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Hallo,

ich weiß, es ist sehr viel zu lesen, ich wäre euch sehr aber sehr dankbar für eine Antwort. Die Meinung von Menschen, die Ähnliches erleben/erlebt haben ist mir sehr wichtig.

***TRIGGERWARNUNG***

Ich bin 24 Jahre alt, männlich und leide seit meiner Kindheit unter einer schweren Zwangsstörung.
Es fing an, als ich mit 4 Jahren, meine Mutter war schwanger, immer wieder etwas zu dem Zeitpunkt für mich peinliches zu meiner Mutter sagen musste, bis sie nach Wochen darauf reagierte. Dann war es plötzlich verschwunden.
Dann war es für einige Jahre ruhig, ich kam in die Grundschule und übersprang die erste Klasse, weil ich bereits lesen, rechnen und schreiben konnte und den Unterricht störte. Ich fand keinen Anschluss zu meinen Mitschülern und meine Eltern gingen mit mir zu mehreren Psychologen. Die Diagnose lautete Hochbegabung, ADHS wurde auf Grund der guten Noten ausgeschlossen, jedoch bin ich heute andere Meinung. Meine neue Klassenlehrerin gab mir extra Aufgaben und förderte mich und in dieser Zeit ging es mir gut, es gab keine Zwänge. Ich fand auch hier und da mal jemanden, mit dem ich die Schulzeit verbrachte.
Trigger

Mit 10 Jahren kam ich auf das Gymnasium, alles wirkte befremdlich und nach kurzer Zeit hatte ich meinen Platz in der neuen Klasse gefunden. Ich war der kleinste und wirkte wohl schwächlich, war jedoch gewillt, einen guten Eindruck abzugeben. Ich wurde ziemlich schnell von einigen Mitschülern gemobbt, mein Schulranzen steckte im Mülleimer und ich wurde gezielt ausgegrenzt. Meine Noten sanken rapide und mit 11 oder 12 Jahren fing es dann wieder an. Ich musste zu Hause immer wieder den Notruf wählen, um daraufhin sofort aufzulegen. Nach hunderten Anrufen bekamen meine Eltern das mit und mein Vater fuhr mit mir zu den Notruf-Männern, welche ruhig mit mir redeten, was jedoch zur Folge hatte, dass der Zwang verschwand und zwar sofort. [trigger]In der gleichen Zeit fing ich an, meinem 5 Jahre jüngeren Bruder Leid zuzufügen. Ich brauchte eine Resonanz, er musste weinen und obwohl da ein Haareziehen ausreichte, hatte ich sehr starke Schuldgefühle, die mich auch heute noch begleiten, wenn ich daran denke, was ich meinem Bruder über Jahre phasenweise angetan habe. Ich war SEIN Bruder, der ihm alles bedeutete und ich tat so etwas. Wenn ich ihn heute noch weinend vor Augen habe, kommen mir die Tränen. Ihm aus heiterem Himmel weh getan zu haben schmerzt heute noch unbeschreiblich. Als er dann ein Alter erreicht hatte, in dem ich damit rechnen konnte, dass ich eine physische Resonanz bekommen würde, verschwand dieser Zwang

. Der nächste Zwang kam, als ich ein Mädchen kennenlernte und merkte, dass wir uns sehr gut verstanden. Ich war das erste Mal verknallt und dann trat der nächste Zwang auf. Ich musste etwas peinliches in die Facebook Kommentare schreiben bzw. es provozieren mit dem Mauszeiger. Als es schiefging rechtfertigte ich mich damit, dass mein Account gehackt wurde. Dann war es aber auch wieder gut.[/trigger]

Trigger

Im Alter von 15 Jahren kaufte ich mir eine Softairpistole und recht schnell entwickelte sich der Zwang, meinem schlafenden! Bruder die geladene Pistole ans Auge zu halten und den Finger am Abzug zu haben. Die Vorstellung, es könnte etwas passieren, bereitete mir extreme Angst, aber zum Glück passierte es nie.


Nachdem ich mir im Internet Hilfe in einem Forum suchte, bekamen wir kurze Zeit später besuch von der Polizei und dem Jugendamt. Die Pistole wurde mir abgenommen, da sie für mein Alter (1J) nicht zugelassen war. Ich bekam eine Anzeige wegen Dokumentenmissbrauch, da ich sie über den Namen meines Vaters bestellt hatte. Zum Zeitpunkt der Bestellung hatte ich übrigens nicht die Vorstellung, damit so etwas anstellen zu können. Ich fand es lediglich cool, so ein Ding zu besitzen, wie einige andere in meinem Alter auch.

Trigger

Dann war es erstmal wieder ruhig, bis ich im alter von 17 Jahren ein Video im Internet sah, in dem jemand brutal erschlagen wurde. Ich kam über ein Youtube Video darauf und bereute es sofort, da sich augenblicklich starke Zwangsgedanken, in denen ich meine Familie ermordete bemerkbar machten und ich bekam eine unglaubliche Angst.

So etwas hatte ich noch nie erlebt und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich suchte den Kontakt zu meinen Eltern, verbrachte die Abend mit Ihnen und schlief bei meiner Mutter. Ich denke, ich wollte mir selbst Sicherheit in dieser, in meinen Augen, unsicheren Situation geben. Gleich wenige Tage nach dem ersten Auftreten der Gedanken ging ich zum Psychiater und dieser gab mir Venlafaxin in 37,5mg 1x täglich.
Über die nachfolgenden 4 Wochen wurde es besser verschwand es dann langsam. Zu meiner damaligen schulischen Situation kann ich nicht viel sagen. Seit der 7. Klasse war ich der Klassenclown, meine Noten wurden nicht besser, ich schummelte mich durch die Schulzeit und wurde von einigen Klassenkameraden missachtet und bekam dumme Kommentare an den Kopf geworfen. Grundsätzlich fühlte ich mich aber wesentlich besser als in der 5. und 6. Klasse. Auch einige Lehrer/innen gaben mir das Gefühl, nichts zu schaffen und das Schlusslicht zu sein. Das Venlafaxin habe ich übrigens vor einigen Jahren selbst abgesetzt.
Im März des Folgejahres, nur wenige Monate nach den Zwangsgedanken, kauften wir uns einen kleinen Hund, der stark an mich gebunden war, da er immer bei mir schlief. Zwischenzeitlich kam ich in die Abschlussphase der Schule und spickte selbst im Abitur mit dem Handy, da ich mich wie die Jahre zuvor auch, nicht rechtzeitig aufraffen konnte, um zu lernen.
Mein Abitur habe ich als Schlechtester des Jahrgangs mit 3,6 abgeschlossen und hatte keine feste Vorstellung, was ich nach der Schule lernen oder studieren wollte. Für mich stand nur fest: Studium, weil ich hatte mich nicht umsonst durch das Abitur geboxt (. ), um jetzt eine Ausbildung zu machen.
Trigger

Im Oktober 2015 machte ich mit meiner Mutter, meinem Bruder, meiner Schwester und unserem Hund Urlaub. Der Hund wandte sich mehr und mehr von mir ab und meiner Schwester zu. Ich kann es nur rückblickend als Ursache für den folgenden Zwang sehen, aber von da an nahm unser Hund die Rolle meines Bruder von damals ein. Ich brauchte auch dort wieder die Resonanz und es machte mir noch genauso zu schaffen wie vorher auch. das zog sich über Jahre hinweg.

Zwischendrin kam der Notrufzwang wieder und ich musste mit dem Mauszeiger über Kaufbuttons auf Amazon und eBay gehen und dabei mit dem Finger zittern, in der Hoffnung, es würde nicht klick machen. Dabei kaufte ich Dinge für Hunderttausende, wenige konnte ich nicht stornieren und es entstand ein finanzieller Schaden von einigen hundert Euro. In dieser Zeit Entwickelte ich eine Strategie, die mir selbst Kontrolle über das Ganze geben sollte. Ich versuchte, meine Zwänge mit Zahlen zu begrenzen und so etablierte es sich schnell, dass ich am Tagesanfang (meist 0 Uhr) meine Zwänge x Mal ausführen musste, um es unter Kontrolle zu behalten. Wenn etwas neues dazukam, musste ich es täglich machen, nach Wochen oder Monaten nur noch zum Wochenanfang oder Monatsanfang und immer jedoch zum Jahresanfang. Das war immer der schlimmste Tag des Jahres, da so viel auf mich einprasselte und ich schon Wochen vorher alles durchplanen musste. Zu diesem Zeitpunkt studierte ich Verfahrenstechnik, was ich insgesamt 2 Jahre tat, ohne mich dafür zu interessieren oder mich anzustrengen. 2017 wechselte ich den Studiengang und begann mit Biosystemtechnik, was mir grundsätzlich Spaß machte, ich suchte und fand schnell Anschluss. Wieder konnte ich mich nicht dazu begeistern, zu Hause für Prüfungen zu lernen und fiel somit in den ersten beiden Prüfungen durch. Danach ließ ich wieder alles schleifen und ging irgendwann gar nicht mehr zur Uni. 2017 suchte ich mir einen Minijob im Baumarkt, wo ich bis 2019 saisonal arbeitete. Dann wurde ich gekündigt, weil ich mit den Aufgaben der neuen Chefin nicht zurecht kam und keinen Spaß dabei hatte, Metallreste aus der Biotonne zu suchen, was natürlich nicht unentdeckt blieb. In der Zeit, in der ich arbeitete, traten nach wie vor Zwänge auf, Notruf wählen, Dinge versehentlich kaufen oder auch Bombendrohnungen direkt an die Polizei zu verschicken (auch hier wieder das Provozieren, was letztendlich einige Mal schief ging und zu Anzeigen führte) 2018 kam der Zwang, der Zündschlüssel vom Auto während der Fahrt abzuziehen. bei 100, 150 und 200kmh. Das war das erste Mal, dass es lebensgefährlich wurde. Es ging zum Glück einige Monate gut, bis ich im Juli dann auf dem Acker landete, unverletzt, jedoch geschockt. 2019, neues Auto, alte Muster, musste ich schnell fahren, ebenfalls wieder die gleichen Geschwindigkeiten und als es einmal stark regnete, ging es schief und ich baute einen Unfall. Keine Verletzten, nur Sachschäden, zum Glück! Dann stand ich da und dachte mir, ich brächte mal was Festes. Ich bewarb mich bei der Bundeswehr und wenige Monate später, im Februar 2020, wurde ich zum Einstellungstest vorgeladen. Das erste Mal im Leben hatte ich Perspektive, was mir ein gutes Gefühl gab und ich dachte, ich zieh es jetzt einfach durch, komme was wolle. 2020 war das erste Jahr, in dem es mir gut ging. Ich hatte zwar immer noch meine Rituale, aber habe sie nur ausgeführt, weil ich die mir auferlegten Regeln mit den Zahlen, welche mir Sicherheit gaben, hatte. Es war jedoch kein großer Druck da und keine Angst. 2020 verstarb meine Oma, die mir viel bedeutete, jedoch seit zwei Jahren im Heim war. Somit hatte sich etwas Distanz aufgebaut, aber dennoch schmerzte es sehr, als sie ging. Den Dienstantritt hatte ich aus eigenem Willen von Juli auf Oktober verschieben lassen, denn ich wollte den letzten Sommer in Freiheit genießen. Als es dann los ging, war ich motiviert und obwohl ich, wie alle anderen auch, keine Familienmitglieder oder Freund sehen durfte (wegen Corona), war ich glücklich und wollte es schaffen. Ich habe Anerkennung von den Ausbildern bekommen, wenn auch unterschwellig und war neben jemand anderem der beste von 20 jungen Männern und Frauen. Nach der Grundausbildung hatte ich zwei Monate frei und da fing es an, dass ich ausprobiert habe, ob ich mich selbst mit Schlägen verletzen kann. Meine Stammeinheit war die gleiche, in der ich die Grundausbildung gemacht habe, ich kannte die Umgebung also schon, die Arbeit jedoch nicht und schnell wurde mir klar, dass ich das auf jeden Fall nicht 4 Jahre durchziehen möchte. Ich habe mich unterfordert und gelangweilt gefühlt. Ende Januar habe ich mit ein paar Freunden gek. und hatte sehr starke Zwangsgedanken, in denen ich meiner Oma etwas angetan habe. Dann schlief ich ein und von da an hatte ich für ca. zwei Wochen das Gefühl von innerer Leere und ich wusste nichts mit meiner Freizeit anzufangen. Am 08.02. verstarb unser Nachbar, den ich zwar nicht sehr mochte, aber dennoch kam es mir etwas surreal vor und es tat mir auch Leid.
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Ein paare Tage zuvor oder danach kam der Gedanke auf Arbeit, ich könne mir Kabelbinder um den Hals legen und sie dann zuziehen. Der Gedanke drängte sich so sehr auf, dass ich schnell nachgab und es tat, jedoch nur leicht und dabei habe ich wieder meine Zahlen eingebunden. Bei der letzten Handlung habe ich mich mit der Schere am Hals geschnitten, das hat es nicht besser gemacht. Von da an war ich wieder in einer Spirale drin und habe versucht, es irgendwie in meine Zahlenrituale einzubinden. Ich musste auf dem Nachhauseweg den Gurt um den Hals legen und leicht bremsen und zu Hause ein Kabel um den Hals legen und leicht dran ziehen. Dann dachte ich, ich hätte mich wieder unter Kontrolle. Kurze Zeit später entdeckte ich, dass ich mich selbst würgen kann und dadurch wohl auch ohnmächtig werden kann. Das hat eine sehr starke Angst ausgelöst und ich fiel in ein Loch.

Ich habe mich meiner Mutter geöffnet und von da an wieder bei ihr geschlafen. Es war ein Freitag und ich hatte nicht die Möglichkeit, einen Truppenarzt aufzusuchen, wollte aber auch nicht in die Notaufnahme.
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Dieses Wochenende war sehr schlimm, ich war gefangen in einer Angstspirale, die sich nur um diese Handlungen drehte und ich musste mich hunderte Mal am Tag selbst würgen, es ging in einer Tour. Am Montag fuhr ich leider zu spät in die Kaserne, ich weiß nicht mehr, ob ich frei hatte, aber ich war nicht arbeiten. Am Dienstag habe ich mit einem Truppenarzt gesprochen, der mich noch am gleichen Tag in die nächst gelegene Akutpsychiatrie eingewiesen hat.



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Dort kam ich auf die Coronastation und habe auf mein Testergebnis gewartet. Ich war nicht mehr derselbe, getrieben von Angst, die sich nicht greifen oder festmachen ließ. Ich habe selbst dort, obwohl ich unter Beobachtung stand, immer wieder Handlungen durchgeführt, dann jedoch nur mit der Hand. Als ich dann einen Tag später auf meine eigentliche Station kam, war es mir am darauffolgenden Morgen schon zu viel, als Psychotiker lauthals die Morgenandacht hielten. Ich ließ mich abholen, stellte mich am gleichen Tag wieder beim Truppenarzt vor, der mich am darauffolgenden Tag in das Bundeswehrkrankenhaus Berlin überwies. Dort wusste man mir nicht so recht zu helfen und ich hatte viel Zeit zum Grübeln. [trigger]Es kam zu Strangulation mit Kapuzen, jedoch immer nur sehr schnell, um ja nicht Gefahr zu laufen, ohnmächtig zu werden. Ich strengte mich auch so stark an, dass ich blutunterlaufene Augen hatte, es kamen sehr viele Rituale hinzu, die sich überschnitten und mir unglaublich viel zeit raubten. Ich hatte teilweise nicht mal Zeit zum Frühstücken. Nach drei Wochen laß ich im Internet von Hyperventilation, ich musste! es ausprobieren, wurde ohnmächtig und schlug mir einen halben Zahn raus. Da war die nächste Angst da und ich musste es 3 oder 7 mal am Tag machen, um Kontrolle zu gewinnen.

Ich hatte durch 1h Ausgang am Tag etwas Struktur, ging spazieren und einkaufen. Eines Tages kam mir der Gedanke, ob ich denn sterben möchte, weil meine Handlungen, wenn auch ungewollt, dazu passen würden. Ich versuchte mir einzureden, dass ich sterben will, was nicht klappte. Das war dann die nächste Angst. Nachdem ich dann jemanden auf mein Zimmer bekam, ging es mir wesentlich besser, ich fühlte mich viel sicherer, da ich keine Zwänge oder zumindest nicht in dem Umfang wie vorher ausführen konnte. Nach insgesamt 4 Wochen wurde ich entlassen, die Diagnose: Zwangsstörung mit Gedanken und Handlungen. Ernüchternd, als wenn ich das nicht vorher schon gewusst hätte.[/trigger]


Ich wurde in der Zeit übrigens erst auf Escitalopram, wegen EKG Veränderungen dann auf Sertralin gesetzt.
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Zu Hause ging es mir kein Stück besser, von da an nutzte ich Tshirts zum strangulieren, lediglich nur mit den Händen, also ohne mich in zu große Gefahr zu begeben.

Es war immer noch der blanke Horror und nach einem Monat zu Hause ging es nicht mehr und ich ließ mich wieder in die Psychiatrie einweisen, in der ich zum Anfang die Nerven verloren hatte. Ich sagte mir, ich gebe dem ganzen noch eine Chance und dort wurde ich auf Fluoxetin gesetzt.
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Trotzdem habe ich wieder Handlungen ausgeführt und nach einigen Wochen kam mir der Gedanke, ich könnte mir feuchtes Toilettenpapier in den Rachen stopfen. Ich habe es so oft gemacht, bis ich gemerkt habe, dass alles, was reinpasst, auch wieder raus kann und das es anatomisch wohl nicht so einfach ist, sich damit etwas anzutun

. Therapietechnisch war dort nicht viel los, meine Therapeutin war noch in Ausbildung und ließ sich nur von mir berieseln. Neben dem ganzen Beschäftigungskram war das das einzige, was ich mir als wöchentliches Highlight der Behandlung setzen konnte. Da es nicht besser wurde, bekam ich kurzzeitig Risperidon, was starke innere Unruhe und Muskelspastiken im Kieferbereich auslöste. Das einzige, was half war Tavor, was ich anfangs zum schlafen bekommen hatte und für den Ernstfall nach meinem Aufenthalt bunkerte. Über das Internet lernte ich dann meine jetzige Freundin kennen, ich besuchte sie heimlich und kurze Zeit später entließ ich mich nach 6 Wochen selbst, da ich keinen Sinn in dem Aufenthalt sehen konnte. Ich suchte mir eine ambulante Therapie, die ich seit Oktober ein Mal wöchentlich bekomme. Mit meiner Therapeutin komme ich gut klar, aber ich denke teilweise, dass Erfahrung fehlt.

Seit dem bin ich fast ausschließlich bei ihr und nur selten zu Hause. Anfangs war es bei der Heimkehr sehr schlimm, irgendwann lebte ich meine Symptomatik auch bei meiner Freundin aus. Insgesamt war es aber viel besser als in der ersten Jahreshälfte. Ich merkte, wie die Anspannung und Symptome mehr wurden, wenn der Aufenthalt zu Hause wieder näher rückte. Ich mied mein Elternhaus, assoziierte mit unserem Keller meine Zwänge und Angst. Irgendwann war es zu Hause aber nicht mehr so schlimmer, trotzdem wurden die Zwänge bis zu dem Zeitpunkt, wo ich oder wir zu Hause ankamen schlimmer. Es war wohl die Erwartungshaltung, die sich bei mir abgespeichert hatte. Aktuell ist es aber nicht so, dass es besser geworden ist, ich denke, dass es daran liegt, dass wir fast zwei Wochen bei mir sind. Vorher waren es nur wenige Tage zusammen oder ich maximal zwei Tage allein. S
Trigger

eit ca. einem halben Jahr drehen sich meine Zwangsgedanken um das Thema Tod, ich habe vor Augen, wie ich mich erhänge, jedoch nicht an einem Baum oder so, sondern in einer Position, die als atypisch bezeichnet wird. Es ist die Vorstellung, wie ich die Zwangshandlung ausführe, die ich übrigens so nicht ausführe, da sie mir als zu schlecht kontrollierbar erscheint sich zuziehende Schlinge und dabei das Bewusstsein verliere und danach nicht mehr da bin Vorstellung von Ohnmacht, also dem nichts. Ich habe in dem Moment, wo ich daran denke nicht mehr da zu sein und alles zu verlieren, ein schnelles, aber konkretes Gefühl von Angst. Ich muss den Gedanken dann innerhalb von 3 Sekunden durchdenken und mich dabei teilweise selbst würgen.

Ich grüble über den Sinn des Lebens nach, der ja so gesehen individuell ist und nicht feststeht. Ich denk über das Nichts, den Tod und was danach kommt nach.

Ich weiß, dass es sehr viel Lektüre ist, aber wenn ich mich schon im Internet öffne, dann richtig. Bitte sagt mir nicht, dass ich in die Psychiatrie gehen soll. Ich weiß, es hört sich krass an und das ist es sicher, aber ich weiß, dass ich mich jederzeit an meine Freundin wenden kann, die mir Sicherheit bietet und mich vor schlimmem bewahrt.
Wenn ich meine Zwänge von heute und damals betrachte, folgen sie einem Schema: ich darf nicht die Kontrolle verlieren. Nie hatte ich die Zwangsgedanken, mich direkt umzubringen, als so, dass ich nicht die Kontrolle behalten könnte oder sie verlieren würde. Wenn es stark ist, kann ich teilweise nicht mehr zwischen Angst und Wunsch unterscheiden, was mich beunruhigt.

Jemand, der keine Lust mehr hat zu leben, sucht nach Möglichkeiten, sich dieses zu nehmen und klar ist es meistens ein Kampf mit sich selbst, aber ich habe einfach nur Angst davor, es tun zu können oder bei meinen Handlungen die Kontrolle zu verlieren. Die Gedanken wären weg, wenn ich wüsste, dass von den Handlungen keine Gefahr ausgehen würde, das weiß ich aus der Vergangenheit.

Was mich davon abhält, eine sich zuziehende Schlinge zu verwenden ist, dass es mir viel zu Gefährlich und unberechenbar erscheint und dass ich es dann immer wieder machen müsste und eben nicht nur ein mal. Ich weiß auch, dass die Gedanken durch irgendetwas getriggert werden und auch wieder weggehen, aber in dem Moment, wo es so stark ist, kann ich mir das nicht schönreden.
Ich habe auch an Hypnose gedacht, um tiefliegende Probleme hervorholen zu können, aber die Bewertungen auf google sind bei so vielen nur gefaked!
Ich nehme seit einigen Wochen hochdosiert B Komplex, D3K2, einen Mineralstoffkomplex und Eisenchelat. habe ich mir im Internet bestellt, Eisen nur so, weil ich gelesen hatte, dass es helfen kann, aber insgesamt würde ich sagen, dass es durchschnittlich wesentlich besser geworden ist.

Was kann ich denn noch ausprobieren? Vollblutanalyse, rTMS, Hypnose? Medikamente? (hatte gutes von Clomipramin gehört)
Inwieweit könnte ADHS eine Rolle spielen? Immerhin hat nicht ein SSRI angeschlagen, was bei ADHSlern wohl normal sein soll.
Liegt es vielleicht auch daran, dass ich bis heute nichts geschafft habe? Ich bin seit einem Jahr krankgeschrieben und verlasse die BW nächsten Monat. Meine Erwartungshaltung an mich selbst ist auf jeden Fall größer als sie sein sollte, das habe ich aber in der Schule mitbekommen.


Vielen Dank schon mal für Antworten

19.02.2022 16:30 • 09.03.2022 x 2 #1


38 Antworten ↓


Hi, ich bin gerade am durchlesen.

Du hast ziemlich viele Vorgänge genau detailliert, dass sollte man so nicht machen, sondern in trigger setzen. Da sind ziemlich heftige Sachen dabei wie Selbstverletzung etc.

Man schreibt dann, im nachstehenden Trigger werden Selbstverletzungen und Tötungsversuche beschrieben” und dann klickt man oben in der Leiste das Auge an und schreibt zwischen den zwei Klammern.

Dann kann jeder entscheiden, ob er es lesen möchte.

Vielleicht kann @psycho-team @psycho-team

hier Sachen raus löschen?

21.02.2022 15:54 • x 1 #2



Zwangsstörung / ADHS mit Angst vor Kontrollverlust

x 3


Grace_99
Ich habs nur überflogen und finde es auch heftig, viele Trigger etc.

Du gehörst in die Psychiatrie, am besten sofort. Selbstheilung oder ein Forum kann dir nicht helfen.

21.02.2022 16:09 • x 1 #3


Ich konnte nicht so recht einordnen, was nun ein Trigger ist und was nicht, klar hätte ich es besser machen können, aber ich dachte, mit einer großen Warnung oben würde ich nichts falsch machen.

Bitte versteht es nicht falsch, Tötungsversuche gab es nie. Selbstverletzung wenn dann nur auf psychischer Ebene, eben durch Zwangsgedanken, wenn man es so sehen will, obwohl ich es nie so empfunden habe.
Ich hatte die letzten Tage große Angst und was mich Montag beruhigt hat, war die Tatsache zu bemerken, dass es kein Wunsch, sondern eine Angst ist. Angst ist jedoch sehr mächtig und wenn ich in so einer Phase bin, komme ich auch meist erst nach Tagen wieder raus.

Ich werde mit Sicherheit nicht wieder zum Truppenarzt gehen und mich in die Psychiatrie stecken lassen, die von der Heilfürsorge übernommen wird, denn dort gab es Neuroleptika und die Ärzte waren der blanke Horror! Im Bundeswehrkrankenhaus hatte niemand einen Plan, also warte ich lieber noch einen Monat ab, bis ich raus bin, um dann wieder frei in meiner Entscheidung zur Wahl des Arztes oder der Klinik zu sein.

Auch wollte ich nur eine Antwort bezüglich des Krankheitsbildes haben, manch einer sieht eben mehr als ich in meinem Verhalten. Es folgt und folgte ja immer ein und demselben Schema. Es traten Gedanken auf und im Laufe der Jahre hat sich die Vermeidung in Form von Ausführung von Handlungen entwickelt, um diese Gedanken loszuwerden. Ich kann mir vorstellen, dass ADHS mit der grundlegend höheren Impulsivität eine direkte Auswirkung darauf haben könnte.

23.02.2022 13:16 • x 1 #4


Luna70
Ich habe einiges in Trigger gesetzt, ich denke so müsste es nun für alle okay sein.

Welche Übereinstimmungen siehst du denn bei dir mit ADHS? Eine hohe Impulsivität kann natürlich ein Hinweis sein, aber letztendlich kann das nur ein Arzt untersuchen, der sich darauf spezialisiert hat. Es gibt ADHS-Ambulanzen für Erwachsene in vielen Städten. So eine Diagnostik ist ziemlich aufwendig, aber wenn du konkrete Anzeichen siehst, wäre es vielleicht einen Versuch wert.

Mein Mann hat (ärztlich bestätigt) ADHS und tatsächlich wirken Medikamente häufig nicht oder anders.

23.02.2022 14:23 • x 2 #5


Als Kind war ich oft hyperaktiv, sobald mich aber etwas interessiert hat, war ich fokussiert und nicht aus der Ruhe zu bringen. Ich habe den Unterricht gestört, nicht gelernt und Aufgaben bis zum Schluss aufgeschoben. Bis auf meine Zwänge habe ich keine grundlegend höhere Impulsivität bei mir feststellen können, aber dieses Aufschieben und die Tatsache, dass ich mich nicht konzentrieren kann, wenn es mich nicht wirklich interessiert, hat mich dazu gebracht, mein Studium, was mir Anfangs durchaus Spaß gemacht hat, abzubrechen. Hyperaktiv bin ich mittlerweile nicht mehr so sehr, habe aber in Zeiten, in denen es mir psychisch gut oder besser geht, oft den Drang, etwas zu tun, mich irgendwie zu beschäftigen und bin teilweise auch kindisch in meinem Verhalten. Desweiteren bin ich sehr ungeduldig, oft und schnell gereizt und teilweise ziemlich vergesslich.
Meine Psychologin meinte auch, ich solle mich einer Diagnostik unterziehen, da sie meint, es könne durchaus einen mehr oder weniger großen Teil zu meiner Zwangsstörung beitragen.

23.02.2022 19:11 • x 1 #6


moo
Servus @gimmel,

viele kluge Menschen (wie Du mir einer scheinst) entwickeln Zwangsgedanken und Zwänge. Ich habe auch in einigen Dialogen via PN immer wieder festgestellt, wie trickreich der Geist insbesondere bei intelligenten Leuten agiert. Da ich selber einige Zeit, vor allem in jungen Jahren, ordentlich darunter litt, kann ich nahezu alle von Dir geschilderten Situationen nachvollziehen - indes wohl wissend, wie erschreckend manche Details scheinen oder auch tatsächlich sind.

Aus der Hüfte würde ich sagen, dass Du derzeit sehr gute Anlagen hast, aus der Sache rauszukommen. Nichts destotrotz würde ich Dir die Klinik Windach am Ammersee empfehlen, die einen guten Ruf bzgl. Zwangsbehandlung hat. Ich habe dort 2016 während meiner Burnout-Geschichte einige Zwängler kennengelernt. Du kannst Dich dort jederzeit anmelden und prüfen lassen, ob und wann sie Dich aufnehmen könnten. Mit dem entsprechenden Schrieb von einem Haus-, Fach- oder Mannschaftsarzt geht das dann idR ziemlich flott. Grundsätzlich sind Gruppentherapien im Bereich Zwänge oft äußerst effektiv. Leider gibt es nur wenige SH-Gruppen, aber eine Suche in Deiner Umgebung wäre trotzdem empfehlenswert.

Zwängler machen gerne alles mit sich aus, es ist ja ein wesentliches Kriterium des Krankheitsbildes - die ständigen Dialoge der Absicherung, der Abwägung, der ängstlichen Vorausahnung, der Kontrollsucht etc... Im Wissen, dass die Umgebung derlei Geisteswelten in keinster Weise nachvollziehen können, isoliert man sich subjektiv immer mehr obwohl die Außenwelt das oft gar nicht mitbekommt.

Ich würde gerne - wenn Du magst - ausführlich auf Deine Situation eingehen. Kann aber ein wenig dauern, da ich hierfür in der richtigen Stimmung und vor allem gut fokussiert sein möchte; und das ist bei mir immer etwas zeit- und tagesformabhängig. Bis dahin wäre es hilfreich, wenn Du alles, was Dir zusätzlich wichtig erscheint, noch erwähnst.

Eins möchte ich Dir jedoch vorab andeuten: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es bei Dir um das Thema Verantwortung geht. Sollte da bei Dir sofort irgendwas aufblitzen, gib Laut ...

Bis neulich und erstmal alles Gute!

24.02.2022 11:18 • x 1 #7


Luna70
Bei deiner Schilderung ist schon einiges ADHS-typische dabei. Aber wie du schon gehört hast, eine Diagnose kann nur ein Fachmann stellen. Das ist recht aufwendig, man muss viele Fragebögen ausfüllen, wenn noch vorhanden werden alte Schulzeugnisse angeschaut. Die Handschrift gibt einem Spezialisten auch Hinweise. Bei meinem Mann hat die Ärztin damals gesagt, die Handschrift wäre sehr typisch, obwohl sie eigentlich ganz normal aussieht.

ADHS hat ja oft Folgeerkrankungen wie z.B. Depressionen, von so einer ausgeprägten Zwangsstörung als Folge von ADHS habe ich eigentlich noch nicht gehört. Ich denke auch, eine bestätigte Diagnose ist noch lange keine endgültige Lösung, aber möglicherweise sprichst du ja auf Medikamente gut an. Bei meinem Mann war das leider nicht der Fall.

Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

24.02.2022 17:01 • x 1 #8


Vielen Dank für eure Antworten!
Es ist schön, zu wissen, dass man mit seinen Problemen nicht allein da steht und dass sich andere Menschen (viel) Zeit dafür nehmen, sich diesen Problemen anzunehmen!

Mir geht es seit vorgestern wesentlich besser. Grundsätzlich seit Montag, aber die unterschwellige Angst hat nach meinem letzten Therapiegespräch am Mittwoch noch einmal abgenommen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich seit dem wieder hochprozentiges CBD-Öl nehme, was ich vorher, zwar auch genommen habe, aber außer Benzos holt mich nichts aus einer extremen Anspannung heraus.

In der Therapiestunde wurde, wie auch die Woche davor, noch einmal der Tod meines damalig besten Freundes, der verstarb, als ich 8 Jahre alt war, thematisiert. Auf Rat meiner Therapeutin habe ich mit meiner Mutter darüber geredet und sollte dabei meinen Emotionen freien Lauf lassen. Potential für Tränen war nciht da, aber ich hatte schon immer ein Problem damit, vor anderen zu weinen. Wenn, dann allein und selbst da nur extrem selten. Vermutet wurde, dass sich unterdrückte Emotionen in meiner Zwangsstörung wiederfinden könnten. Jedenfalls kam heraus, dass ich nach dem Tod meines Freundes nur den einen Abend bitterlich geweint habe. Meine Mutter meinte, ich weinte wie ein Erwachsener, was auch immer das heißen mag. Am nächsten Tag und darüber hinaus war Ruhe und ich schnitt das Thema nicht mehr an. Komischer Reakton meinerseits und sicherlich ein Trauma, auch wenn ich heute nicht mehr trauere oder merke, dass es etwas mit mir macht.

Trigger

Seit Mittwoch ist der Zwangsdruck weniger geworden und die Gedanken and die Ausübung und die Folgen sind anderen gewichen. Ich kam wieder dazu, mir es einzureden bzw. in der Angst, ich könnte es mir einreden, kamen die Fragen über meine Existens und den Sinn des Lebens wieder auf. So sage ich mir seit Tagen: Das Leben hat keinen Sinn und Nur ich existiere, sowie Wenn ich tot bin ist alles gut, OHNE daran zu glauben, davon überzeugt zu sein oder es zu wollen. Teilweise kommt noch das würgen dazu, so schwer es mir fällt, das zu schreiben, aber es gehört immer noch zu der Symptomatik und wie all meinen Zwängen gebe ich schnell nach bzw. lasse den Gedanken gar keinen Raum, sondern handele gleich. Mittlerweile ist es und das war vor Jahren schon so eher ein Handlungsimpuls ohne Gedanken. Dabei muss ich dann eben die oben genannten Gedankengänge durchlaufen. Ich war bislang der Meinung, diese spezifischen Gedanken wären teilweise nur Lückenfüller, um irgendwie das Gefühl von Richtigkeit Zahl 3 etc. zu erreichen, aber ich sehe da mittlerweile mehr. Mir die Frage zu stellen bzw aus Angst, ich könnte die Kontrolle verlieren, es immer wieder selbst zu sagen, dass nur ich existiere und alles nur eine Einbildung ist, könnte auf die Angst des Alleinseins und der Hilflosigkeit in Bezug auf meine Krankheit oder das Gefühl des Willkommenseins in dieser Gesellschaft zurückzuführen sein. Zu sagen, mein Leben sei nichts wert, kann als Zwangsgedanke wertvoll sein, da ich von mir viel mehr erwarte, als ich denke erreichen zu können.



Mein Selbstwertgefühl ist tiefliegend glaube ich sehr eingeschränkt. Ich wurde eben oft unterdrückt und habe in meinem sozialen Umfeld nur stellenweise Zuspruch erhalten, zumindest phasenweise.
Zum Thema Verantwortung kann ich nur sagen, dass es ein vollkommen neuer Ansatz in den vielen Monaten, in denen ich mich intensivst mit meiner Krankheit und deren möglichen Ursachen beschäftigt habe, ist. So gesehen ist er plausibel, obwohl mir konkrete Zusammenhänge fehlen. Ich werde es auf jeden Fall in meiner nächsten Therapiestunde ansprechen, denn direkte Zusammenhänge kann ich aktuell nicht erkennen, was ja nichts heißen muss. Vielleicht magst du mir erklären, wenn es passt, wie du darauf kommst. Das Thema Eigenverantwortung spielt aktuell in sofern eine Rolle, als dass ich mit meiner Freundin dieses Jahr in eine eigene Wohnung ziehen möchte, obwohl ich irgendwie meine Bedenken habe, denn das heißt irgendwie alles selbst zu koordinieren. Anbei muss ich sagen, dass ich häufig an meine, abgesehen von diesen schulischen Problemen, sehr schöne Kindheit denke und sie zeitweise auch extrem vermisst habe. Vielleicht ist das Erwachsenwerden auch nichts für mich, denn irgendwie fühle ich mich zu sehr an den gesellschaftlichen Erwartungsdruck gebunden. Hast du was, bist du was und umgekehrt eben genau so. Mein Traum war immer ein dickes Auto, was Gleichaltrige nicht haben zu fahren. Wofür? Um mich zu profilieren und allen zu zeigen, dass ICH es geschafft habe. Aktuell sieht's mau aus, denn ab dem 31.03. bin ich so gesehen arbeitslos. Ich habe mir zwar als Ziel gesetzt, im August die Ausbildung zum Tischler anzufangen, aber so richtig Frieden finde ich in diesem Gedanken nicht. Ich habe gelernt, dass ich nicht für ein Studium tauge, weil ich mich nicht dazu aufraffen kann, zu lernen und wie damals nur aufschiebe und es letztendlich verhaue. Eine Ausbildung gäbe mir Struktur, was an sich gut ist, aber wenn ich andere Wünsche habe, beißt sich das natürlich. Hätte ich bei dem Biosystemtechnik-Studium gelernt, wäre ich heute fertig und hätte vielleicht schönere Probleme. Es hat mir Spaß gemacht, abgesehen vom Zuggefahre und Mathe, denn es war ein guter Mix aus Theorie und Praxis mit viel Labor und Biologie. So gesehen würde ich lieber wieder studieren, aber ich stehe mir selbst im weg und muss ja irgendwo realistisch bleiben.

Ich werde mir die Klinik auf jeden Fall gleich einmal ansehen, auch wenn ich von einem stationären Aufenthalt eher absehe. Nicht nur, dass die vergangenen zwei Aufenthalte mir nichts gebracht und der zweite sogar sehr anstrengend war (meine Psychologin war in Ausbildung und die Ärztin hat mich nur vollgepumpt), muss ich mich auch wieder von allen Menschen trennen, die mir lieb sind oder verlasse zumindest dieses gewohnte Umfeld wieder. Man weiß ja nicht, ob nicht wieder irgendwelche Coronavarianten auftauchen, die einen Klinikaufenthalt noch mehr erschweren. Ich halte mir die Option aber auf jeden Fall offen, letztendlich will ich ja gesund werden.

Ich bin noch auf der suche nach einer ambulanten ADHS-Diagnostik, aber entweder sind die Wartelisten voll oder es geht niemand ans Telefon. Ich denke, dass ADHS schon eine gute Grundlage für eine Zwangsstörung, die ja letztendlich eine Form der Angststörung ist, bietet, auch abgesehen von der Impuslivität. Das eine Diagnose nichts an der Symptomatik ändert, ist klar, aber ein Zwängler mit ADHS spricht vielleicht besser auf eine duale Therapie an. Ich bin eben auf Ursachensuche, da ich das Gefühl habe, besser die Kontrolle behalten zu können und es mir besser vor Augen führen zu können, dass es nur Ängste sind und ich es nur denke, weil es die und die Ursache gibt.

Auf der Suche nach rezeptfreien Beruhigungsmitteln Picamilon, eine Verbindung von Vitamin B3 und GABA gefunden, will es aber noch nicht bestellen, da es irgendwie nach Grauzone riecht. Ich habe nämlich etwas Bedenken, von Tavor und Co abhängig werden zu können. Wenn ich mich einmal in so eine Angstschleife gefressen habe, helfen Benzos wunderbar, um mich von 90% auf 20% zu bringen und das nachhaltig. Was meint ihr zu diesen GABA Ergänzungsmitteln?

Liebe Grüße

ps: @moo Ich würde mich freuen, wenn du es mir ausführlich erklärst! Lass dir Zeit und antworte, wenn es dir passt.

25.02.2022 21:41 • #9


moo
Hi @gimmel,

danke für Deine Rückmeldung. Ich fang mal etwas chronologisch an...

Zitat von gimmel:
Es fing an, als ich mit 4 Jahren, meine Mutter war schwanger, immer wieder etwas zu dem Zeitpunkt für mich peinliches zu meiner Mutter sagen musste, bis sie nach Wochen darauf reagierte. Dann war es plötzlich verschwunden.

Verstehe ich es richtig, dass Deine Mutter wochenlang nicht darauf reagiert hat? War das ihr Erziehungsstil oder was darf man darunter verstehen? Falls Du Dich noch erinnern kannst - war Dein Vater da auch öfters zugegen oder hast Du explizit darauf geachtet, dass nur Deine Mutter mit Deiner Aussage konfrontiert wird?

Zitat von gimmel:
Meine Noten sanken rapide und mit 11 oder 12 Jahren fing es dann wieder an. Ich musste zu Hause immer wieder den Notruf wählen, um daraufhin sofort aufzulegen. Nach hunderten Anrufen bekamen meine Eltern das mit und mein Vater fuhr mit mir zu den Notruf-Männern, welche ruhig mit mir redeten, was jedoch zur Folge hatte, dass der Zwang verschwand und zwar sofort.

Das hat Dein Vater m. E. sehr klug gelöst. Er zeigte den größeren Wirkungszusammenhang und die subjektiv idealisierte anonyme Nummer wurde durch objektiv vorhandene Mitmenschen ersetzt. So holte er Dich raus aus der gezwungenen Phantasie- in die freie Kommunikationswelt. Die erlebte Einsamkeit (Mobbing/Notruf - welch treffliche Metapher!) wurde durch eine Perspektive auf das Erwachsensein relativiert. Da Du aufgrund Deiner Entwicklung im Vergleich zu Deinen Mitschülern in einer anderen Welt lebtest, bekamst Du im Grunde durch diesen Kontakt zu den Notruf-Männern genau das, was Du brauchtest (bzw. unterbewusst ja auch selbst herbeigeführt hattest) . Deine Eltern alleine hätten in diesem (Deinem) Alter nur schwerlich für diesen wohltuenden Effekt sorgen können.

Interessanterweise geschah mir durch meinen (4 Jahre älteren) Bruder dieselbe Haarziehgeschichte - allerdings etwas gröber . Will hier nicht ins Detail gehen, aber ich habe das bereits nach wenigen Jahren komplett vergessen, obwohl ich damals furchtbar drunter litt. Will damit sagen, dass Du ggfs. mal mit Deinem Bruder drüber reden könntest, wie er das heute sieht. Wir Zwängler ticken sehr verstärkt im Raum-Zeit-Modus. Wir überbewerten Handlungen und Emotionen, die vor langer Zeit geschahen und entstanden, obschon sie aktuell eigentlich nur noch für uns eine (zwanghafte!) Rolle spielen. Weshalb wir das tun, darauf komme ich hoffentlich später noch zurück. Soviel vorweg: den dahinter stehenden Auslösemechanismus von Zwängen und deren Unangemessenheit hinsichtlich des beabsichtigten Ziels zu verstehen ist mit Abstand der wichtigste Schritt Richtung Heilung - zumindest m. E. bei Menschen, die Deine emotionale Intelligenz mitbringen.

Die Facebook-Sache mit dem Mädchen ist offensichtlich eine pubertäre Variante der Mutter-Provokation aus Deiner frühen Kindheit. Allerdings wird hier noch schöner der exhibitionistische Aspekt deutlich: Man provoziert eine Bloßstellung und erzeugt damit einen Kick. Dieser Kick steht sinnbildlich für gesehen werden wollen, lebendig fühlen, herausgefordert sein wollen, Aufregung etc. Diese im subjektivem Erleben als fehlend empfundenen Geisteszustände sollen damit eine Kompensation erfahren. Sobald der Gau eintritt (z. B. man wird erwischt), platzt im wahrsten Sinne der Knoten. In der direkt manifestierten Peinlichkeit baut sich physisch spürbar ein immenser Druck ab. Die Bloßstellungsvariante ist eine gern gewählte Praxis für Menschen mit geringem Selbstwertgefühl. Sie erinnert ein wenig an den u. U. sich später ausprägenden Masochismus, der quasi eine stärker verkörperlichte erwachsene Variante der Bloßstellung darstellt.

Die Softairpistolero-Geschichte ist nur eine weitere Version der Kick-durch-Angst-Provokation.

Zum Zeitpunkt der YouTube-Video-Erfahrung hatte sich m. E. dieser bisher skizzierte Zwangsmechanismus schon sozusagen charakterisiert, d. h. der dort gezeigte Vorgang fiel auf fruchtbaren Boden. Nur wurde diesmal (zumindest sehe ich das so) erstmals ein Szenario von außen in Deinen Geist getragen. Das mag unerheblich scheinen, ist es aber mitnichten! Denn Deine bisherigen Zwangsaktionen (s. o.) entsprangen Deinem Geist, also Deinem - auch wenn es sich etwas makaber anhört - kreativen Denken! Insofern waren es Eigenkreationen, die unweigerlich Deinen aktuellen Geistesfähigkeiten und -notwendigkeiten entsprachen. Das war bei dem Video definitiv nicht der Fall, jedoch die Bereitschaft, diese Schuldsequenz in Deinen Zwangsgedankenautomatismus aufzunehmen, schon!

Und hier musst Du unbedingt unterscheiden. Die Struktur Deines Geistes war soweit verzwänglicht, dass sie keine Chance hatte, dieses von außen importierte Material zu ignorieren. Du wurdest hier also in einem noch höheren Maße Opfer als bei Deinen bisherigen Zwängen.

Zitat von gimmel:
So etwas hatte ich noch nie erlebt und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Ich suchte den Kontakt zu meinen Eltern, verbrachte die Abend mit Ihnen und schlief bei meiner Mutter. Ich denke, ich wollte mir selbst Sicherheit in dieser, in meinen Augen, unsicheren Situation geben.

Und das war absolut richtig! Ob Venlafaxin dann unbedingt die beste Wahl war, sei dahingestellt. Ich denke, dass ein Jugendtherapeut hier zielführender gewesen wäre.

Die nachfolgenden Schilderungen inkl. der verzweifelten Jonglierversuche mit dem Faktor Zeit (täglich, wöchentlich, monatlich usw.) sind die üblichen Versuche, den Zwang irgendwie in den Griff zu bekommen. Das verhält sich sehr ähnlich wie bei einem Suchtkranken - man meint, durch irgendwelche neue Zwangsmodalitäten Kontrolle zu bekommen und betrügt sich nur auf einem anderen Level - kenne ich alles.

Das war´s jetzt erstmal für heute. Sobald ich genügend Zeit habe, geht es weiter. Ich nehme übrigens deshalb zu Deinen doch sehr präzise beschriebenen Beispielen ebenso exakt Stellung, weil es nämlich einen Grund hat, warum Du uns das so genau geschildert hast. Ich möchte in genau derselben Ausführlichkeit den Weg zurück zum Ursprung schildern, bevor wir uns mit der Lösung beschäftigen. Ich hoffe, wir haben einen langen Atem...

26.02.2022 10:33 • x 1 #10


Luna70
Zitat von gimmel:
Ich denke, dass ADHS schon eine gute Grundlage für eine Zwangsstörung, die ja letztendlich eine Form der Angststörung ist, bietet, auch abgesehen von der Impuslivität.


Ja, das kann gut sein. Du wirst sicher eine kompetente Anlaufstelle für ADHS im Erwachsenenalter finden, da muss mal wohl leider Geduld haben und dran bleiben. Diese Ärztin hat die Diagnostik bei meinem Mann gemacht, sie beschäftigt sich schon sehr lange mit dem Thema und hat auch ein Buch geschrieben

https://praxis-neuy.de/adhs/

Das mit dem Studium kommt mir auch sehr bekannt vor. Mein Mann hat sein Studium abgeschlossen, allerdings war das auch zu einer anderen Zeit und damals konnte man ein Studium wohl sehr viel länger hinziehen. Am Ende war es auch einigen Mentoren zu verdanken, dass er den Abschluss gemacht hat. Ohne Anschieben von außen hätte es vielleicht auch nicht geklappt.

Ich habe mich das oft gefragt, ob eine praktische Ausbildung im Handwerk nicht besser gewesen wäre. Man hätte das Problem der Unterforderung gehabt, aber eben auch einen kürzeren Zeitraum und eine klare Struktur. Mein Mann hat als Ingenieur nie so recht seinen Platz gefunden, interessanterweise arbeitet er heute mit Mitte Fünfzig in einem Familienbetrieb im Handwerk und hat da mehr Erfolgserlebnisse als in der ganzen Zeit vorher.

Wenn du die Chance auf eine Ausbildung hast, dann würde ich es versuchen. Wenn du tatsächlich ADHS hast bzw. typisch reagierst, wirst du dich darauf einstellen müssen, dass du dich schnell langweilen wirst. Du wirst das mit einberechnen müssen, das kommt zwangsläufig. Du hast Leute in der Berufsschule, die nicht annähernd deine Schulbildung und deinen Stand haben, auf die muss Rücksicht genommen werden. Aber du kannst ja sicher die Ausbildung verkürzen, damit hast du einen Zeitraum, der überschaubar ist. Wenn du Tischler werden möchtest, hast du wohl Spaß am Arbeiten mit Holz. Du kannst versuchen, über den Zeitpunkt deines Abschlusses hinaus zu denken. Was kannst du später machen, was wäre ein Ziel. Besondere Möbel für anspruchsvolle Kundschaft bauen, besondere Konzepte für Innenausbau entwickeln oder was auch immer halt deinen Interessen entspricht.

26.02.2022 12:46 • x 2 #11


Hi,

vielen Dank für eure Antworten. Ich bin total begeistert davon, welche Zusammenhänge aufkommen, denn so etwas hätte ich nur von einem Psychologen erwartet. Auch, dass ich noch nicht selbst darauf gekommen bin, verwundert mich, obgleich ich weiß, dass eine neutrale Betrachtung der eigenen Probleme oft sehr schwierig ist.

Zitat von moo:
Verstehe ich es richtig, dass Deine Mutter wochenlang nicht darauf reagiert hat? War das ihr Erziehungsstil oder was darf man darunter verstehen?


Zuerst will ich den Inhalt meiner sich ständig wiederholenden Aussage nachtragen. Gib mir eine Spritze, Krankenschwester. Au, das tut weh! Ich sehe da keinen Zusammenhang zu vorhergegangenen Erlebnissen, aber ich werde mich noch einmal mit meiner Mutter darüber unterhalten und fragen, ob da nicht noch was war, an das ich mich nicht mehr erinnern kann. Meine Mutter hat mich damals nicht ignoriert, aber mit der Reaktion meinte ich, dass sie so getan hat, als ob sie mir eine Spritze gibt. In meiner Erziehung war meine Mutter immer die Nr.1, sie hat sich nach der Schule Zeit für mich genommen und gekocht, mit mir geredet und auch davor hing ich wortwörtlich an ihr. Sie konnte nirgends ohne mich hingehen, weil ich dermaßen anhänglich, ja fast schon lästig war. Zumindest würde ich mein Verhalten so empfinden, wenn ich zurückblicke bzw. es mir sagen lasse. Also nicht falsch verstehen, die meiste Aufmerksamkeit habe ich von meiner Mutter bekommen, wobei mein Vater sich ebenfalls sehr viel mit mir beschäftigt hat, als ich klein war. Das hat dann, als ich älter wurde (so um die 12 Jahre schätze ich), nachgelassen. Auch heute noch ist meine Mutter meine Bezugsperson und wenn ich mich öffne, dann meist zuerst ihr.
Bei der Notruf-Geschichte war es meine Mutter, die den Rückruf entgegen genommen hat und ich möchte meinen, sie hat dann meinem Vater gesagt, er soll mit mir zur Leitstelle fahren. Mein Vater war, wie außer meiner Mutter alle anderen auch, übrigens nicht in diesem ersten Zwang involviert. Ich musste es nur zu ihr sagen und zu keinem anderen.

Zitat von moo:
Man provoziert eine Bloßstellung und erzeugt damit einen Kick. Dieser Kick steht sinnbildlich für gesehen werden wollen, lebendig fühlen, herausgefordert sein wollen, Aufregung etc. Diese im subjektivem Erleben als fehlend empfundenen Geisteszustände sollen damit eine Kompensation erfahren. Sobald der Gau eintritt (z. B. man wird erwischt), platzt im wahrsten Sinne der Knoten. In der direkt manifestierten Peinlichkeit baut sich physisch spürbar ein immenser Druck ab.


Ich weiß noch genau wie es war und dabei unterschied es sich nicht von vorhergegangen oder nachfolgenden Zwängen. Der Gedanke kam, ich versuchte ihn wegzudrücken, was nicht funktionierte und ich tat es. Dabei hatte ich Angst, es würde schief gehen und als es dann einmal schief ging, brach Panik in mir aus. Ich weiß nicht mehr, ob ich es dann noch mal tuen musste, aber du meinst, dass diese Konfrontation mit den Folgen dafür sorgt, dass sich Druck abbaut? Bei den Drohmails an die Polizei hatte ich panische Angst, was jetzt kommen würde und wenn ich Handlungen, gerade sehr risikobehaftete, ausgeführt hatte und nichts passiert war, spürte ich Erleichterung. Das ist natürlich der Mechanismus hinter einem Zwang, aber bevor ich das auf die aktuelle Situation beziehe, warte ich erst einmal ab, was du dazu schreibst.

@Luna70
Das Problem dabei ist, dass ich meinen nächsten Schritt unbedingt richtig setzen will, da ich Angst davor habe, dass ein Fehltritt meine Situation noch weiter hinzieht oder sogar verschlimmert. Ich bin ein sehr kreativer Mensch und habe mich bis vor wenigen Jahren viel mit dem basteln von allen möglichen Dingen, meist aber funktionalen, wie Mausefallen, beschäftigt. Als Tischler kann man ja sehr kreativ sein, aber ich habe das Gefühl, dass ich, wenn ich den Schritt gehe, die falsche Richtung einschlage und meinem eigentlichen Wunsch, etwas mit Biologie zu studieren, obwohl er durch mein Aufmerksamkeitsdefizit und die Unfähigkeit der Selbstkontrolle bezüglich des Lernens ziemlich unrealistisch ist, auf der Strecke lasse. Wenn ich mich dann z.B. in der Ausbildung langweile, denke ich gleich, dass es nichts für mich ist und verliere komplett die Lust. Ich denke eben auch sehr kurzstreckig.

Liebe Grüße

26.02.2022 13:11 • x 1 #12


Luna70
Für viele Menschen mit ADHS ist es typisch, dass sie die volle Begeisterung brauchen, um etwas neues zu beginnen. Das machen sie dann zunächst mit 150 % Einsatz, aber dann kommt das Problem mit dem Durchhalten. Früher mal war Biologie ein sehr langes, schweres Studium, ist vermutlich heute auch noch so. Sicherlich ist es im Großen und Ganzen hochinteressant und spannend, aber du hättest das Problem mit sehr viel Lernstoff und ich vermute, auch viel langweilige Routine-Tätigkeit im Labor, die aber trotzdem sehr exakt ausgeführt werden muss.

Immer vorausgesetzt, du hättest ADHS, habe ich Zweifel, ob das das Richtige ist.

Zitat von gimmel:
Wenn ich mich dann z.B. in der Ausbildung langweile, denke ich gleich, dass es nichts für mich ist und verliere komplett die Lust.


Das ist recht typisch für ADHS. Deshalb ist es gut, wenn die Zeiträume überschaubar und kurz sind. Wie lange würde die Ausbildung denn dauern? Und was für eine Art Mensch ist dein Meister? Wenn es jemand ist, der bereit ist, dich zu motivieren und dich zu stützen, dann wäre es gut. Im besten Fall gibt er dir einen gewissen Spielraum für eigene Kreativität.

Ich denke, du hast den Vorteil dass du einen wachen Geist hast und bereit bist, an den Dingen zu arbeiten. Viele bleiben leider hängen in ihrer Sicht, dass alle anderen schuld sind, dass man ihnen nur Böses will und keiner sie versteht.

26.02.2022 14:23 • x 1 #13


moo
Servus @gimmel,

danke für die Rückmeldung. Ich mache nun erstmal an dem Punkt weiter, wo ich gestern Pause machte, um mich nicht zu verzetteln. Wir sind also zeitlich beim Studium.

Hier fällt auf, dass sich im Laufe dieser Orientierungslosigkeitsphase (Studium trotz schlechten Abi-Noten, Studiengangwechsel, passives Nebenjobengagement) Deine Zwänge erstmals vom bloßen Risiko in Richtung Selbstgefährdung bewegen. Wenn man diese Entwicklung vergleicht mit den vorherigen Zwängen könnte man das als folgerichtige Objektverschiebung innerhalb einer gleichbleibenden Zwangsstruktur auffassen. Die Struktur: das Bestrafen jener Personen, die es eigentlich gut mit Dir meinen (Mutter, Bruder, Freundin, Hund, Notruf-System). Die Objekte vorher: Die Anderen. Die Objekte nachher: Du selbst.

Daraus kannst Du schließen, dass es im therapeutischen Sinn wichtiger ist, die Zwangsstruktur zu beleuchten, statt die (letztendlich austauschbaren) Objekte. Ich denke, dass der Zwang strukturell gegen jene Personen oder Umstände mobil machte, die Dich (unterbewusst interpretiert) stark in Deiner geistigen und körperlich als notwendig empfundenen Bewegungsfreiheit einschränkten. Hier kommt auch die Rolle des evtl. ADHS ins Spiel.

Behalte diese Hypothese mal bitte im Hinterkopf. Nun zur BW-Zeit, die zu betrachten sehr einsichtsfördernd sein kann:

Zitat von gimmel:
2020 war das erste Jahr, in dem es mir gut ging. Ich hatte zwar immer noch meine Rituale, aber habe sie nur ausgeführt, weil ich die mir auferlegten Regeln mit den Zahlen, welche mir Sicherheit gaben, hatte.

Die BW-Hierarchie und ihre potentielle Ausübungsgewalt widerspricht auf dem ersten Blick meiner obigen Strukturthese, doch da diese Organisation von Dir nicht durch Zwangshandlungen manipuliert werden kann, wirkte sie anfangs wie eine Gruppentherapie (Truppentherapie ) auf Dich. Doch der Tod der Oma, die pandemiebedingte Isolation von Freunden und Familienmitgliedern und die immer offensichtlicher werdende Monotonie des BW-Alltags unterstützten letztlich eine weitere Objektverschiebung Deiner Zwänge auf Dich selbst. Alle drei eben geschilderten Umstände bzw. Personen lagen außerhalb Deines Beeinflussungsbereichs. Eine Person war jedoch immer verfügbar: Du.

Angesichts der potenziell vorhandenen Lebensgefahr durch Deine nun etablierten Handlungen erstarkte gleichzeitig der Angst- und der damit einhergehende Selbstverurteilungsaspekt. Und was tut der Zwängler mit dem, der schuldig ist? Er bestraft ihn...die Abhängigkeitsspirale entsteht. Das ist auch der Punkt bei Süchtigen, wo spätestens eine Umkehr als dringend notwendig erscheint. Insofern hat dieses weit fortgeschrittene Zwangsstadium schon auch sein - zumindest potenziell - Gutes. Du hast hier auch das einzig Richtige gemacht (Mutter, Truppenarzt, Psychiatrie). Eigentlich begann genau hier Dein Heilungsweg, obschon die nächsten Monate nochmal einen echten Zwangs-Peak bereithielten.

Zitat von gimmel:
Nach insgesamt 4 Wochen wurde ich entlassen, die Diagnose: Zwangsstörung mit Gedanken und Handlungen. Ernüchternd, als wenn ich das nicht vorher schon gewusst hätte.

Tja, so nüchtern können Diagnosen von außen sich anhören . Was hättest Du erwartet (erhofft)? Die Bestätigung von Suizidalität?


Zitat von gimmel:
Ich grüble über den Sinn des Lebens nach, der ja so gesehen individuell ist und nicht feststeht. Ich denk über das Nichts, den Tod und was danach kommt nach.

Deine aktuelle Situation (Therapeutin, Freundin) stellt zwar eine sehr begrüßenswerte Basis zur Befreiung bereit, doch - nachvollziehbarerweise - fördern Gedanken an das Elternhaus oder Besuche dort dunkle Assoziationen zutage. Die von Dir geschilderten neuen Zwangsgedanken bzgl. Tod/Nichts (= Ende des Seins) bedürften einer genauen Hinwendung. Du kannst via mein Profil mal mein Thema Sammelthread Kontemplation durchscrollen - evtl. ist da was für Dich dabei. Das nur mal kurz vorab, als Prüfung, ob Du Dir grundsätzlich Kontemplation vorstellen könntest. Ich sähe hier ein enormes Heilungspotenzial für Dich. Lies dort auch den Einleitungsbeitrag, damit Du erfährst, wohin das Ganze eigentlich führen soll.

Zitat von gimmel:
Wenn ich meine Zwänge von heute und damals betrachte, folgen sie einem Schema: ich darf nicht die Kontrolle verlieren.

Logisch - das ist ja der Antrieb jeglicher Zwangserkrankung. Natürlich funktioniert das aber immer nur für sehr kurze Zeit. Da Zeit sowieso relativ ist, sollte jedoch die insgesamte unheilsame Entwicklung eindeutig verstanden werden. Ich sage Dir gleich: Eine Heilung kann nur stattfinden, wenn Du aufhörst, den Zwängen zu folgen. Wie das funktionieren kann, dazu später.

Zitat von gimmel:
Die Gedanken wären weg, wenn ich wüsste, dass von den Handlungen keine Gefahr ausgehen würde, das weiß ich aus der Vergangenheit.

Da es aber ein Kreislauf ist (s. o.) der sich gegenseitig stützt, ist innerhalb dieses Kreislaufs keinerlei Lösung möglich. Der Kreislauf ist, so unerfreulich sich das anhört, für Dich der (subjektiv gefühlte) Normalzustand. Die Beendigung des Kreislaufs stellt für dieses Zwangs-Ich eine Bedrohung dar. Und genau hier kommt der Aspekt ins Spiel, den ich schon bei meinem ersten Beitrag hier anmeldete: Verantwortung.

Verantwortung hat übrigens nichts mit Kontrolle zu tun. Das werden wir noch näher betrachten. Ich muss nun wieder enden. Höchstwahrscheinlich morgen werde ich noch zu den restlichen Beiträgen ein paar Gedanken tippen und dann können wir, wenn weiters gewünscht, den Dialog vertiefen.

27.02.2022 10:48 • x 1 #14


Hi,

vielen Dank für die Antworten!

Zitat von Luna70:
Wie lange würde die Ausbildung denn dauern? Und was für eine Art Mensch ist dein Meister?


Dadurch, dass ich mein Abitur geschafft habe, kann ich die Ausbildung auf 2 Jahre verkürzen. Mein Meister wäre ein freundlicher Mensch, der mich sicher unterstützen würde und vorab schon gesagt hat, dass ich mich nach der Arbeitszeit gerne entfalten kann, was grundsätzlich schon mal sehr schön ist, der aber auch eine recht hohe Erwartungshaltung hat. Ich denke, das was mich am meisten antreibt, etwas zu tun und es mit vollem Einsatz zu tun, ist Anerkennung. Wenn ich merke, ich bekomme Zuspruch und Aufmerksamkeit, treibt mich das an. Ich bin auch der Überzeugung, dass gerade das ein sehr wichtiger Punkt ist, um mein Selbstwertgefühl aufzupolieren, denn in der Schule musste ich mich vor anderen hinten anstellen, später dann alleine, aber gefühlt war ich trotzdem nicht der Bringer. Gerade die Grundausbildung hat mir das Gefühl von Gleichwertigkeit und Erfolg gegeben, was in meinen Augen zu dem Zeitpunkt, unabhängig von dem Nichtwissen, was mich danach erwartet, aufgebaut hat.

Zitat von moo:
Die Struktur: das Bestrafen jener Personen, die es eigentlich gut mit Dir meinen (Mutter, Bruder, Freundin, Hund, Notruf-System). Die Objekte vorher: Die Anderen. Die Objekte nachher: Du selbst.


Ich habe vor Jahren schon überlegt, ob ich es als Selbtstbestrafung sehen kann/soll oder mit der Annahme auf dem Holzpfad entlanglaufe. Ist das also ein grundlegender Baustein vieler Zwängler?

Zitat von moo:
Tja, so nüchtern können Diagnosen von außen sich anhören . Was hättest Du erwartet (erhofft)? Die Bestätigung von Suizidalität?


Nein, genau vor so einer Bestätigung hatte ich Angst, denn das hätte mich in meinen schon bestehenden Ängsten bestätigt. Es war viel mehr die Tatsache, dass ich einen ganzen Monat dort verbringen musste, ohne etwas mitnehmen zu können. Ich hatte mir erhofft, irgend einen neuen Ansatz zu bekommen, da ich im Internet in Bezug auf Zwangsstörungen immer nur von Linderung, jedoch nicht von Heilung gelesen habe, was Unsicherheit in mir ausgelöst hat. Ich wollte und will immer noch frei davon sein und zwar für immer. Du hast bis jetzt immer von Heilung gesprochen und meintest, selbst unter Zwängen gelitten zu haben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich ohne anfühlt und was es für einen Unterschied macht, aber bist du geheilt?

Zitat von moo:
Deine aktuelle Situation (Therapeutin, Freundin) stellt zwar eine sehr begrüßenswerte Basis zur Befreiung bereit, doch - nachvollziehbarerweise - fördern Gedanken an das Elternhaus oder Besuche dort dunkle Assoziationen zutage.


Es ist nicht nur das Elternhaus, obwohl die Assoziation damit am stärksten ist, was mich verunsichert. Im Allgemeinen ist es die Angst vor der Alleinesein, denn auch bei meiner Freundin merke ich, wenn sie einige Tage in Folge oder zum Ende ihres Urlaubs, dass sich die Gedanken und Handlungen verstärken. Ich habe es so interpretiert, dass ich Angst vor dem Zeitpunkt habe, von dem an ich wieder auf mich gestellt bin und keine Sicherheit von außen gegeben bekomme. Ich habe, wie damals mit 17 Jahren beim ersten Auftreten der Zwangsgedanken, in Situationen, die mir als zu unkontrollierbar und gefährlich erscheinen, meist die Nähe anderer Menschen gesucht. Angenommen, es ist aushaltbar und nicht so schlimm, dass ich mich gar nicht von den Gedanken lösen kann, holt mich die Anwesenheit anderer oder auch die Umgebungssituation (wenn ich angeln gehe und Häuser um mich habe, also gesehen werden könnte) aus meiner akuten Angst heraus und wenn überhaupt grübele ich nur noch nach und betrachte meine Situation, was nachhaltig Angst und Symptome lindern kann, viel objektiver.

Zitat von moo:
Eine Heilung kann nur stattfinden, wenn Du aufhörst, den Zwängen zu folgen.


Ich habe in den letzten Jahren schon einige Male versucht, den Zwängen zu trotzen und in sehr akuten Phasen ging es überhaupt nicht. Wenn der Druck nicht groß ist, mag das funktionieren, aber sobald er steigt, werde ich rückfällig. Ich habe auch die Angst, dass es unsinnig ist, weil ich sowieso rückfällig werden könnte, auch wenn ich die Spirale für Monate durchbrochen habe. Ich habe auch schon immer überprüft, inwieweit mich eine für mich vorher bedrohliche Situation triggert, wenn ich mich dieser aussetze, obwohl kein Druck da ist. Wenn es im Internet heißt, Zwänge seien nicht heilbar und die kognitive Verhaltenstherapie, in der das Aushalten der Angst ja auch eine Rolle spielt, die beste Möglichkeit sei, den Symptomen nachhaltig entgegenzuwirken, fühlt es sich für mich so an, als würde es langfristig gar keinen Sinn machen, einfach nichts zu tun und es auszuhalten. Wenn es hieße, ich müsste mich 3 Monate lang diesem Druck aussetzen und wenn ich die Zeit handlungsfrei überstehe, wäre ich für immer geheilt, dann wäre ich das schon längst. Natürlich weiß ich auch, dass die Krankheit einen Zweck, obgleich dieser für mich noch nicht zu 100% nachvollziehbar bzw. vor Augen geführt ist, erfüllt und ich keine Möglichkeit habe, mir einen neuen Weg für die Erfüllung des Zwecks aufzuzeigen, wenn ich diesen nicht weiß.
Bis jetzt hat mir noch niemand gesagt, dass es die effektivste Methode ist, so häufig wie möglich den Zwängen eben nicht Folge zu leisten und das nachhaltig, was für mich, wie für vermutlich jeden anderen Zwängler auch, ja sehr wichtig ist.

Ich werde mir jetzt erstmal den Thread durchlesen, vielleicht eröffnen sich mir neue Wege.

Dann einen schönen Sonntag noch!

Liebe Grüße

27.02.2022 12:32 • x 1 #15


moo
Zitat von gimmel:
Bis jetzt hat mir noch niemand gesagt, dass es die effektivste Methode ist, so häufig wie möglich den Zwängen eben nicht Folge zu leisten und das nachhaltig, was für mich, wie für vermutlich jeden anderen Zwängler auch, ja sehr wichtig ist.

Ganz kurz - zu dieser Frage leistet der von mir im Kontemplationsthread zitierte Buchauszug eine m. E. sehr einleuchtende Erklärung. Ersetze dabei einfach das Wort Rauchen durch dem Zwang folgen:

erfolgserlebnisse-f59/sammelthread-kontemplationen-fuer-individuelle-probleme-t107790-30.html#p2428102

Bis später... LG

27.02.2022 13:28 • #16


Ein unglaublich tiefgreifender Beitrag! Ich hatte mir den Thread erst von Anfang an durchgelesen und war recht schnell von der Methode, der Kontemplation, verunsichert, so wie ich es von grundsätzlich jeder psychologischen Methode bin (und dabei stütze ich mich viel auf die Erfahrungen anderer Menschen), ob nun Psychotherapie, Hypnose, etc., obwohl ich auch Hoffnung darin habe, mir irgendwie helfen lassen zu können. Zumal ich kein Vertrauen in mich selbst habe und nicht denke, mir selbst helfen zu können. Nun sehe ich aber, dass es ein Weg ist, meinen normalen Zustand zu verlassen und ich, wenn auch unbewusst, genau davor Angst habe. Für mich bedeutet es, der exakten Wirkungsweise im Moment noch unwissend und daher rational keinen Ausweg sehend, Sicherheit. Meine Psychologin meinte, man kann mein Problem einmal von der Ursache, aber auch von der Verhaltensweise her behandeln und wie du bereits geschrieben hattest, der gleichen Meinung bin ich auch, ist die Wirkungsweise und somit die Ursache maßgebend, um das Problem zu sehen und Initiative ergreifen zu können.

Vielen Dank für den Nachtrag!
Liebe Grüße

27.02.2022 15:23 • x 1 #17

Sponsor-Mitgliedschaft

moo
Guten Morgen @gimmel,

Zitat von gimmel:
Ich hatte mir den Thread erst von Anfang an durchgelesen und war recht schnell von der Methode, der Kontemplation, verunsichert, so wie ich es von grundsätzlich jeder psychologischen Methode bin (und dabei stütze ich mich viel auf die Erfahrungen anderer Menschen), ob nun Psychotherapie, Hypnose, etc...

Kontemplation, wie ich sie verstehe und anwende, gab es schon lange bevor Freud, Jung Co. auf den Plan traten. Sie entstammt in wesentlichen Teilen der Vipassana-Meditation, welcher das Motto zugrundeliegt: Sehen, wie es wirklich ist., also in der Tat nichts nur Psychologisches im therapeutischen Sinn sondern durchaus etwas Existenzielles, das der Frage nach Ich und Welt nachgeht.

Zitat von gimmel:
...obwohl ich auch Hoffnung darin habe, mir irgendwie helfen lassen zu können. Zumal ich kein Vertrauen in mich selbst habe und nicht denke, mir selbst helfen zu können.

Die Einsichten, die durch Kontemplation möglich sind, gehen potenziell weit über Hilfe von außen hinaus, da es eben selbst erfahren und nicht bloß intellektuell verstanden wird. Natürlich kann man durch Andere zu Einsichten hingeführt werden, doch aus eigener Kraft er-lebte Einsichten wirken idR äußerst kathartisch.

Zitat von gimmel:
Nun sehe ich aber, dass es ein Weg ist, meinen normalen Zustand zu verlassen und ich, wenn auch unbewusst, genau davor Angst habe. Für mich bedeutet es, der exakten Wirkungsweise im Moment noch unwissend und daher rational keinen Ausweg sehend, Sicherheit.

Ganz genau - besser kann man es wohl nicht formulieren!

Zitat von gimmel:
Meine Psychologin meinte, man kann mein Problem einmal von der Ursache, aber auch von der Verhaltensweise her behandeln...

= Die klassische Grobunterscheidung von Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie. Doch deren Spielarten und grundverschiedene Alternativen gibt es viele. Die VT hat sich insbesondere bei Ängsten statistisch als angeblich effizient erwiesen, wovon ich persönlich nicht sehr überzeugt bin - v. a. was die langfristige Wirksamkeit angeht. Dass unser Gesundheitssystem sie bevorzugt, hängt mit Sicherheit von ihrer mitunter schnellen Erstwirkung zusammen. Diese funktioniert m. E. aber vorwiegend bei, sagen wir mal vorsichtig, simpel gestrickten Charakteren, die lediglich wieder funktionieren wollen. Als solchen sehe ich Dich z. B. eindeutig nicht an...

Zitat von gimmel:
...wie du bereits geschrieben hattest, der gleichen Meinung bin ich auch, ist die Wirkungsweise und somit die Ursache maßgebend, um das Problem zu sehen und Initiative ergreifen zu können.

Ja, finde ich aus eigener Erfahrung auch, doch das muss nicht allgemeingültig sein. Und oft findet man auch nach jahrelanger Analyse keine Ursache(n) - dann gilt es, andere Wege zu gehen. Doch die oftmals anstrengende Ursachensuche von vorn herein zu überspringen sehe ich als das Liegenlassen einer großen Chance an, denn der Analyseprozess selber hat immensen Wert an sich.

Zitat von gimmel:
Ich denke, das was mich am meisten antreibt, etwas zu tun und es mit vollem Einsatz zu tun, ist Anerkennung. Wenn ich merke, ich bekomme Zuspruch und Aufmerksamkeit, treibt mich das an. Ich bin auch der Überzeugung, dass gerade das ein sehr wichtiger Punkt ist, um mein Selbstwertgefühl aufzupolieren... Gerade die Grundausbildung hat mir das Gefühl von Gleichwertigkeit und Erfolg gegeben, was in meinen Augen zu dem Zeitpunkt, unabhängig von dem Nichtwissen, was mich danach erwartet, aufgebaut hat.

(Fettdruck von mir). Sehe ich auch so. Allerdings möchte ich die Notwendigkeit der Selbst-Anerkennung hervorheben! Wer nur die Anerkennung durch Andere sucht, wird süchtig (von suchen... )! Anerkennen bedeutet ja zuvorderst, etwas oder jemanden zu kennen. Jemanden (hier: sich) wirklich zu kennen, bedeutet aber nicht, ihn an seinen Leistungen (was immer das auch sein soll) zu messen, sondern sich mit ihm zu verbinden, eine echte Bindung aufzubauen, im weitesten Sinne sich mit ihm (sich) zu verbrüdern (authentisch, also Eins zu werden.

Man kann mal aus dem oft unverstandenen Begriff Selbstwertgefühl den Wert herausnehmen. Dann bekommt man ein Gefühl für sich selbst. Das ist keine Wortspielerei sondern ein wichtiger Punkt! Soviel Mess- und Skalierbares legen wir bereits in unserer Wortfindung zugrunde, obschon Selbstgefühl niemals derart bewertet werden kann!

Nun ein sehr wichtiges Kapitel:

Zitat von gimmel:

Ich habe vor Jahren schon überlegt, ob ich es als Selbtstbestrafung sehen kann/soll oder mit der Annahme auf dem Holzpfad entlanglaufe. Ist das also ein grundlegender Baustein vieler Zwängler?

Ich war mit dem Begriff Bestrafung ehrlich gesagt nicht ganz glücklich, aber manchmal braucht es vielleicht eine drastische Formulierung!? Zumindest wollte ich folgenden (eventuellen!) Hintergrund sichtbar machen:
Zitat von moo:
Ich denke, dass der Zwang strukturell gegen jene Personen oder Umstände mobil machte, die Dich (unterbewusst interpretiert) stark in Deiner geistigen und körperlich als notwendig empfundenen Bewegungsfreiheit einschränkten. Hier kommt auch die Rolle des evtl. ADHS ins Spiel.

D. h. es lag ein unterbewusstes Gefühl der Fremdbestimmung vor, gegen das Du - ebenfalls unterbewusst - durch Zwangsgedanken bzw. -handlungen rebelliert hast. Somit lieferte der Zwang lehrbuchmäßig stets kleine (unterbewusst als wohltuend, kompensierend empfundene) Befriedigungen.
Es ist eminent wichtig, den unterbewussten Ablauf von Wahrnehmung und Reaktion zu erkennen! Denn dieser unterbewusste Teil von uns ist es, der unserem bewussten Teil so viel Angst und Unsicherheit beschert.

Und hier siehst Du bereits einen Weg der Heilung: Nämlich die unterbewusste Wahrnehmung zu erkennen (und sie damit bewusst zu machen) und gleichzeitig die Reaktion vom Unterbewussten ins Bewusste zu holen, indem wir real und angemessen reagieren! Z. B. indem wir uns gegen o. g. Fremdbestimmung unmittelbar und direkt (für alle wahrnehmbar!) auflehnen.

Ich möchte Dich bitten, dies anhand eines von Dir selbst gewählten Beispieles (z. B. Freundin-Facebook oder Mutter-Du etc.) mal durchzugehen um zu prüfen, ob Du das Lösungs- bzw. Heilungsprinzip verstanden hast. Solch ein Präzedenzfall kann enorm einsichtsfördernd für nahezu sämtliche andere von Dir genannten Konflikte sein. Außerdem dürfte hier bereits das Thema Verantwortung in einem neuen, heilsverkündendem Licht aufscheinen...
- - -

Weiter im Text:
Zitat von gimmel:
...da ich im Internet in Bezug auf Zwangsstörungen immer nur von Linderung, jedoch nicht von Heilung gelesen habe, was Unsicherheit in mir ausgelöst hat. Ich wollte und will immer noch frei davon sein und zwar für immer.

Dein Anspruch ist nicht nur berechtigt sondern auch absolut realisierbar. Wer nur von Linderung als Maximalaussicht spricht, hat m. E. keine Ahnung und noch weniger Berechtigung zu therapieren. Oft sind es sogenannte Gesundheitsjournalisten oder aber verzweifelte Betroffene, die solche oberflächlichen Behauptungen aufstellen.

Zitat von gimmel:
Du hast bis jetzt immer von Heilung gesprochen und meintest, selbst unter Zwängen gelitten zu haben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich ohne anfühlt und was es für einen Unterschied macht, aber bist du geheilt?

Selbstverständlich! Meine Zwangsgedanken und -handlungen habe ich vollständig ohne therapeutische Hilfe losgelassen. Dass Dir eine zwangsfreie Welt unvorstellbar scheint ist aufgrund Deiner nahezu lebenslangen Praxis völlig verständlich. Und darum reden wir jetzt mal von dieser, Dir unbekannten (und mit Sicherheit gefürchteten, aber doch irgendwie verlockenden) Welt:

Zitat von gimmel:
Im Allgemeinen ist es die Angst vor der Alleinesein, denn auch bei meiner Freundin merke ich, wenn sie einige Tage... Ich habe es so interpretiert, dass ich Angst vor dem Zeitpunkt habe, von dem an ich wieder auf mich gestellt bin und keine Sicherheit von außen gegeben bekomme.

(Fettdruck von mir). Nachdem, was Du über Deine Mutterbindung berichtet hast, ist die Ungewissheit vor dem Alleinesein ganz natürlich. Ich verwende absichtlich nicht den Begriff Angst, denn die Angst ist nur eine (unterbewusste!) Folge der Ungewissheit. Die Ungewissheit schlicht als ein (Noch-)Nicht-Wissen anzuerkennen und zu akzeptieren wäre hingegen die bewusste Reaktion darauf! (Hier haben wir bereits das o. g. Prinzip angewandt: wir verwandeln durch Erkennen das Unterbewusste in Bewusstes. Und genau darum geht es auch in jeglicher Kontemplation.)

Die Sicherheit von außen ist, streng genommen, eine zwar wirksame aber immer noch etwas missbrauchte Suchtmittelalternative zu den Zwangshandlungen. Und was haben wir aus dem oben verlinkten Text von Nanavira gelernt?: Um Sucht (Zwang) zu verstehen, muss man sie (ihn) aufgeben. Was passiert, wenn wir sie aufgeben (also: unterlassen), wird sich zeigen. Wir werden es kennenlernen. Das, was dann passiert, wird jedoch bewusst erlebt und wir können auch bewusst reagieren (was übrigens oftmals überraschenderweise in Form von Nicht-reagieren geschieht, weil erkannt wird, dass kein Handeln nötig ist!).

Zitat von gimmel:
Bis jetzt hat mir noch niemand gesagt, dass es die effektivste Methode ist, so häufig wie möglich den Zwängen eben nicht Folge zu leisten und das nachhaltig, was für mich, wie für vermutlich jeden anderen Zwängler auch, ja sehr wichtig ist.

Mindestens so wichtig, wie es für einen Mittel-Süchtigen ist, nicht zu konsumieren!

Zitat von gimmel:
Wenn es hieße, ich müsste mich 3 Monate lang diesem Druck aussetzen und wenn ich die Zeit handlungsfrei überstehe, wäre ich für immer geheilt, dann wäre ich das schon längst.

Wie ich schon öfters erwähnt habe, spielt bei Zwänglern und Süchtlern der Faktor Zeit eine große (unheilsame) Rolle. Der Geist, das Leben ist zeit- und raumfrei! So nützlich beide im Alltag sein mögen, so nutzlos, ja gefährlich sind sie, wenn es um das Begreifen der Wahrheit geht.

Um Dir das zu veranschaulichen, möchte ich Deine eben zitierte Äußerung, als Arbeitshypothese, etwas umformulieren : Wenn Du dem Zwangsdruck jetzt nicht folgst, bist Du geheilt.

Da ich auch eine ansehnliche Suchtkarriere hinter mir habe, kann ich ebenfalls aus eigener Erfahrung sprechen, dass ich, sobald ich ein B ier getrunken hatte, ein Anderer war. Und nach dem zweiten B ier ebenso usw. Und analog gilt: Wer dem Zwang einmal folgt, wird ihm immer wieder folgen! Der Mensch wird zur Sucht bzw. zum Zwang. Wenn er sich ihm widersetzt kehrt er potenziell zu sich (als bewusstes Wesen) zurück.

Nun muss man fairerweise dazusagen, dass die Abstinenz viele Aspekte bietet. Sie zu kennen entscheidet maßgeblich, ob man zufrieden oder nur notgedrungen nüchtern ist.

Ich füge hier einen Textbaustein ein, den ich gerne in Bezug auf Zwang und Sucht verwende:

Du kannst Zwänge ziemlich gut mit Al kohol- oder Tablettenmissbrauch vergleichen: Immer wenn ein Gedanke oder eine Situation Dir Unbehagen bereitet, reagierst Du mit Konsum der D roge. Im Fall von Gedankenmissbrauch hast Du Dir anstelle von Substanzen eben Gedanken oder Handlungen als Reaktion angewöhnt!

Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich idR um eine schleichende Entwicklung handelt. Sie durchläuft mehrere Stadien:

1. Hypothetische Gedanken, Fantasien, Wunschgedanken (Was wäre, wenn...?).

2. Wiederholung, Gewöhnung an diese Gedankenreaktion, Etablierung von Handlungen.

3. Adaption (die Gedanken müssen häufiger und intensiver erfolgen, um den beruhigenden Effekt zu erzielen). Ich denke darüber nach/ich fürchte mich davor/ich führe diese Handlung aus - also kümmere ich mich darum und komme so meiner Verantwortung nach (!)

4. Kontrollverlust (die Gedanken oder Handlungen werden zum Zwang und erfüllen gleichzeitig nicht mehr oder nur sehr kurz ihren Beruhigungszweck).

5. Zwangserkrankung (ein Leben ohne Zwänge erscheint unmöglich. Die freie Handlungsfähigkeit ist stark eingeschränkt und die Lebensqualität sinkt merkbar. Depressionen und Angststörungen entwickeln sich).

In der Regel wird einem die Misere erst ab Stadium 4 so richtig bewusst.

- - -

Es mag sich vielleicht unerfreulich anhören, aber indem Du schon sehr früh Zwänge entwickelt hast, hast Du nie wirklich gelernt, bewusst auf Deine Wahrnehmungen zu reagieren, was ja einen wesentlichen (wenn nicht der ganze!) Teil des Erwachsenwerdens darstellt. Du befindest Dich also in mancherlei emotionaler Hinsicht, überspitzt gesagt, noch ein Stück weit vor der Pubertät. Der Intellekt hingegen hat sich ganz normal entwickelt. Deshalb wirkst Du oberflächlich auch relativ unauffällig. Um Dir das zu veranschaulichen möchte ich das Maisfeld-Gleichnis verwenden:

Du gehst an einem Maisfeld entlang, an dessen Ende biegst Du links ab um in die Arbeit zu kommen, so wie jeden Tag. Eines Tages kommt Dir die Idee, mal einfach diagonal durch das Maisfeld durchzulaufen anstatt den üblichen Weg auf der Straße zu nehmen. Du merkst, dass Du dadurch Zeit sparst und machst das deswegen öfter. Mit der Zeit weitet sich Deine diagonale Spur zu einem Pfad, später dann zu einer regelrechten Straße. Irgendwann beschließt Du, diese Straße zu asphaltieren, um sie als Deinen Weg immer komfortabel und zukunftssicher nutzen zu können.
Eines Tages steht vor Deiner gewohnten Querung eine Baustellen-Sperrung mit dem Hinweis Bitte Umleitung nehmen. Völlig verdutzt siehst Du Dich um nach einem Alternativweg, hast völlig die Orientierung verloren, wo dieser (eigentlich) mal entlang führte.


Die Abkürzung und deren komfortabler Ausbau stehen für Deine Zwangsentwicklung. Du hast sie selber gegründet und immer weiter ausgebaut, sie als Deinen Lebensweg etabliert. Das Sperrschild steht für Deinen Entschluss (oder die theoretische Erwägung), dem Zwang nicht mehr zu folgen. Wie im richtigen (im eigentlichen) Leben auch, beginnt hier (vermeintlich gefährliches) Neuland. Denn alles, was nicht der gewohnten planierten Straße gleicht, verspricht zumindest ungewohnt und deshalb potenziell unsicher zu sein.

Aus diesem Gleichnis folgt, dass an diesem sprichwörtlichen Scheideweg sozusagen alles möglich ist. Du solltest nicht der eingeschliffenen (unterbewussten) Wahrnehmung der Dualisierung zwischen gut und schlecht folgen, sondern schlicht und ergreifend er-leben, dass die Abwesenheit der Zwangsfolge etwas Neues auslöst. Hier lohnt es sich sogleich, genauer hinzuschauen (kontemplieren): Was geschieht und was geschieht nicht?

Ich will hier bewusst nicht vorgreifen - Du wirst es erleben und ich bitte Dich, Deine Wahrnehmungen festzuhalten. Bei fast allen Menschen, die so etwas durchmachen, entstehen zumindest Angstgefühle. Das deswegen, weil sie ihr (vermeintlich) einziges Werkzeug nicht mehr zur Hand haben und sich deshalb schutzlos, machtlos fühlen (= Kontrollverlust). DAS ist jedoch eine unterbewusste, real unbegründete Wahrnehmung. Jegliche Wahrnehmung baut auf Erinnerung und Abgleichung von Sinneseindrücken und früheren Bewertungen derselben auf. Wahrnehmungen sind, wie alle Geistesaspekte veränderlich.

Je öfter Du in der Folge erlebst, dass durch das Weglassen der Zwangshandlungen genau NICHTS geschieht, wovor Du Angst haben müsstest, um so nachhaltiger prägt sich dies in das Unterbewusstsein ein. Das Unterbewusstsein ist ein träger, denkfauler Nachäffer ohne jegliche Eigenverantwortung, es ist quasi personifizierte Vergangenheit. Das Unterbewusstsein ist sozusagen chronisch, das Bewusstein hingegen akut. Und ebenso erfolgt die Veränderung (Heilung) reversiv - vom Akuten zum Chronischen. Dies ist die therapeutisch-verstandesmäßig erfassbare Seite dieses Vorgangs.

Der andere, m. E. noch weitaus wichtigere Aspekt ist die Freiheit, die daraus entsteht. Eigentlich entsteht sie nicht, sondern kommt (wieder bzw. erstmals) zum Vorschein. Und genau hier kommst Du und Dein (echtes!) Leben ins Spiel: in Form der Verantwortung.
Hierzu ein kleiner Exkurs: stammkneipe-zum-lichtblick-f119/alternatives-glossar-t112848.html#p2454230

Das, was wir gemeinhin in der Verantwortung als belastend oder diffus unangenehm empfinden, ist, bei genauer Betrachtung eigentlich mein Leben, meine Möglichkeit zu leben, die Möglichkeit, mein Leben zu gestalten. Es ist, pathetisch gesprochen, die große Freiheit, die eigentlich immer da ist, nämlich Ich. Dass diese Freiheit Mut erfordert, liegt auf der Hand.

Zitat von gimmel:
Natürlich weiß ich auch, dass die Krankheit einen Zweck, obgleich dieser für mich noch nicht zu 100% nachvollziehbar bzw. vor Augen geführt ist, erfüllt und ich keine Möglichkeit habe, mir einen neuen Weg für die Erfüllung des Zwecks aufzuzeigen, wenn ich diesen nicht weiß.

Wir Zwängler, Ängstler, Phobiker, Depressiven usw. haben uns offensichtlich per Geburt dazu entschlossen, nicht die gesellschaftsübliche lauwarme Komfortzone zu akzeptieren, sondern sind lieber krank darum geworden. Das kannst Du schon mal als Zweck festhalten.

Ich könnte hierzu noch vieles Schreiben aber zunächst mag diese Perspektive genügen, um Dich dahingehend zu prüfen, ob Du bereit zur Heilung bist! Nur wer es wirklich selber will, kann auch gesund werden. Keine Therapie und keine Medizin kann diesen (eigenverantwortlichen, lebensbejahenden) Beschluss ersetzen. Das bedeutet natürlich nicht, dass man Hilfe von außen zusätzlich annimmt.

28.02.2022 10:17 • x 2 #18


Hallo moo,

danke für deine Antwort!

Zuerst möchte ich einmal auf die vergangenen Tage eingehen und beschreiben, wie es für mich war und was ich gefühlt habe, denn es ist ein hin und her und ich brauche Bestätigung, da ich mich selbst nicht durch ein es ist nur Angst bestätigen kann und keine Zusammenhänge sehe.

Der vergangene Montag brachte, warum auch immer etwas Besserung in Bezug auf die Angst, ab Mittwoch, wie bereits erwähnt, ging es mir noch ein Stück besser und seit gestern bewegt es sich wieder, vor allem heute, auf einer Abwärtsspirale. Ich habe die gleichen Gedanken, nur etwas häufiger und es scheint, als würde ich sie wieder stärker, ängstlicher bewerten als vorher. In Anbetracht der Vergangenheit, in der es häufig so war, dass die Symptomatik und Angst, wenn es wieder zurück zur Wohnung meiner Freundin und ihres Vaters ging, schlimmer wurde, weiß ich, dass es keine für mich unbekannte Situation darstellt und dennoch fühle ich mich hilflos und ausgeliefert.

Trigger

Die Gedanken an das Erhängen lösen eine Angst aus, die ich nicht beschreiben kann. Sie ist wie ein Schleier, der mich meine Umgebung ausblenden und mich voll fokussiert dieser hingeben lässt. Ich versuche, einen Ausweg zu finden, sehe aber keine Lösung und in diesem Moment kommen Methoden wie Kontemplation/Meditation für mich nicht in Frage. Ich denke mir Warum habe ich diese Gedanken? und versuche diese neutral zu bewerten, aber im nächsten Moment denke ich wieder, dass das keine Lösung darstellt und ich verfalle wieder darin, nur darüber nachzudenken und Angst zu empfinden. Ich habe schon einige Male erfahren, dass es sich bessert, wenn ich mich der Situation stelle, was heißen soll, dass ich alles soweit vorbereite, um es tun zu können. Ich weiß gerade nicht mehr, ob ich das bereits erwähnt hatte, aber falls ja, seht es mir nach. So sitze ich da, mit dem Kopf in einer Schlinge und kann die Situation bewerten. Ich sehe, dass ich es nicht tun würde und wenn, nicht so, dass ich mich akuter klingt doof, ist aber so Gefahr aussetzen würde. In diesem Moment lässt die Angst etwas nach und bewegt sich wieder in einem Bereich, in dem ich mein Umfeld anders wahrnehme. Natürlich gebe ich dem Zwang in diesem Moment nach und folge der Sucht, Erleichterung zu erfahren, aber die Angst, ich könnte es tun ist so verdammt stark. Dabei merke ich, dass es nicht nur die Angst ist, dass ich mir bewusst ein Ende setze, welche immer dann, wenn es schlimmer wieder mit umherschwirrt oder sich zumindest ein für mich in dem Moment reales Fundament mauert, sondern, dass ich dem Zwang nachgebe und mich somit in einer Spirale befinde, in der ich immer wieder versuche, durch Zahlen und verschiedene Tage etc., die Situation unter Kontrolle zu bekommen und mich somit immer wieder einer Lebensgefahr aussetze. Der Gedanke daran, dass es reicht, es ein einziges Mal richtig zu tun, um mich wieder der Angst auszusetzen ist das schlimme. Aktuell ist es also mehr die Angst, ich könnte es tun, um es dann immer wieder tun zu müssen, wohl wissend, dass es sehr gefährlich ist. Wenn ich dann irgendwann, nachdem ich es z.B. an 7 Tagen, auf 3 Wochen und 3 Monate verteilt, getan hätte, nicht mehr machen könnte, weil ich ja sonst gegen meine Regel verstoßen würde, wäre möglicherweise Ruhe, je nach dem, wie stark der Drang wäre, es tun zu müssen. Früher oder später würde aber der Gedanke aufkommen, dass ich gegen die Regel verstoßen könnte und somit nichts mehr hätte, an was ich mich klammern könnte.



Wenn ich das jetzt so schreibe, klingt es für mich erstmal wie tausendfach erlebt, aber die aktuelle Situation sorgt eben dafür, dass ich Angst empfinde, die in der Form damals nicht da war. Auch fühlt es sich von der Angst her schlimmer an als noch vor einigen Monaten und genau das kann ich mir nicht erklären.
Zwar gebe ich mittlerweile nicht jedem Gedanken nach und füge mich, aber die Anspannung müsste ja theoretisch irgendwann abfallen, was sie nicht tut. Ich sollte merken, dass mir nichts passiert, wenn ich es nicht tue, aber es schaukelt sich über Tage hoch und die Anspannung fällt auch meistens erst, wenn ich mir jemandem darüber spreche, der zuhört und mich versteht.


Trigger

So gesehen habe ich mit dem würgen mit oder ohne Hilfsmittel eine Ausweichhandlung gefunden, die in Situationen wie jetzt aber keine Besserung bringt. Ich habe langsam das Gefühl, dass sich diese Angst so stark anfühlt, weil ich keine greifbare Ursache und somit eine potentielle Lösung oder zumindest einen Lösungsansatz habe.




Des weiteren steht morgen der 01.03. an, was womöglich auch dazu beiträgt, dass es mir schlechter geht.

Nun einmal zu einem Beispiel mit dem Einbeziehen deiner Vermutung bezüglich Verantwortung. Ich sehe Zusammenhänge bezüglich Eigenverantwortung, so also die Verantwortung, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, was auch zu dem Zusammenbruch im Februar letzten Jahres passend würde, denn dort hatte ich plötzlich, zugespitzt formuliert, keine Perspektive mehr. Das Wissen, die BW zu verlassen, da mir der Job absolut keinen Spaß machte (im Unwissen, dass ich mich durch das Unterschreiben des SaZ-Vertrages meiner 6-monatigen Probezeit entsagt hatte), gepaart mit der Tatsache, keine Alternative zu haben, ließ mich diesen großen Schritt Richtung Selbstständigkeit, mit den ganzen Wünschen wie ein tolles Auto fahren und sich eine eigene Wohnung leisten zu können, wieder rückgängig machen. Auch die vorherigen Jahre des Umherstolperns zwischen Studiengängen, ohne vor Augen zu haben, was ich denn eigentlich will, zeigten mir, dass ich ohne Perspektive keine Eigenverantwortung übernehmen könnte. Bezogen auf meinen Bruder oder den Hund sehe ich keine richtigen Zusammenhänge. Mir fehlt noch dieser rote Faden, der A-Ha-Effekt, die Erleuchtung, das Sehen des Problems. Vielleicht magst du mir das noch einmal konkreter beschreiben, denn
du siehst bestimmt nicht umsonst einen Zusammenhang von vorn bis hinten, welcher einen neuen, aber dennoch, zumindest für mich teilweise, nachvollziehbaren Ansatz darstellt.

Auch möchte ich noch etwas nachtragen, was ich so noch nicht erwähnt hatte. Am 19.12. letzten Jahres hatte ich mein erstes richtiges Therapiegespräch (nach der Probatorik), in dem es um die Schule, meine Klassenkameraden und das Drumherum ging. Ich habe am nächsten Tag gemerkt, wie es schlimmer wurde, ich träumte einige Nächte lang von der Abweisung und Demütigung durch meine Mitschüler und die Symptome wurden sehr schlimm. Anspannung auf 90%, Zwänge auf 90% und Angst auf 90%, der Horror. Ich weiß noch genau, dass auch dort die Angst, ich könnte etwas tun, sehr stark und real war. Ich musste mir die Tränen verkneifen, wenn ich meine Freundin angeschaut habe und gemerkt habe, wie viel ich ihr bedeute und wie glücklich sie an meiner Seite ist. Das ging ein paar Tage so, dabei hatte ich übrigens die gleichen Vorstellungen wie jetzt und über Weihnachten waren wir bei meiner Familie. Ich weiß noch, wie es am ersten Tag noch schlimm war, danach aber von Tag zu Tag besser wurde. Ein paar Wochen war alles recht ruhig, aber seitdem die Impfpflicht in der Pflege, meine Freundin ist in der Ausbildung, auf Kippe steht, wankt mein Plan, wir könnten von ihrem Wohnort, der 150km von meinem entfernt liegt, in meine Stadt ziehen. Von dem Tag an, an dem die Unsicherheit, ob es klappt, von der Sicherheit, dass es höchstwahrscheinlich nicht klappt, verdrängt wurde, wurde es wieder spürbar stärker und hat, so vermute ich das, in Verbindung mit bisher mit Abstand längsten zu Hause-Periode (10 Tage), welche tief in mir Unsicherheit ausgelöst hat, zu dieser erneuten Extremphase was Angst angeht geführt. Vielleicht siehst du noch etwas mehr als ich, aber ich sehe einen klaren Zusammenhang zwischen dem Umgang in der Schule, aber auch dieser Umzugsgeschichte und den Zwängen, den ich leider nicht so recht deuten kann.

Liebe Grüße

28.02.2022 22:14 • x 1 #19


Luna70
Zitat von gimmel:
Dadurch, dass ich mein Abitur geschafft habe, kann ich die Ausbildung auf 2 Jahre verkürzen. Mein Meister wäre ein freundlicher Mensch, der mich sicher unterstützen würde und vorab schon gesagt hat, dass ich mich nach der Arbeitszeit gerne entfalten kann, was grundsätzlich schon mal sehr schön ist, der aber auch eine recht hohe Erwartungshaltung hat. Ich denke, das was mich am meisten antreibt, etwas zu tun und es mit vollem Einsatz zu tun, ist Anerkennung. Wenn ich merke, ich bekomme Zuspruch und Aufmerksamkeit, treibt mich das an. Ich bin auch der Überzeugung, dass gerade das ein sehr wichtiger Punkt ist, um mein Selbstwertgefühl aufzupolieren, denn in der Schule musste ich mich vor anderen hinten anstellen, später dann alleine, aber gefühlt war ich trotzdem nicht der Bringer. Gerade die Grundausbildung hat mir das Gefühl von Gleichwertigkeit und Erfolg gegeben, was in meinen Augen zu dem Zeitpunkt, unabhängig von dem Nichtwissen, was mich danach erwartet, aufgebaut hat.


Das ist ein überschaubarer Zeitraum und wenn du das erste Jahr mal geschafft hast, ist ja quasi das Ziel schon im Blick. Ich kann dir ja immer nur von dem berichten, was ich selbst beobachtet habe und was ich in den vielen Jahren über ADHS gelernt habe. Ich denke, du hast im Handwerk einen Vorteil, du hast ein unmittelbares Erfolgserlebnis. Das, was du produziert hast ist fertig, der Kunde ist zufrieden, Geld kommt rein. Das ist für das Gehirn ganz anders zu verarbeiten als ein langwieriges Forschungsprojekt in der Biologie, wo das Erfolgserlebnis irgendwann mal kommt und auch nicht garantiert ist.

Und du brauchst Menschen um dich, die dir zugewandt sind, auch mal Verständnis haben. So wie du den Meister schilderst, könnte er jemand sein, der dich mitzieht und dir hilft, die zwei Jahre zu schaffen.

Leider ist es so, dass Kinder mit ADHS sehr viel Ablehnung erfahren und oft nicht so recht wissen, warum das eigentlich so ist. Inzwischen weiß man ja glücklicherweise mehr darüber und es gibt Therapie Angebote, aber das Grundproblem bleibt ja. Ich habe mehrere Neffen mit ADHS und das live miterlebt, wie schwierig der Alltag ist.

01.03.2022 09:07 • x 1 #20



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Dr. Matthias Nagel