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Liebe Angst!

Ich schreibe dir den Brief, weil ich schon lange Dinge loswerden will. Die Therapie schlägt immer öfter an, allerdings ist dir das wohl ziemlich egal. Du findest immer neue Wege, wie du in den Vordergrund treten magst und ich muss dir ehrlich sagen: Ich hasse dich. Ich hasse dich dafür, dass ich mein Leben bisher nie angstfrei genießen konnte. Ich hasse dich dafür, dass du permanent in meinem Leben Thema bist und ich kaum noch einen freien Gedanken habe. Ich hasse dich dafür, dass du mir einredest, dass ich todkrank bin. Ich hasse dich dafür, dass du einfach existierst. Aber ich schätze dich. Ich schätze dich sehr sogar. Ich bin auch dankbar, dass ich dich habe. Allerdings hätte ich dich manchmal einfach ein bisschen weniger. Es ist in Ordnung, wenn du mir sagst, dass ich dies und jenes eher nicht tun sollte, damit es mir weiterhin gut geht.

Ich habe dich lange genug ignoriert oder weggedrückt. Du hast es auf so viele Arten versucht und ich habe dich einfach immer mit Medikamenten unterdrückt. Zuerst war mir dauernd schwindelig und ich hatte panische Angst umzukippen. Gibt Medikamente dagegen - sie halfen auch gut. Bis du dir den Weg über den Magen und der Übelkeit gesucht hast. Plötzlich war da eine schlimme Angst mich übergeben zu müssen und ich hab jegliche sozialen Events, die mit Essen zu tun hatten immer mehr gemieden und irgendwann einfach nichts mehr gegessen. Du hast dich in eine Essstörung verwandelt. Tja leider gibt es auch dagegen Mittel und Wege. Die Therapie hat super geholfen und ich habe dich immer weiter in den Hintergrund rutschen lassen. Bis es dir gereicht hat und du mit voller Kraft von hinten in Form meiner ersten, richtigen Panikattacke kamst. Und dann war da die Angst vor der nächsten Panikattacke. Ging alles irgendwie vorbei. Die Zeit heilt ja angeblich alle Wunden. Doch du wolltest mehr - du wolltest richtige Aufmerksamkeit. Die hast du dir auch in Form von Zwangsgedanken richtig geholt. Du hast mich mit ihnen gefesselt, ich hab mich nicht mehr vor die Türe getraut. Und nun sitze ich hier. Mit weniger Zwangsgedanken dafür mit panischer Angst zu sterben. Panischer Angst vor Krankheiten, Krebs oder sonstigen Dingen. Ja du versteinerst mich wahrlich. So oft war ich schon beim Arzt weil ich "etwas hatte". Ich hatte allerdings nichts.
Immer mehr nimmst du mein Leben ein und ich sag dir eins: Ich akzeptiere, dass du da bist und ich akzeptiere auch, dass du Aufmerksamkeit willst, allerdings gibt es auch schöne Seiten des Lebens und ich würde auch diese gerne erleben und genießen können. Ich würde gerne meinen Frieden mit dir schließen und ein weitestgehend angstfreies Leben führen. Du darfst da sein. Du darfst dich auch zeigen. Aber nicht in dem Ausmaß wie jetzt. Ich will dich haben, du hast einen Sinn und einen Zweck allerdings richtest du so wie es gerade jetzt ist mehr Schaden an.
Also bitte ich Dich. Lass uns neu starten und einen gemeinsamen Weg finden, der uns beide glücklich macht. Ich hoffe heute in einem Monat kann ich dir nochmals einen Brief schreiben, der positive Aussichten liefert und einen neuen Weg für uns aufzeigt.

Falls du bis hierhin gelesen hast, danke für dein Interesse..

25.11.2018 17:21 • 17.08.2019 x 9 #1


1 Antworten ↓

Sehr schön geschrieben.

17.08.2019 19:00 • #2