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Christof-MH

Christof-MH
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Hallo, Ich habe schon lange Agoraphobie, und die Ausprägungsstärke schwankte im Laufe der Zeit von "Ich schaff es nicht das Haus zu verlassen" bis "Ich fahre mit Hilfe von Freunden bis in die nächste Stadt". Das besondere an Agoraphobie ist, dass die Wahrscheinlichkeit eines Agoraphobikers einen anderen Agoraphobiker draußen zu treffen bei mathematisch präzise Null ist. Ich habe ausschließlich freundschaftliche Beziehungen zu Borderlinern, Bipolaren Menschen, Schizophrenen und Suchtkranken und keiner von ihnen kann meine konkrete Lage nachvollziehen.

04.06.2026 x 2 #1


17 Antworten ↓

Idefix13
Zitat von Christof-MH:
dass die Wahrscheinlichkeit eines Agoraphobikers einen anderen Agoraphobiker draußen zu treffen bei mathematisch präzise Null ist.

Dieser Aussage stimme ich zu 100% überein.



Trigger

Komme zwar nicht aus PLZ 4****




Aber das faszinierende ist, dass jeder über eine andere spezielle Ausprägung von dieser Phobie - sagen wir - befallen ist. Und meine wird durch Menschen ausgelöst.

x 1 #2


A


Mülheim-Ruhr Club der lebenden Agoraphobiker

x 3


Christof-MH
@Idefix13 Bei mir ist es vor allem Räumlichkeit, Distanz, seltsam wirkende Geometrien. Als es im Alter von 18 Jahren mit der Phobie anfing, habe ich es niemandem gesagt, weil, obwohl ich ein Opfer war, mich dennoch wie ein Täter, wie ein kranker Psychopath gefühlt habe, jemand der verstoßen wird wenn das ans Licht kommt. Ich habe mich zwei Jahre lang zur Schule gequält und die ganze Zeit war ich durch die Angst dort zu sein verwirrt. Ich hab auch jeden Tag ernsthaft an Suizid gedacht. Erst nach zwei Jahren habe ich mich meiner Mutter anvertraut und obwohl ich eine sehr warmfühlende, aufopfernde Mutter habe, waren ihre Mittel auf Homöopathie, Katholizismus und sogar einen Schamane aus Sibirien beschränkt. Ich wusste, dass das nichts hilft, aber die gute Absicht eines Menschen hinter der Methode hat mich das mitmachen lassen. Ich hab mich damals trotz der Ängste weiterhin gezwungen raus zu gehen und empfand die Welt an sich als überwältigend. Meine Wahrnehmung war so beieinflusst, dass ich stehts der surrealen, aber sich echt anfühlenden Angst ausgeliefert war, dass ich gleich vom Boden abhebe und in die weiten des Weltalls fliege. Eine andere Wahrnehmung war, umgekehrte Höhenangst, ein Gefühl als wenn der Himmel der Boden und der Boden der Himmel wäre. So schaute ich in den Himmel und empfand es als wenn in großer Höhe wäre. Eine andere Form war die starke Überzeugung, die Welt kann nicht existieren, irgendwas stimmt hier nicht. Dieses Gefühl, dass die Welt nur ein Traum ist, hatte schon als 4 jähriges Kind, aber damals ohne die agoraphobische Komponente. Ein kleiner Durchbruch war 2007, wo ich in eine Tagesklinik kam. Obwohl niemand sonst Agoraphobie hatte, bewirkte menschliche Nähe eine Art Hinzugewinn von Kontrolle. Keine Heilung, aber etwas Neues kam hinzu, ein Werkzeug, nicht mächtig, aber dennoch ein Durchbruch. Und noch eins, das vielleicht wichtig ist. Bevor die Agoraphobie sich manifestierte, hab ich als Kind viel in den Spiegel geschaut und ich mochte nicht das was ich dort sah und hoffte jedesmal, dass sich etwas ändert Ich war zutiefst enttäuscht und gekränkt wer ich bin. Dann gab es noch eine Phase als Kind als ich ständig auf den Hinterkopf meiner Mutter schaute und mir einbildete, dass ihr Haar dünner wird und sie eine ernste Erkrankung hat, aber es mir nicht sagen will. Es gibt noch etwas anderes, aber das ist mit zu viel Scham verbunden, als das ich das hier auskotzen könnte, dennoch ist es jeden Tag sehr stark präsent. Ich denke mittlerweile nicht mehr, dass man sich als Opfer schuldig fühlen sollte und das man seine Gefühle so weit es geht nicht verbergen muss.

x 3 #3


Idefix13
@Christof-MH

Interessant deine Zeilen zu lesen. Welche Einflüsse wohl zu den deinen unterschiedlichen Wahrnehmungen geführt hat, hast du wohl noch nicht herausgefunden..
Aber faszinierend wie du sie bildlich und ich spreche nicht von dem Bild, du sie mit Worten malen kannst.
Hatte zwar auch eine Mutter die herzlich war, aber das galt immer fremden Kindern. Oder sie dachte sie wäre herzlich und das weniger dass sie zeigte war von ihrer Seite "viel". Ich weiss es nicht.
Doch da die Agoraphobie durch die vielen anderen Erkrankungen und Störungen überlagert wird, kommt sie immer erst zur Sprache oder zur Geltung, wenn man das Haus oder die Wohnung - den sicheren Bereich verlassen will.
Und durch die vielen Traumatas seit der frühen Kindheit, ausgelöst durch Menschen, Bekannte aber auch Fremde hat sich wohl unsere Angst in diese Richtung entwickelt.
Hatte mit ganz anderen Dingen zu kämpfen und wenn ich ehrlich bin, eine wirkliche Aufarbeitung dieser Phobie, werde ich in diesem Leben nicht mehr verfolgen. Da andere Strukturen weitaus wichtiger sind und mehr an Lebensqualität versprechen, als die moglichkeit die Wohnung ohne Angst zu verlassen. Zu all diesen Dingen, kommen die Begleiterkrankungen noch hinzu und trotzdem finde ich habe ich es noch mit weitgehend milden psychologischen Auswirkungen zu tun.
Habe es längst akzeptiert dass die Agoraphobie bestimmt, ob ich heute raus darf oder nicht und seitdem mein Körper jetzt auch noch mitmischt und mich seit mehr als 20 Monaten zwingt oder hindert, dass ich meine Wohnung verlassen kann. Ist die Agoraphobie gar nicht mehr so präsent.

x 1 #4


Christof-MH
Zitat von Idefix13:
Welche Einflüsse wohl zu den deinen unterschiedlichen Wahrnehmungen geführt hat, hast du wohl noch nicht herausgefunden..

@Idefix13
@Idefix13
Ich habe eine Vermutung. Als Kind habe ich alles was mir gesagt wurde für die absolute Wahrheit gehalten. Meine Mentalität war: niemand lügt, niemand irrt sich. In meiner Familie kam ich sehr früh mit christlichen Vorstellungen in Kontakt, besonders alles rund um die Apokalypse. Ich erinnere mich noch, dass ich als Kind immer in den Himmel schaute und überzeugt war, dass er eines Tages, vielleicht auch gleich, wie es in den Offenbarungen steht, wie eine Schriftrolle vom Firmament gerollt wird und etwas, das man lieber nicht sehen möchte, dem *beep* Auge anbietet. Das könnte diesen Hang zu kosmisch-räumlichen Befürchtungen erklären. Aber das kann nicht alles sein, denn meine Mutter hat mir gesagt, als ganz kleines Kind war ich nicht in der Lage das Meer anzublicken und saß immer mit dem Rücken dazu. Was für ein Unglück, wenn ich mal einen schönen Traum hab, dann träume ich davon ein Surfer zu sein.

Sag mal, hast du mehr Angst vor Menschenmengen als vor großen, räumlichen Begebenheiten?

x 1 #5


Idefix13
@Christof-MH

Egal wo ich bin oder sein würde, wenn ich da alleine wäre, würde ich mich wohl fühlen. Sobald Menschen anwesend sind steigt die Angst in mir auf.
Bin lieber alleine in einem dunklen dichten Wald in der Nacht, als durch die Fußgängerzone zu müssen am helllichten Tag.
Zitat von Christof-MH:
ganz kleines Kind war ich nicht in der Lage das Meer anzublicken und saß immer mit dem Rücken dazu.

Nee, solche Sachen hatte ich nicht. Nur vor banalen Dingen hatte ich Angst. Z.B. vor einem Playmobil Geist und dem Handkrokodil vom Kasperltheater. (Vor den Zähnen, die aus Plastik waren..)
Und mein älterer Bruder amüsierte dies ungemein und beleuchtete dein Geist in der Nacht noch mit einer Taschenlampe
https://img.kleinanzeigen.de/api/v1/pro...=$_59.AUTO
oder jagte mich mit dem Krokodil durchs Haus. Während ich wie am Spieß schrie wenn er mich am Arm oder so berührte oder
In der Grundschule hat mich mal ein Kinderarzt für nicht dem Alter entsprechenden Entwicklungsstand beurteilt. Er wusste auch vieles nicht, was die Psyche betraf, auch weil meine Mutter davon nichts verstand und auch nichts wissen wollte und immer vor allen behauptete, dass ihre Jungs alle gesund sein. Körperlich wie geistig.

#6


Christof-MH
@Idefix13 Also, so wie ich das verstehe, haben wir von Außen betrachtet beide die Einschränkung uns an bestimmte Orte zu begeben, aber bei mir ist es die Räumlichkeit und bei dir, dass der Ort Menschen beherbergt. Ich bin zwar sozial isoliert, aber ich mag es mit Menschen zu sein, auch wenn es selten vorkommt. Ich wünschte ich wäre eine Art Dracula-Mogul, ein Elon Musk, dann könnte ich am Ort meiner Sicherheit Ereignisse veranstalten und so wäre ich unter Leuten. Was ich aber an deiner Situation nicht verstehe ist ab wann, oder unter welchen Umständen ist eine Schwelle überschritten, so dass deine Agoraphobie sich intensiv meldet. z.B. Du bist allein in einem Raum der Größe eines Schulzimmers. Plötzlich kommt eine Person herein, merkst du was? Dann eine zweite...usw. Und ist das speziell an Personen gebunden oder würdest du Dich auch nicht gut fühlen, wenn ein süßes Hündchen statt einer Person den Raum beträte?

#7


Idefix13
Zitat von Christof-MH:
Und ist das speziell an Personen gebunden

Ja es ist an Menschen gebunden. Es ist die Unsicherheit was jener Mensch denkt und welche Handlungen er tätigen könnte.
Du musst verstehen, dass ich im Kleinkindalter sex.mb wurde und die weiteren Traumatas immer von Menschen, älterer Jungs oder Heranwachsenden ausgeführt worden sind.
Im Schwimmbad haben zwei versucht mich zu ertränken
Oder auch dem Spielplatz wurde mir offen mitgeteilt, dass die drei älteren Jungs beschlossen haben, dass ich nicht mehr lebend davon kommen würde.
.
Und es gibt noch weitere drei Vorkommnisse und am Schluss mit 11 Jahren, passierte noch was viel schlimmeres, für einen Mann später viel gravierender.

So hat sich meine Psyche bald gegen mich gewendet, was schwierig zu erklären ist und ich auch kein Vertrauen mehr hatte. Und selbst jetzt bestimmt diese Psyche noch weiterhin mein denken und handeln.
Vielleicht hast du schon mal was von Viele-Menschen gehört oder Fachspezifisch DIS.

Aber um auf deine Frage zurück zu kommen. Jedem Tier ist und kann ich mehr Vertrauen schenken als dem Menschen.
So wie es dir geht und ging mit der Agoraphobie, habe ich mit der DIS und den weiteren Komorbiditäten seit jeher schon den einsamkeiten Status und musste seit jeher nur mit mir und den meinen alles ausmachen.
Hatte auch Therapie, aber sonst niemand mit dem man sich austauschen hätte können.

Meine Agoraphobie meldet sich bereits bevor ich meine Wohnungstür anfasse, mit den menschlichen Gefahren, dass ich womöglich meinen Nachbarn im Treppenhaus begegnen könnte.

x 1 #8


Wildrose
Zitat von Idefix13:
Meine Agoraphobie meldet sich bereits bevor ich meine Wohnungstür anfasse, mit den menschlichen Gefahren, dass ich womöglich meinen Nachbarn im Treppenhaus begegnen könnte.

Das geht mir auch so, ich stehe oft vor dem Rausgehen noch einen Moment drinnen und horche, ob sich im Treppenhaus etwas regt oder gar wieder mal ein Smalltalk unter Nachbarn im Treppenhaus stattfindet.
Wenn ich einen Termin habe und spät dran bin, muss ich leider dann durch das Auge des Hurrikans schreiten...

Ich komme leider auch nicht aus Mülheim/Ruhr.
Lebe in einer Großstadt in Niedersachsen.

x 2 #9


Christof-MH
@Idefix13
Jetzt verstehe ich dich besser, d.h. hypothetisch, wenn du die einzige Person auf der Welt wärest, könntest du überall hin? Was du im ersten Paragraph schreibst kommt mir bekannt vor. Als Kind hat mich ein als päd. bekannter Mann geschnappt und in den Dachkellerbereich eines Wohnblocks mitgenommen, ich saß schon auf dem Schoß und hatte richtig Glück, denn ich konnte fliehen, aber es hat die Welt hässlicher gemacht. Während eines Ferienlageraufenthalts wurde ich auch unter Wasser gewürgt, von irgendwelchen Typen, die ich nicht mal kannte und in der City West (Oberhausen) gab es viele Chaoten mit seltsamen Hobbies wie zufällige Jungs festhalten und an ihnen Kickboxübungen durchzuführen.

#10


Christof-MH
@Wildrose
Zitat:
Ich komme leider auch nicht aus Mülheim/Ruhr.

Lebe in einer Großstadt in Niedersachsen.

Du bist jetzt offiziell Mülheimerin

x 1 #11


Idefix13
Zitat von Christof-MH:
wenn du die einzige Person auf der Welt wärest, könntest du überall hin?

So ist es.
Den Tarnumhang von Harry Potter bräuchte ich. Dann wäre meine Agoraphobie wohl Geschichte.
Ich konnte nicht fliehen, als ich klein war, es waren Großonkel und Großtante.
Das wohl schlimmste im Pool war, dass es an dem Tag die Beckenränder nur so von Pärchen gesäumt waren und doch hat keiner erkannt oder auch sehen wollen was diese beiden mit mir vorhatten, als sie mich unter Wasser immer in den Bauch getreten haben und oben ins Gesicht geschlagen haben. Die ganzen Menschen haben wohl gedacht, die 3 Jungs spielen da ein schönes 😫 Spiel.
Ich kannte auch keinen von den älteren Jungs.
Nur einen flüchtig. Man nannte sie damals Zigeuner zu ne sie waren nur in den Wintermonaten hier. Und beim ersten Aufeinandertreffen bohrte er mir sein Klappmesser in den Bauch. Als er weg war und ich mein Shirt hob bildete sich ein Blutstropfen auf der Haut. Zum Glück nicht mehr, doch die zweite Begegnung war schwieriger - für mich.
Ich entkam mit einer Platzwunde am Hinterkopf, einer Gehirnerschütterung und einer Recht tiefen Abschürfung auf meinem rechten Unterarm, doch ich sah ihn nie wieder.

Meine Schlussfolgerung aus all diesen Ereignissen war wohl die Tatsache, dass ich zu still, zu schüchtern und zu ängstlich war.
Von den 4 Traumafolgestörungen, hab ich fast immer gleich auf Freeze oder Fawn geschalten. Und somit hätten alle immer leichtes Spiel.
Auch glaube ich, dass die T.. sich ihre Opfer gezielt aussuchen.
Weil ich zu wissen glaube, dass die beiden Jungs im Schwimmbad vorher an den duscheingangen standen und sich umgesehen haben, aber da hab ich das natürlich noch nicht als bedrohlich aufgefasst.

Hier ein kleiner Bericht aus dem Forum.
beziehungsaengste-bindungsaengste-f64/austausch-fuer-betroffene-von-sexueller-gewalt-t135886-250.html#3879539

#12


Christof-MH
@Idefix13 Gibt es Menschen, denen du vertraust, vielleicht sogar eine Beziehung oder Familie gründen wollen würdest oder einfach nur Menschen mit denen du lieber zusammen bist als allein?

#13


klaus-willi
Huhu zusammen Freunde
Momentan habe ich einige Probleme zu bewältigen,möchte aber demnächst hier etwas lesen und wenn ich darf auch schreiben.
Finde es sehr interessant und erkenne mich in manchem auch wieder.
Dachte auch immer ich sei nichts wert und bin mehr oder weniger Einzelgänger.

x 3 #14


Christof-MH
@klaus-willi
Man kann sagen, dass du hier unter Freunden bist und Freunde lügen nicht. Na ja, sie verschweigen manchmal was zum Selbstschutz, aber sein Herz zu öffnen, heißt nicht sich wie von Cenobiten filetieren zu lassen.

x 1 #15


Idefix13
@Christof-MH
Beziehung oder Familie wird nie passieren. Dafür gibt es zuviel Ekel vor einem selbst. Und die DIS ist das zweite Ausschlusskriterium.
Habe über dieses Forum meinen ersten Freund kennengelernt und trotzdem haben wir uns noch nie in echt kennengelernt.

Sind gern allein. Aber nicht einsam.., nicht mehr. Obwohl manchmal jenes Gefühl noch Auftritt.

Bin vor mehr als 6 Jahren völlig alleine von Bayern in dem ich fast 40 Jahre gelebt hatte nach Thüringen gezogen. Kannte hier keinen und kenne noch immer nur sehr wenige vom sehen.

Und seit der Lymph-Ablussstörung ist es noch schwieriger, da ich die Wohnung jetzt gar nicht mehr verlassen kann.
Quarantäne bis ans Ende aller Tage.

#16


Moonlight_74
Zitat von Christof-MH:
Hallo, Ich habe schon lange Agoraphobie, und die Ausprägungsstärke schwankte im Laufe der Zeit von "Ich schaff es nicht das Haus zu ...

Ein sehr beeindruckendes aussagekräftiges Bild, das Du hier abgelegt hast..

Ich mag das.

#17

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Christof-MH
Erfahrungsbericht 04.06.2026

Corpus Christi, heute ist der 13te Tag, dass ich anfing jeden Tag 6 Stunden Spazieren zu gehen und meinen Bewegungsradius wie eine fleißige Spinne ihr Netz auszubauen. Ich versuche meine Grenzen zu überschreiten, aber das wird kein Buzz Aldrin Moment.
1. Ich befinde mich etwa 200 Meter entfernt vom Rand des Netz, Ich bin noch gefasst, weil ich mich stark genug fühle zum Netz zurücklaufen zu können.
2. Ich mag diesen Anblick nicht, irgendwas an der Zentralperspektive wirkt wie eine verbotene Geometrie. Ich empfinde es als stünde ich nicht in der horizontalen sondern würde in ein Loch blicken - die um 90 Grad verdrehte Höhenangst.
Ich wage es trotzdem, nach etwa 10 Metern wird mein Mund trocken, Ich fasse mich ans Herz, Ich geh weiter - langsamer. Nach 50 Metern fühle ich, dass je weiter ich voranschreite, umso mehr meine Identität verblasst. Ich habe Angst plötzlich nicht mehr zu wissen wer ich bin, Ich rezitiere meine Biographie: Geburtsort, Geburtsdatum, Namen der Verwandten, die heiligen und die kriminellen in der Familie...Verdammt, auf einmal kommt das Bild aus der OP, ich war 4 Jahre alt und bin während dieser aufgewacht, Ich sehe ein grelles Licht über mir und um mich herum verkleidete Menschen, eigentlich nur ihre Silhouetten, etwas nähert sich meinem Gesicht, es ist eine Beatmungsmaske. Ich kehre um, Ich versuche einen anderen Weg.
3. Zurück am Straßenschild wähle ich einen Weg entlang eines mit einem Zaun umgebenen Fussballfeldes auf dem zwei Mädchen herzlich lachen. Mir ist nicht nach Lachen, Ich tippe mit den Fingerspitzen an meinem Herzen, meine Atmung ändert sich, wird unkontrollierter...werde ich jetzt ersticken? Ich gehe weiter, wieder langsamer. Der Weg geht nach Oben, Ich kenne diesen Ort nicht, ich weiß nicht was mich hinter der Kurve erwartet. Oh Nein, wie aus dem Nichts kommt das viszerale Gefühl gleich den Kontakt zum Boden zu verlieren und in den Himmel getragen zu werden. Gott sei dank nicht so stark, wie ich es von früher kenne, aber ich brauche jetzt ein Wunder um weiter zu machen.
4. Ich greife zu meiner stärksten Waffe - Theatralische Inszenierung. Ich hole mein Bandana aus der Gesäßtasche, wickele es stark um meine Hand und fange an zu beten: Heiliger Brandon Lee, Schutzpatron aller nach Coolness suchenden, gib mir etwas von deiner Stärke, Lebensfreude und Wildheit. Ich gehe weiter. Hier ist eine Art Nobelviertel und es befindet sich ein Max Planck Institut. Ich fühle mich wie ein Eindringling, als hätte ich ein Privatgelände betreten. Ich nähere mich einem Park und auch dem Rand meines Netzes. Mir wird übel, ich fange an zu würgen, es klingt und sieht aus der Ferne aus als würde ich Kotzen, aber es ist nur Luft und etwas Lebensenergie, die entweicht.
5. Zurück im Netz, hab die verdammte Friedenstreppe mit ihren vielen Treppentafeln erreicht auf der die Wörter für Frieden in verschiedenen Sprachen stehen. Ich schmunzle sarkastisch und pfeife aus dem Lippenwinkel: Ich erkenne ein paar Fehlübersetzungen.

Zurück zu Hause gibt es eine Belohnung, nicht für mich, für den Hund. Für mich gibt's ein Glas Eiswürfel mit Wasser und Schweppes.

#18


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