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S

spookydolphin
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Hallo zusammen
Ich bin 50 Jahre alt und nach Jahrzehnten in einem offenbar toxischen Elternhaus sehe ich endlich klar und habe die ersten Schritte zur Veränderung eingeleitet. Aber derzeit geht es mir deswegen (noch) nicht besser, sondern ziemlich mies.
Beispiele, wie meine Kindheit ablief:
Meine 2 Jahre ältere Schwester und ich hatten jede ein eigenes Zimmer. Aber: ich durfte meines nicht alleine nutzen. Das Zimmer meiner Schwester war alleine unterm dem Dach, und sie hatte wohl (angeblich) Angst, alleine dort zu sein. Aus diesem Grund war sie fast immer (nachts insbesondere) mit mir zusammen in meinem Zimmer. Ich hätte so gern immer Zeit für mich alleine gehabt, aber keine Chance. Auch mein Bitten, die Zimmer zu tauschen weil ICH oben keine Angst gehabt hätte, wurde pauschal abgelehnt. (Erst als ich 14 und meine Schwester 16 war, hatte ich mein Zimmer für mich!)

Meine Schwester war in der Schule ein Überflieger. Ich brauchte zu allem etwas länger. Wann immer ich sie fragte, ob sie mir mal helfen könne, hat sie dies pauschal abgelehnt. Auch meine Eltern haben nie etwas gesagt wie: „hilf ihr doch mal, ist doch Deine Schwester!“
Sprung in die Gegenwart: meine Schwester ist in der heutigen Zeit der absolute IT-Idiot. Sie kann nichts. Ich hingegen bin im IT -Bereich tätig. Von mir wird vorausgesetzt/erwartet, dass ich immer helfe. Und: sie fragt nicht: „könntest du mir mal bitte helfen?“ ihr Standardsatz ist: „Du musst mir mal helfen!“

Als ich ca 14 war übernahmen meine Schwester und ich zum Taschengeldverdienen einen großen Zeitungsbereich zum austragen. Nach 2 Wochen hatte meine Schwester keine Lust mehr drauf. Ich musste es danach komplett alleine übernehmen. Auch da sind meine Eltern nicht eingeschritten.

Meine Mutter erzählte mir irgendwann mal ganz stolz, dass meine Schwester total eifersüchtig war, als ich geboren wurde. Immer wenn ich angefangen habe zu weinen und meine Mutter sich um mich kümmern wollte, hatte meine Schwester wie durch Zufall irgendetwas. Meine Mutter hat mich dann wohl immer direkt wieder zur Seite gelegt, weil ich ja „eh schnell wieder aufgehört habe zu weinen“, und hat sich dann erstmal um meine Schwester gekümmert.

Meine Schwester ist sehr musikalisch, hat diverse Mal an Wettbewerben teilgenommen. Einer war an meinem Geburtstag. Meine Feier fiel aus, wir fuhren stattdessen zu dem Musikwetbewerb.

Nach meinem Abi ging es mir sehr schlecht, ich hatte Bulimie. Irgendwann erfuhren meine Eltern davon. Anstatt mir Sicherheit zu geben und das Gefühl, dass es nichts ist, wofür man sich schämen muss, wurde mir „garantiert“, dass es geheimgehalten wird. Auch vor den Großeltern, die mit in unserem Haus lebten. Immer wenn ich zur Therapie oder zur Selbsthilfegruppe ging, wurde gesagt , ich hätte einen Computerkurs.
Meine Schwester lernte in dieser Zeit ihren jetzigen Ehemann kennen. Dieser wohnte schon bald so gut wie bei uns, in Ihrem Zimmer. Wenn meine Schwester und ihr Freund morgens aufstanden, machten sie sich in unserer Küche Frühstück und liessen danach alles stehen und liegen. Ganz so, wie schon meine Schwester es ihr Leben lang immer gemacht hat. Ich wollte nicht, dass meine Mutter so ein Chaos nach ihrer Arbeit vorfindet und habe immer alles weggeräumt. Wenn ich meine Eltern darauf ansprach, wurde es kleingeredet.
Der Freund meiner Schwester erfuhr leider auch von meiner Bulimie, stichelte beim Essen immer und machte gemeine Kommentare. Meine Eltern haben nie eingegriffen, haben mich alleine gelassen. Ich habe dann irgendwann aufgehört, mit ihm zu reden. Komplett. Habe ich fast ein Jahr durchgehalten. Dann habe ich des lieben Frieden willens damit aufgehört, denn es machte meine Eltern „unglücklich“.



Meine Eltern waren immer knapp bei Kasse. Sie konnten entweder nicht mit Geld umgehen oder haben sich einfach finanziell übernommen. Das kann ich im Nachhinein nicht sagen. Als ich Kommunion hatte, habe ich von Verwandten (für mich) viel Geld geschenkt bekommen, und meine Mutter fragte mich, ob ich es ihr leihen könne (ja, meine Mutter bat ihr 9 oder 10 Jahre altes Kind um Geld!). Und ich habe es lange lange Zeit nicht zurückbekommen. Es war mindestens ein Jahr. Dann habe ich ich angefangen, danach zu fragen. Irgendwann gab sie es mir dann zurück, aber vermittelte mir dann direkt, dass sie das nicht OK fand. Ich hatte direkt ein schlechtes Gewissen.

Vor ca 15 Jahren hatten meine Eltern erneut Geldprobleme. Als die Heizung defekt war , pumpte meine Mutter mich um 2000Euro an. Auch für mich war das viel Geld. Anstatt es mir zurückzuzahlen, brauchte sie ein halbes Jahr später erneut 2000Euro. Auch die gab ich ihr. Zurück bekam ich es erst knapp 10 Jahre später, als sie ihr Haus verkauften.

Als ich Teenager war, flatterten bei uns oft Mahnungen ins Haus (Strom, Telefon etc). Ich war oft alleine zuhause, habe die Briefe geöffnet und es hat mich massiv belastet. Wenn ich meine Mutter drauf ansprach, sagte sie mir, das sei aber unser Geheimnis, Papa dürfe davon nichts wissen. Sie sei total froh, dass ich aber so verständnisvoll sei und sie mit mir darüber reden könne. Ich hatte schlaflose Nächte deswegen.


Als ich wg meiner Bulimie in Therapie war, sagte die Therapeutin zu mir, mein Elternhaus sei toxisch. Ich müsse unbedingt dort raus. Das war schlimm für mich, ich wollte das nicht wahrhaben. Ich wollte einfach nichts an das nach aussen hin perfekte Bild der Familie kommen lassen (glückliche Familie, die mit Großeltern zusammen in einem Haus wohnt). Habe die Therapie sogar deswegen abgebrochen.

Als ich Mitte 20 war, lernte ich meinen jetzigen Ehemann kennen. Er war der erste, der das alles auch mal „intern“ mitbekommen hat. Er war der erste, der dann auch mal sagte, das sei alles nicht korrekt. Er war der erste, bei dem ich an erster Stelle kam. Mir zu liebe hat er sich viel von meiner Familie gefallen lassen. Der Ehemann meiner Schwester ist extrem jähzornig. Wenn bei unseren ach so schönen Familienfesten Gesellschaftsspiele gespielt wurden, dann rastete er regelmässig aus, wurde auch gemein gegenüber meinen Mann. Mein Mann hat mir zu liebe immer geschwiegen. Anstatt einzugreifen, sagten meine Eltern immer nur , wie schön es sei, dass mein Mann da so ruhig bleibt.

Vor einigen Jahren an Weihnachten ist es eskaliert. Bei einem Gesellschaftsspiel rastete mein Schwager, als ich ihn bei einem Spielzug geschlagen hatte, völlig aus! Er schmiss mir das komplette Brettspiel an den Kopf, ein Spielstein geriet sogar in mein Auge. Es war eine schlimme Situation. Sowohl für mich, als auch für meinen Mann. Die Situation war grausam, alle schrieen sich an. Am Ende wurde mir sogar die Schuld gegeben, weil ich mich bei meinem Sieg „gemein“ gefreut hatte und mein Schwager das nicht ertragen habe. An dem Abend hätte ich beinahe mit meiner Familie gebrochen. Ich habe es im Endeffekt wieder nur nicht gemacht, weil meine Eltern totttaurig waren, dass die Familie „zerbricht“. Es kam erschwerend für mich hinzu, dass nicht mal 24 Stunden zuvor die Mutter meines Mannes verstorben war. Nur mir zuliebe war er an diesem Abend mitgekommen. Die Nacht danach hatte er einen Nervenzusammenbruch, meine die ganze Zeit nur weinend, dass nicht mal in dieser Situation auf jemand anderen als auf meinen Schwager/meine Schwester Rücksicht genommen wird.

Meine Mutter hat sehr viel mit emotionaler Erpressung gearbeitet. „Du bist schuld, wenn Mama und Papa sich irgendwann scheiden lassen“. „Du bist Schuld, wenn ich irgendwann abhaue“. „Wenn Du krank wirst (weil ich zb nicht die dicke Wollmütze aufsetzen wollte), dann kommen wir dich im Krankenhaus nicht besuchen“. Bis heute habe ich Angst davor, ins Krankenhaus zu müssen. Oder auch beim Arzt Gefühle zu zeigen. Einmal bin ich beim Rollschuhfahren extrem böse gestürzt. Mein Gesicht war komplett blutig und voller Wunden, meine beiden Schneidezähne hatte ich mir ausgeschlagen. Wir fuhren zum Zahnarzt und vor der Behandlung bekam ich zu hören: „Sagst Du nur einen Mucks, dann sorge ich dafür, dass Du danach RICHTIG Schmerzen hast.“.

Meine Schwester ist bis heute immer sehr besserwisserisch mir gegenüber, so wie sie es als Kind schon war. Sie wusste damals immer und hat mich spüren lassen, dass sie so viel schlauer in der Schule war. Wenn wir jetzt zusammen am Tisch sitzen, korrigiert sie mich oft, fährt mir über den Mund etc.
An Ostern war es wieder soweit. Ich weiss nicht einmal mehr, was es war. Ich weiss nur noch, dass sie mich wieder wegen irgendetwas massregelte. Ich hatte die Schnauze voll. Den Rest des Tages habe ich kaum was gesagt, habe nur noch mit meinem Mann geredet. Ich hatte einen Haß auf meine Schwester, weil sie mich so behandelt, und Haß auf meine Mutter, weil sie es zulässt.
Irgendwann maßregelte meine Schwester mich dann, weil ich durch mein Schweigen schlechte Stimmung verbreiten würde. Da bin ich aufgestanden , habe gesagt, dass es mir jetzt reicht und bin mit meinem Mann gegangen.

Am nächsten Tag beim Telefonat mit meiner Mutter war diese total pikiert, tat auf zu Tode verletzt, versetzte mich wieder in die rolle der Schuldigen. Da habe ich ihr jede Menge an den Kopf geworfen, von dem was ich hier zB geschrieben habe. Anstatt es auch nur ansatzweise zu verstehen oder einzusehen, musste ich mir wehleidig anhören, was ich ja für eine schreckliche Kindheit und für grausame Eltern gehabt habe. Ich habe dann irgendwann aufgelegt.

Stunden später kam mein Mann zu mir. Mein Schwager hatte ihn angetextet, dass meine Mutter versucht habe, sich umzubringen. Ich war am Ende. In meinen Augen war ich jetzt Schuld, dass meine Mutter womöglich sterben würde.

Wir fuhren zum Krankenhaus. Wegen unseres Hundes, den wir dabei hatten, kommte mein Mann nicht mit hinein. Ich war also ganz alleine, fragte nach meiner Mutter. Sie war zu dem Zeitpunkt noch unterwegs und ich wartete völlig fertig , bis ich näheres erfahren würde. Irgendwann sah ich vor der Notaufnahme einen Krankenwagen vorfahren und sie wurde reingeschoben. Sie saß bltverschmiert aber aufrecht und hellwach auf der Bahre. Als sie mich sah, wurde sie super fröhlich: „ach , das ist aber schön dass Du da bist!“. Ich war wie vom Donner gerührt, hätte sie ohne Scherz in dem Moment ab liebsten wirklich umgebracht.
Ich brach völlig zusammen, hatte einen mega Heulkrampf. Das Personal dort war super nett zu mir. Der Notarzt nahm mich zur Seite und sagte mir, ich solle unbedingt dazu eine emotionale Distanz aufbauen, dass es nur ein halbherziger Selbstmordversuch war etc.
Für mich (und auch später meinen Mann) war klar, dass dies nur ein weiterer Versuch von emotionaler Erpressung war.

Durch das Internet habe ich in den letzten Jahren durch Zufall einiges über toxische Familien gelesen und gelernt. Mir wurde schmerzlich bewusst, dass meine Familie wohl der Grund für meine zahlreichen Ängste ist, und dass meine Theraputin damals schon recht hatte.

Nach den neuesten Ereignissen habe ich den Kontakt zu meiner Schwester/ihrem Mann quasi komplett abgebrochen. Zu meiner Mutter habe ich jetzt zwar noch Kontakt, aber ich reduziere es auf ein Minimum . Gestern am Muttertag war es wieder soweit, dass sie am Telefon die Karte der leidenden Märtyrerin gezogen hat. Ich bin nicht drauf eingegangen. Darauf bin ich stolz. Aber es tut weh. Ich erwische mich dabei, wie ich anfange, ein schlechtes Gewissen zu haben, dass sie jetzt alleine zuhause sitzt. Mein Vater ist seit 4 Jahren tot, das heisst, die hat nur noch meine Schwester und mich. Aber ich versuche mir zu sagen, ich bin nicht für sie verantwortlich. SIE ist diejenige, die keine Lust hat, sich mit Freunden zu treffen oder etwas zu unternehmen. Sie sitzt quasi nur allein zu hause… und lästert über andere.

Ich weiss, das war jetzt sehr viel. Und ich weiss auch nicht, ob irgendjmd überhaupt bis hierhin gelesen hat. Aber es war mir ein Bedürfnis, mal etwas loszuwerden. Und: das was ich geschrieben habe war nur ein Bruchteil von dem, was ich ganz spontan alles aufzählen könnte.

Ich suche nun einen Weg, irgendwie mit der Situation klarzukommen, ohne in alte Muster zu verfallen.

11.05.2026 #1


4 Antworten ↓

Kruemel_68
@spookydolphin Ich habe es gelesen, und zwar jedes Wort. Und ich möchte Dir einfach nur sagen, dass Du sehr stolz auf Dich sein kannst. Auch wenn es fast 50 Jahre gedauert hat - Du hast die toxischen Muster erkannt und bist jetzt bereit, sie loszulassen. Das ist nicht einfach. Ich habe dafür fast 6 Jahre intensive Therapie benötigt, obwohl es bei mir nur Ansätze dessen gab, was Du erlebt hast.

Entscheidend ist immer, dass wir in der Zeit, wo wir klein und abhängig von der Familie sind, vermittelt bekommen, dass wir nicht gut sind, so wie wir sind. Und dass wir uns nicht frei entfalten und entwickeln dürfen, sondern immer den Ansprüchen anderer genügen müssen. An dieser Last haben wir unser ganzes Leben lang zu tragen und es kann uns krank machen.

Aber Du gehst jetzt genau den richtigen Weg. Du bist weder für das Befinden Deiner Mutter noch für das Deiner Schwester zuständig. Sie haben selber Ihre Druckmuster und sie nutzen Dich zu ihrer Regulation, damit sie sich nicht mit sich selbst befassen müssen. Das ist das klassische Muster toxischer Menschen.

Von daher: geh unbedingt Deinen Weg weiter. Das wird nicht einfach und es braucht klare Kommunikation. Aber Du hast für Dich erkannt: ich will so nicht mehr leben. Ich will nicht mehr den alten Mustern dienen. Und damit hast Du schon den halben Weg geschafft.

x 1 #2


A


Toxische Familie - stehe gerade am Wendepunkt

x 3


S
@Kruemel_68
vielen lieben Dank! Ist grad alles etwas schwer, aber sowas baut mich auf.

x 1 #3


NeonPixie
Das ist schon ein recht klares Muster über Jahrzehnte aus emotionaler Vernachlässigung, Parentifizierung, konsequente Bevorzugung der Schwester und einer Mutter die emotionale Erpressung als Hauptsteuerungsmittel nutzt.

Das schlechte Gewissen das du beschreibst ist das direkte Ergebnis jahrzehntelanger Konditionierung. Du wurdest systematisch darauf trainiert dich verantwortlich zu fühlen.

Bist du gerade in Therapie oder hast du Unterstützung dabei?

#4


Luce1
@Kruemel_68

Ich hab nach genauso langer Zeit wie Du auch den Kontakt zur Mutter abgebrochen.
Sie war so abgrundtief fiese zu mir und das hat das Fass zum Überlaufen gebracht.

Jetzt nach 7 Jahren fühle ich mich frei. Vorher hatte ich immer Bauchschmerzen, wenn ich hingefahren bin.

Ich kann Dich sehr gut verstehen.

Denk dran, Du entscheidest, wie mit DIR umgegangen wird

#5





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