@Tigerlilie Ich arbeite täglich an mir, seitdem ich mein Trauma berührt und die Gefühle, die mich dahin geführt haben, zugelassen habe. Ich habe dadurch das Gefühl, mehr in meinem Körper angekommen zu sein. Ich sehe mich nicht mehr ständig von außen. Das klingt vielleicht komisch, aber für mich war das sehr wichtig.
Manchmal erzähle ich meiner Partnerin davon oder frage auch meine KI, ob es Zusammenhänge oder Erklärungen für bestimmte Dinge gibt. Ich reflektiere sehr viel. Warum nehme ich Kritik so persönlich? Warum wollte ich immer jemand sein, der ich eigentlich gar nicht bin? Warum musste ich immer stark wirken? Ich glaube, ich entwickle mich heute überhaupt erst richtig, weil mir vieles davon nie beigebracht wurde.
Auch das Weinen ist für mich inzwischen wichtig geworden. Es kommt manchmal einfach schubweise. Eine Melodie und plötzlich muss ich weinen. Und ich merke dann oft, dass diese Tränen gar nicht von heute sind. Da kommt etwas von früher hoch, was damals keinen Raum hatte. Traurigkeit, Schmerz, Verlust oder einfach Gefühle, die nie zugelassen werden durften.
Mein inneres Kind möchte quasi kommunizieren. Und ich muss nicht mehr stark sein wie ein Tiger. Man darf auch schwach sein. Man darf weinen und Gefühle haben. Das hat nichts mit dem eigenen Wert zu tun. Wir sind nur einmal auf dieser Welt und so wie wir lernen können, mit unseren Verletzungen zu leben, können wir auch lernen, glücklich zu sein.
Ich war immer jemand, der sich extrem angepasst hat. Ich wollte die Gefühle von anderen spüren, nicht auffallen, immer cool sein und ein toller Junge sein. Ich wollte dazugehören. Gleichzeitig habe ich mich eigentlich nie wirklich irgendwo zugehörig gefühlt. Tief drin war immer dieser Gedanke: Ich bin nicht gut genug, ich bin es nicht wert.
Auch in meiner Sexualität hat sich diese Anpassung gezeigt. Ich habe irgendwann Demütigung, Erniedrigung und Bloßstellung gesucht und es wurde immer heftiger. Auch weibliche Kleidung und Rollen waren dabei. Heute verstehe ich immer mehr, dass ich dabei wahrscheinlich versucht habe, etwas auszuleben, was mit meiner fehlenden Selbstwahrnehmung und meiner Kindheit zusammenhing. Ich musste immer eine Rolle spielen, weil ich selbst gar nicht wusste, wer ich eigentlich bin.
Ich habe meine Kindheit lange als nicht schlimm angesehen, weil ich nicht geschlagen oder missbraucht wurde. Aber emotionale Vernachlässigung kann genauso tief gehen. Wenn ein Kind schon als Säugling schreien gelassen wird, bis es irgendwann aufgibt, dann hinterlässt das etwas. Und solche Erfahrungen können später sehr viel beeinflussen.
Ich kann heute schon besser mit Kritik umgehen, auch wenn es mir noch schwerfällt, sie nicht persönlich zu nehmen. Heilung ist für mich kein Ausschalter, den man einfach findet, wenn man das Trauma erkannt hat. Es ist ein Weg und wahrscheinlich ein langer. Aber ich freue mich über jede Veränderung und über jeden Zusammenhang, den ich erkenne.
Ich freue mich auch darüber, mein inneres Kind selbst spüren und mich quasi selbst tragen zu können. Ich muss keinen Mutterersatz finden und ich muss meine Kindheit auch nicht neu schreiben. Ich kann heute für mich da sein.
Zurzeit mache ich keine Therapie, auch aus zeitlichen Gründen. Ich würde aber gerne wieder eine machen und wäre dafür bereit. Ich war früher schon lange in Therapie, habe mich damals aber extrem für meine Fantasien geschämt und dachte, mit mir stimmt etwas nicht.
Davon möchte ich heute weg. Ich darf auch sagen, dass meine Eltern Verantwortung dafür tragen, wie meine Kindheit war. Das Kind kann dafür nichts. Trotzdem übernimmt ein Kind oft die Schuld selbst.
Ich merke auch bei meinen Geschwistern, dass jeder mit solchen Erfahrungen anders umgeht. Wir haben vieles gemeinsam erlebt, aber jeder hat seinen eigenen Weg gefunden.
Für mich ist inzwischen wichtig: Ich muss kein starkes Tier sein. Wenn ich mir selbst treu bin, bin ich stark genug. Jeder Mensch ist wertvoll. Wir dürfen traurig sein, verletzt sein und weinen. Gefühle dürfen da sein und sie dürfen Raum bekommen.
Vielleicht suchen wir manchmal einfach den Trost, der uns früher gefehlt hat. Und heute kann ich anfangen, mir diesen Trost selbst zu geben.
So arbeite ich gerade an mir. Es ist nicht immer leicht, aber ich merke, dass sich etwas verändert. Und darüber freue ich mich.