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Da ich für mein komplettes Posting wohl länger als 2 Tage brauche, hier eine kurze Message, um nicht gelöscht zu werden...

Bis später mal

26.09.2011 14:23 • 27.09.2011 #1


4 Antworten ↓




Ich hol schon mal die Papyrosrolle

26.09.2011 17:42 • #2



Angst- und Verhaltensstörung durch schwere Kindheit

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Hallo zusammen,

ich bin 42 Jahre alt, lebe in Berlin, verheiratet und 2 Töchter. Ich leide seit nunmehr fast 3 Jahrzehnten unter einer starken Angst- und Verhaltensstörung.
Zur Vorgeschichte: Ich war ein sogenannter Nachkömmling, meine jüngste Schwester ist 10 Jahre älter als ich.
Von meinem Vater ungeliebt, ignoriert, weichgeprügelt und gemaßregelt, von meiner Mutter nicht wahrgenommen, wuchs ich in einer brandenburgischen Kleinstadt voller hasserfüllter Menschen auf.... zumindest bis ich 13 war.....

Meine Mutter starb infolge starkem Alk. als ich 11 war. Ehrlich gesagt ist es mir nicht aufgefallen dass auf einmal eine Person weniger da war.
Mein Vater ist mit mir nie richtig klargekommen, oder soll ich besser sagen ich nicht mit ihm?
Es hat ihm wahrscheinlich immer große Freude bereitet mich zu verprügeln oder wegzustoßen, ich weiss es nicht.
Jedenfalls ging es auch in der Schule bei mir immer mehr bergab. Ich schwänzte den Unterschied, büchste von zuhause für mehrere Tage aus (ja..... warum wohl?) und überhaupt war ich laut Lehrer und der damaligen Jugendhilfe ein recht schwieriger Fall und es kam nur noch die Heimeinweisung in Frage, um mich vielleicht wieder hinzubiegen.
Gesagt getan..... ich wurde von der Schule abgeholt und zur Jugendhilfe gebracht. Dort eröffnete man mir dass ich am nächsten Tag ins Kinderheim nach Geltow (ist so ein kleines Dorf nahe Potsdam) müsse. Mein Vater saß dort auch am Tisch und schaute mich mit ernstem Blick an.

Er brachte mich am nächsten Tag persönlich ins Kinderheim. Naja, ich dachte, alles ist besser als bei dem.......muss ja.....

Zu dem Zeitpunkt merkte ich schon dass etwas mit mir nicht stimmte.
Ich bekam in vielen Situationen - besonders wenn ich mich vor anderen verantworten musste - Angstgefühle und Panik.
Dort in der Schule lief es im Grunde nicht anders als zuhause. Ich war kein guter Schüler obwohl viele sagten ich hätte das Potential zum Gymniasasten. Der hat einfach nur keine Lust hiess es. Ja nee, is klar....
Ich schwänzte, büchste auch von dort aus - ich hatte einfach nur Angst und lief vor allem weg.

Und wieder wurde ich zurechtgestampft, gemaßregelt, geohrfeigt und bestraft (Ja, es war wie zuhause!)
Zum Schuljahresende kam dann die Quittung, 8. Klasse nicht geschafft. Kreisschulrat hat beschlossen dass ich die Schule nicht weitermachen werde.

Da ich auch mittlerweile 14 war, beschloss man, mich zur endgültigen Züchtigung in einen Jugendwerkhof zu stecken. (Wer nicht weiss was ein Jugendwerkhof war bitte mal wikipedia befragen)
Was ich in diesem JWH erlebte, war das schlimmste Märtyrium meines Lebens. Es herrschte Selbsterziehung untereinander, Neuankömmlinge wurden gepeinigt, gedemütigt und dransaliert. Erzieher sahen weg und schlugen selbst zu.

Schon am ersten Tag bekam ich aufs Maul gehauen, ich musste nachts wenn die Erzieher weg waren üble Sportübungen machen und allgemein für andere die Drecksarbeit erledigen. Ich war wehrlos gegen eine Gruppe fast 18jähriger, die ihren Spass daran hatten andere zu demütigen.
Ich glaube das hat mir damals den Rest gegeben.

Ich kämpfe seit weit über 20 Jahren mit Angst, Furcht, Deckung, Wegrennen.

Ich habe viele Jahre alles verdrängt, wusste nicht woher die Ängste kamen und leugnete sogar, dass es Erkrankungen dieser Art überhaupt gibt.
Ich bin fast mein ganzes Leben mit ner Maske rumgelaufen. Ich habe mich nie an jemanden gewandt um darüber zu reden, geschweige denn habe ich den Weg in eine Therapie gesucht.

In allen Jobs die ich bisher hatte, habe ich auf Teufel komm raus versucht, perfekt zu sein und vor allem besser als andere. Ich bin bereits mehrmals zusammengebrochen weil ich den Druck, den ich mir selbst gab, nicht mehr ertragen konnte.

Mittlerweile weiss ich, dass es reine Versagensängste waren, die mich zur Höchstleistung getrieben haben.
Die Angst, gesagt zu bekommen, du machst deinen Job nur mittelmässig, war immer da.

Im Oktober 2009 bekam ich mittelstarke Rückenschmerzen, ich ging also zum Arzt und wurde krankgeschrieben.
Es folgten Untersuchungen, Kernspin usw.
Ergebnis: Uralter Deckplatteneinbruch. Kann also normalerweise garnicht wehtun.
Die Krankenkasse schickte mich in ein Rehazentrum in Berlin, wo ich dann jeden Tag für 4 Stunden hindurfte und Sport machen musste.
Ich wusste sofort, hier bist du falsch!
Es gab dort auch Psychologen, nur haben die nicht mitbekommen was wirklich mit mir ist.
Es war meinerseits zu der Zeit aus purer Angst schon keine Kontaktaufnahme mit meinem damaligen Arbeitgeber möglich.
Ich hatte Panik, gesagt zu bekommen, du bist ein Versager!
Ich sollte dann Hamburger Modell machen, da bekam ich noch mehr Panik und schickte den Antrag garnicht ab und lügte alle betreffenden Personen an. Aus reinem Selbstschutz.
Als ich vom Rehazentrum keine weitere Krankschrift bekam, wackelte ich zu meinem Hausarzt, erzählte Märchen und er schrieb mich weiter krank.
Die Krankenkasse schickte mich daraufhin zum MDK, was noch mehr Angst in mir ersteigen ließ.
Das MDK konnte rückenmässig nix feststellen und teilte das der Krankenkasse mit, ich bekam nen Brief ich solle wieder arbeiten gehen.
Ja, wie denn mit meiner Angst?
Widerspruch geschrieben, natürlich war er voller Wut..... (die hat mir mein alter ja voller Leidenschaft mitgegeben)
Erneut zum MDK.....
Diesmal kam ich zu einem Arzt, der sofort gesehen hat was für Angst in mir steckt.
Er riet mir, eine Psychotherapie zu beginnen und teilte der Krankenkasse mit, dass ich nicht arbeitsfähig sei.

Hmm? Psychotherapie? Angsterkrankung? Hää? Gibts nicht! Ich bin doch bloss ein Weichei! Hat mir mein alter doch schon eingebläut! Und alle anderen auch!
Ich wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte.
Ich wusste ja nichtmal, was ich einem Therapeuten erzählen soll warum es mir so schlecht geht.
Ich suchte also keinen Therapeuten auf, liess mich weiter krankschreiben und erstickte weiter in meinen Ängsten.
Irgendwann kam ein Schreiben von der Krankenkasse mit Reha-Antrag zum Ausfüllen.
Ich tat dies und schickte ihn zurück.
Kurz danach kam eine Einladung in eine Rückenklinik irgendwo in Bayern.
Ich - wieder Panik - in der Klinik angerufen und gesagt dass ich nicht komme - ich habe keine Rückenerkrankung sondern eine Angsterkrankung.
Mit der Krankenkasse gab es dann auch ein hin und her, ich musste einen Widerspruch schreiben für den Reha-Bescheid usw.
Die Krankenkasse wusste überhaupt nicht was sie mit mir nun anstellen soll. Der will ja nicht.... (kenn ich doch von irgendwoher?)
Jeder weitere Anruf oder Brief von der Krankenkasse löste Panik in mir aus, sie könnten mich ja abholen und in die Rückenklinik bringen......haben ja schonmal welche gemacht!

Übrigens.... die Rückenschmerzen von Okt. 2009 waren lediglich eine Begleiterscheinung meiner psychischen Erkrankung..... der Körper hat gesagt mit dir stimmt was nicht, und wenn du das nicht von selbst merkst muss ich dir auf die Sprünge helfen.

Ich verschwieg alles vor meiner Frau. Für sie war ich weiterhin der rückenleidende.....
Briefe die damit zu tun hatten versteckte ich.
Ich habe einfach alles verdrängt, wie immer. Nur ging es mir dabei nicht besser, im Gegenteil. Der Druck wuchs und wuchs und ich hatte nix zum Kompensieren und fühlte mich unverstanden.

Irgendwann hatte die Krankenkasse die Nase voll und beschloss, die Krankengeldzahlung einzustellen und teilte mir dies mit.
Ich musste mich beim Arbeitsamt arbeitslos melden.
Bei der Antragstellung gab ich an, nicht vermittelbar zu sein, der Antrag wurde somit abgelehnt.
Wieder verschwieg ich meiner Frau die Wahrheit und versteckte die Ablehnung.
Nur aus Angst nicht als Versager dazustehn.
Diese Versagermentalität wurde mir ja als Kind / Jugendlicher stets eingeredet.
Ich musste immer nur, durfte nie wollen.

Meine Frau fragte mich ständig, wo denn der Bescheid vom ALG1 bliebe, ich solle doch mal beim Arbeitsamt anrufen. Ich sagte immer nur jaja......
Mittlerweile weiss ich, dass sie die Ablehnung längst gefunden hatte und davon wusste. Nur hatte sie keine Ahnung, warum ich mich als nicht vermittelbar einstufen ließ. Hmm, ich ja eigentlich auch nicht!
Ich wusste nur, dass ich am Ende war und nicht mehr konnte, warum und weswegen so ein Zustand bei mir eintrat, ich hatte keine Ahnung.
Ich wusste nur dass dies bei mir bisher ein lebenslanger Dauerzustand war.

In den letzten Wochen und Monaten suchte und forschte ich in Foren, in meinem Hirn, und letztendlich beim Jugendamt der Stadt, in der ich als Kind zuhause war.
Und tatsächlich gab es noch Akten aus den 80er Jahren dort im Archiv.

Ich fuhr dorthin, nahm Akteneinsicht und markierte, welche Sachen ich kopiert haben möchte.
Die kopierten Akten liegen mittlerweile hier, umso öfter ich dort reinschaue desto grausamer ist die Vorstellung, was damals wirklich mit mir passiert ist.

Ich litt seit frühester Kindheit unter meinem tyrannischen Alten, der mich, als er mit mir fertig war, abschob. Ich war als Kind stets ausgeliefert. Entweder meinem Vater, militärischem Drill im JWH oder den stärkeren Mitinsassen.

Letzte Woche war ich das erste Mal bei einer Therapeutin, ihre Worte nach dem Gespräch waren: Sie müssen dringend behandelt werden, aber es werden Narben bleiben

Ich bin nun bereit, mir helfen zu lassen, da mein Leben nicht mehr lebenswert ist, voller Angst und Furcht durch die Weltgeschichte zu laufen.

Nach 11 Jahren Ehe habe ich es nun geschafft, meiner Frau reinen Wein einzuschenken und ihr erzählt, was ich damals erlebt habe und warum ich zu vielen Sachen garnicht in der Lage sein kann.

Nunja, es ist fast ein Buch geworden....

Danke an alle die das lesen

26.09.2011 23:07 • #3


Hallo Jagul,

oh Mensch, da hast Du aber wirklich einiges hinter Dir.
Beim Lesen Deiner Zeilen war so gut diese Wut, Hoffnungslosigkeit, Verletztheit zu spüren.

Bei dem was hinter Dir liegt ist es doch wirklich so verständlich, daß der Körper, der Geist, die Seele zusammenbricht, deshalb möchte ich auch gar nicht so sehr ins Detail gehen sondern Dir nur aufrichtig und von ganzen Herzen alles, alles Gute für Deine Zukunft wünschen, denn die hast ja Du in der Hand.
Jemand der so eine Vergangenheit hat, der muss ja innerlich auch sehr stark sein. Und das wird für Deinen weiteren Weg nützlich sein, denn diese Verantworung für alles was jetzt gut wird, die liegt bei Dir und das ist dann doch gut zu wissen. Weil ich denke, daß Du mit der richtigen Hilfe, friedvoll und liebevoll mit Dir umgehen kannst, und dann auch nichtt mehr mit Angst und Furcht durch die Weltgeschiche laufen musst.
Das wünsche ich Dir!

LG
Angela

27.09.2011 11:08 • #4


Danke für deine Worte.

Ja und so ist es auch, ich habe nie gewusst warum ich immer eingeknickt bin.
Die Zusammenhänge waren mir nie bewusst.
Jetzt weiss ich woher das kam und ich kann dagegen versuchen anzukämpfen.

Gefühle wie Trauer, Mitgefühl, dergleichen habe ich nie mitbekommen.

Beispiele an denen ich das heute festmachen kann gibt es genügend. Ich bin manchmal selbst erschrocken, wie mich Ereignisse eben nicht berühren
Gespräche geben mir die Kraft, dies alles wiederzufinden, mich wiederzufinden.
Ich muss es nur wollen.
Es ist niemand mehr da, der mich verfolgt, schlägt, misshandelt und demütigt.

Gruss jagul

27.09.2011 15:07 • #5




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