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201719.05




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Norddeutschland
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Ich hoffe, ich bin im richtigen Unterforum mit diesem Thema und der Betreff ist nicht zu unverständlich.

Ich frage mich schon eine Weile, ob die wissenschaftlichen Artikel, die ab und zu zum Thema Epigenetik veröffentlicht werden, auf meine Probleme u.a. im sozialen Kontakt anwendbar sind.

Zuletzt las ich von einer Untersuchung an Kindern, die aus großer Verwahrlosung in Pflegefamilien vermittelt wurden und die auch Jahre später noch große Schwierigkeiten hatten, soziale Bindungen einzugehen. Vermutet wird, dass ein Gen, das für die Stressverarbeitung zuständig ist, durch Traumata beeinflusst wurde.

Es ist erklärlich, dass ich soziale Ängste habe, da ist einiges in meiner Kindheit schiefgelaufen (Gewalt, Vernachlässigung etc.). Es ging mir miserabel und damit musste ich auch noch ganz allein klarkommen, denn ich war der unsichtbare Außenseiter, still, habe über meine Ängste und (wie ich heute weiß) Depression als Kind nicht gesprochen. Ich wäre auch nicht verstanden worden, meine Eltern waren sehr einfach gestrickt. Sie meinten, mit Schlägen erzieht man ein Kind. Positive Rückmeldung oder Fürsorglichkeit gab es nicht. Sie trichterten mir Angst vor anderen Menschen ein und verboten mir Umgang mit Mitschülern usw. Sie machten mich zu einem sozialen Krüppel.

Das allein wäre eigentlich schon Erklärung genug. Aber mich beschäftigt noch was:
Einige Forscher gehen davon aus, dass die o.g. Veränderungen an den Genen auch vererbbar sind. Ich kann mir das gut vorstellen, auch ohne Genetikerin zu sein. Allein wenn ich meine Familie anschaue. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich aus so einer Familie stamme, die seit Generationen Traumata weitergibt. Und zwar nicht nur durch ihr Verhalten, sondern möglicherweise auch genetisch.

Es wäre eine Erklärung für meinen Gesundheitszustand, da ich mehrere angeborene Störungen habe. Gleich mehrfach betroffen ist das Hormon- und Immunsystem. Daraus resultiert auch eine gewisse Stressintoleranz. Ich habe mich schon oft gefragt, was ich für eine Fehlkonstruktion bin (es kommen noch zahlreiche weitere Gesundheitsstörungen hinzu: angeborener Herzfehler, vorzeitiger Gelenkverschleiß usw.). Warum sich bei mir chronische Erkrankungen in solchem Ausmaß häufen und ich mein ganzes Leben krank bin, während andere gesund sind oder maximal ein oder zwei chronische Erkrankungen bekommen.

Ich weiß, dass beide Elternteile eine lieblose Kindheit hatten und dass die Generation davor (Kriegsgeneration) Mehrfach-Traumata erlebt hat. Ich weiß von einigen scheußlichen Dingen, die meine Großmutter erlebt, bzw. überlebt hat. Und da gab es nie so was wie psychologische Aufarbeitung oder Stütze. Sie musste das ganz allein verpacken und quasi verdrängen. In dem Zusammenhang ist mir auch schon der Begriff Kriegsenkel begegnet.

Die Wissenschaft geht offenbar zunehmend davon aus, dass Traumata und daraus resultierende psychische Probleme nicht nur durch die Verhaltensebene auf nachfolgende Generationen übertragen werden, sondern auch auf der genetischen/epigenetischen Ebene. Und das wirkt sich nicht nur psychisch aus, sondern auf die körperliche Konstitution der Nachfahren ebenfalls.
Bisher ging man davon aus, dass in Kriegszeiten die Mangelversorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen Schäden am Erbgut verursachte und dadurch eine schlechte körperliche Konstitution quasi vererbt wurde, auch an nachfolgende Generationen, die in guter Versorgungslage gezeugt wurden. Dass die Ernährung eine wichtige Rolle in der Epigenetik spielt, ist schon bewiesen. Gegenstand der Forschung sind nun auch Hormone, bzw. die Gene, die der Stressverarbeitung dienen.

Vielleicht sind hier ja noch andere, die sich darüber Gedanken machen? Was denkt ihr, wie lässt sich vor dem Hintergrund solcher Überlegungen mit der sozialen Isolation umgehen?

Ich schrieb ja schon an anderer Stelle, dass ich mich bereits sehr weiterentwickelt habe, was meine Fähigkeiten angeht, auf Menschen zuzugehen. Aber ich schaffe es nicht, Freunde zu finden. Es reicht nur für oberflächliche, unverbindliche Kontakte, Small Talk, kurzdauernde Freizeitkontakte. Ich glaub nicht, dass es nur daran liegt, dass es mit zunehmendem Alter tatsächlich schwieriger wird, Freunde zu finden. Das ist sicher ein Punkt. Aber ich merke, dass ich da ein Unvermögen habe. Ich weiß nicht genau, wie ich es erklären könnte. Ich merke nur das Ergebnis.

Eine Therapie habe ich übrigens schon gemacht. Hat mich an dem Punkt aber leider nicht weitergebracht. Da hieß es immer nur, ich würde schon alles richtig machen und die Schwierigkeiten seien durch äußere Umstände bedingt. Also jedes Mal die falschen Leute getroffen u.ä. Ich weiß nicht...

Auf das Thema antworten




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  19.05.2017 12:58  
Ich frage mich, ob ich es noch lernen kann? Ich wäre gern sozial eingebunden.



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  19.05.2017 15:55  
Invisibilia hat geschrieben:
Zuletzt las ich von einer Untersuchung an Kindern, die aus großer Verwahrlosung in Pflegefamilien vermittelt wurden und die auch Jahre später noch große Schwierigkeiten hatten, soziale Bindungen einzugehen. Vermutet wird, dass ein Gen, das für die Stressverarbeitung zuständig ist, durch Traumata beeinflusst wurde.

Es ist erklärlich, dass ich soziale Ängste habe, da ist einiges in meiner Kindheit schiefgelaufen (Gewalt, Vernachlässigung etc.). Es ging mir miserabel und damit musste ich auch noch ganz allein klarkommen, denn ich war der unsichtbare Außenseiter, still, habe über meine Ängste und (wie ich heute weiß) Depression als Kind nicht gesprochen.

Das könnte ich geschrieben haben - bei mir war es genauso, mit den entsprechenden Folgen.

Invisibilia hat geschrieben:
Ich frage mich, ob ich es noch lernen kann? Ich wäre gern sozial eingebunden.

Ich habe es leider nicht mehr gelernt. Ich habe erst recht spät mit Psychotherapien begonnen. Aber wenn es sich derart „einbrennen“ kann, frage ich mich, ob man da nach der Kindheit generell noch etwas ausmerzen kann mittels Therapie...





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  19.05.2017 16:19  
juwi hat geschrieben:
Aber wenn es sich derart „einbrennen“ kann, frage ich mich, ob man da nach der Kindheit generell noch etwas ausmerzen kann mittels Therapie...


Ich frage mich das auch. Wie viel von dieser "Programmierung" kann man noch ablegen im Laufe des Lebens, möglicherweise auch mit Therapie?

Es sind ja psychische Konditionierungen, denke ich. Es ist noch was anderes, dass Menschen, die als Kind traumatisiert wurden und unter großen Stress aufwuchsen, im Erwachsenenalter vermehrt körperliche Erkrankungen bekommen. Da kann man vermutlich nicht mehr so viel tun, außer mittels Entspannung, Ernährung, gesunder Lebensführung mildernd einwirken. Und die Erkrankungen natürlich medizinisch gut behandeln.

Aber bei psychischen Defiziten muss doch mehr zu machen sein? Kann man es nicht einfach tun und dadurch lernen, dass es funktioniert? Warum ist das so schwer? :(



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  19.05.2017 16:29  
Invisibilia hat geschrieben:
Kann man es nicht einfach tun und dadurch lernen, dass es funktioniert?

Das war der Ansatz meines Ex-Therapeuten. Er hat nicht verstanden, dass eben dieses "einfach tun" bei mir nicht geht, die Blockade ist zu groß. Wenn ich doch mal mutig war und es probiert habe, stieß ich nicht selten auf Ablehnung. Es funktioniert also eben nicht immer, das ist ja mit das Blöde. Jede schlechte Erfahrung macht den Graben noch tiefer.
Ich habe mich mit dem Alleinsein im Sinne von Partnerlosigkeit längst abgefunden (bin jetzt auch schon in einem Alter, wo es auch für Nicht-Bindungsgestörte fast unmöglich ist, noch jemanden zu finden), aber was ich schon noch schaffen will, ist, wieder Freunde zu gewinnen (ich hatte mal welche, es besteht also Hoffnung).



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  19.05.2017 18:11  
Ich bin auch bindungsunfähig (leide aber nicht darunter) und habe eine soziale Phobie und eine ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung. Ich habe aber keine schlimme oder verwahrloste Kindheit gehabt. Und meine Eltern, Großeltern und andere Verwandte, die den Krieg miterlebt und Schlimmes durchgemacht haben, waren trotzdem bindungsfähig und litten nicht unter sozialen Ängsten.



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  19.05.2017 19:32  
Es muss ja nicht jeder mit derart belasteter Kindheit bindungsunfähig werden, manche sind aufgrund irgendwelcher Veranlagungen robuster gegen Widrigkeiten als andere, nennt sich Resilienz. Das hat mir eine frühere Therapeutin mal erklärt. Und der Umkehrschluss gilt, denke ich, auch nicht, d.h. eine gute Kindheit bedeutet nicht automatisch, dass man später einmal problemlos Beziehungen eingehen kann.





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  19.05.2017 20:20  
juwi hat geschrieben:
Es muss ja nicht jeder mit derart belasteter Kindheit bindungsunfähig werden, manche sind aufgrund irgendwelcher Veranlagungen robuster gegen Widrigkeiten als andere, nennt sich Resilienz. Das hat mir eine frühere Therapeutin mal erklärt. Und der Umkehrschluss gilt, denke ich, auch nicht, d.h. eine gute Kindheit bedeutet nicht automatisch, dass man später einmal problemlos Beziehungen eingehen kann.



Das stimmt. Resilienzforschung ist auch grad ein aktuelles Thema. Und wahrscheinlich auch sehr umfangreich. Da spielt eine Menge mit rein, warum die einen etwas besser verarbeiten und schadloser daraus hervor gehen als andere. Ich habe auch schon gehört, dass bisherige Ergebnisse aus dieser Arbeit in die Behandlung derer mit einfließen, die nicht so viel Glück hatten. Ein fürsorgliches Umfeld konnte z.B. Traumata mildern, teilweise verhindern. In der Traumatherapie arbeitet man z.B. so, dass der Betroffene sich selbst als Kind vorstellt und den fürsorglichen Erwachsenenpart übernimmt. Ein bisschen was soll es wohl helfen, wenn man die Fürsorglichkeit, die man damals nicht erlebte, quasi nachholt, indem man sie "dem inneren Kind" selbst zukommen lässt.

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