sind in der Situation, uns nicht wehren können und uns der Situation völlig ausgeliefert fühlen. Und genau DAS (!) ist Dein Kontrollzwang.

Wir versuchen diese Situation dann oft zu verdrängen, aber die Erinnerung holt uns manchmal ein und man wird wütend auf sich selbst, da unser Verstand uns abstempelt als unfähig.

Doch genau diese Handlungsweise ist nicht mit dem Verstand zu ändern. Die Art und Weise wie wir darauf reagieren, ist nur mit dem Gefühl zu verändern, welches unterdrückt ist. Es ist sogar so, dass die Situationen, die uns begegnen, immer offensichtlicher werden, als wenn die Kraft der Gefühle uns unbedingt mit der Nase darauf stoßen möchte und uns förmlich zwingen, es endlich anzunehmen.

Zitat von Andromeda:
Mein Therapeut hat mir in der Therapiezeit so viel Sicherheit vermittelt, dass das aber nicht so zum Tragen kam. Er war der einzige, dem ich mich richtig anvertrauen konnte und bei dem ich auch mal "schwach" sein konnte, ohne dass es bewertet wurde oder ich mich dabei schlecht gefühlt habe. Seit Therapieende habe ich wieder richtig zu kämpfen, weil eben diese Sicherheit wegfiel und ich wieder auf mich allein gestellt bin. Ich weiß nicht, wie ich das wieder hinbekomme, durch wen / was ich die Sicherheit meines Thera ersetzen könnte.

Nunja, das war/ist eine kognitive Abhängigkeit.

Zitat von Andromeda:
Hm ja, meine Vergangenheit habe ich während der Therapie auch nicht aufgearbeitet - es war eine Verhaltenstherapie, zielte mehr auf das Hier und Jetzt ab.

Ja, DAS ist das Problem der Schulmedizin.

Warum?

Sie haben KEINE Therapieform, die das lösen kann!

Im Groben gibt es schulmedizinisch nur zwei Ansätze: tiefenpsychologisch und verhaltenstherapeutisch.

Mehr ist nicht.

Und kein Therapeut wird freiwillig das Fass "Kindheit" aufmachen, da es mit seinen Werkzeugen, die er beherrscht, ein Fass ohne Boden wird und die Betroffenen nach jahrelanger Therapie meistens so dastehen, wie am Anfang. Denn es löst NICHT die "Verwundung" des Nervensystems auf, sondern geht kognitiv heran und versucht zu erreichen, dass der Betroffene weiss, er ist nicht Schuld an dem, was passiert ist.

Das ist jetzt stark vereinfacht dargestellt.

Zitat von Andromeda:
Oder kann ich mir selbst irgendwie helfen? Umdenken? Gefühle ausschalten?

Selbst helfen wird schwierig, wenn nicht sogar unmöglich, nach meiner persönlichen Erfahrung und Einschätzung.

Umdenken? Dann wären wir wieder bei der kognitiven Verhaltenstherapie, die sich so wenig um die Gefühle kümmert

Gefühle ausschalten? Wird auch nicht klappen, außer man lässt sich gewisse Hirnregionen herausoperieren, was schwierig wird, weil die Medizin so weit noch nicht ist, außer man vernachlässigt das Risiko danach nicht mehr sehen, laufen, sprechen etc. zu können

Zitat von Andromeda:
Wie hast du das geschafft? Was genau war das für eine Traumatherapie?
Die Methode heisst: Somatic Experiencing und wird z.B. mittlerweilen von relativ vielen Therapeuten angeboten. Ist von einem Amerikaner und das "Schöne" daran ist, dass die eigentlichen traumatisierenden Lebensumstände, keine Rolle spielen und nicht dafür bewusst herangezogen werden müssen.

16.08.2012 07:28 • #7


Hallo Andromeda,

alles was du geschrieben hast kenne ich aus meinem Leben. Erst fing es klein mit Narkosen an, dann kam das fliegen dazu und heute habe ich sogar Angst das ein Auto durch einen Unfall auf den Gehweg geschleudert werden kann und mir dadurch etwas passiert.

Missbrauch hatte ich auch, Therapien schon ca. 15 Jahre, 4 Psychosomatische Reha, allerdings weiß ich erst seit kurzem wie sich meine Krankheit schmipft: Generalisierte Angststörung und Phobische Ängste.
Bei mir ist es allerdings schon so das ich nur noch mit Wein abschalten und schlafen kann und auch Gefühle zulassen kann weil ich einfach entspannter bin und meine Angst dadurch weniger wird.
Allerdings kommt jetzt noch die Angst dazu zum Alk. zu werden, habe oder hatte 2 Suchterkrankte in der Fam. und dachte immer das mir sowas NIE passieren könnte.
Ich gebe mir noch 1 Jahr, danach werde ich, wenn nicht irgendwas passiert, das Haus nicht mehr verlassen können

16.08.2012 17:56 • #8




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