Vielen Dank für diese Nachricht! Ich empfinde deinen Text als ziemlich klar, dir fällt selbst auf, wann es wie geht und wann nicht. Das ist doch schonmal ein Riesenschritt diese Eigenwahrnehmung.
Ich kann dir wieder nur so laienhaft antworten, ich durfte dankenswerterweise bisher nur zeitweise in eine Depression hineinschnuppern... Und als ich zeitweise Depressionen hatte, ging es mir wirklich komplett "anders". Die Gefühle, die ich da hatte, konnte ich nur ziehen lassen, aber mit dem, was nach so einem Unwetter bleibt, muss man ja trotzdem anfangen zu arbeiten und sich Gedanken machen, woher das kommt.
Deine Analogie mit dem Schicksal habe ich verstanden, das ist ja irgendwie das, worauf viele Menschen kommen, dass es "am Ende" irgendwas gebracht hat, diesen und jenen Weg zu gehen. Genauso geht es mir ja mit meinem Freund auch. Ich denke, ich durchlaufe eine Phase, die am Ende des Tages irgendwie wertvoll war. Bei den Themen, wo ich mit dem "Durchlauf fertig" bin, kann ich aber leider nicht sagen, dass es eine Erlösung o.ä. ist, sondern einfach nur eine entspanntere Betrachtung der Dinge, ein "Brückenbauen" dahin, wo ich es vorher nicht für möglich gehalten hätte. Da könnte man ja jetzt sagen, dass es immer "schlechter" wird, weil ich lerne, mich mit lauter "halbguten" Dingen anzufreunden. Da würde ich jetzt sagen: Mich einlassen hat mir am Ende immer mehr gebracht. Warum nicht - mal so spaßhaft - auf 5 beschissene Ehen einlassen? Es ist dein Leben.
Ok, was du schreibst, hört sich ein bisschen nach einem ähnlichen Freund wie bei mir an. Ich habe diese Nähe-Distanz-Problematik etwas überwunden, hatte auch Zwangsgedanken gegenüber ihm, all das Zeug, wo man denkt, irgendwas in mir will diese Beziehung einfach NICHT. Trotzdem nervt mich in der Rückschau das ganze letzte Jahr, wo ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Riesen-Problem für mich selbst war. Und dass er das losgetreten hat, verzeihe ich ihm. Er war vorher 8 Jahre mit einer manisch-depressiven Opernsängerin zusammen, ich glaube, das hat ihn auch geprägt. Auf jeden Fall kommen mir all deine Sätze bekannt vor und ich verstehe, dass Angst daraus resultiert. Natürlich kannst du dich trennen mit der Idee, dass jemand anderer abends bestimmt mehr mit dir redet. Ich treffe ungefähr täglich auf Personen, die vermeintlich besser zu mir passen könnten, aber ich möchte mir einfach noch etwas Zeit lassen, weil ich es wichtig finde, zu verstehen, was mit mir passiert. Er sagt, er sei auch gewachsen an der Beziehung mit der Ex-Freundin.
Du könntest dir zum Beispiel einen kleinen Leitfaden aufschreiben, wie du mit ihm umgehst. Wenn du z.B. gerne mehr Zärtlichkeit hättest, dann wird das wahrscheinlich nicht klappen, wenn du es einforderst, aber eben vielleicht, wenn du selbst mehr Zärtlichkeiten zeigst. Ich habe mir folgendes aufgeschrieben

- Mehr Humor suchen in Drucksituationen
- Mehr Offenheit an den Grenzen suchen
- Mehr über Grenzen sprechen
- Ihn bedingungslos annehmen, mehr Bruder und Schwester
- Mehr ausfallend werden und lachen
- Ihm Druck nehmen, dass er mir genügen muss
Und das mit dem Kumpel, was du schreibst, habe ich auch schon alles zu genüge durch, bei mir war es sein wahnsinnig musikalisch künstlerischer Mann seiner Schwester. Den finde ich aber auch bei Tage betrachtet eigentlich etwas inaktiv etc. Change it or leave it. Was mich seit einem Jahr sehr erfüllt, ist unsere Sexualität und die Vorstellung, dass ich jemanden gefunden habe, mit dem ich mich auf einer intimen Ebene wahnsinnig gut verstehe. In meinem Kopf ist ein ero., aber fürsorglicher Vater irgendwie eine tolle Vorstellung, ich muss es nur noch verinnerlichen

Und da ist natürlich die Angst, was bleibt, wenn die guten Gespräche oder die Sexualität "gehen". Aber das ist ja in jeder Beziehung so, außer man wechselt immer wieder oder hat von vornerein irgendjemand sehr schwierig zugänglichen, an dem man sich wahnsinnig aufreibt. Es muss halt irgendwie in die Balance... so, jetzt noch zu deinen Fragen:
- Ich hatte an den roten Faden "Steigerung der Beziehungsqualität" gedacht, bis zu meinem letzten Freund, der mich ja verlassen hat. Erster war gutaussehend, aber bisschen dumm -> Folge: Ein Schlauer muss her. Zweiter war sehr klug und belesen, aber ziemlich eitel. Folge: Ein Entspannter muss her. -> Entspannter Freund war wahnsinnig fantasievoll und gelassen, aber untreu. Folge: Treuer jetzt ist schlau, gutaussehend, liebevoll und witzig. Aber ich kämpfe trotzdem um meine innere Einstellung ihm gegenüber. D.h. ich kann einen roten Faden konstruieren, aber er muss eher in die momentane Lebenssituation passen.

- Problematisch ist für mich, dass ich ihn nicht als "Seelenverwandten" sehe. Das hatte ich mit meinem letzten, da ich in mir sicher auch einen sehr fantasievollen, untreuen Teil habe. Habe Angst, dass irgendwann mal einer kommt, der uns aushebelt. Aber es kann ja im Prinzip jeder kommen, ich will lieber innerlich und mit ihm wachsen.
- Es läuft besonders gut, wenn ich das Gefühl habe, dass wir ein tolles Team (eher so auf Kinder-Geschwister-Niveau) sind. Und wenn er sich so richtig wohlfühlt, loslässt und spinnt wie ein Kind. Dann - und erst dann - ist er so wie mein letzter Freund und das hat mir zu Beginn Angst gemacht, dass ich das wiederherstellen will. Aber dafür liebe ich meinen Freund ja auch, dass er so analytisch drauf ist und trotzdem überhaupt nicht verbittert. Es hat mich eben nur anfangs irritiert. (siehe meine Beiträge dazu, ob ich mit "ruhigen Menschen" etwas anfangen kann...)
- Ich kenne diese Schwankungen nur aus beginnenden Beziehungen, die ich dann aufgrund der Kälte abgebrochen habe, weil irgendetwas gefehlt hat. Jetzt bin ich eben weitergegangen, auch wenn es sich immer wieder kalt angefühlt hat.
- Naja, ich fühlte mich in dieser jetzigen "reifsten Beziehung" immer wieder wie ein Kind. Das sich wehren will und am liebsten weglaufen. Als er mich neulich fragte, ob ich fände, ob er sich manchmal wie ein Kind benimmt, habe ich genau die Punkte umformuliert, die mich an ihm stören: Dass ich wenn er so ruhig ist, nicht weiß, wie es ihm geht und nachbohren muss wie so eine Mutter. Dass ich mir dann gerne etwas mehr Feedback oder Gelenkigkeit von seiner Seite wünschen würde.
- Und ja, die Beziehung vorher, da war der Freund das Kind und ich die Stabile. Ich habe aber trotzdem total mein Ding gemacht und ihn als selbstverständlich angenommen. So sehr ich ihn immer noch idealisiere, ich habe mich nicht bemüht, in seiner Welt zu sein. D.h. ich würde sagen, ich hatte ohne diese Problematik trotzdem eine scheiternde Beziehung, weil ich ihn nicht "halten konnte".
Also du siehst, ich schreibe jetzt etwas zu den Punkten und die können sich quasi wöchentlich ändern. Wichtig ist, sich klar zu werden, ob man für ein nächstes Level dran festhalten will. Und natürlich geht das auch mit dem nächsten, aber Problematiken wird es immer wieder geben. Von manchen kann man halt sehr schnell Abstand nehmen. Z.B. wenn man psychische Gewalt ertragen muss. Die wenigsten trennen sich aber aus sowas, ich kenne viele... Aber es gibt keine Beweise zum Gelingen, man muss sich trauen (im wahrsten Sinne).
Zum Abschluss noch ein paar doofe Analogien, die mir gerade durch den Kopf schweben: Es gibt kein falsches Wetter, nur falsche Kleidung. Auch bei anderen Menschen. Die Frage ist halt, ob ich für Dauersturm ausgerüstet bin oder leichter Regen nicht vielleicht ausreicht. Nur Sonne ist auch anstrengend, da verdurste ich ja. Ok, Bild ist klar.
Das andere ist (Stichwort Maktub): Bevor wir uns aufs Blut reflektieren, wann auch immer das passiert (ich schreibe seit ich 10 bin Tagebuch, es kann also lang gehen...) gehen wir doch auch davon aus, dass uns das Leben erstmal geschenkt wird und wir damit was anfangen können. Dass wir uns dann lieber an besseren Orten aufhalten oder lieber unsere Zeit mit lieberen Menschen verbringen, kommt dann irgendwann. Aber das GANZE als beschissen zu beschreiben, ist halt auch nicht zielführend. Wenn du anfangs in ein "Team" eingeteilt wirst, das jetzt eine Aufgabe lösen will, wäre es ja auch irgendwie schade drum, nur an dem Team rumzumeckern und gar keine Aufgabe mehr zu haben. Also: Große Ziele haben, Träume haben, dann fallen die täglichen Probleme nicht so groß aus, weil man ja noch viel größere hat

was nicht heißt, dass man nicht seine Probleme aufarbeiten kann.
Daher meine Fragen an dich:
- Kommen dir manchmal andere Personen/Situationen wie "Erlöser" vor, so dass du denkst: "Das wär's"? So wie der Kumpel z.B.? Dann gehe dem auf den Grund! (Muss ja keine Trennung bedeuten, nur nimm' den Druck raus.)
- Wenn dein Freund die gesamte Beziehung täglich hinterfragen und an Situationen aufhängen würde wie z.B. "du telefonierst zu laut". Was würdest du dir von ihm wünschen?
- Wenn du jetzt ALLES haben könntest, also Affairen etc. würde das entlasten? Oder könntest du dich für dein "Kunst-Zeug" auch mit anderen austauschen?
- Welche Erkenntnisse trägst du aus deinen letzten Beziehungen heraus bzw. was waren die Umstände, unter denen du dich problemloser gefühlt hast?
So, das war jetzt lang
