Zitat von Idefix13: Wie ist das bei dir?
Bei mir ist das schon deutlich komplizierter. Ich kann den Unterschied zwischen PTBS, Angststörung und Paranoia nicht klar unterscheiden – vielleicht ist es eine Mischung. Diagnostiziert ist, wie bereits erwähnt, nur die paranoide Schizophrenie. Ich gehe sonst auch nicht wirklich auf meine intensiveren Gefühle ein. Wenn er dann seine Symptome-Checkliste durchgeht und fragt, ob ich manchmal das Gefühl habe, dass Nachbarn über mich sprechen, antworte ich mit Nein.
Der Grund, warum ich ungern etwas sagen möchte, ist, dass ich nicht noch mehr in eine Schublade gesteckt werden möchte, noch mehr Diagnosen auf dem Papier bekomme und noch mehr Medikamente nehmen muss, die noch schlimmere Nebenwirkungen verursachen, was dann wiederum auch auf die Psyche geht.
Das am meisten Traumatisierende in der ersten WG war wohl die Situation, als sich um circa 0 oder 1 Uhr nachts direkt vor meiner Zimmertür ein Mitbewohner in Begleitung anderer und mit meinem Betreuer sehr lautstark darüber unterhalten hat, ob er jetzt meine Tür aufreißen und mir eine reinhauen soll. Ich hatte extreme Angst. Erst als er nicht mehr vor meiner Tür war, habe ich vorsichtig aufgemacht. Ich fragte eines der Mädchen, was der Grund für all das sei. Der Grund, warum der eine Mitbewohner mir eine reinhauen wollte war, weil sie ihm gesagt hatte, ich hätte vor circa einem Jahr beim Zwangsurlaub während seiner Abwesenheit seine Eltern beleidigt. Was allerdings nicht stimmte – und selbst wenn, wäre das extrem lächerlich.
Jedenfalls habe ich wegen all dieser Situationen in der ersten WG angefangen, immer zu versuchen zu verstehen, was Leute um mich herum sagen. Ich habe mich gefragt, ob es um mich geht. Es hat mich krank gemacht. Und leider kamen in der zweiten WG dann tatsächlich manchmal Situationen vor, in denen das der Fall gewesen ist, weswegen ich oft nicht mehr unterscheiden konnte, ob gerade wirklich über mich geredet wurde oder nicht. Immer wenn ich nachts schlafen wollte, war eine Mitbewohnerin über mir, bei der ich oft dachte, dass es manchmal um mich ging, dass sie sich über mich ausgelassen und lustig gemacht hat. Ich konnte es zumindest teilweise feststellen, weil sie einmal wirklich sehr laut geredet hat und dabei mein Name gefallen war. Ein anderes Mal ging sie im Wohnzimmer an mir vorbei, tippte meinen dicken Bauch an, grinste mich dabei an und ging weiter.
Ich würde sagen, dass von den Erlebnissen die dritte WG am wenigsten schlimm war. Aber ich war zu dem Zeitpunkt einfach schon viel zu sehr kaputt, um noch mit mehreren Leuten zusammenzuleben. Ich geriet in einen Zustand der Verwirrung, inklusive Suizidgedanken, aufgrund des hohen Stresses, weil ich ständig mitbekommen wollte, was andere um mich herum sagen. Das haben wohl auch Mitbewohner angemerkt. Und Aufgrund dieser Verwirrung gehe ich Mal davon aus das die in den damaligen Berichten reingeschrieben haben ich würde Stimmen hören.
Bevor ich dazu komme, was mir den heutigen Tag vermiest hat, möchte ich noch sagen, was mich außerdem sehr beschäftigt. Ich konnte die Schmerzen aus der damaligen Zeit für drei bis vier Jahre beiseiteschieben, weil ich mich in die wunderschöne, liebevolle und magisch anziehende Betreuerin meiner zuletzt ehemaligen Assistenz verliebt hatte. Noch bevor ich hier eingezogen bin, hatte ich meine Schwester zum Grillen mit der Assistenz begleitet, wo ich mitkommen durfte und so gleichzeitig einen Eindruck von der Assistenz bekam. Ich war direkt angetan von der Betreuerin – von ihrer Schönheit, ihrem Charme, ihrer Stimme, ihrem Namen. Und sie hatte den leckersten Nudelsalat gemacht, den ich je gegessen habe. Die Gefühle wurden mit der Zeit natürlich immer intensiver für sie, aber ich hatte bereits ab dem ersten Tag einen Blick auf sie geworfen. Auch Sorgen auf der Arbeit oder Bedenken, dass jemand negativ über mich reden könnte, waren mir völlig egal. Wenn ich an sie gedacht habe, war ich einfach glücklich. Und das hielt circa vier Jahre an. Bis sie es beendet hat.
Zwischenzeitlich ging sie auch einmal in den Mutterschutz. Ja, richtig – sie hatte einen Mann und bekam ein Kind. Warum ich deswegen trotzdem etwas für sie empfand? Eine Beziehung stand nie zur Frage, sondern ich habe sie als meine Mutter angesehen. Eine Mutter, die ich nie hatte. Und das Schönste mit ihr war, denke ich, das gemeinsame Kochen – auch wenn es nur selten stattfand.
Mit dem Stress konnte ich während der Arbeit weiterhin gut umgehen, weil ich stark daran geglaubt habe, dass sie wiederkommt. Und sie kam wieder. Sie wurde ab da aber langsam und schrittweise mir gegenüber weniger liebevoll und schickte auch keine Sprachnachrichten mehr. Wie man in den zwei emotionalen Gesprächen am Ende, die auch zum Ende der Assistenz führten feststellen konnte war, wussten sie das ich die ganze Zeit voller Sehnsucht nur auf ihre Rückkehr gewartet hatte.
Einmal hat sie mir angeboten mitzukommen – eine ältere Frau war in der Nachbarschaft verstorben, und da ich mich über den wenigen Platz für Besucher beklagt hatte, meinte sie, ich könne mir ja mal ein kleines rotes Sitzsofa mit blauer Decke anschauen. Es hat einiges an Überredungsversuchen gebraucht, bis ich mich dazu entschieden habe, das rote Sitzsofa mit blauer Decke mit einem Mitbewohner zu mir hochzutragen. Als es dann aber schließlich in meiner Wohnung stand, war ich doch sehr unzufrieden damit und wollte es nicht mehr haben. Sie kam kurze Zeit später zu mir hoch, und ich sagte es ihr. Sie antwortete in einem sehr dominanten und bestimmenden Ton: „Das Sofa bleibt hier! Punkt aus, Ende!“ Und wie bereits erwähnt, habe ich eine Vorliebe und Schwäche für dominante Frauen – also behielt ich es ohne Widerworte. In dem Moment hat es mich sogar erregt. Solange es nicht persönlich wird, genieße ich das.
Doch hier kommt der Twist: Eine kurze Zeit später bekam ich in meiner Wohnung Kakerlaken und Bettwanzen. Das war der schlimmste Morgen, an dem ich aufwachte, langsam die Augen öffnete und dieses fette Ding in der kleinen Spalte im Küchenbereich zwischen Unterschrank und Arbeitsplatte sah. Ich habe ohnehin eine Phobie vor Spinnen, und dieses Ding sah einfach noch widerlicher aus. Ich wusste in dem Moment nicht, was das für ein Insekt ist und wie ich es wegbekomme, also entschied ich mich, es einzusaugen – keine gute Idee, wie sich später herausstellte, denn diese Viecher überleben so etwas in der Regel. Irgendwann fand ich im Schrank, wo der alte Staubsauger stand, eine tote Kakerlake, klebend an einer coolen Assassin’s-Creed-Sweatjacke. Die Jacke war noch verpackt, aber leicht geöffnet – offenbar war sie dort hineingekrabbelt. Ich konnte die Jacke danach natürlich nicht mehr anziehen. Insgesamt hatte ich nur drei Bettwanzen, aber über zwei Jahre hinweg immer wieder vereinzelt Kakerlaken in meiner Wohnung – insgesamt vermutlich etwa vierzehn. Es gab drei Kammerjäger-Termine, der dritte irgendwann nach langer Zeit mit jemand Neuem, der mich, glaube ich, ein wenig für paranoid hielt. Ich hatte aber auch Fotos gemacht usw. Und Fakt ist: Ein Mitbewohner erzählte mir später, dass bei der verstorbenen Frau wohl über 300 Kakerlaken waren. Ich war scheinbar der Einzige, der dort auf ihre Überredung hin etwas mitgenommen hatte – die restlichen Sachen gingen wohl alle in den Müll. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob sie das irgendwie wusste und geplant hatte.
Jedenfalls hat mich die ganze Sache ziemlich paranoid gemacht. Ich begann, Nächte über Nächte ständig in den Küchenbereich zu leuchten, bis wirklich irgendwann eine schwarze Kakerlake da war, die dann schnell mit ihrem besonderen Exoskelett in eine schmale Lücke verschwand, die eigentlich viel zu eng für sie war. Und irgendwann, ein Jahr später, sah ich auf dem Weg zum WC noch einmal eine fette Kakerlake im Küchenbereich, nicht weit vom Bett entfernt. Seitdem habe ich immer ein leichtes Unwohlsein.
Später stellte sich heraus, dass die Viecher auch in mehreren Wohnungen waren, und so musste ich einmal meiner Schwester zur Hilfe eilen, als in einem Kochtopf ein fettes Exemplar mit großem Eipaket war. Ich habe mich zum Glück rechtzeitig darum gekümmert.
Aber der Gedanke, dass meine Betreuerin wahrscheinlich wusste, dass die Wohnung der verstorbenen Frau befallen war, lässt mich bis heute nicht los. Und am Ende, als die Assistenz zu Ende ging, sagte und schrieb sie mir ein paar sehr verletzende Dinge. Ich kann bis jetzt schwer einordnen, ob das wirklich Boshaftigkeit war – also etwas Persönliches – oder ob sie mich einfach nur auf Distanz bringen wollte. Sie sagte unter anderem, dass das, was ich „Liebe“ nenne (wie auch ihre Kollegin es bezeichnet hatte), in meinem Fall nicht zutreffend sei. Ich müsse sie dafür sehr gut privat kennen, und das, was ich beschreibe,
könnte eher eine Bewunderung sein. Es sei aber nicht gesund, was ich empfinde. Die Hälfte davon lief nach dem Gespräch über Texte, und kurze Zeit später blockierte sie mich, nachdem ich geschrieben hatte, dass mich ihre Worte verletzt haben. Es tut immer noch weh, auch wenn es schon bestimmt fast 2 Jahre her ist. Aber ich kann nie los lassen wenn ich niemand neues gefunden habe.
Die schrecklichen Ereignisse aus der ersten WG waren mir egal in der Zeit, in der ich sie hatte, aber jetzt, wo sie weg ist, kommt alles wieder hoch – nonstop. Ich wünschte, ich hätte wieder jemanden wie sie. Jemanden, der mir Antrieb und Kraft gibt. Mein neuer Assistenzbetreuer, mit dem ich sehr zufrieden bin, sagte mir, dass es besser wäre, wenn ich ein gutes Stück weit selbst Kraft generiere, meine Ziele erreiche und selbstbewusster werde, worüber ich ja auch vor etwa zwei Tagen hier geschrieben habe. Ich weiß, dass er recht hat – dass ich erst einmal mich selbst stärken und Vertrauen in mich aufbauen muss – aber es ist so schwer. Momentan ist es selbst sehr schwer, mich um meine Wohnung zu kümmern, obwohl mir das sonst immer wichtig war.
Heute bin ich endlich mal wieder früh aufgestanden – aber auch nur, weil ich versucht habe, einen Termin beim Hausarzt zu bekommen. Morgen werde ich mit meinem Assistenzbetreuer spontan hingehen, dort erreicht man ja niemanden. Gegen 14 Uhr wollte ich eigentlich mal wieder die League in meinem MMO weitermachen, aber daraus wurde nichts. Um circa 14 Uhr klingelte es bei mir. Ich stand auf und ging zur Tür. Es waren zwei Mitarbeiter von der Hausverwaltung. Neben meinen Fenstern rechts wird ein Dach komplett neu gemacht, und es wurden sehr viele Zig. gefunden. Ich reagierte, meinem Eindruck nach, selbstbewusst auch wenn ich dem Blickkontakt größtenteils auswich. aber die werden früher oder später einen Schuldigen finden wollen. Einer meiner Ängste ist, dass ich, wenn ich verdächtigt werde, sehr nervös werde, zittere, stottere und blass im Gesicht werde – alles Symptome, die für einen Tatverdächtigen sprechen würden. Ich habe damals auch zwei extrem negative Erfahrungen machen müssen.
Ich habe danach lange gegrübelt, bin irgendwann eingeschlafen und hatte einen Albtraum, dass die Assistenz damit zu tun hätte, um mich loszuwerden, und bin dann aufgewacht. Als ich aufwachte, war es bereits dunkel. Es fand scheinbar eine Raucherparty statt oder was auch immer – über vier Stunden Lärm, Rauchen und Husten am Fenster, sehr viel Gelächter. Ich mache mir Gedanken, was wäre, wenn man es mir in die Schuhe schieben will? Ich habe eben mit meiner Schwester geschrieben – sie hat mich beruhigt, dass sie erst einmal Beweise finden müssten, dass meine Wohnung nicht wie eine Raucherbude aussieht und ich sowie meine Kleidung nicht nach Rauch stinken. Das hat mich beruhigt, ja – ich habe mir wieder zu viele Gedanken gemacht. Dieses viele Gelächter, dieses dauernde Gerede... Ich wollte immer verstehen, was gesagt wird, weil es mich so sehr an meine Zeit in der ersten WG erinnert – mit dem Mobbing und dem gezielten Kaputtmachen. Ich weiß einfach nicht, wie ich da abschalten kann, dass es mir wieder egal ist. Es raubt so viele Nerven und Energie. Und ich weiß, dass das absolut nicht gesund ist. Ich denke, es ist eine Mischung aus Paranoia und PTBS, verursacht durch das, was ich durchmachen musste.