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Lieber Hotin,
Zitat von Hotin:... Mir gefällt jedoch der Begriff "schädigen" nicht so gut. Du beschreibst was im schlimmsten Fall passieren kann. ...
Ich verstehe, was Du meinst. Ich glaube, im Grunde genommen sind wir uns total einig, was das Thema angeht, sind nur von unterschiedlichen Seiten an die Argumentation herangegangen.
Dein Ausgangspunkt waren Menschen, die sich selber sagen (also von innen heraus), dass ihnen nicht zu helfen sei. Mein Ausgangspunkt waren Menschen, denen von anderen, also von außen, gesagt wurde, dass bei ihnen keine Verbesserung möglich sei.
Du bist von der Seite mangelnden Glaubens an Symptom-Verbesserung von Erkrankten gekommen, die Schwierigkeiten haben, sich auf die Therapie einzulassen, weil das "in ihrem Fall ja eh nichts bringt", die also therapeutische Commitment-Probleme haben und schnell bereit sind, aufzugeben, selbst bei Erkrankungen, die sogar sehr gut therapierbar sind.
Ich bin von der Seite maximaler Schädigung gekommen (da ebenjene Beschreibung des "worst case" voll auf mich zutrifft), und da wirken Aussagen wie "Die Psyche nimmt in der Regel keinen dauerhaften Schaden" schnell mal schwierig und tendenziell invalidierend, wenn man persönlich von einer solchen dauerhaften Schädigung betroffen ist, denn zum einen gibt es diese Fälle halt doch und zum anderen ist das oftmals die Argumentationsschiene von Menschen (und damit meine ich ganz ausdrücklich weder Dich noch sonst ein Forumsmitglied!), die leugnen, dass psychische Probleme überhaupt
ernstzunehmende tiefgreifende Erkrankungen mit irreversiblen Folgen sein können und die gerne denken, dass die Leute "sich nur anstellen und rumjammern, sich einfach keine Mühe geben und schlicht und ergreifend nicht wollen".
Zitat von Hotin: Damit will ich sagen. Niemand sollte frühzeitig aufgeben, seine seelische Situation zu verbessern und
sich dadurch zu stabilisieren. Schwierig ist es nur häufig, weil die eigene Gedankenwelt mit Gedanken und Sätzen wie -
Ich kann das nicht. oder: Das geht bei mir nicht. oder: Andere vielleicht, aber ich möchte das nicht.
verhindert, dass man neben seine negativen Lebenserfahrungen zukünftig überwiegend angenehme,
entspannende und hilfreiche Lebenserfahrungen stellt.
Absolute Zustimmung, zu 100%. Das ist ja auch genau das, was ich meinte und schrieb.
Ich weiß genau, was Du meinst, solche Patienten habe ich auch sehr, sehr häufig kennengelernt und fand es auch immer schwierig, das mit anzusehen, bei allem Verständnis für jeden Mitpatienten, ich verurteile ganz grundsätzlich niemanden, jeder hat seine Gründe.
Ich glaube auch fest daran, dass jeder seine Situation verbessern kann. Dafür kämpfe ich Tag für Tag, sonst wäre ich schon längst untergegangen. Auch gegen massive Widerstände von außen, so musste ich z.B. im letzten Jahr unfassbar heftige Kämpfe mit meiner Krankenkasse austragen, die mir im Endeffekt so etwas schrieben wie: "Wir erkennen die extreme Schwere Ihrer Erkrankung an, die steht außer Frage. Bei einem so kranken Menschen macht es für uns aber wirtschaftlich keinen Sinn, weitere Therapie zu finanzieren, da sie keinen für uns ausreichenden Heilungserfolg erreichen werden, der für uns der Rede wert wäre."
Dass auch schwer erkrankte Menschen ein Recht auf Symptomlinderung haben und sehr wohl erhebliche Verbesserungen erreichen können, die zwar in den Augen und nach den Maßstäben "gesunder" Menschen vielleicht "nicht der Rede wert sind", in meinem Leben aber einen ganz erheblichen Unterschied machen (was ein Gutachter auch bestätigt hat), wurde nicht gesehen.
Ich kämpfe täglich damit und mit meinen diesbezüglichen Ängsten. Ich weiß, dass ich nicht so tolle Heilungserfolge erreichen kann wie die meisten meiner Mitpatienten, aber im Rahmen meiner persönlichen Maßstäbe kann ich sehr wohl Fortschritte machen.
Darum raffe ich mich Woche für Woche auf, gehe zur Therapie und kämpfe für Verbesserung, immer in der Angst, dass meine Fortschritte vielleicht irgendwann auch meinem Therapeuten nicht mehr ausreichen. Es war bis hierhin ein steiniger Weg und der Weg ist auch immer noch lang, aber ich gehe ihn, Schritt für Schritt. Und es hat sich bereits eine Menge verändert.
Rückbezug zum Thema Loslassen: Loslassen sollte man negative Glaubenssätze, sowohl die von innen als auch die von außen.
LG Silver