Ja, ich denke, ich glaube zu wissen, was du meinst, und ich bin halt in dem Bereich anders fokussiert.
Ich hab mich halt damit abgefunden, dass es Fehler gibt und dass es mal schief laufen kann im Leben. Man kann alles verlieren. Man kann seinen Partner verlieren, man kann seinen Arbeitsplatz verlieren. Es ist alles drin, und es wird im Leben nie leicht sein. Leichtigkeit, leicht für sich durchs Leben gehen – das müssen wir doch alle lernen. Das können wir auch, wenn wir es uns erlauben, aber ich denke, dass man, wenn man realistisch ins Leben hineingeht, sich etwas zurückholen kann, wo man sich selber trägt.
Man sagt: Hey, du bist immer noch ein wichtiger Mensch. Es ist ja auch so, dass du daraus lernen kannst. Es ist nicht immer schön, aber manchmal kann man auch aus seinen Fehlern lernen, anstatt davon auszugehen, man ist perfekt oder gut in seinem Beruf und es kann immer irgendwas kommen.
Also ich lebe quasi in diesen Tagen auch mit dem Gedanken, dass ich dafür irgendwann nicht mehr arbeiten werde. Ich hab so oft meinen Job schon gewechselt im Leben. Das ist mir klar, fällt mir schwer, der Neuanfang und irgendwas wieder von vorne. Krankheitsbedingte Sachen können immer kommen. Ich bin glücklich damit, dass ich gerade gesund bin, aber ich sehe an meiner Pflegemutter zum Beispiel, dass sie die Hüfte operiert bekommen musste und jetzt nicht mehr so gut funktioniert wie vorher. Und ich sehe, dass mein Vater gestorben ist, mein Pflegevater gestorben und an Krebs gestorben ist. Ich denke, dass das dazugehört.
Und ich muss sagen, wo ich meinen Pflegevater verloren habe, hat es mir unheimlich wehgetan, weil ich endlich einen Menschen hatte, zu dem ich aufsehen durfte. Was mir aber dabei gut tut, ist, dass es mir heute noch unheimlich wehtut. Aber der Gedanke daran: Er war mir so wichtig. Er war so wertvoll für mich, dass ich heute immer noch an ihn denken darf und traurig darüber bin, dass dieser Mensch nicht mehr ist.
Also ich denke, man kann das aus mehreren Perspektiven sehen. Wir können nicht alle gesund bleiben und irgendwann müssen wir uns alle verabschieden. Aber solange wir leben, haben wir immer etwas in unserer Tasche. Und es gibt so Sachen, die möchte ich nicht wissen. Ich kann auch nicht so positiv übers Leben berichten. Klar gibt es schlechte Sachen und Sachen, die ich gar nicht für mich ertrage.
Ich bin unheimlich schnell überfordert, wenn ich irgendwo viel Arbeit sehe. Ja, ich denke: Oh Gott, das schaff ich nie. Jeder andere läuft da lang und sagt: Ja, ich mach das. Und ich sitze da und denke mir: Um Gottes willen. Ich muss mich immer überwinden. Jedes Mal, wenn ich dann am Arbeiten bin, funktioniert es irgendwie und dann ist es auch okay. Aber solange ich das noch nicht getan habe, ist es unheimlich schwer für mich.
Also das sind Sachen. Ich muss ja auch meine Fehler akzeptieren können. Ich muss ja auch meine Ängste akzeptieren, weil sie gehören ja zu mir. Angst gehört genauso dazu wie Freude. Trauer gehört genauso dazu wie Wut. Wut ist ein wichtiges Element und Luft zu lassen.
Das sind alles Sachen, die möchte ich integrieren und nicht von mir weghalten. Aber diese Urangst, die ich meine, das ist nicht das Leben selbst, sondern die Angst zu versagen, die Angst, ich bin nicht wertvoll.
Ich hab mich 38 Jahre lang wertlos gefühlt, weil ich die ersten sieben Lebensjahre im Kinderheim war, neun Jahre keine Liebe bekommen und nicht gesehen wurde. Also sprich: Es hat nicht immer was Positives. Man kann ja nicht von Heilung sprechen und sagen: Naja, jetzt läuft mein Leben.
Ich arbeite nebenbei, muss auch gucken, dass mein Sohn nicht zu kurz kommt oder meine Frau. Das sind alles Sachen, da kommt immer alles aufeinander. Und ich verstehe total, wenn man auch mal Monate oder Jahre hat, wo man merkt, man kann nicht mehr, man hat Angst oder man fühlt sich überfordert.
Ich fühl mich so oft überfordert in meinem Leben. Und jetzt sehe ich aber endlich im Körper nicht mehr davon aus. Das macht für mich einen ganz großen Unterschied, weil ich jetzt wirken kann.
Ich kann jetzt quasi sagen: Im Moment, mein Kleiner, wir sind hier. Nicht mehr im Damaligen. Wir sind im Heute. Ich bin heute erwachsen.