Zitat von Basti88: Ich möchte lernen, dass sie ihre Gefühle haben darf, ohne dass mein Körper sofort in den Alarmmodus geht.
Das ist leider gar nicht so einfach. Es ist sehr wichtig, sich klar zu machen, woher diese Muster stammen - nämlich aus der Kindheit. Es sind gelernte und fest verankerte Verhaltens- und Denkmuster, die uns durch andere aufgedrückt wurden.
Wenn ein Kind keine Sicherheit und Regulation bei seinen Bezugspersonen erfährt, entwickelt es Strategien, um mit dieser Situation umzugehen. Diese Strategien entstehen aus der Kinderbrille heraus - weil wir als Kind das Leben natürlich anders sehen als als Erwachsener. Sie sichern in der Kindheit unser Überleben.
Mal ein Beispiel von mir: mein Vater strafte mit Liebesentzug. Das war für mich als ängstliches und sensibles Kind sehr schwer auszuhalten und wesentlich schlimmer, als wenn er mir eine geschallert hätte. Meine Strategie war also, möglichst nichts zu tun, was ihm missfallen könnte, alles das zu tun, was er sagt, keine Widerworte zu geben und nie meine Meinung zu äußern. Dieses Muster hat sich derart verfestigt, dass ich als Erwachsene nicht in der Lage war, Grenzen zu setzen, ein extremes People-Pleasing betrieben habe und selten meine Meinung sagte. Es ist heute noch sehr schwer für mich, meinem Mann einen simplen Satz wie: "Räum bitte die sch. Gefrierbeutel von der Arbeitsfläche und leg sie in die Schublade, wo sie hingehören." zu sagen. Es könnte ja sein, dass er sauer wird und nicht mehr mit mir spricht oder wir uns deswegen streiten und er dann tagelang nicht mehr mit mir spricht.
Da raus zu kommen ist sehr schwierig, aber zumindest zu einem guten Teil schon machbar. Wie gesagt, das Wichtigste ist, sich klar zu machen, dass es Glaubenssätze aus der Kindheit sind, die wir als Erwachsene nie angepasst haben. Der zweite Schritt ist, sich im Alltag immer und immer wieder klar zu machen, wenn diese Muster gerade wieder durchschlagen. Und zwar nicht im Sinne von: "Ich bin einfach zu blöd dazu", sondern im Sinne von: "Okay, dieses schlechte Gefühl gerade entsteht jetzt wieder, weil ich es in meiner Kindheit so gelernt habe und es jetzt erst umlernen muss." Und dann muss man anfangen, die neuen Verhaltensweisen zu lernen, wie eine neue Sprache. In meinem Fall habe ich erst mit meinem Therapeuten im Rollenspiel gefühlt hundert mal den Satz "Leg den sch. Gefrierbeutel in die Schublade" gesagt. Ich habe mir immer und immer wieder klar gemacht, dass ich das Recht habe, diesen Satz zu sagen, dass es einer normalen Kommunikation unter Erwachsenen entspricht und das nichts schlimmes passieren wird. Und dann muss man sich einmal das Herz fassen, und diesen Satz wirklich aussprechen. Und dann nochmal, und nochmal. Und irgendwann wird es immer vertrauter und man merkt, dass man es kann und das nichts schlimmes passiert. Und daran wächst man ein Stück.
Das Beispiel mit dem Gefrierbeutel ist übrigens gerade bei mir aktuell. Ich habe schon viel geschafft in Zusammenhang mit meinem Mann - aber gerade blockt in mir wieder alles, diesen blöden Satz zu sagen. Ich schaffe es gerade nicht, das baut einen unglaublichen Druck in mir auf, auf den ich gerade wieder extrem mit körperlichen Symptomen reagiere und mein Energielevel komplett im Keller ist, weil dieser innere Kampf so viel Kraft kostet. Jetzt werde ich wieder zu meinem Therapeuten dackeln, mit ihm das üben und meinem Mann dann irgendwann diesen Satz vor den Kopf knallen. Und so lange, bis ich das schaffe, geht es mir wieder x.. Und genau das ist das Spiel, dass wir spielen müssen, wenn wir gewinnen wollen.
Wenn Du Dich mit diesem Thema mal eingehender beschäftigen möchtest, kann ich Dir sehr das Buch "Das Kind in Dir muss Heimat finden" von Stefanie Stahl empfehlen. Darin werden diese Muster gut erklärt. Und es gibt auch ein Arbeitsbuch dazu. Ideal ist es natürlich, so etwas im Rahmen eines therapeutischen Settings aufzuarbeiten, aber es geht auch allein.