Zitat von BergziegeOnFire: Meine Frage war/ist auch an sie und euch: Vielleicht bin ich nach jahrelanger Therapie seit 2010 mit 1-3 Jahren Pausen dazwischen austherapiert?
Zitat von fourofour: Persönlich bin ich mit meiner Diagnose und Alter eigentlich austherapiert. Nur gehört meine PITT Therapie wieder aufgefrischt.
Zitat von DrSeltsam: Ich hatte die gleiche Situation bei meiner zweiten Therapie: "Sie sind austherapiert".
Ich sag' Euch was: Vergesst es.
Es ist vollkommen in Ordnung realistische Ziele und Grenzen anzuerkennen, aber ich setze hier gerne einen Kontrapunkt.
Ich bin da eher zurückhaltend, aus zwei Haupt- und einigen Nebengründen. Die Hauptgründe: 1. Ich möchte mit 'Erfolgsgeschichten' niemanden unter Druck setzen (es gehört zum festen Repertoire von Ängsten, dass man denkt, das ist bestimmt alles nett und gut, nur bei
mir wird es leider nicht klappen, weil ich zu gestört, zu anders, zu wasauchimmer bin), vor allem 2. mich nicht,
Ich sehe mich in keiner Weise als Vorbild und mein Weg ist ungewöhnlich und nichts für die meisten, weil er einfach sehr persönlich ist, was meine Interessen und Versuche angeht, die kann man nicht übertragen. Zudem habe ich an etlichen Stellen nicht viel dazu beigetragen, es ist mir eher passiert, zugestoßen.
Warum schreibe ich es dennoch ab und zu hin? Es ist eine Geschichte, bei der Ängste nach Jahren einfach verschwunden sind oder im Begriff sind, es zu tun. Bei mir passiert das aufgrund dessen, was mir so zugefallen ist, aber es geht nicht nur so, es gibt viele andere Wege, auf denen es auch geht, so viel weiß ich über Psyche und Therapie.
Ich habe nach einer generalsierten Angststörung mit üblen Panikattacken (die mich an einem Tag so weit brachten, dass ich nur noch dachte, hoffentlich ist die Quälerei bald einfach nur zu Ende, egal wie, es überfiel mich aus heiterem Himmel - auch wenn in dieser Zeit wenig heiter war) und einer ausgeprägten Herzphobie erst nicht begriffen, dass ich eine Angststörung hatte - war ja das Herz, in meiner Welt - und begann mit Psychotherapie erst nach Jahren.
Die half, einige Monate danach verliebte ich mich in eine Frau, mit der ich 25 Jahre zusammen blieb und die mir wesentlich half, Schritte zurück ins Leben zu machen. Sie war es, die mich anregte Arbeiten zu gehen, auch das war ein weiterer Schritt und ich konnte nach und nach mehr Normalität etablieren.
Parallel dazu meditierte ich viel, blieb den Themen Psyche, Philosophie und Spiritualität eng verbunden und irgendwie immer auch ein Stück der Medizin. Eigentlich nur um einen anderen Beruf abzusichern arbeitete ich dann in der Krankenpflege - dort verlor ich meine Hypochondrie -, der andere Beruf stellte sich aber mehr und mehr als bezahltes Hobby heraus, so wurde die Krankenpflege über gut 10 Jahre mein Hauptjob, Corona nahm ich dort noch mit, doch ich hatte schon gekündigt, um etwas neues zu machen.
Ich landete auf einem Biobauernhof und irgendwie gehörte mein Leben ab da nicht mehr mir. Meine 25 Jahre Beziehung crashte, weil ich mich in meine Chefin auf dem Hof verliebte, das führte zwar zu nichts, aber das Gefühl der Liebe war intensiv. Meine Beziehung war kaputt, die Chefin und ihr Partner verließen den Hof wieder, der Trennungsschmerz war gewaltig. Für den Job übte ich meinen Aktionsradius mit dem Auto auszudehnen, es klappte, vermutlich weil ich wirklich ein Ziel hatte und motiviert war und nicht einfach übte, um etwas hinzukriegen, was ich gar nicht erreichen wollte.
Ich machte zwischendurch 3 weitere Therapien, von einer habe ich gar nicht profitiert, es ging mir schlimmer als zuvor, zwei andere brachten mich weiter.
Als ich den Schmerz des Abschieds von meiner Verliebtheit eben überwunden hatte, verliebte ich mich an gleicher Stelle erneut und unerwartet, ich dachte, als ich es merkte: 'Oh nein, nicht schon wieder.' Wieder eine emotionale Berg- und Talfahrt, wieder eine aussichtslose Geschichte, aber das Gefühl war halt da und ich lernte Gefühle zu erleben, sehr intensive und sehr lange.
Auf dem gleichen Hof lernte ich dann auch meine spätere Freundin kennen, wir waren einfach nur gute Freunde, konnten uns alles erzählen, es stand nie im Raum, dass wir mal ein Paar weerden würden, da sie sich selbst gerade von der Folgen einer Depression auf dem Hof kurierte - ich setzte mich dafür ein, dass sie bei uns bleiben kann - sah ich nicht, was für einen genialen, facettenreichen und ungewöhnlichen Menschen ich da vor mir hatte, heute weiß ich es und staune immer noch und immer wieder.
Waren es die immens vielen und intensiven Emotionen, die ich in dieser Zeit erlebte? Es war zu einem Teil die Beziehung zu meiner Freundin, die stets an der Grenze zur Überforderung verlieft, aber schon bevor wir zusammen kamen machte ich einen großen Schritt. Mein ältester Freund heiratete in Österreich, meine Ex fuhr nicht mit und alleine lange Strecken zu fahren, egal ob Auto, Bus oder Bahn, war das was ich am schlechtesten konnte.
Ich ließ mir Tavor verschreiben, exerimentierte mit der Wirkung und fuhr mit einer halben Tablette die 800 Kilometer nach Linz und mit derselben Dosis die Strecke zurück. Danach nahm ich es nie wieder, musste meine Freudin aber immer mal überraschend von weiter entferten Orten abholen, einmal war meine Heimatstadt verabredet - Ankunft mit dem Zug - es wurde dann Holland.
🤣 In dem Jahr fuhr ich alleine, Tavor hatte ich nur noch zur Sicherheit dabei, 500 Kilometer nach Süddeutschland, eine Fahrt bei der der Wagen verreckte und viel schief ging, ich blieb psychisch stabil.
Irgendwann hatte ich das Gefühl, ich würde sogar sagen, die innere Gewissheit, dass es an mir liegt, zu entscheiden, ob ich alle Ängste loswerden will. Ich muss was dafür tun, die Freundin tritt mich sanft, aber bestimmt in die Richtung, aber bislang klappt alles was ich versuche - Bus & Bahn als weitere Hürden - tadellos. Ich darf mich nur nicht drängen, weiß aber, das Momente kommen in denen das dran ist und dann mache ich den nächsten Schritt. Auch soziale Phobien gehen langsam ein.
Das Leben therapiert mich und wesentliche Erfolge stellten sich um das 55. Lebensjahr ein Die Partnerschaft hat uns beide extrem stabilisiert und nach vorne gebracht, meine spirituelle Praxis geht seit einigen Jahren in eine andere Richtung, auch das wird einen Einfluss haben, es ist das Gesamtpaket, ich vertraue mich dem Leben an - deshalb, Kontrolle ist eine lustige Illusion, die ich mir manchmal auch noch einrede.
Ein wesentlcher anderer Punkt ist bei mir das Schreiben. Es ermöglicht mir Distanz zu mir, aber noch mehr ist es Grundnahrungsmittel und kreativer Selbstausdruck.
Ich bin überzeugt, dass es weiter geht und wem es aus Gründen der momentanen Stabilität besser damit geht, sich zu sagen, er sei austherapiert oder unheilbar, der oder die möge das tun, ich streite mich da nicht, für mich kann ich nur sagen, dass es mal mit, mal ohne Therapie, mit Lücken und Pausen, durch eigenes Engagement und Zufall/Schicksal immer besser wurde - bis auf den erwähnten Fall ohne Psychopharmaka - und das darf anderen, in einer ähnlichen Lage gerne Mut machen. Sie werden ihren Weg finden, aber es gibt einen, wenn man mich zwingt, würde ich behaupten, für jede(n).