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Hallo, Ich habe schon lange Agoraphobie, und die Ausprägungsstärke schwankte im Laufe der Zeit von "Ich schaff es nicht das Haus zu verlassen" bis "Ich fahre mit Hilfe von Freunden bis in die nächste Stadt". Das besondere an Agoraphobie ist, dass die Wahrscheinlichkeit eines Agoraphobikers einen anderen Agoraphobiker draußen zu treffen bei mathematisch präzise Null ist. Ich habe ausschließlich freundschaftliche Beziehungen zu Borderlinern, Bipolaren Menschen, Schizophrenen und Suchtkranken und keiner von ihnen kann meine konkrete Lage nachvollziehen.
• • 02.06.2026x 2#1
4 Antworten ↓
Idefix13 Mitglied
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Zitat von Christof-MH:
dass die Wahrscheinlichkeit eines Agoraphobikers einen anderen Agoraphobiker draußen zu treffen bei mathematisch präzise Null ist.
Dieser Aussage stimme ich zu 100% überein.
Trigger
Komme zwar nicht aus PLZ 4****
Aber das faszinierende ist, dass jeder über eine andere spezielle Ausprägung von dieser Phobie - sagen wir - befallen ist. Und meine wird durch Menschen ausgelöst.
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x 1#2
A
Mülheim-Ruhr Club der lebenden Agoraphobiker
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Christof-MH Mitglied
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@Idefix13 Bei mir ist es vor allem Räumlichkeit, Distanz, seltsam wirkende Geometrien. Als es im Alter von 18 Jahren mit der Phobie anfing, habe ich es niemandem gesagt, weil, obwohl ich ein Opfer war, mich dennoch wie ein Täter, wie ein kranker Psychopath gefühlt habe, jemand der verstoßen wird wenn das ans Licht kommt. Ich habe mich zwei Jahre lang zur Schule gequält und die ganze Zeit war ich durch die Angst dort zu sein verwirrt. Ich hab auch jeden Tag ernsthaft an Suizid gedacht. Erst nach zwei Jahren habe ich mich meiner Mutter anvertraut und obwohl ich eine sehr warmfühlende, aufopfernde Mutter habe, waren ihre Mittel auf Homöopathie, Katholizismus und sogar einen Schamane aus Sibirien beschränkt. Ich wusste, dass das nichts hilft, aber die gute Absicht eines Menschen hinter der Methode hat mich das mitmachen lassen. Ich hab mich damals trotz der Ängste weiterhin gezwungen raus zu gehen und empfand die Welt an sich als überwältigend. Meine Wahrnehmung war so beieinflusst, dass ich stehts der surrealen, aber sich echt anfühlenden Angst ausgeliefert war, dass ich gleich vom Boden abhebe und in die weiten des Weltalls fliege. Eine andere Wahrnehmung war, umgekehrte Höhenangst, ein Gefühl als wenn der Himmel der Boden und der Boden der Himmel wäre. So schaute ich in den Himmel und empfand es als wenn in großer Höhe wäre. Eine andere Form war die starke Überzeugung, die Welt kann nicht existieren, irgendwas stimmt hier nicht. Dieses Gefühl, dass die Welt nur ein Traum ist, hatte schon als 4 jähriges Kind, aber damals ohne die agoraphobische Komponente. Ein kleiner Durchbruch war 2007, wo ich in eine Tagesklinik kam. Obwohl niemand sonst Agoraphobie hatte, bewirkte menschliche Nähe eine Art Hinzugewinn von Kontrolle. Keine Heilung, aber etwas Neues kam hinzu, ein Werkzeug, nicht mächtig, aber dennoch ein Durchbruch. Und noch eins, das vielleicht wichtig ist. Bevor die Agoraphobie sich manifestierte, hab ich als Kind viel in den Spiegel geschaut und ich mochte nicht das was ich dort sah und hoffte jedesmal, dass sich etwas ändert Ich war zutiefst enttäuscht und gekränkt wer ich bin. Dann gab es noch eine Phase als Kind als ich ständig auf den Hinterkopf meiner Mutter schaute und mir einbildete, dass ihr Haar dünner wird und sie eine ernste Erkrankung hat, aber es mir nicht sagen will. Es gibt noch etwas anderes, aber das ist mit zu viel Scham verbunden, als das ich das hier auskotzen könnte, dennoch ist es jeden Tag sehr stark präsent. Ich denke mittlerweile nicht mehr, dass man sich als Opfer schuldig fühlen sollte und das man seine Gefühle so weit es geht nicht verbergen muss.
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Idefix13 Mitglied
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@Christof-MH
Interessant deine Zeilen zu lesen. Welche Einflüsse wohl zu den deinen unterschiedlichen Wahrnehmungen geführt hat, hast du wohl noch nicht herausgefunden.. Aber faszinierend wie du sie bildlich und ich spreche nicht von dem Bild, du sie mit Worten malen kannst. Hatte zwar auch eine Mutter die herzlich war, aber das galt immer fremden Kindern. Oder sie dachte sie wäre herzlich und das weniger dass sie zeigte war von ihrer Seite "viel". Ich weiss es nicht. Doch da die Agoraphobie durch die vielen anderen Erkrankungen und Störungen überlagert wird, kommt sie immer erst zur Sprache oder zur Geltung, wenn man das Haus oder die Wohnung - den sicheren Bereich verlassen will. Und durch die vielen Traumatas seit der frühen Kindheit, ausgelöst durch Menschen, Bekannte aber auch Fremde hat sich wohl unsere Angst in diese Richtung entwickelt. Hatte mit ganz anderen Dingen zu kämpfen und wenn ich ehrlich bin, eine wirkliche Aufarbeitung dieser Phobie, werde ich in diesem Leben nicht mehr verfolgen. Da andere Strukturen weitaus wichtiger sind und mehr an Lebensqualität versprechen, als die moglichkeit die Wohnung ohne Angst zu verlassen. Zu all diesen Dingen, kommen die Begleiterkrankungen noch hinzu und trotzdem finde ich habe ich es noch mit weitgehend milden psychologischen Auswirkungen zu tun. Habe es längst akzeptiert dass die Agoraphobie bestimmt, ob ich heute raus darf oder nicht und seitdem mein Körper jetzt auch noch mitmischt und mich seit mehr als 20 Monaten zwingt oder hindert, dass ich meine Wohnung verlassen kann. Ist die Agoraphobie gar nicht mehr so präsent.
Welche Einflüsse wohl zu den deinen unterschiedlichen Wahrnehmungen geführt hat, hast du wohl noch nicht herausgefunden..
@Idefix13 @Idefix13 Ich habe eine Vermutung. Als Kind habe ich alles was mir gesagt wurde für die absolute Wahrheit gehalten. Meine Mentalität war: niemand lügt, niemand irrt sich. In meiner Familie kam ich sehr früh mit christlichen Vorstellungen in Kontakt, besonders alles rund um die Apokalypse. Ich erinnere mich noch, dass ich als Kind immer in den Himmel schaute und überzeugt war, dass er eines Tages, vielleicht auch gleich, wie es in den Offenbarungen steht, wie eine Schriftrolle vom Firmament gerollt wird und etwas, das man lieber nicht sehen möchte, dem *beep* Auge anbietet. Das könnte diesen Hang zu kosmisch-räumlichen Befürchtungen erklären. Aber das kann nicht alles sein, denn meine Mutter hat mir gesagt, als ganz kleines Kind war ich nicht in der Lage das Meer anzublicken und saß immer mit dem Rücken dazu. Was für ein Unglück, wenn ich mal einen schönen Traum hab, dann träume ich davon ein Surfer zu sein.
Sag mal, hast du mehr Angst vor Menschenmengen als vor großen, räumlichen Begebenheiten?