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Alice321

Alice321
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Hallo ihr Lieben,

ich bin neu hier und suche Menschen, die vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder einen Tipp für mich haben, weil es in meinem privaten Umfeld niemanden gibt, der so etwas wirklich nachvollziehen kann.

Ich kämpfe eigentlich schon mein ganzes Leben mit psychischen Problemen. Der Ursprung liegt wahrscheinlich in meiner Kindheit. Ich bin mit einer emotional instabilen Mutter und einem eher emotional abwesenden Vater aufgewachsen. Beide waren zusätzlich körperlich erkrankt. Dazu kommt sexueller Missbrauch, den ich im Alter von ca. 4–9 Jahren erlebt habe. Geld war bei uns nie ein Problem und nach außen hin wirkte eigentlich immer alles normal.

Mit ungefähr 16 entwickelte ich eine Essstörung (Magersucht). Die akute Phase ging ca. 1–2 Jahre, bis sich das irgendwann wieder einigermaßen normalisierte.

Danach kamen meine ersten Erfahrungen mit Männern. Rückblickend würde ich sagen, dass ich eine sehr hypersexuelle Phase hatte. Ich bin von einem zum nächsten Mann gegangen und wenn Beziehungen entstanden sind, waren sie meistens toxisch und instabil. Es waren oft sehr dominante Männer, denen ich mich stark untergeordnet habe. In dieser Zeit habe ich auch weitere sexuelle Übergriffe erlebt, auf die ich hier erstmal nicht genauer eingehen möchte.
Währenddessen habe ich gelernt zu dissoziieren, um den Sex / die Erfahrungen irgendwie auszuhalten.

Heute bin ich 23 und zum ersten Mal in einer gesunden Beziehung, mittlerweile seit ungefähr einem Jahr. Mein Freund kommt aus einem guten Elternhaus, ist selbst eher wenig emotional und kennt psychische Probleme weder wirklich von sich selbst noch aus seiner Familie.

Vor ungefähr einem Jahr ging es mir dann psychisch extrem schlecht. Ich steckte zu der Zeit noch in einer toxischen On-Off-Geschichte, hatte eine sehr depressive Phase, kam kaum noch aus dem Bett, nahm fast 10 kg ab und musste mein Studium pausieren. Daraufhin machte ich eine Akuttherapie. Das Reden tat mir gut und war in den jeweiligen Situationen entlastend, aber langfristig kamen viele meiner Probleme immer wieder hoch.

Während dieser schwierigen Zeit lernte ich auch meinen jetzigen Freund kennen. Die toxische On-Off-Beziehung konnte ich schließlich hinter mir lassen und seit Beginn meiner jetzigen Beziehung habe ich den Kontakt zu diesem Mann der mir so viel Leid zugefügt hat vollständig eingeschränkt.

Im Juni habe ich mich dann entschieden, erneut eine Therapie zu beginnen, weil ich gemerkt habe, dass es so nicht weitergeht. Es kamen unter anderem Suizidgedanken und Zwangsgedanken dazu.

Das Schwierige ist, dass mir wahrscheinlich niemand von außen ansehen würde, wie es mir teilweise geht. Ich habe eine schöne Wohnung, Haustiere, verdiene mein eigenes Geld, studiere und bin nach außen hin eigentlich immer offen, freundlich und funktioniere. Hinter verschlossenen Türen bzw. in mir drin sieht es teilweise ganz anders aus.

Meine jetzige Therapeutin ist wirklich eine liebe Seele. Ich kann mit ihr über sehr vieles reden und vor allem habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass jemand wirklich versteht, wo mein eigentliches Problem liegt.

Eine Zeit lang war ich ca. 2–3 Mal pro Woche bei ihr. Vor Kurzem haben wir dann einen ersten Versuch mit EMDR gestartet und ich konnte mich wirklich 0,0 darauf einlassen.

Das lag gar nicht unbedingt daran, dass ich Angst vor EMDR oder den Erinnerungen selbst habe. Ich merke vielmehr, dass ich keine negativen Emotionen zulassen oder zeigen kann, sobald ein anderer Mensch dabei ist. Ich habe extrem das Bedürfnis, alles alleine schaffen zu müssen und die Kontrolle zu behalten.

Ich vertraue meiner Therapeutin wirklich sehr und fühle mich bei ihr grundsätzlich sicher. Aber mich vor ihr wirklich fallen zu lassen, Kontrolle abzugeben, emotional zu werden und sie quasi „sehen zu lassen“, was in mir passiert das geht irgendwie nicht.

Wir haben EMDR deshalb erstmal wieder zurückgestellt und wollen uns mehr Zeit geben. Trotzdem frage ich mich, ob andere dieses Problem auch kennen.

Hat jemand von euch ähnliche Erfahrungen gemacht? Gerade dieses: Man vertraut dem Therapeuten eigentlich, kann reden und rational alles erzählen aber sobald es darum geht, wirklich Gefühle zuzulassen und die Kontrolle ein Stück abzugeben, macht innerlich alles dicht?

Falls ja: Was hat euch geholfen, euch irgendwann mehr darauf einzulassen? Kam das einfach mit der Zeit oder habt ihr bestimmte Dinge mit eurem Therapeuten gemacht, die euch mehr Sicherheit gegeben haben?

• • 13.09.2026 x 1 #1


31 Antworten ↓

Rogue
Hallo Alice321,

willkommen hier im Forum 🙂 !

Ich kann deine Thematik gut nachempfinden, habe selber ähnliche Probleme und habe genau diese Probleme auch bei anderen Patienten miterlebt, die ich auf einer Trauma-Station kennengelernt habe.

Aus dieser Erfahrung heraus kann ich sagen, dass deine Reaktion auf die EMDR eigentlich ganz typisch ist, gerade bei komplexeren Formen von PTBS.

Gerade bei komplexeren Formen von PTBS funktioniert EMDR oft nur bedingt, da diese Patientengruppe ganz oft sehr große Probleme damit hat, sich fallenzulassen, weil diese Patienten es eben nie gelernt haben, es nie sicher war, und das ist ein ganz tief eingegrabenes Muster, das sich nur schwer aufweichen lässt.
Bei diesen Patienten ist eine Reaktion wie deine eigentlich eher die Regel als die Ausnahme.

Ich kenne auch Therapeuten, die darum bei komplexeren Traumatisierungen ganz auf EMDR verzichten und eher andere Formen der Traumatherapie anwenden, da gibt es ja noch viele andere Möglichkeiten.
Dieser Gedanke, dass EMDR der Goldstandard der Traumatherapie sei, ist ja inzwischen auch schon etwas überholt (bzw. einfach zu pauschal), zumindest bei komplexen Traumatisierungen.
EMDR funktioniert am besten bei einfachen Mono-Traumatisierungen.
Bei komplexeren Traumatisierungen muss das Vorgehen eh angepasst werden, es ist nicht unmöglich, aber schon recht schwierig und funktioniert halt oft nicht, weil diese Patienten sich dann sperren, dissoziieren oder ähnliches.

(Das Problem ist, dass viele Trauma-Therapeuten diese EMDR-Ausbildung/Fortbildung machen und darum dann gerne oft darauf zurückgreifen wollen.)

Ich denke, dass deine Therapeutin richtig entschieden hat, auf diese Methode erstmal zu verzichten.

Meine Erfahrung ist, dass es einfach sehr viel Zeit benötigt. Mit der Zeit wird es irgendwann besser, sich auf Emotionen einzulassen und vorsichtig auch mal fallenzulassen.

Ein guter Traumatherapeut wird darauf achten, dir zuerst ganz intensiv beizubringen, dich von aufkommenden Emotionen wieder sicher distanzieren zu können, denn dieser Schritt ist tatsächlich manchmal schwieriger als man denkt und unbedingt nötig, um Trauma-Arbeit machen zu können.
Wenn du dann über die Zeit merkst, wie du selber Einfluss auf deine Emotionen nehmen kannst, wie du dich den Emotionen annähern, dich aber auch wieder entfernen kannst, wird irgendwann die innerliche Mauer abgebaut und es wird leichter, sich einzulassen.
Aber das braucht ganz viel Zeit.

Oft geht der Weg dann über andere Trauma-Verfahren. Vielleicht kann man EMDR dann viel später nochmal versuchen, aber für den Moment würde ich diesen Gedanken erstmal komplett beiseite legen.

Wie gesagt: Das Problem, das du beschreibst, ist ganz, ganz typisch für komplexere Traumatisierungen, da braucht es oftmals andere Trauma-Verfahren, viele Techniken zur Emotionsregulation und vor allem ganz, ganz viel Zeit.

LG

• x 6 #2


A


Traumafolgestörung - EMDR funktioniert nicht

x 3


Sonja77
Also ich hab eine schwere kPTBS und meine Psychiaterin bei der ich in intensiver Therapie war(also nicht nur für die medi Abgabe )sondern ich hatte eine richtige intensive Therapie bei ihr
In meinem sehr komplexen Fall hat sie zu jedem Zeitpunkt von EMDR abgesehen und hat bei mir eine Mischung aus Traumatherapie und Gesprächstherapie angewandt die für mich optimal war und mir auf dem letzten halben Weg raus aus diesem ganzen Mist extrem geholfen hat

Trauma ist nicht gleich Trauma und es wird nicht alles gleichermaßen behandelt
Bei mir wurde zum Beispiel immer ganz bewusst auf eine Traumaklinik verzichtet sondern war in 2 Psychiatrien und da NICHT auf der Traumastation denn das wäre für mich in meinem Fall das völlig falsche gewesen…..

Es gibt so viele Möglichkeiten von Therapie und anderem bei Traumata
Da wird sich bestimmt auch für dich das richtige und geeignete finden falls es dieses nicht ist…

Alles Liebe und ganz viel Kraft auf deinem Weg
Liebe Grüße Sonja

• x 2 #3


Alice321
@Rogue Hi, vielen Dank für deine Antwort!

Meine Therapeutin hat sehr viele Traumapatienten und sagt, dass EMDR ein Verfahren ist, das sie bei so gut wie jedem traumatisierten Patienten anwendet und mit dem sie bisher sehr gute und teilweise auch schnelle Erfolge erzielt hat.

Sie war deshalb sogar etwas „überrascht“, dass ich mich darauf so gar nicht einlassen konnte, weil sie mit ihren bisherigen Patienten wohl andere Erfahrungen gemacht hat.

Die Entscheidung, EMDR erstmal nicht weiterzumachen, kam aber eher von mir. Sie hat das vollkommen verstanden und mir überhaupt keinen Druck gemacht. Sie hat mir auch gesagt, dass ich die Therapie jederzeit abbrechen könnte, falls ich das Gefühl habe, dass die Chemie zwischen uns nicht stimmt, und dass ich deswegen ihr gegenüber kein schlechtes Gewissen haben müsste.

Ich habe ihr dann aber auch gesagt, dass es wirklich überhaupt nicht an ihr liegt. Im Gegensatz zu den Therapeuten, bei denen ich vorher war, fühle ich mich bei ihr wirklich sehr gut aufgehoben. Man merkt ihre jahrelange Erfahrung, sie hat meine grundsätzliche Problematik ziemlich schnell gesehen und erfasst und gibt mir auch immer wieder gute Ratschläge.

Wie wir jetzt konkret weitermachen, ist noch nicht ganz klar. Sie meinte, dass sie sich dazu auch erstmal Gedanken machen muss und ich genauso. Fürs Erste werden wir wahrscheinlich erstmal weiter ganz normal miteinander arbeiten und schauen, was mir dabei hilft, mich in der Therapie noch sicherer zu fühlen...

• x 2 #4


Rogue
Hallo Alice321,

Zitat von Alice321:
Hi, vielen Dank für deine Antwort!

Sehr gerne 🤗 !

Zitat von Alice321:
Meine Therapeutin hat sehr viele Traumapatienten und sagt, dass EMDR ein Verfahren ist, das sie bei so gut wie jedem traumatisierten Patienten anwendet und mit dem sie bisher sehr gute und teilweise auch schnelle Erfolge erzielt hat.

Wow, die Aussage schockt mich jetzt fast ein bisschen... Es ist schon krass, wie unreflektiert manche Psychologen EMDR einsetzen, in den entsprechenden Fortbildungen scheint es wirklich immer noch als Allheilmittel für alle Trauma-Patienten verkauft zu werden, das ist echt heftig, vor allem, da es ja nun wirklich keine neue Erkenntnis ist, dass EMDR bei komplexen Traumatisierungen wirklich nicht unproblematisch ist.

Es ist ja schon lange belegt, dass bei Komplex-Traumata, wenn überhaupt, ein abgewandeltes Protokoll angewendet werden soll, und selbst dann nur mit Vorsicht und Fingerspitzengefühl.
Jeder Traumapatient reagiert natürlich anders, aber gerade komplex traumatisierte Patienten haben ja fast alle genau die Probleme, die du beschrieben hast. Ebenso ist die Neigung zur Dissoziation ein häufiges Symptom bei Komplex-Traumatisierungen, und Dissoziation ist eine Kontra-Indikation zur EMDR, weil die Methode dann nicht funktionieren kann.

Ich habe schon mit vielen Trauma-Therapeuten gearbeitet, und zum Glück waren davon bislang alle vorsichtig (bei mir ist die Komplextraumatisierung sehr schwer ausgeprägt), und alle haben bislang immer gesagt, dass EMDR, vor allem die klassische, bei komplexen Traumatisierungen eher nicht die Methode der Wahl ist.
Bislang hat es nur ein Therapeut nach langer vorbereitender Therapie versucht, und es ist krachend gescheitert.

Ich komme jetzt auch gerade aus einem Klinik-Aufenthalt auf einer Trauma-Station zurück, auf der Patienten mit verschiedenen Ausprägungen der (k)PTBS waren.
Nur ganz wenige davon wurden mit EMDR behandelt, und das waren nur die Patienten mit Mono-Trauma (also einer "einfachen" PTBS, einfach nicht im Sinne von "nicht schlimm", sondern im Sinne von "durch ein singuläres Ereignis ausgelöst".)
Alle kPTBS-Patienten wurden mit anderen Verfahren/Methoden behandelt. Es gab viel Psychoedukation zu den verschiedenen Behandlungsmethoden, und da wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass (klassische) EMDR und kPTBS eher selten zusammenpassen.

Ich war auch schon auf anderen Stationen (wo zwar auch Patienten mit (k)PTBS waren, der Behandlungsschwerpunkt aber ein anderer war), und auch da wurde das immer ganz klar so kommuniziert. Auch alle Fachliteratur zu dem Thema, die dort empfohlen wurde und die es zu dem Thema allgemein so gibt, sagt dasselbe.
Es gibt bestimmt Fälle, wo kPTBS mit (klassischer) EMDR erfolgreich behandelt werden konnte, aber aufgrund der bekannten Probleme und Kontra-Indikationen entscheiden sich viele erfahrene Trauma-Therapeuten bei kPTBS eher für andere Verfahren.

Bei der Reaktion deiner Therapeutin finde ich zwei Aspekte bedenklich:
1) dass sie die Methode offenbar nach eigener Aussage pauschal bei fast allen ihrer Trauma-Patienten anwendet
2) dass sie tatsächlich "überrascht" war, dass du dich nicht einlassen konntest.
Wie kann sie als fortgebildete Trauma-Therapeutin davon überrascht sein?
Dass komplex traumatisierte Patienten sich nicht auf solche Verfahren einlassen können ist völlig normal, ist eher die Regel als die Ausnahme und gehört ja zur Symptomatik dazu.
Selbst Patienten mit Mono-Trauma haben damit zu Beginn oft Probleme, sich einzulassen.

Ich sage das jetzt auch nur so deutlich, weil ich nach meinen diversen Klinik-Aufenthalten wirklich sehr, sehr viele PTBS-Patienten und Trauma-Therapeuten kennengelernt habe.
Es ist also nicht nur meine persönliche Erfahrung, sondern die Erfahrung von ganz vielen Patienten und Therapeuten.
Die Klinik, in der ich war, bildet auch aus, und das gehört mit zu den ersten Aspekten, die den Therapeuten dort beigebracht werden.

Ich schicke das hier erstmal ab und schreibe dann gleich weiter. LG

• x 6 #5


Rogue
Zitat von Alice321:
Wie wir jetzt konkret weitermachen, ist noch nicht ganz klar. Sie meinte, dass sie sich dazu auch erstmal Gedanken machen muss und ich genauso.

So wie ich es kennengelernt habe, gehen viele Trauma-Therapeuten so vor, dass sie erstmal die Emotions-Regulation ihrer Patienten verbessern.

Für viele (K)PTBS-Patienten ist der Umgang mit Emotionen ja ein großes Problem. So, wie ich es erlebt habe, wird erstmal am Umgang mit Emotionen allgemein gearbeitet, noch ganz unabhängig vom Trauma.
Es wird erstmal geübt,
- Gefühle überhaupt zuzulassen,
- mit der Intensität der Emotionen zu arbeiten (also erstmal zu lernen, Gefühle wahrzunehmen, zuzulassen, ohne sie gleich wegzudrücken),
- die Aufgabe und den Sinn von verschiedenen Emotionen zu verstehen,
- zu spüren, dass Gefühle auch von alleine wieder abnehmen, dass man nicht dauerhaft darin versinkt
- dass man keine Angst vor Gefühlen haben muss

Dann wird geübt, sich auf ein Gefühl bewusst einzulassen und sich, ebenfalls ganz bewusst, wieder davon zu entfernen.
Man lernt, in die Emotionen hinein und wieder heraus zu gehen, zu pendeln zwischen Annäherung und Distanzierung.

Und erst, wenn dieses Pendeln gut funktioniert, nähert man sich traumatischen Situationen an.
Das Pendeln muss vom Patienten sicher beherrscht werden, um sich sicher in eine Trauma-Konfrontation begeben zu können.

Gleichzeitig wird an der therapeutischen Beziehung gearbeitet, eine sichere Bindung aufgebaut, denn die ist auch wichtig für eine sichere Trauma-Konfrontation.

Es geht also erstmal viel um Emotions-Regulation, Skills zur Emotions-Regulation und Beziehungsarbeit.

Und ich glaube, dass du das mit deiner Therapeutin auch gut machen kannst, da du ja sagst, dass ihr grundsätzlich eigentlich gut miteinander klarkommt.

• x 4 #6


Rogue
So wurde zumindest in der Klinik auf der Trauma-Station gearbeitet.
Es gab neben der Einzeltherapie Gruppen zum Thema Emotionen, Emotions-Regulation (Skills), (k)PTBS-Edukation (wie entstehen diese Erkrankungen, wie genau sehen die Symptome aus, was gehört alles dazu, wie wirken sich diese im Alltag aus, wie sieht die Therapie aus usw.), dann noch Übungen zur Achtsamkeit, Entspannungstechniken, auch körperfokussierte Therapien, dann noch Therapien wie Kunst, Musik und Sport, um nicht nur kognitiv an die Thematik heranzugehen.

Ich wünsche dir sehr, dass du mit deiner Therapeutin einen guten gemeinsamen Weg finden wirst!
Du hast ja geschrieben, dass ihr eigentlich sehr gut miteinander klarkommt, und das ist heutzutage ja auch schon ganz viel wert!

Ich wünsche dir wirklich alles Gute und viel Kraft für deinen Weg! LG

• x 5 #7


Rogue
Was ich noch sagen wollte:

Viele Therapeuten haben ja durchaus gute Absichten, sie wollen ihren Klienten helfen.
Und in Zeiten wie heute, wo man eh schwer Therapieplätze findet und die Stunden immer mehr begrenzt werden, ist es ja auch grundsätzlich erstmal nachvollziehbar, dass Therapeuten auch nach zeit-effektiven Lösungen schauen.
Nur leider ist bei PTBS und kPTBS die Zeit ein ganz wesentlicher Faktor: die Behandlung dauert ihre Zeit, und die Genesung kann nicht wirklich "beschleunigt" werden, gerade bei kPTBS (Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.)
Die Genesung braucht Zeit.
Symptome, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg entstanden sind, können nicht in wenigen Monaten zum Verschwinden gebracht werden.

Gerade bei Komplex-Traumata ist dieser Ansatz halt leider nicht wirklich umsetzbar:
Zitat von Alice321:
und teilweise auch schnelle Erfolge erzielt hat

Schnelle Erfolge sind bei komplex traumatisierten Menschen eher nicht zu erwarten.

Bei Traumatisierungen, die durch ein singuläres Ereignis ausgelöst werden (also "einfacher" PTBS), kann EMDR schnell Linderung bringen, das ist wohl so.
Aber es gibt halt massive Unterschiede zwischen Traumata, die durch ein singuläres Ereignis ausgelöst werden, und solchen, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg entstanden sind (kPTBS).

Zeit ist ein ganz wesentlicher Faktor bei der Genesung, und gerade bei kPTBS kann man halt da nichts "beschleunigen". Es dauert, so lange es dauert. Schnelle Erfolge sind da eher nicht zu erwarten.

• x 5 #8


-juli
Ich habe ebenfalls eine Traumafolgestörung. Nach ICD-10 ne PTBS, nach ICD-11 wäre es eine (k)PTBS und eigentlich wurde mir ursprünglich zu einer Traumatherapie geraten.

Da es aber ambulant in meiner Region keine Angebote mehr gab und ich auf keinen Fall stationär wollte, bin ich in einer tiefenpsychologisch fundierten Langzeittherapie gelandet und ich frage mich bis heute, ob eine klassische Traumatherapie überhaupt sinnvoll gewesen wäre.

Ich habe den Eindruck, dass meine Therapie mir hilft, auch wenn einige Ärzte oder Therapeuten eher Verhaltenstherapie oder eine richtige Traumatherapie empfohlen hätten, weil das der Goldstandard bei der Diagnose wäre.

Ich hatte Verhaltenstherapie schon und kann damit relativ wenig anfangen. Tiefenpsychologie hat für mich bisher immer am besten funktioniert. Und die Langzeittherapie gibt mir eben Zeit und das mehr als in der klassischen VT, weil TP mehr Stunden umfasst.

Ich glaube, es ist super individuell, welches Therapieverfahren letztendlich hilft…

• x 4 #9


Alice321
@Rogue Hi, so vielen Dank nochmal für deine ausführlichen Antworten.
Erstmal hoffe ich, dass es dir nach deinem Klinik-Aufenthalt nun besser geht und dass bei dir soweit alles in Ordnung ist.

Ich kann allem was du sagst zustimmen, es macht auch total Sinn. Wir hatten uns die paar "schlimmsten" Ereignisse rausgesucht und versucht dann beim ersten anzufangen und das zu bearbeiten mit EMDR. Hat wiegesagt nicht geklappt. Das schwierige an diesem Verfahren finde ich halt, dass man nur ein Ereignis dann bearbeitet, aber meistens ist es eben multifaktorell. Vielleicht klappt das wenn jemand schlimme Flashbacks von einem gewissen Ereignis oder so hat, aber bei mir ist die Symptomatik irgendwie kreuz und quer gemischt. Depressiv, Zwangsgedanken, lange Grübelschleifen und vorallem ungesunde Coping-Mechanismen/ Verhaltensmuster die ich entwickelt habe.

Ich war jetzt letztens nochmal bei ihr und hab ihre eine Art Brief vorgelesen wie es in mir drin aussieht und wie ich mich wirklich fühle (weil man es mir von außen eben nicht ansieht). Ich habe ihr auch gesagt, dass ich Angst vor einer Art "Identitätskrise" habe, weil diese Coping Mechanismen eben viel von meinem Charakter einnehmen und andere und ich mich selbst nur so kenne.
Sie sagt halt, ich soll im Kleinen anfangen Gefühle zuzulassen und dass man die Ereignisse halt bearbeiten muss, um die Zwangsgedanken darüber und die Scham darüber loszuwerden.

Aber ich habe das Gefühl, dass ich ihr erstmal alles haarklein genau erzählen muss, und mit ihr zusammen einordnen muss, um es dann ggf. später richtig zu bearbeiten... Weil manche Ereignisse in meinem Kopf noch so rumschwirren und ich die gar nicht selber eingeordnet bekomme sowohl rational als auch emotional. Irgendwie verwirrend.

Keine ahnung ich bin ein bisschen verzweifelt aktuell weil ich mir von der letzten Stunde mehr erhofft hatte und Angst habe, dass das Kernproblem nie jemand verstehen wird/ diese Probleme nie heilen werden.

Vielleicht oder wahrscheinlich kennst du diese Gedanken von dir selber. Den Rest lese ich mir heute Abend durch lachen Falls du magst, kannst du ja auch gerne mal bisschen von dir erzählen. (nur falls du magst). Oder sehe ich deine Themen wenn ich auf dein Profil gehe? muss später mal genauer schauen

• x 2 #10


Alice321
@Rogue ja kann dir in allem zur zustimmen.
Meine Therapeutin ist halt der Überzeugung dass EMDR so schnell Linderung bringt wenn man sich drauf einlässt...

Aber ich meine es muss doch einen Weg geben diese Traumata anders zu bearbeiten als durch EMDR.

• x 1 #11


L
Hi liebe Alice,

ich melde mich mal mit einer positiven Erfahrung zu Komplex-Trauma und EMDR. Mir hat es sehr geholfen. Theoretisch werden durch das EMDR ja die Erinnerungen im Gehirn an die „richtige“ Stelle gelegt und das beseitigt irgendwie gefühlt die Ursache. Bei mir hat sich die gesamte Verbindung zu mir und meinem Körper zum Positiven verändert. Das wichtigste Beispiel ist für mich
Trigger

das selbstverletzende Verhalten. Ich brauche jetzt keine Skills mehr, um mich nicht selbst zu verletzen, der Druck ist einfach nicht mehr da.




Wie bin ich überhaupt dazu gekommen? Als das bei mir aktuell war gab es ja noch ICD-10 und somit hatte ich auf dem Papier immer „nur“ PTBS und Depression. Ich würde auch bewusst sagen hatte, nicht habe. Massive psychische Probleme hatte ich seit der Pubertät, aber ich habe nie etwas dagegen unternommen. Ich hatte das „Glück“ zusätzlich zu allem Mist aus Kindheit und Jugend eine „einfache“ Monotraumatisierung zu erleben (medizinischer Art). Und da habe ich mir dann doch mal Hilfe gesucht und gefunden. Wenn meine Therapeutin und ich vorher gewusst hätten, was da alles noch raus kommt, hätten wir vielleicht auch nie angefangen. Aber gut, EMDR angefangen für die Monotraumatisierung. Das Gute: Ich konnte spüren, dass es hilft, durchaus sehr schnell nach wenigen Sitzungen. Dass ich wieder schlafen konnte, keine Flashbacks mehr hatte, wieder in ein Krankenhaus gehen konnte (was ich zu dem Zeitpunkt leider regelmäßig musste). Das heißt, ich hatte sehr schnell Erfolgserlebnisse.
Das zunächst Negative: Es kam alles andere auch hoch.
Trigger

jahrelange körperliche Misshandlung als Kind, s. Missbrauch im jungen Erwachsenenalter



Und es kam immer sehr plötzlich hoch und sehr „lebensecht“. Kaum war eine Sache bearbeitet, ploppte die nächste auf. Viele Situationen habe ich natürlich auch mit meiner Therapeutin besprochen, ich glaubte bis dahin, eine relativ normale Kindheit gehabt zu haben. Für mich war das ja normal. Also musste ich das alles erstmal für mich einordnen, verdauen, es hat mir aber auch geholfen, mir selbst mein zum Teil extremes Verhalten zu verzeihen und komplett neu anzufangen.

Wir haben damals entschieden, weiter mit dem EMDR zu machen. Meine Therapeutin war noch sehr jung, hatte aber zuvor in einer Spezialklinik gearbeitet und kannte viele weitere Techniken über das EMDR hinaus. Die hat sie dann auch gerne mal kombiniert. Ich persönlich bin auch ein Mensch, der es gerne schnell und effizient mag. Ich habe auch viele Fachbücher gelesen zu dem Thema, kannte die aktuelle Forschung und so. Das ist sicher auch eine Typsache. Aber insgesamt hat meine Verhaltenstherapie mit EMDR bisschen mehr als zwei Jahre gedauert, ich hatte knapp 90 Stunden (mit Probatorik, einer Verlängerung und so) und ich würde schätzen ca. 50 Stunden waren mit EMDR. Das muss man natürlich wollen. Das war nicht immer angenehm und zum Teil hatte ich richtig schlechte Tage. Aber ich habe immer wieder Verbesserungen gespürt und deswegen daran geglaubt, dass es der richtige Weg für mich ist. Jetzt geht es mir richtig gut.

Zusätzlich zur Therapie habe ich viel Körperorientiertes gemacht, Yoga, Wandern, Schwimmen, Fitness. Ich musste ja auch körperlich nach diesem medizinischen Notfall zurück ins Leben finden. Das war aber auch psychisch ein sehr wichtiger Baustein für mich.

Warum konnte ich der Therapeutin genug vertrauen? Das habe ich mich tatsächlich oft gefragt. Zum einen finde ich es durchaus leichter, völlig Fremden zu vertrauen, die sonst mit meinem Leben nichts zu tun haben. Schlechte Erfahrungen habe ich nie mit Fremden gemacht, immer nur mit den Menschen, die mir am nächsten standen. Dann hat die Chemie zwischen uns einfach von Anfang an gestimmt. Und nach der Monotraumatisierung ging es mir wirklich richtig schlecht. Ich wusste ja auch gar nicht, was das ist, das mich da ständig überfällt und nicht schlafen lässt. Ich hätte zu dem Zeitpunkt ALLES getan, damit das weggeht. Wenn mir jemand plausibel erklärt hätte, dass es weggeht, wenn ich nur noch auf den Händen laufe, hätte ich das auch getan. Ich war total froh, so schnell einen Therapieplatz gefunden zu haben und sah das als meinen einzigen Ausweg. Und als Ex-Leistungssportlerin hatte ich natürlich die Einstellung, dass es nur besser werden kann, wenn ich mich richtig anstrenge.

Mit den Sachen von früher war es natürlich viel schwieriger, darüber zu sprechen. Ich glaube, da war es einfach so, dass ich es sehr lange mit mir herumgetragen hatte und irgendwie mal froh war, dass es raus konnte. Und dass mir jemand hilft. Hat sonst ja auch nie jemand getan.

Ich wollte das nur mal als positive Erfahrung zu EMDR dalassen. Ich denke, man muss einfach persönlich seinen Weg finden und auch die Methode, die zu einem passt. Ich zum Beispiel habe auch viel über psychodynamische Traumatherapie gelesen und so Ansätze wie die Arbeit mit dem inneren Kind. Das scheint sehr vielen Menschen zu helfen, schreiben auch in entsprechenden Foren einige. Für mich persönlich konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Das passt einfach nicht so gut zu mir. Auch Medikamente konnte ich mir nie vorstellen, obwohl die mir oft empfohlen oder angeboten wurden. Ich bin über Lasea nie hinausgegangen. Trotzdem gibt es viele Menschen, die von Medikamenten profitieren.

Ich wünsche dir alles Gute und dass du deinen persönlichen Weg findest.

• x 4 #12


L
Vielleicht noch als Nachtrag: Zeit hat es bei mir auch gebraucht. Mehr als eine Sitzung pro Woche konnte ich nicht schaffen. Das hat so lange nach einmal EMDR in meinem Gehirn gearbeitet. Also es wäre für mich nicht möglich gewesen, das Ganze in einem Jahr, dafür mit zwei Sitzungen pro Woche zu machen.

• x 2 #13


Rogue
Zitat von Alice321:
Hi, so vielen Dank nochmal für deine ausführlichen Antworten.

Sehr gerne 🤗 , ich freue mich, wenn dir meine Erfahrungen etwas weiterhelfen können!

Zitat von Alice321:
Erstmal hoffe ich, dass es dir nach deinem Klinik-Aufenthalt nun besser geht und dass bei dir soweit alles in Ordnung ist.

Das ist lieb von dir, vielen herzlichen Dank 🤗 ! Ich hatte ein paar körperliche Probleme, die mich erstmal wieder etwas zurückgeworfen haben, aber da kämpfe ich mich gerade wieder raus und bin jetzt dabei, nochmal in Ruhe alles zu reflektieren, was während der stationären Therapie so passiert ist. Und dann geht es auch schon bald wieder daran, den nächsten Aufenthalt vorzubereiten, das nächste Intervall steht in ein paar Monaten an.

Zitat von Alice321:
Vielleicht oder wahrscheinlich kennst du diese Gedanken von dir selber. Den Rest lese ich mir heute Abend durch Falls du magst, kannst du ja auch gerne mal bisschen von dir erzählen. (nur falls du magst). Oder sehe ich deine Themen wenn ich auf dein Profil gehe? muss später mal genauer schauen

Sehr gerne 🤗 ! Und ja, diese Gedanken kenne ich auch nur allzu gut, leider.

• x 2 #14


Rogue
Zitat von Alice321:
Keine ahnung ich bin ein bisschen verzweifelt aktuell weil ich mir von der letzten Stunde mehr erhofft hatte und Angst habe, dass das Kernproblem nie jemand verstehen wird/ diese Probleme nie heilen werden.

Mit diesen Gedanken bist du absolut nicht alleine, mir zumindest ging es schon ganz oft so, und vielen anderen Mitpatienten geht/ ging es genauso.
Gerade zu Anfang meiner Therapie habe ich ganz oft so empfunden. Und auch jetzt noch, selbst nach all den Jahren ambulanter und stationärer Therapie, passiert es mir auch jetzt noch, dass diese Gedankenmuster anspringen und meine Verzweiflung wieder hochkommt.
Was mir über die Jahre zunehmend geholfen hat, mit diesen Gefühlen umzugehen, ist, mir immer wieder die Perspektive vor Augen zu führen: Dieser Prozess braucht viel Zeit. Solche Probleme sind in den seltensten Fällen mit nur 2 oder 3 Jahren Therapie zu beheben.
Viele Patienten erschrecken bei dieser Perspektive, aber wenn man sich vor Augen führt, über wie viele Jahre hinweg die Probleme entstanden sind, verdeutlicht das ganz gut, warum man meistens auch mehrere Jahre braucht, um all das Geschehene und seine Folgen zu verarbeiten.

In dieser zeitlichen Perspektive kann aber auch ein Trost liegen, denn sie relativiert ganz viel:
Wenn man weiß, dass man noch lange auf dem Weg sein wird, ist es plötzlich nicht mehr so schlimm, wenn eine Stunde mal danebengeht (solche Stunden habe ich auch jetzt immer noch mal wieder).

Vielleicht versteht die Therapeutin nicht alles gleich sofort und kann nicht immer ideal reagieren, dafür hat sie vielleicht andere Vorzüge. Und über die Zeit wird sie auch immer besser verstehen, was in dir so vorgeht. Ich hatte Therapeuten, mit denen ich über Jahre hinweg gearbeitet habe, und selbst die haben nicht immer alles gleich verstanden, obwohl wir uns so gut kannten.
Indem du ihr erklärst, was in dir vorgeht, findet ja auch in dir bereits ein therapeutischer Prozess statt. Du reflektierst dich, analysierst dich, versuchst in Worte zu fassen, was dich im Innersten bewegt. Dadurch sortiert sich auch in deiner Psyche schon einiges. Und wenn es wirklich gar nicht besser wird, dann hast du immer noch die Möglichkeit, die Therapeutin irgendwann zu wechseln.
Ich habe in all den Jahren mit vielen Therapeuten gearbeitet (das lag vor allem an den stationären Aufenthalten, im ambulanten Bereich lag es u.a. am Wechsel der Therapieform, machmal kamen auch Faktoren wie Umzug o.ä. dazwischen),
und das war tatsächlich ein Vorteil. Von jedem Therapeuten lernt man unterschiedliche Dinge, jeder hat seine eigene ganz individuelle Perspektive auf deine Symptomatik, die nochmal neue Puzzlestücke ergänzen kann.
Und selbst von den Therapeuten, mit denen ich so gar nicht zurechtgekommen bin, habe ich trotzdem irgendwie etwas gelernt.

Durch meine schwere Bindungsproblematik, die durch die kPTBS kommt, fällt es mir bis heute schwer, mich einzulassen, zu vertrauen, etc., und wenn ich mich dann mal auf jemanden einlasse, geht die Verlustangst sofort durch die Decke. Die ersten Male, wenn ich einen Therapeuten auf die eine oder andere Art "verloren" habe, dachte ich, die Welt würde untergehen. Aber irgendwie ging es danach trotzdem weiter, es kamen andere Therapeuten, andere Methoden, andere Zugangswege...

Und irgendwann konnte ich auch im Inneren spüren, was ein Therapeut mir mal sagte:
Der Prozess der Heilung findet in dir selber statt, du gehst diesen Weg. Die Therapeuten sind "nur" Helfer und Begleiter, du bist aber diejenige, die sich auf den Weg der Genesung macht.
Und auch, wenn es viele Patienten verletzt, so stimmt es meistens doch, wenn ein Therapeut einem sagt, dass er als Individuum selber gar nicht so wichtig ist, dass er nur begleitet (weil viele Patienten das ja durchaus anders sehen). Klar wird es vielleicht immer mal man den einen oder anderen Therapeuten geben, mit dem man besonders gut verbunden ist, trotzdem bist du der wesentliche Faktor auf deinem Genesungsweg.

Irgendwann wird dich jemand verstehen, entweder deine jetzige Therapeutin oder später irgendwann ein anderer Therapeut oder ein anderer "Genesungsbegleiter".

Bei vielen Patienten ist es nicht der eine Therapeut oder die eine Therapieform, die eine Methode oder der eine Ansatz, sondern eine Mischung aus verschiedenen Puzzlestücken. Aus jedem einzelnen Schritt nimmst du wieder ein Puzzlestück mit auf deinem Weg. Du findest heraus, was dir hilft und was eher nicht. Du machst neue therapeutische Erfahrungen, davon werden nicht immer alle immer gut sein, es werden aber auch nicht alle schlecht sein. Und über die Zeit sammelst du positive Erfahrungen und lehrreiche Erfahrungen, die alle weitere Puzzlestücke mit sich bringen.

Heilung ist ein großes Wort und hängt auch stark davon ab, wie man es genau definiert.
Heilung als Ziel zu setzen kann Stress und Ängste mit sich bringen, da Heilung leider, gerade bei schwereren psychischen Erkrankungen, nicht immer vollständig möglich sein wird (wie gesagt: das hängt auch von der Definition ab).
Ich persönliche finde Symptomverbessserung oder Genesungsweg angenehmere Begriffe in der Zielsetzung, dir mir persönlich den Druck nehmen (aber das sehen andere bestimmt auch anders).
Mir persönlich hilft es, den Prozess in den Vordergrund zu setzen und weniger das Ziel (ganz nach dem Motto: Der Weg ist das Ziel).
Darum kann ich heute sagen: Ich bin zwar noch lange nicht am Ziel, aber ich bin auch nicht mehr dort, wo ich mal angefangen habe.
Ich sehe, wo ich noch überall Baustellen habe, ich sehe aber auch, wo ich schon Fortschritte gemacht habe.
Es wird dauern, solange es halt dauert.

Du wirst Fortschritte machen, deine Symptome werden sich irgendwann verbessern. Du hast dich auf den Weg gemacht, und das ist das Entscheidende. Wie lange es dauern wird, kann dir keiner sagen. Aber du wirst Fortschritte machen, dich selber und eine Symptome besser verstehen lernen und lernen, damit einen Umgang zu finden. 🤗🍀

• x 4 #15


Rogue
Zitat von Alice321:
Das schwierige an diesem Verfahren finde ich halt, dass man nur ein Ereignis dann bearbeitet, aber meistens ist es eben multifaktorell. Vielleicht klappt das wenn jemand schlimme Flashbacks von einem gewissen Ereignis oder so hat, aber bei mir ist die Symptomatik irgendwie kreuz und quer gemischt. Depressiv, Zwangsgedanken, lange Grübelschleifen und vorallem ungesunde Coping-Mechanismen/ Verhaltensmuster die ich entwickelt habe.

Ja, genau das ist das Problem dabei 👍 , das ganz viele Patienten haben, weshalb dieses Verfahren halt bei Komplex-Trauma umstritten ist.
Genau dieses Kreuz- und Quermischen verschiedenster Symptome hatte ich auch.

Zitat von Alice321:
Aber ich meine es muss doch einen Weg geben diese Traumata anders zu bearbeiten als durch EMDR.

Die gibt es, es gibt ganz viele verschiedene Möglichkeiten und Wege, Traumata zu bearbeiten, auch ganz ohne EMDR.

Zitat von Alice321:
Sie sagt halt, ich soll im Kleinen anfangen Gefühle zuzulassen und dass man die Ereignisse halt bearbeiten muss, um die Zwangsgedanken darüber und die Scham darüber loszuwerden.

Das ist doch schonmal ein guter Ansatz. Im Kleinen anfangen, Gefühle zuzulassen und einen Umgang damit zu finden. So hat man es mir auch gesagt und ich habe es genau so gemacht.
Das kann man auch wirklich lernen/ trainieren, das war für mich tatsächlich auch eine hilfreiche Erfahrung. Man kann durch Übung lernen, mit Emotionen einen Umgang zu finden, fast wie "psychischer Muskelaufbau".

Aber auch hier ist wie bei Training in anderen Bereichen: die Kompetenzen müssen Schritt für Schritt aufgebaut werden, fast vergleichbar wie bei Sport oder anderen Dingen dieser Art: Man fängt nicht mit dem Schweren an, sondern trainiert erstmal, damit man später die Fertigkeiten hat, auch schwere Situationen meistern zu können.

Wenn man noch keinerlei Emotions-Regulations-Fertigkeiten hat, ist es natürlich total überfordernd, wenn man da gleich "in die Vollen" gehen soll:
Zitat von Alice321:
Wir hatten uns die paar "schlimmsten" Ereignisse rausgesucht und versucht dann beim ersten anzufangen und das zu bearbeiten mit EMDR. Hat wiegesagt nicht geklappt.

Kein Wunder.

• x 3 #16


Rogue
Wie lang genau der Weg sind wird, ist individuell ganz verschieden.

Selbst in einer Gruppe von Patienten, die alle ähnliches erlebt haben, kann der Weg trotzdem völlig unterschiedlich aussehen.

Das hängt dann auch viel davon ab, wie viel Resilienz der Patient im Lauf seines Lebens bereits aufbauen konnte.

Selbst wenn man das Beispiel von wiederholten traumatisierenden Erfahrungen im häuslichen Umfeld im Kindheits- und Jugendalter nimmt, gibt es trotzdem noch erhebliche individuelle Unterschiede zwischen den einzelnen Patienten.
Ein Faktor dafür wäre beispielsweise das damalige ergänzende Umfeld: Vielleicht war es zu Hause schlimm, aber es gab noch eine Tante (oder ein anderes Familienmitglied), einen Freund, einen Lehrer, der Unterstützung geben konnte. Vielleicht war die Familie schlimm, aber es gab einen Freundeskreis oder eine sonstige Gruppe, in der man positive zwischenmenschliche Erfahrungen machen konnte. Vielleicht war nur ein Familienmitglied schlimm, aber andere Familienmitglieder haben den Patienten damals unterstützt.

Wenn ein Patient neben den traumatisierenden zwischenmenschlichen Erfahrungen auch positive zwischenmenschliche Erfahrungen machen konnte,
können sich neben den negativen auch positive Grundannahmen bilden, die dann später in der Therapie ein ganz anderes Grundgerüst bieten, auf dem die Therapie aufbauen kann, als wenn ein Patient ausschließlich negative zwischenmenschliche Erfahrungen gemacht hat und das Vertrauen in andere Menschen gar nicht erst aufgebaut werden konnte.

Von solchen Faktoren gibt es viele, und so kommt es dazu, dass prognostisch jeder Patient unterschiedlich ist, selbst bei gleichen Diagnosen.

• x 4 #17

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Rogue
Zitat von -juli:
bin ich in einer tiefenpsychologisch fundierten Langzeittherapie gelandet und ich frage mich bis heute, ob eine klassische Traumatherapie überhaupt sinnvoll gewesen wäre.


Zitat von -juli:
Ich habe den Eindruck, dass meine Therapie mir hilft, auch wenn einige Ärzte oder Therapeuten eher Verhaltenstherapie oder eine richtige Traumatherapie empfohlen hätten


Zitat von -juli:
Ich hatte Verhaltenstherapie schon und kann damit relativ wenig anfangen. Tiefenpsychologie hat für mich bisher immer am besten funktioniert. Und die Langzeittherapie gibt mir eben Zeit und das mehr als in der klassischen VT, weil TP mehr Stunden umfasst.


Zitat von -juli:
Ich glaube, es ist super individuell, welches Therapieverfahren letztendlich hilft…

Das denke ich auch.
Ich hatte auch immer das Gefühl, dass viele Therapeuten eh Elemente aus VT und TP miteinander verbinden, da es ja eh Schnittmengen gibt.
Meine Trauma-Therapeuten waren z.B. bislang immer VT-Therapeuten, die Arbeit fühlte sich aber eher nach TP an.
Ich kannte auch TP-Therapeuten, die nicht wirklich in die Tiefe gegangen sind.
Und ich hatte auch mit VT-Therapeuten schon sehr tiefgehende Gespräche mit traumakonfrontativen Anteilen, die eine ähnliche Intensität und Wirkung hatten wie "offizielle" traumatherapeutische Verfahren, ohne dabei offiziell Traumatherapie zu sein.
Für mich persönlich war die Mischung aus beiden Formen sinnvoll (ich habe mit TP angefangen und dann auf VT gewechselt), da ich so den Fokus auf Gegenwart und Vergangenheit miteinander kombinieren konnte und sich beides gegenseitig ergänzt hat.

Mit "offizieller" Traumatherapie habe ich erst sehr spät auf meinem therapeutischen Weg angefangen und zuvor trotzdem bereits Fortschritte machen können. Ob und wieweit mir die offizielle Traumatherapie (ohne EMDR) jetzt noch zusätzliche Zugangswege eröffnen wird, wird sich zeigen.

Im Endeffekt hängt es meiner Meinung nach eh eher von der individuellen Begabung und den Fähigkeiten des individuellen Therapeuten ab als von der Therapieform.

• x 4 #18


-juli
@Rogue ich finde deine Antworten immer sehr gut geschrieben! Wollte ich nur mal sagen.

Oh, ja… Ich bin bei „Schema F“ eh raus, das funktioniert für mich nicht. Die VT hat durchaus wertvolle Elemente und VT und TP könnte man so wunderbar miteinander kombinieren, wenn da nicht der ewige Konflikt zwischen den Therapieschulen wäre.

Und dann diese Frage nach der Wirksamkeit der TP… Es gibt einfach mehr Studien zur VT und bei der VT frage ich mich immer, ob es nach dem strikten Muster ohne Blick in die Vergangenheit auf lange Sicht wirklich so hilfreich ist… VT kann super zur Stabilisierung sein und kann dabei helfen, die Werkzeuge zu haben, um überhaupt erst den Zugang zur TP zu finden und TP ist ja auch nicht für alle Leute was… Ist natürlich auch vom Erkrankungsbild abhängig. Bei der PTBS macht es Sinn, nach der Entstehung zu schauen. Bei dem ADHS und Autismus ist das nicht sinnvoll, weil es angeboren ist. Aber grade, wenn man erst später diagnostiziert wurde, kann es super heilsam sein, über die Wunden, die die spätere Antwort hinterlassen hat, zu sprechen.

Ich weiß nicht, ob ich in einer VT zu diesen Antworten gekommen wäre, weil meine Themen könnten oberflächlich ja so viel sein, wenn man sich die Vergangenheit nicht anschaut…

Ich habe auch schon während Therapieplatzsuchen Therapeuten gesehen, die beide Ausbildungen hatten und das Konzept halte ich für sinnvoll und in meiner jetzigen Praxis gibt’s auch beide Varianten, glaube ich.

Ich bin mir auch sehr sicher, dass wir auch Elemente aus der VT nutzen. Nur ist die TP für mich deutlich freier, was sehr hilfreich ist. Diese klare Struktur der VT ist für mein ADHS-Hirn nichts, wobei viele ADHSler davon profitieren und da mag es auch an der schlechten Erfahrung gelegen haben. Würde ich die Therapie nochmal bei einer Person angehen, die nicht konsequent 50 min eine Situation analysieren möchte, würde das vielleicht gehen.

Das langweilt mich halt sehr schnell und ich springe zwischendurch und springe viel zwischen Themen hin und her, was je nach Therapeut auch mal als Abwehrhaltung gewertet wurde, aber so funktioniert mein Gehirn in jeder Lebenslage und wahrscheinlich liegt die Antwort irgendwo dazwischen. 😅

Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen für die weitere Therapie!

Und die „Chemie“ zwischen Therapeut und Patient ist auch unfassbar wichtig. Mir bringt der beste Traumatherapeut nichts, wenn ich mich nicht wohlfühle und mich nicht öffnen kann. Ich habe für mich inzwischen gelernt, im Zweifelsfall auch mal länger zu suchen, als den erstbesten Platz abzunehmen…

• x 3 #19


Rogue
Zitat von -juli:
ich finde deine Antworten immer sehr gut geschrieben! Wollte ich nur mal sagen.

Vielen lieben Dank 🤗 , darüber freue ich mich sehr!

Zitat von -juli:
Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen für die weitere Therapie!

Vielen herzlichen Dank 🤗 , das wünsche ich dir auch!

• x 1 #20


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Prof. Dr. med. Thomas Hillemacher
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